9. Formular
Nadia saß an ihrem Schreibtisch und kritzelte auf ihrem Notizblock herum. Ihren Kopf hatte sie mit der linken Hand abgestützt. So in Gedanken vertieft nahm sie das Treiben in Irinas Organisation gar nicht richtig wahr.
Sie hörte ihre Kollegen miteinander reden, einige lachen, ohne wirklich hinzuhören worüber geredet oder welcher Witz gerade erzählt wurde.
Plötzlich berührte sie jemand an der Schulter. Die schwarzhaarige Agentin zuckte zusammen nur um erleichtert aufzuatmen als sie feststellte, dass es sich um Weiss handelte. Sofort verwandelte sich ihre Schreckensmine in ein strahlendes Lächeln und gab ihrem Freund einen sanften Kuss auf die Lippen. „Was ist los? Hast du jemand anderen erwartet?“ fragte Eric munter.
„Du hast mich nur erschreckt das ist alles“ winkte Nadia ab. „Ich werde mal Sydney und meine Mutter suchen gehen. Wir sehen uns ja dann heute Abend.“
Eric schien verwirrt und zog die Stirn kraus. „Heute Abend?“
Die Agentin, die schon dabei gewesen war Irinas Büro anzusteuern, drehte sich um und kam zurück zu ihrem Schreibtisch, hinter dem immer noch Eric stand. „Candlelight-Dinner? Wir zwei?“ bot sie an, ein wenig Verärgerung schwang in ihrer Stimme mit, so dass Weiss Beschwichtigungsversuche unternahm und versuchte zu retten was noch zu retten war. „Du hast es vergessen!“ machte Nadia vorwurfsvoll.
„Dafür koche ich dir heute Abend ein leckeres drei Gänge Menü. Du hast nie was Besseres gegessen. Na? Krieg ich dafür einen Punkt?“
„Nein“ antwortete Nadia streng, auch wenn sie ein Grinsen nicht unterdrücken konnte.
„Komm. Können wir uns nicht küssen und auf heute Abend freuen?“ Nadia sah kurz zu Boden als überlegte sie, ob sie das „Angebot“ ihres Freundes eingehen sollte und gerade als sie aufsah, stellte sie fest, dass sein Gesicht sich verändert hatte.
Das Gesicht ihres Freundes war verschwunden, hatte sich in die Madenzerfressene Abbildung eines Totenkopfs verwandelt. Zusätzlich herrschte ein Gestank, dass Nadia einen Brechreiz unterdrücken musste. Sie wollte Erics Namen rufen, aber als sie ihren Mund öffnete, kam kein Ton heraus.
„Du hast mich getötet, Nadia! Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis sie’s rausfinden!“ sprach die Gestalt mit dröhnender Stimme und mit Schrecken erkannte die junge Frau wem sie gehörte. Es war nicht Eric, der da sprach. Es war Kingsley! Das Monster griff sie an. Nadia versuchte wegzulaufen, doch ihre Beine machten keine Anstalten sich in Bewegung zu setzen. Es war fast als wäre sie an der Stelle festgefroren.
Während die Gestalt sie würgte und seine verschimmelten Zähne bleckte, standen Sydney, Irina, Vaughn, Jack und Eric um sie herum und sahen seelenruhig zu wie das Wesen sie fast umbrachte.
Mit einem Satz und Schweiß am ganzen Körper schreckte Nadia in ihrem Bett auf, tastete nach dem Lichtschalter ihrer Nachttischlampe und stellte fest, dass es zwei Uhr morgens war. Hoffentlich hatte sie nicht geschrieen und Sydney geweckt. Nadia hatte jetzt wirklich keine Lust ihrer Schwester Fragen zu beantworten, auf die sie im Moment gar nicht richtig zu antworten wusste.
Schwer wie Blei fühlten sich die Knochen der Schwarzhaarigen an als sie sich aus dem Bett schälte und auf den Flur trat.
In der Küche brannte Licht. Nadia folgte dem schmalen Lichtkegel und hatte schon Angst noch mehr Zombies zu begegnen, stellte aber erleichtert fest, dass Sydney in der Küche saß und einen Tee trank.
Sydney lächelte als sie ihre Schwester in der Tür stehen sah. „Du kannst wohl auch nicht schlafen, was?“ Nadia verneinte kopfschüttelnd und gesellte sich zu ihrer großen Schwester an den Tresen, während diese ihr etwas Tee anbot, den Nadia dankend annahm. Nach diesem Albtraum war Tee genau das was sie jetzt gebrauchen konnte. Der Schreck saß ihr immer noch in den Gliedern und die Gänsehaut wollte nicht vergehen.
„Alles in Ordnung mit dir? Du siehst ziemlich blass aus“ meinte Sydney besorgt als sie ihrer Schwester eine Tasse einschenkte und vor Nadia platzierte.
„Ich habe schlecht geschlafen das ist alles“ murmelte die Schwarzhaarige in die Tasse hinein und nahm einen kräftigen Schluck. Doch obwohl der Tee warm und ein wohltuendes Aroma hatte, fühlte Nadia sich nicht besser. Wahrscheinlich, weil ihre Schwester sich Sorgen machte und Nadia sie auch noch anlog. Von ihrem Traum zu erzählen wurde auch heißen, den Mord an Kingsley zu gestehen und von ihrem Treffen mit Sloane zu erzählen und ihrer Bitte um seine Hilfe dabei die Tat zu vertuschen.
Nadia bekam Bauchschmerzen, wenn sie an den großen Bruch zwischen ihr und Sydney dachte, den diese Wahrheiten zur Folge haben würden. Plötzlich klingelte das Telefon. Sydney beantwortete den Anruf. Stille, in der die Agentin den Ausführungen des Anrufers lauschte, das Telefonat schließlich mit den Worten beendete: „Okay. Wir sind in ein paar Minuten da“ und auflegte.
Auf den erwartungsvollen Blick ihrer Schwester hin, erklärte die Braunhaarige, dass jemand aus Katyas Büro angerufen habe und ihre Tante sie sehen wolle.
„Um diese Uhrzeit?!“ fragte Nadia entrüstet.
„Du weißt doch: Spione haben kein Privatleben. Wir reden später.“ Grinste Sydney. Obwohl Nadia ein Ja murmelte, hatte sie nicht besonders viel Lust weiter den Fragen ihrer Schwester auszuweichen.
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„Entschuldigt, dass ich euch so spät aus dem Bett geholt habe, aber es ist dringend!“ begrüßte Katya ihre Nichten nachdem diese den Briefing Raum betreten hatten.
