Teil 19
Jack war müde. Sein Körper verlangte nach Schlaf, aber das kam jetzt natürlich nicht in Frage. Mit diesem Gedanken versuchte Jack immer wieder, sich wach zu halten.
"Dean? Wo sind wir hier?" Dean drehte den Kopf zu Jack und sah ihn aus leeren Augen an. "In New Mexico. Etwa 30 km von Roswell entfernt." Dean redete wirklich, als wäre er hypnotisiert. Ohne jeden Tonfall, ohne jegliche Mimik. Dieses ausdruckslose Gesicht jagte Jack immer wieder einen Schauder über den Rücken. In seinem Unterbewusstsein drängten sich so viele Fragen, aber er musste die wichtigsten herausfiltern. Wer weiß, wie lange Dean noch in diesem Zustand bleiben würde.
"Wie lange lieg ich schon hier?" Dean schien zu überlegen, denn er drehte zweimal den Kopf zur Seite, und Jack konnte sich diese Bewegungen nicht anders erklären. "Über eine Woche. Und du hast mindestens 2 Tage durchgeschlafen." Über eine Woche. In dieser Zeit müsste Sydney, schlau wie sie war, schon entdeckt haben, dass er verschwunden. Aber der einzige, der ihr helfen konnte, mehr zu erfahren, war der Mann, den Jack neben Dean im Moment am wenigsten in der Nähe seiner Tochter sehen wollte: Sloane. Aber dummerweise hatte Sloane die Angewohnheit, sich recht wenig um andere Menschen zu sorgen. Das war nicht gerade seine Stärke, außer wenn es auch für ihn wichtig war.
Jack brannte noch eine wichtige Frage auf der Zunge, doch es fiel ihm schwer, sie überhaupt auszusprechen. Die Angst vor der Antwort schnürten ihm die Kehle zu. Aber er musste es wissen, egal wie unangenehm die Antwort werden würde.
"Was ist mit Sydney? Was hast du ihr gesagt?" Jack konnte sich kaum noch beherrschen. Er packte Dean am Hals. "Spuck's aus, du Mistkerl." Plötzlich schien Deans Blick wieder klarer zu werden. Er versuchte, Jacks Hand von seinem Hals fernzuhalten, aber seine Kräfte waren noch nicht vollends zurückgekehrt. Trotz der erdrückenden Überlegenheit von Jack brachte Dean ein müdes, aber nicht weniger gemeines Schmunzeln zu Stande.
"Ach ja, deine Tochter. Eine wirklich schöne Stimme. Du hättest sie hören sollen. Ich glaub sie war ein wenig von den Socken. Ich habe lediglich angedeutet dass ich wissen könnte, wo du steckst."
Jack hätte Dean liebend gerne den hals herumgedreht, aber nach dem, was er als letztes gesagt hatte, hätte Jack ihn am liebsten mit bloßen Händen zerrissen. "Aber eins hat mich doch gewundert. Wenn ich mich recht erinnere hast du gesagt, wie mutig sie doch wäre. Aber ihr Stimme am Telefon...sie hat gezittert wie Espenlaub. Wie ein Schoßhündchen." Seine Stimme schallte vor Hohn nur so.
Das war zuviel. Jack hat Dean wütend an die Wand geknallt. Kaum war Dean auf dem harten, kalten Boden aufgeschlagen hatte Jack ihn schon wieder am Hals gepackt und ihn an die Steinwand gedrückt. Dean rang nach Luft, aber Jack machte keine Anstalten ihn loszulassen.
"Ich warne dich." Jacks Stimme zitterte vor Wut. "Ich warne dich nicht noch mal. Wenn ich noch einmal höre, dass du meine Tochter beleidigst, dann, dass schwöre ich bei allem was mir heilig ist, werden das deine letzten Worte gewesen sein. Und glaub ja nicht, ich würde es nicht Ernst meinen."
Deans Körper zitterte. Bisher hatte Jack aufgrund seines Verstandes immer an einem bestimmten Punkt eingehalten. Wenn es zu seinem Vorteil war. Aber jetzt schien es ihm wirklich ernst zu sein. Die gestaute Wut in seiner Stimme war furchteinflößender als alles andere. Jack hatte seinen Griff noch immer nicht gelockert. Deans Atemzüge wurden immer schwächer, immer hilfloser.
Jack hatte eigentlich vorgehabt, dem widerlichen Schwein die Luft abzudrücken, aber als er für zwei Sekunden die Augen schloss, tauchte dass Bild seiner Tochter vor ihm auf. Der Anblick ihres Gesichtes schien ihn wieder zur Besinnung zu bringen. Er lockerte den Griff um Deans Hals etwas und ließ ihn schließlich los. Dean fiel zu Boden, seine Körper krampfte sich kurz zusammen und entspannte sich dann langsam. Er war ohnmächtig, vielleicht sogar tot. Doch das kümmerte Jack nicht. Er starrte zur offenen Tür. Sollte er versuchen, zu fliehen?
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Sydney schloss leise die Tür hinter sich. Seit diesem klärenden Gespräch mit Sloane kreisten ihre Gedanken um nichts anderes mehr. <dad,> Die Unwissenheit war quälender als alles andere. Sie lehnte sich an die Wand, total erschöpf. Ihre Trauer drohte wieder, sie zu übermannen. Sie spürte warme Tränen auf ihrem Gesicht. Aber es waren keine Tränen der Resignation. Aufgeben kam nicht in Frage.
Sydney ging ins Wohnzimmer und öffnete einen alten Schrank, um eine Flasche Wein herauszuholen. Ein wenig Alkohol würde schon nichts schaden. Außerdem konnte sie im Moment eine Abwechslung ganz gut gebrauchen. Sie griff nach einem Bordeaux 1976. Zwar ein wenig stärker als der andere, aber dafür umso besser. Als sie die Flasche vorsichtig aus dem hohen Schrank herausholte, rutschte ein kleines Foto heraus und segelte langsam auf den Boden und blieb mit der Bildseite nach unten liegen.
Sydney hatte nie geahnt, dass dort oben noch ein Foto liegen würde. Diesen Schrank hatte sie jahrelang nicht mehr geöffnet. Sie griff langsam nach der Fotografie und sah ich das Bild an.
Sydney erstarrte. Ihr war, als hätte man einen Dolch in ihr Herz gebohrt. Es tat so unheimlich weh, diese Idylle mit anzusehen. Das Bild zeigte Sydney vor langer Zeit. Sie war noch ein kleines Mädchen gewesen, vielleicht fünf Jahre alt. Und sie lachte, während sie sich herzlich an ihren Dad geklammert hatte. Die Beiden sahen auf dem Foto so glücklich aus. Bestimmt hatte Sydney es irgendwann versteckt, als sie sich von ihrem Vater abgekapselt hatte. Aber jetzt, in diesem Moment, zerriss dieses Bild ihr Herz in tausend Teile. Aber gleichzeitig verstärkte es nur ihren Wunsch, Jack endlich zu finden.
Aber jetzt brauchte sie etwas Ruhe. Sie griff nach der Flasche, beäugte sie zunächst misstrauisch und öffnete sie. Der Wein schmeckte süßlich und Sydney trank noch einen Schluck. Und noch einen und noch einen.</dad,>