„Eine Entschuldigung aus deinem Mund ist fast schon lustig“ erwiderte Sydney trotzig, während sie mit ihrer Schwester neben Sark Platz nahm, den sie nicht mal eines Blickes würdigte. Nadia hingegen warf dem Blonden schon einen Blick zu, was er mit einem Lächeln quittierte, woraufhin sie mit den Augen rollte und in ihrer Aufmerksamkeit zu Katya wechselte.
„Vor wenigen Stunden hat uns Sark eine Information zukommen lassen.“ Die Covenant-Agentin öffnete die Akten, die vor ihr lagen und reichte zwei Abzüge von Fotos eines arabisch aussehenden Mannes an Sydney und Nadia weiter. „Der Mann heißt Kamil Ghabir, geboren in Kairo und seit Anfang der Neunziger in Irland wohnhaft.“
„Wie wir wissen steht Kamil in Kontakt zu terroristischen Gruppierungen: Al Kaida, Hamas, Islamischer Dschihad.“ Sark faltete die Hände ineinander und lehnte sich ein wenig nach vorn, so dass er beide Schwestern ansehen konnte. „Letzte Woche bekam Ghabir einen Anruf von einem Mann namens Basim Akur, der enge Kontakte zu Osama Bin Laden pflegt und als Sympathisant der Taliban gilt.“
„Wir haben das Telefonat zwischen Akur und Ghabir dank modernster Abhörtechnik belauschen können“ übernahm Katya für Julian und ließ per Knopfdruck ein Band abspielen. Gesprochen wurde auf arabisch, aber anhand der englischen Abschrift, die das Covenant angefertigt hatte, erfuhren die Schwestern worum es bei dem Telefonat gegangen war.
„Ghabir bietet Akur eine chemische Formel zum Kauf an, mit deren Hilfe unter Umständen eine biologische oder chemische Waffe hergestellt werden kann“ folgerte Sydney aus dem Gelesenen.
Nadia sah von ihrem Bildschirm auf und zu Katya. „Wissen wir um was für eine Waffe es sich handelt?“
„Nein. Ich wünschte, wir wüssten es. Feststeht, dass diese Waffe anhand der Formel hergestellt werden kann. Ghabir hat einen Stützpunkt in der Nähe von Orissa, liegt in Indien. Und genau deswegen seid ihr hier. Sydney, du wirst mit Sark nach Indien fliegen. Ghabir gibt übermorgen eine Party. Sark steht auf der Gästeliste. Ihr mischt euch unter die Gäste, brecht in Ghabirs Büro ein und findet heraus wo sich die Formel befindet, damit wir sie uns holen können. Nadia, halte dich bereit. Sollten wir herausgefunden haben wo sich die Formel befindet, wirst du sie stehlen“ antwortete die Russin und fügte hinzu: „Eure Einsatzinformationen und die Ausrüstung bekommt ihr in der technischen Abteilung; Der Flug geht morgen früh. Das wäre dann alles. Noch Fragen?“
Alle schüttelten mit dem Kopf, woraufhin Katya die Besprechung schloss und als Erste den Briefing Raum verließ.
„Ist das nicht aufregend, Sydney? Wir haben erneut das Vergnügen zusammen zu arbeiten“ grinste Sark, während er neben der Agentin seine Papiere zusammensuchte.
Ein giftiger Blick seitens Sydneys traf ihn, wie der Blonde fast amüsiert feststellte. „Ein Vergnügen für sie vielleicht, Sark. Für mich ist es eher eine Qual!“ Dann wandte sie sich an ihre Schwester: „Wir sehen uns nachher.“
Julian ließ die Riegel seines Koffers zuschnappen und stellte sich neben Nadia, die Sydney nachdenklich hinterher sah und erst in ihrem Blick zu Sark wechselte, als dieser sie ansprach: „Deine Schwester scheint ziemlich gereizt zu sein. Sie sollte mal ein paar Tage entspannen.“
„Tu gefälligst nicht so als wären wir Freude. Wir sind keine Freunde! Waren wir nie!“ schnappte die Schwarzhaarige und stürmte aus dem Büro, während Sark grinsend zurück blieb.
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„Ein Terrorist namens Basim Akur versucht eine chemische Formel von Kamil Ghabir zu kaufen. Der Covenant vermutet, dass mit ihrer Hilfe eine Massenvernichtungswaffe hergestellt werden kann. Katya schickt mich und Sark nach Indien, zu Ghabir um herauszufinden wo sich die Formel befindet damit Nadia sie für den Covenant stehlen kann.
Ich will unbedingt verhindern, dass das passiert. Also: Wie lautet mein Gegenauftrag?“ schrieb Sydney auf einen Zettel, wählte eine Nummer auf ihrem Handy und warf ihn dann einem Mann, augenscheinlich ein Obdachloser, in den Pappbecher ehe sie sich zurück auf den Weg nach Hause machte.
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Ungewöhnlich lange dauerte es bis Sydney und Nadia Nachricht von ihrer Mutter erhielten. Die kam am Abend in Form einer Zeitung, in dessen Wirtschaftsteil, am oberen Rand die Zahl 8 geschrieben stand. Nadia hatte sie an der Treppe gefunden als sie vom Joggen zurückkehrte. Gemeinsam machte man sich auf zur Organisation.
In der Tiefgarage wurden die Schwestern von Michael Vaughn empfangen, der sie mit den Händen in den Hosentaschen empfing, schien fast entspannt zu sein, wobei auch die Schwestern nicht sonderlich nervös wegen des neuen Auftrages waren.
Es war ein Routineeinsatz, keine wirklich anspruchsvolle Mission. Trotzdem mussten sie konzentriert bleiben. Eine Formel zur Herstellung einer Massenvernichtungswaffe in den Händen des Covenant konnte üble Folgen haben.
„Ihr habt meine Nachricht also bekommen“ stellte Vaughn fest als die beiden Frauen ausstiegen und auf ihn zukamen. Beide nickten nur. „Gut. Eure Mutter, Jack und ich haben euren Gegenauftrag besprochen. Der Auftrag in Indien läuft ganz normal ab. Da Sark mitkommt, wäre es zu riskant die Mission zu sabotieren. Er hat zwar versprochen euch nicht zu verraten, aber na ja…wir reden hier von Sark und außerdem arbeitet er mit Sloane zusammen.“
Nadia und Sydney wechselten einen Blick. „Nadia, nachdem Katya dir gesagt hat wo sich die Formel befindet, meldest du dich bei deiner Mutter über das Standardverfahren. Lass sie wissen wohin der Covenant dich schickt. Deine Mutter wird einen Kontaktmann dorthin schicken. Du musst ihn nicht suchen, er wird dich aufsuchen. CIA-Agenten werden bei ihm sein und die Formel an sich bringen, während du eine Fälschung bekommst, die du Katya gibst.“
„Ist das nicht ein wenig riskant? Wenn Covenant-Agenten beobachten, dass Nadia einen Fremden trifft, ist unsere Tarnung in Gefahr“ gab Sydney zu bedenken.
„Eure Mutter hat das natürlich mit einkalkuliert. Der Kontaktmann und die CIA-Agenten werden eine Entführung vortäuschen, so dass Spione des Covenant denken werden, Nadia sei in Gefangenschaft geraten.“ Michael wandte sich von Sydney an Nadia: „Später erzählst du einfach, dass Ghabir Lunte gerochen und dich geschnappt hätte, du aber mit der Formel entkommen konntest.“
„Klingt nach einem plausiblen Plan. Müssen wir sonst noch was wissen?“ fragte Nadia, die Hände in die Hosentaschen schiebend, worauf Vaughn mit dem Kopf schüttelte. „Gut, dann sehen wir uns, wenn alles erledigt ist.“ Die schwarzhaarige Agentin hatte es eilig zu gehen, was Sydney und ihren Verlobten verwunderte.
„Äh.. Nadia, warte!“ rief Michael der jungen Frau hinterher und ging ihr ein paar Schritte, die sie schon bis zum Auto zurückgelegt hatte, nach. Nadia wandte sich dem Agenten zu. „Deine Mutter will dich gern unter vier Augen sprechen. Du sollst rauf in ihr Büro kommen.“
Die Schwarzhaarige schürzte die Lippen und wandte kurz ihren Blick von Vaughn ab. Sydney, der das Verhalten ihrer Schwester immer suspekter wurde, kam näher und blieb neben ihrem Freund stehen. Die Stirn hatte sie kraus gelegt und musterte Nadia erwartungsvoll, die so tat als wäre nichts.
„Hat sie gesagt worum es geht?“ fragte Nadia schließlich.
„Nein. Aber sie schien es für wichtig zu halten.“
Obwohl sie am liebsten wieder zurück in die Wohnung gefahren wäre, machte Nadia sich auf den Weg nach oben, steuerte das Parkhaus an, in dem sich der Fahrstuhl befand, der in die oberen Stockwerke zu den Büros fuhr.
„Findest du nicht auch, dass sie sich in letzter Zeit merkwürdig verhält?“ fragte Sydney nach ein paar Momenten der Stille, in denen sie mit Michael Nadia beim Verlassen der Tiefgarage zugesehen hatte.
Der Blonde runzelte die Stirn und warf Sydney einen fragenden Blick zu. „Was meinst du mit merkwürdig?“
„Vaughn, ich bin schon ziemlich lange Spionin. Mein ganzes Leben besteht aus Halbwahrheiten, Lügen oder Grauzonen. Ich weiß ja noch nicht mal inwieweit ich meiner eigenen Mutter trauen kann.“ Die Braunhaarige seufzte und rollte mit den Augen, während sie sich gegen die Motorhaube des Autos lehnte.
Ein dunkler Schatten huschte über Michaels Gesicht. „Denkst du, dass Nadia dir etwas verschweigt? Wieso sollte sie das tun?“ Der Gedanke, dass es schon wieder jemanden aus Sydneys näherem Umkreis gab, der sie belog, behagte ihm gar nicht.
„Ehrlich ich weiß es nicht. Vielleicht mache ich mir auch einfach zu viele Sorgen.“ Sydney sah auf und ihm in die Augen und merkte an Michaels Blick, dass er genau das dachte. Sie grinste. „Du denkst, ich mache mir zu viele Sorgen.“
Michael kam näher und legte seine Hände um ihre Taille, lächelte sie verliebt an. „Ich denke, dass du ein ganz wunderbarer Mensch bist, der seine Schwester liebt und versucht sie so gut zu beschützen wie er kann. Daran ist nichts verwerflich.“
Sydney lachte und gab ihm einen Kuss. „Du bist ein Schleimer, aber wirklich süß.“
„Solange ich süß bin“ lachte Michael zurück und gab seiner Freundin diesmal einen Kuss, der länger währte. Es schien als ob sie sich gar nicht voneinander trennen wollten.
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Zaghaft klopfte Nadia an die Tür zu Irinas Büro. Ihre Mutter saß über einem Haufen Papierkram gebeugt ohne zu merken, dass jemand in der Tür stand. Nadias Klopfen ließ sie aufsehen. „Vaughn hat gesagt, dass du mich sprechen willst“ lächelte die Schwarzhaarige.
Irina erwiderte es, nickte und wies ihre Tochter an hinter sich die Tür zu schließen und sich zu setzen. Nachdem Nadia dies getan hatte, kam Irina um den Schreibtisch herum und setzte sich auf den Stuhl neben ihr. „Wenn euer Auftrag für den Covenant vorbei ist, würde ich gerne in den Kaschmir fliegen und ich möchte, dass du mich begleitest.“ Nadia runzelte die Stirn. „Ich möchte dir gerne etwas zeigen, das ich für wichtig halte, verstehst du?“ Irina lächelte, während sie Nadias Hände in ihre legte und gespannt eine Reaktion erwartete.
„In Ordnung“ nickte die Schwarzhaarige zögernd, auch wenn sie keine Ahnung hatte was ihre Mutter ihr im Kaschmir zeigen wollte und warum sie alleine fliegen würden, sagte sich aber, dass es wohl einen guten Grund geben würde.
„Mom ich…“ Als die Argentinierin ihrer Mutter ins Gesicht blickte, verstummte sie.
„Ja?“ hakte Irina nach als ihre jüngste Tochter nicht weiter sprach. Nadia öffnete den Mund und schloss ihn wieder ohne einen Ton zu sagen.
„Ach nichts. Ich sollte besser gehen“ die Argentinierin entzog ihrer Mutter ihre Hände, stand auf, ging zur Tür und legte ihre Hand auf den Griff, bevor sie sie mit einigem Zögern öffnete.
Hinter Nadia kam Jack ins Büro, der seine Frau fragend musterte. „Hast du gerade mit Nadia gesprochen?“ wollte er wissen, worauf die Russin abwesend nickte, immer noch zur Tür starrte, durch die Nadia verschwunden war und schließlich in ihrer Aufmerksamkeit zu Jack wechselte, alles andere als zufrieden wirkte.
„Ach es ist zum Verzweifeln! Ich komme einfach nicht an sie heran, Jack! Ich plane mit ihr in den Kaschmir zu fliegen, aber ehrlich gesagt zweifle ich inzwischen daran, dass es was bringt!“ seufzte Irina, stand auf und stellte sich neben das Fenster, von dem aus sie zum Roten Platz blicken konnte, auf dem sich zahlreiche Tauben befanden, die von Rentnern gefüttert wurden.
Jack runzelte die Stirn, ließ seine Hände in die Hosentaschen gleiten und setzte sich auf den Platz, auf dem zuvor Nadia gesessen hatte. „In den Kaschmir? Aber ich dachte…“ Plötzlich zeichnete Erkenntnis sein Gesicht. Seine Mine hellte sich auf als er verstand was Irina gedachte ihrer jüngeren Tochter zu zeigen. „Glaubst du, dass du damit bei Nadia weiterkommst?“
Die Russin zuckte resigniert mit den Schultern und seufzte. Wenn auch dies nicht Nadias Mauer zum Einsturz brachte, gab sie es auf. Dann gab es nur ein Herankommen an ihre jüngere Tochter, wenn sie es selbst wollte und Irina musste ihr Zeit und Raum geben.
„Wir könnten Nadia auch…“ Irina sah auf als ihr Mann verstummte und zu Boden blickte. „Es gibt andere Wege herauszufinden, ob sie uns was verheimlicht.“ Jack sah sie versteinerten Blickes an.
Irina seufzte und sah ihn mit einem Blick an, der durchaus Interesse an dieser Idee signalisierte. Es war jene Art von Kommunikation, bei der Jack und Irina keine Worte brauchten um sich zu verständigen.
Die ehemalige KGB-Agentin wandte ihren Blick ab und dem Fenster zu, in dem sich ihr Gesicht spiegelte als Sonnenlicht es streifte. „Wenn ich im Kaschmir keinen Erfolg haben sollte, versuchen wir’s“ murmelte sie ohne ihn anzusehen.
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Orissa,
Indien
Sydney trug ein weinrotes Cocktailkleid mit schwarzer Perücke, während Sark einen weißen Smoking trug, den eine Fliege zierte. Wüsste sie nicht, dass er ein skrupelloser Verbrecher war, hätte Sydney durchaus Gefallen an dem blonden Mann gefunden. So empfand sie lediglich Abscheu mit ihm zusammenarbeiten zu müssen.
Die beiden Agenten hatten sich in eine lange Reihe eingereiht, an dessen Ende die Türsteher kontrollierten, ob die um Einlass bittenden auch tatsächlich auf der exklusiven Gästeliste von Kamil Ghabir standen.
„Sie könnten ruhig ein wenig lächeln, Sydney. Sie wollen doch einen guten Eindruck machen, oder?“ sagte Sark mit zusammengebissenen Zähnen und so, dass nur Sydney ihn hören konnte.
„Sie können mich mal“ zischte die Agentin zurück. „Konzentrieren sie sich lieber auf ihre Aufgabe!“
Endlich waren sie an der Reihe vor den Türsteher zu treten. „Name?“ fragte der dunkelhäutige, bullige Typ vor ihnen unfreundlich.
„Julian Sark, das ist meine Begleiterin Terry Cameran“ stellte der Blonde die Agentin neben sich vor.
Sydney grinste breit und streckte dem Türsteher mit übertriebener Begeisterung die Hand entgegen. „Tag. Ich kann’s immer noch nicht fassen, dass ich hier bin. Mein Julian ist so ein toller Mann!“ Der Türsteher ignorierte die ausgestreckte Hand, überprüfte kurz die Gästeliste und winkte beide schließlich durch.
Drinnen angekommen herrschte ein Klima wie in einem Hexenkessel. Beeindruckt waren Sydney und Sark von dem riesigen Kronleuchter, der über ihnen „schwebte“ und dem prunkvollen, aus Gold bestehenden Festsaal, der mit passenden Fahnen und Luftballons geschmückt war. Ein Kellner kam ihnen entgegen und bot ihnen ein paar Appetithäppchen an.
Kaum hatten die Agenten davon gekostet, kam ihnen Ghabir entgegen, der strahlte als er Sark erblickte.
„Julian Sark! Wie schön sie wieder zu sehen.“ Er streckte beide Arme aus und deutete ein Küsschen links und rechts auf die Wange an, wie es bei den Geschäftsleuten so üblich war.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Kamil. Ich danke für die Einladung. Darf ich ihnen meine charmante Begleitung vorstellen? Terry Cameran, das ist der Gastgeber Kamil Ghabir. Ihm gehört dieses Anwesen“ lächelte Julian in Sydneys Richtung und gab ihr zu ihrer Anwiderung einen Kuss auf die Wange. Doch einen entsprechenden Gesichtsausdruck vermied die Agentin.
„Mister Ghabir, es freut mich hier zu sein. Ein schönes Fest haben sie da organisiert“ strahlte sie und ließ sich von dem Inder umarmen.
„Danke, meine Liebe. Das Hier ist im Moment der einzige Ort in Indien, in dem Frauen sich nicht verschleiern müssen. Ich habe von dieser islamischen Vorschrift noch nie viel gehalten. Wozu sind Frauen denn da, wenn man nicht ihre Schönheit bewundern kann?“ lachte Ghabir.
„Trotzdem werde ich mich ein bisschen frisch machen, damit ihr Männer unter euch seid“ lächelte Sydney und ließ Sark und Ghabir stehen, machte sich sofort auf den Weg zu dem unterirdischen Gang, in dem sich das Forschungslabor und die Operationszentrale von Ghabir befanden.
Erst als sie außer Hörweite und fast unten war, benutzte die Agentin das Mikrophon in ihrem Ohr. „Okay. Ich bin jetzt auf dem Weg nach unten. Benutzen sie den Störsender um das Signal der Überwachungskameras zu stören.“
Bei Kamil betätigte Sark unbemerkt von diesem einen Knopf an seiner Armbanduhr, die darauf von 3 Minuten rückwärts herunter zählte, während die Überwachungskameras in eine Art Zeitschleife gelegt wurde, so dass die Sicherheitskräfte immer nur dasselbe Bild zu Gesicht bekamen und Sydney dadurch nicht sahen.
„Sie haben drei Minuten“ nuschelte der Blonde, worauf ihn Kamil fragte was er gesagt habe und Julian antwortete, dass er einen Frosch im Hals habe nichts weiter. Zu seiner Überraschung glaubte der Inder diese Lüge.
Als Sydney sich in den Computer hackte fand sie neben der Formel Forschungser-gebnisse, von denen anscheinend weder der Covenant, noch ihre Mutter etwas gewusst hatten.
Die Agentin entschloss sich, die Daten auf einer Backup-Kopie für die FSB/CIA Seite zu speichern. Der Covenant würde schlichtweg nichts von den Ergebnissen erfahren. So waren Sydney, ihre Eltern und ihre Freunde ihnen wenigstens einen Schritt voraus.
„Sark? Ich habe den Standort und die genauen Lagepläne gefunden. Beginne jetzt mit der Übertragung an Katya.“ Ohne auf die Bestätigung ihres Partners zu warten, gab Sydney die IP-Adresse ein und sendete alles an ihre Tante. Erst dann kam die Bestätigung von Sark.
„Wir treffen uns am Bergungspunkt“ fügte er hinzu und tat so, als sei ihm furchtbar schlecht. Sein schauspielerisches Talent zeigte Wirkung, denn ein paar besorgte Damen beugten sich zu dem vor Schmerzen krümmenden Julian herunter.
„Können wir ihnen helfen? Was ist denn bloß los?“ fragte eine und berührte ihn an der Schulter, worauf er zusammenzuckte und erwiderte, dass er sich wahrscheinlich den Magen verdorben hatte und nur mal an die frische Luft müsse.
Da alle Aufmerksamkeit auf Sark gerichtet war, hatte Sydney die Gelegenheit das Gebäude unbemerkt zu verlassen, kurz bevor das Signal der Überwachungskameras sich wieder anschaltete.
Draußen hielt ein schwarzer BMW neben ihm. Am Steuer saß Sydney und wies ihn unfreundlich an einzusteigen. Julian grinste und tat wie ihm geheißen.
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Moskau,
Russland
„Nadia?“ Katya fing ihre Nichte am Korridor ab. Diese kam gerade vom Gespräch mit ihrer Mutter und war so in Gedanken vertieft, dass sie glatt an Katya vorbeigelaufen wäre ohne Notiz von ihr zu nehmen. „Nadia!“ rief Katya erneut und stoppte ihre Nichte indem sie sie am Arm festhielt.
„Was? Entschuldige, Katya, ich habe dich gar nicht gesehen“ machte Nadia verlegen.
„Ja, das habe ich gemerkt. Alles in Ordnung?“ Die Argentinierin hob überrascht die Augenbraue und nickte zögernd.
„Schön. Gerade habe ich Nachricht von deiner Schwester erhalten. Die Operation war erfolgreich. Die Formel, nach der wir suchen, ist in Malawi. Die genauen Koordinaten stehen auf dieser Karte.“ Katya reichte Nadia den Lageplan, der Sydneys Information beigefügt war. „Du brichst sofort auf. Viel Glück!“ Die leitende Covenant-Agentin klopfte der jungen Frau aufmunternd auf die Schulter und ging dann zurück in ihr Büro.
Nadia starrte noch einen Moment auf die Karte. Viel Zeit ihre Mutter zu informieren würde sie nicht haben, also entschied sich die Agentin die SIM-Karte ihres Handys an einem von Kameras unbeobachteten Ort auszutauschen. Kurz bevor sie das Flugzeug erreicht hatte, wählte sie die Nummer ihrer Mutter. Es war auch tatsächlich Irina, die den Anruf entgegen nahm.
„Ich fliege nach Malawi.“ Dann legte sie auf.
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„Nadia!....Nadia! Wohin nach Malawi? Das Land ist groß!“ Die Russin schnaubte frustriert als sie merkte, dass ihre Tochter längst aufgelegt hatte. „Verdammt!“ Frustriert betätigte Irina den Auflegenknopf und überlegte fieberhaft wie sie herausfinden konnte wo Nadia genau sich befand. Als sie einen Einfall hatte, stand sie ruckartig auf und machte sich auf den Weg ins Operationszentrum, wo sich Jack, Vaughn und Weiss eingefunden hatten und über die Operation Sydneys redeten. Sie unterbrachen als sie Irina kommen sahen.
Diese wandte sich sofort an den Agenten, der an einem Computer saß und ständig kommende Meldungen von Informanten Irinas aus aller Welt auswertete. Manche davon waren äußerst wichtig und mussten Irina sofort mitgeteilt werden, andere waren nichts weiter als Wichtigtuerei. Schließlich wussten sie, dass die ehemalige KGB-Agentin ihnen den Geldhahn abdrehen würde, wenn sie keine Neuigkeiten mehr von ihnen bekam. Geld, auf das sie dringend angewiesen waren.
„Aktivieren sie das Peilgerät, das ich Nadia implantieren ließ.“ Befahl Irina dem Agenten am Monitor ohne die Anderen zu begrüßen. Erst als dieser sich eilig daran machte zutun was seine Vorgesetzte von ihm wollte, wandte sich die ehemalige KGB-Agentin an die Gruppe aus ihrem Mann und den Freunden ihrer Töchter bestehend. „Gerade hat Nadia über eine sichere Leitung angerufen. Sie hatte nicht viel Zeit und hat mir deshalb nur ein Land genannt, in das sie geschickt wird: Malawi.“
„Ich hab sie!“ rief der Agent und wandte sich zu seiner Chefin um, die mit Jack, Vaughn und Weiss sofort auf den Bildschirm starrte. Dort sahen sie einen roten Punkt, der kurz vor Lilongwe regungslos blieb. Irina wählte eine Nummer auf ihrem Handy und als der Anruf entgegengenommen wurde, befahl sie: „Meine Tochter ist in Malawi, kurz vor Lilongwe. Wir halten sie per Satellit über ihren Aufenthaltsort auf dem Laufenden. Begeben sie sich zum Flugzeug und warten sie auf ihren Teamleiter.“ Die Russin legte auf und wandte sich zuerst an Weiss: „Sie führen das Team an, also machen sie sich auf den Weg.“ Eric wirkte erleichtert, bedankte sich und machte sich sofort auf den Weg zum Flugzeug, während Irina sich an den Agenten wandte, der immer noch auf das Radarbild starrte. „Halten sie Kontakt zu Agent Weiss. Informieren sie ihn wo sich Agent Santos aufhält. Ich bin in meinem Büro.“ Damit machte sie kehrt, während Jack und Vaughn einen Blick wechselten.
„Ein wahnsinnig freundlicher Umgangston, oder?“ fragte der blonde Agent seinen zukünftigen Schwiegervater.
„In Anbetracht ihrer Lage, der Gefahr, die diese Operation mit sich bringt, kann ich sie sogar verstehen.“ Antwortete Jack ohne Michael anzusehen, obwohl er wusste, dass Irinas Gereiztheit einen anderen Grund hatte: Irina befürchtete, dass ihre jüngere Tochter etwas vor ihr verheimlichte und beide, sowohl Jack als auch Irina besaßen Erfahrung genug um zu wissen, dass das Ärger bedeuten konnte.
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Malawi
Im staubigen Sand landete das Flugzeug ein wenig vor der Stadtgrenze Lilongwes. In der Stadt zu landen hätte für zuviel Aufsehen gesorgt und der Covenant wollte nicht andere Syndikate, möglicherweise Kamil Ghabir und seine Leute, darauf aufmerksam machen, dass sie hier waren.
Katya hatte ja keine Ahnung, dass eben eine fingierte Entführung zum Teil des Plans von Irina gehörte. Nadia hoffte inständig, dass das kurze Telefonat mit nur der Nennung des Landes, in das man sie geschickt hatte, ihrer Mutter reichte um ein Team zu schicken, das sie mit der Formel erwarten sollte.
Unglücklicherweise gab es da noch etwas anderes, das der Agentin Sorgen machte. Kurz vor ihrem Abflug hatte sie einen Anruf von ihrem Vater erhalten.
Rückblende, eine halbe Stunde zuvor:
Nadia saß im Flugzeug, sah aus dem Fenster und beobachtete die Wolken, an denen sie vorbei flogen.
„Noch einen Kaffee, Agent Santos?“ fragte eine blonde Russin, die für den Covenant auf dem Flugzeug arbeitete. Die Schwarzhaarige blinzelte, wandte ihren Blick vom Fenster ab und der Blondine zu.
„Nein. Nein, danke.“ Die Blonde lächelte und begab sich wieder in den vorderen Teil der Privatmaschine.
Gerade als die Agentin sich wieder den Einsatzinformationen zuwenden wollte, die vor ihr auf dem Tisch lagen, klingelte das Handy. Wer sollte denn ausgerechnet jetzt was von ihr wollen? Sie war doch schon auf dem Weg nach Malawi.
„Hallo?“ nahm sie den Anruf entgegen.
„Nadia, ich bin’s“ meldete sich die Stimme von Arvin Sloane. Sofort verfinsterte sich die Mine der Agentin, während sie den Hörer vom linken zum rechten Ohr wechselte. Sie brauchte eine Weile bis sie den Worten ihres Vaters etwas erwidern konnte.
Ihre Stimme war hart als sie antwortete. „Was willst du?“
Schon an Sloanes Stimme hörte die junge Frau, dass ihr Vater wohl grinsen musste. „Ich habe dir einen Gefallen getan, jetzt brauche ich deine Hilfe. Eine Hand wäscht die Andere.“
Nadias Gesichtsausdruck wurde immer härter. Ihre Hand ballte sich, ohne dass sie es merkte zu einer Faust und das so fest, dass ihre Knöchel weiß anliefen. Sie sparte sich eine Antwort und wartete nur darauf, dass ihr Vater dem Gesagten noch etwas hinzufügte, was dieser auch tat nachdem seine Tochter nichts erwiderte. „Sark hat mir erzählt, dass die Formel, die der Covenant haben will, sich in Malawi befindet. Ich nehme an Irina hat dich beauftragt ihr das Original der Formel zu geben, während Katya eine Fälschung erhalten soll. Nun, ich brauche die Formel um meine Arbeit fortzuführen. Ich möchte, dass du deiner Mutter ebenfalls eine Fälschung gibst, während ich das Original bekomme.“
Nadia standen plötzlich Tränen in den Augen. Mit dieser Aktion würde sie endgültig das Vertrauen ihrer Mutter und ihrer Schwester verspielen. Wenn sie der Forderung ihres Vaters nachgab, wusste Nadia, gab es für sie kein Zurück mehr.
„Ich kann nicht. Das wäre ein Vertrauensbruch, der nicht wieder gutzumachen ist. Ich kann Sydney, Mom und Eric nicht auf diese Art belügen.“
„Nun es ist so, Nadia. Streng genommen hast du sie schon belogen als du Kingsley ermordet und es ihnen verschwiegen hast. Ich habe dafür gesorgt, dass du damit nicht in Verbindung gebracht wirst“ antwortete Sloane mit freundlicher Stimme.
Die Stimme der Agentin zitterte vor Zorn als sie erwiderte: „Drohst du mir, Dad?“
„Du hältst mich jetzt für böse, Nadia. Das kann ich sogar verstehen, aber das bin ich nicht. Irgendwas Großes kommt auf uns zu. Du kannst mir nicht erzählen, dass du es nicht fühlst. Egal was es ist, es wird dich und Sydney betreffen und ich liebe euch beide zu sehr um zuzulassen, dass es geschieht. Ich möchte es verhindern und deshalb brauche ich deine Hilfe, auch wenn das heißt, dass ich dich erpressen muss.“
Die Agentin antwortete darauf zuerst nicht. Was ihr Vater sagte, stimmte. Sie spürte eine dunkle Macht, die auf sie zukam, vermutete sogar, dass es etwas mit Rambaldi zutun hatte. Als Sloane ihr dieses grüne Zeug gespritzt hatte, war sie direkt mit ihm in Verbindung getreten. Eine Verbindung, die immer noch Bestand hatte. „Wo treffen wir uns?“ fragte sie ihn schließlich mit kühler Stimme.
„In Paris. Vor dem Eiffelturm gibt es ein Restaurant, La Elle. Dort treffen wir uns.“ Sloane legte auf und Nadia starrte nachdenklich aus dem Fenster.
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Malawi,
ein paar Stunden später
Den Lageplan bei sich und verkleidet wie die Einheimischen machte Nadia sich auf den Weg zum Gebäude. Den ganzen Tag über hatte sie im Hotel damit verbracht sich eine Strategie zu recht zu legen.
Als sie eine schmale Gasse passierte, sprach eine verschleierte junge Frau in den Ärmel ihres Gewandes. „Sie ist auf dem Weg.“ Dann ging sie weg, während ein anderer, braunhaariger Mann mit einigem Abstand zur Agentin die Verfolgung aufnahm.
„Verstanden. Lassen sie, sie nicht aus den Augen“ antwortete der Agent am Bildschirm in Moskau, während Jack und Irina die ganze Mission angespannt verfolgten.
Der CIA-Agent folgte Nadia bis zum Gebäude, blieb dann allerdings stehen und übergab dann an Weiss, der sich von Moskau die Koordinaten durchgeben ließ und ihr mit angemessenem Abstand folgte.
Die schwarzhaarige Agentin tauschte am Gebäude angekommen, ihre Kleidung gegen eine schwarze Hose, ein gleichfarbiges T-Shirt und eine kugelsichere Weste, überprüfte die Munition ihrer Waffe und machte sich daran mithilfe eines Schneidbrenners den Metallzaun zu durchschneiden. Bevor sie das Gelände betrat sah sie sich noch mal um, nach Wachen, die vor dem Grundstück möglicherweise patrouillierten und schlüpfte erst durch den Zaun als sie sicher war, dass niemand sie sah.
Ein lautes Piepen an den Monitoren schreckte Jack und Irina in Moskau auf. „Was ist da los?“ verlangte Irina zu wissen, die sofort aufgestanden war und sich nervös neben ihren Angestellten stellte.
„Wir haben das Signal von Nadias Peilsender verloren. Auf dem Grundstück muss es eine Art Magnetfeld geben, das den Empfang stört“ erklärte der Agent, nervös einige Tasten auf seinem Computer tippend.
„Können sie die Verbindung wieder herstellen?“ fragte Jack, der aufgestanden war und sich neben seine Frau gestellt hatte. Zuerst antwortete der Agent nicht und versuchte krampfhaft die Verbindung zu Nadias Peilgerät wieder herzustellen.
Nach ein paar Minuten seufzte er und gab auf. „Nein. Ich schaffe es nicht. Die Störung ist zu stark.“
„Solange Weiss draußen in Position ist, ist noch nichts verloren“ murmelte Irina ihrem Mann zu und bat Weiss besonders wachsam zu sein, dass sie Nadia ja nicht verpassten.
„Verstanden, Basis. Wir halten die Augen offen“ bestätigte der Agent, öffnete die Seitentür des Vans und ging mit dem Team in den Büschen in Stellung von wo aus sie die Stelle beobachten konnten, an der Nadia ein Loch in den Zaun „geschnitten“ hatte. Anspannung machte sich breit. Nicht nur unter dem Team, auch in Moskau.
Als sie auf dem Gelände war, steuerte die Argentinierin den Hauptsicherheitskasten an und verursachte mit einem Störsender, den sie am Kabel anbrachte, einen Kurzschluss, so dass sie ungesehen in das Gebäude gelangen konnte.
Drinnen empfing sie ein Irrgarten aus Gängen, die alle gleich aussahen. Sie war froh, den Lageplan bei sich zu haben, den Sydney aus Ghabirs Computer gehackt hatte.
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Moskau,
Russland
„Das war gute Arbeit in Orissa, Sydney“ säuselte Sark, der sich neben die Agentin gestellt und die Arme hinter dem Rücken verschränkt hatte. Richtig steif und auch ein wenig selbstgefällig sah er aus, ging es Sydney durch den Kopf und so warf sie ihm nur eine angewiderte Mine zu, drehte sich weg und tat so als wäre es furchtbar wichtig den Operationsbericht für Katya fertig zu stellen.
Ein Stapel Unterlagen türmte sich auf dem Schreibtisch, der darunter überhaupt nicht mehr zu sehen war, während Sydney am Computer noch mal die Zeilen überflog, die sie soeben geschrieben hatte.
„Wir haben miteinander gearbeitet. Das war’s! Sie und ich sind keine Freunde und solange sie skrupellos, manipulativ und naiv genug sind um zu glauben, dass meine Schwester jemals Gefühle für sie hegen würde, wird sich daran auch nichts ändern,“ erwiderte sie ohne ihn anzusehen.
Auch wenn Sydneys Worte ihn besonders in Bezug auf Nadia hart getroffen hatten, verzog der blonde Agent keine Mine, grinste sogar nur noch breiter und setzte sich neben Sydney, die zwar ein empörtes Gesicht machte, ihre Gefühle aber nicht in Worten ausdrückte. Das hätte ihn sowieso nicht davon abgehalten, ihr auf die Nerven zu gehen!
„Ich bewundere sie, Sydney.“ Die Agentin antwortete ihm mit einem überraschten Blick, der in ein Augenrollen überging als Sark lächelte. „Doch ehrlich. Sie haben eine klare Moralvorstellung. Gut und Böse, Schwarz und Weiß.“ Julian hielt inne als sei er über ein Wort gestolpert. „Ist schon komisch mit Schwarz und Weiß. Wenn man sie miteinander mischt erhält man grau und egal wie viel weiß man versucht hinzu zugeben, man erhält doch nichts anderes als grau.“
Sydney seufzte als sei sie am Ende ihrer Geduld angelangt und musterte den blonden jungen Mann neben sich genervt. „Hat ihre Geschichte auch eine Moral oder haben sie nur beschlossen mir für den Rest meines Lebens auf die Nerven zu gehen?“
„Ihnen auf die Nerven zu gehen ist zwar lustig, aber nein das habe ich nicht vor, Sydney. Aber was Grauzonen angeht:“ Der blonde Agent beugte sich ein wenig zu ihr nach vorne und fügte im Flüsterton hinzu: „Vielleicht sollten sie darüber mal mit Nadia reden. Das bringt ihre Vorstellungen von Schwarz und Weiß sicher wieder ins Lot. Schönen Tag noch!“ Damit stand er auf und ließ eine verwirrte und nachdenkliche Agentin zurück.
Sydney dachte an Nadias Verhalten während der letzten Tage. Wusste Sark womöglich mehr als sie? Wenn ja, warum stieß er sie auch noch mit dem Kopf darauf?
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Malawi
Inzwischen erreichte Nadia den Zentralserverraum, dessen Boden mit grünen Laserstrahlen überzogen war, die – wie die Agentin wusste -, Alarmsensoren waren. Die Agentin holte eine Waffe heraus, an deren Ende sich ein Enterhacken befand. Als sie sie abfeuerte, schoss der Hacken mit einem Seil am Ende heraus. Nadia durchtrennte das Seil und band des Ende um das Geländer des Balkons, auf dem sie stand. Am Seil hangelte sie sich ihren Weg bis zum Hauptcomputer heran und hangelte sich dann genau darüber herunter.
Hängend hackte sich die Agentin in das System, suchte nach den Dateien, die Formel betreffend und wurde nach ein paar Minuten fündig. Als sie nach der Tasche an ihrer schwarzen Weste griff, verlor Nadia fast das Gleichgewicht und schaffte es den Halt wieder zu finden, kurz bevor ihre Füße den Boden berührten. Schweiß rann ihr über die Stirn und in die Augen, den sie versuchte aus heraus zu blinzeln.
Endlich fand die Agentin was sie aus der Tasche hatte holen wollen: Einen USB-Stick, eine Art Minifestplatte, auf den sich die Dateien aus dem Computer kopieren ließ. Die Übertragung dauerte einige Sekunden und Nadia atmete erleichtert auf als die Arbeit getan war, steckte den Stick dorthin zurück wo sie ihn herausgenommen war, schaltete den Computer aus und hangelte sich zurück zum Balkon, wo sie ihre Spuren verwischte und dann das Gebäude verließ.
„Da ist sie! Es geht los!“ sagte Weiss als er Nadia aus dem Gebäude kommen sah, holte sich seine Waffe, die er entsicherte und nickte den übrigen Mitgliedern des Teams zu. „Vergesst nicht, es muss echt aussehen. Basis, wir holen jetzt das Paket ab.“
„Verstanden, Retriever. Sehen sie sich vor“ gab Irina über ihr Headset durch.
Eric nickte, obwohl Irina das gar nicht sehen konnte und gab seinen Männern in dem Moment das Signal zum Einschreiten als Nadia durch den Zaun schlüpfte.
Von allen Seiten kreisten sie die Agentin mit gezogenen Waffen ein und erteilten ihr lautstark den Befehl in den Van zu steigen.
Die Schwarzhaarige hob beide Hände und tat nickend wie ihr geheißen. Weiss schob die Seitentür des Wagens zu und rauschte in hohem Tempo ab.
In Moskau entspannten sich die Minen. Irina und Jack nahmen seufzend ihre Headsets ab und tauschten einen erleichterten Blick.
„Okay. Es ist geschafft. Jetzt können wir bloß noch hoffen, dass Katya die Geschichte glaubt. Wenn sie es tut, tut’s der Covenant auch“ seufzte der Agent, der über Monitor die Operation überwacht hatte.
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Paris, Frankreich
„Ich habe dich schon erwartet und war besorgt, dass du es vielleicht nicht geschafft hast.“ Sloane sah von seinem Essen nicht auf, während er sprach. Die Person, die zu ihm an den Tisch getreten war, hingegen, warf den USB-Stick achtlos auf den Tisch vor ihm.
„Ich habe Eric gefälschte Daten gegeben. Das hier sind die Echten und wenn Sydney, Mom und Eric davon erfahren sollten, werden sie mir nie wieder vertrauen. Ich hoffe du bist zufrieden!“ Den letzten Satz sagte Nadia mit einem schnippischen, giftigen Unterton und war nicht überrascht, dass Sloane auf ihre Worte hin keine Reaktion zeigte.
Eine Weile herrschte Eisestille zwischen Vater und Tochter, dann ergriff Arvin das Wort: „Auch wenn du es mir nicht glaubst, ich tue das Alles nur für dich.“
Da die Agentin der Lügen und Ausreden ihres Vaters überdrüssig wurde verließ sie das Restaurant ohne sich von ihm zu verabschieden. Außerdem war sie noch mit ihrer Mutter verabredet.
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Kashmir
Nadia und Irina standen vor einem Gebäude, das total zerstört war und von dem nur noch Ruinen übrig waren. Die Schwarzhaarige runzelte die Stirn und fragte sich was sie hier wollten, wandte ihren Blick dann ihrer Mutter zu, die, so schien es, ihren Blick nicht von den Ruinen abwenden konnte.
Als ihre Mutter sich auch nach ein paar Minuten nicht regte oder etwas sagte, sprach Nadia sie an: „Mom, was machen wir hier?“
Nur langsam wandte Irina ihren Blick ab und sah ihre Tochter an. Überrascht erkannte Nadia, dass Tränen in ihren Augen schimmerten. Doch statt einer Erklärung wie die Argentinierin es erwartete, antwortete die ehemalige KGB-Agentin nur: „Lass uns reingehen.“
Es war staubig und ein entsetzlicher Gestank schlug den beiden Frauen entgegen als sie durch die Trümmer hindurch gingen. Nadia sah Gitterstäbe, die sich durch das Feuer schwarz gefärbt hatten und ganz verbogen waren.
Auf Irina hingegen strömten allerhand Erinnerungen ein, während sie mit ihrer Tochter durch die Trümmer ging. Hauptsächlich erinnerte sie sich daran wie sie hier mit Jack und Sydney nach Kernwaffen gesucht hatte, aber auch an ihre Zeit als Gefangene des KGB.
Die Russin spürte Nadias Blicke in ihrem Nacken und beschloss, dass es nun an der Zeit war sie aufzuklären. Sie verdiente es zu erfahren woher sie kam. Dass sie ohne Familie aufwachsen musste und die meiste Zeit ihrer Teenagerzeit und Kindheit auf sich gestellt gewesen war, war auch so schon schlimm genug und löste ein unerträglich schlechtes Gewissen in Irina aus. Sie wollte die Verfehlungen ihrer Vergangenheit, die sie besonders an Jack, Sydney und Nadia gemacht hatte wieder gutmachen.
Die jüngere ihrer beiden Töchter darüber aufzuklären woher sie kam war schon ein Anfang und würde mit etwas Glück sie und Nadia näher zusammen bringen.
„Nadia?“ Die ehemalige KGB-Agentin stellte sich Nadia gegenüber, ließ ihren Blick noch einmal durch das Gewölbe streifen und fügte hinzu: „zu Zeiten des Kalten Krieges, als ich noch für den KGB gearbeitet habe, war das hier ein Gefängnis, in dem der KGB mögliche Verräter verhört hat. Ich verbrachte hier viele Monate in Einzelhaft. Hier wurdest du geboren, mein Schatz.“
Der schwarzhaarigen Agentin standen Tränen in den Augen. Gänsehaut überzog ihre Arme und Beine.
Sie befanden sich also an dem Ort, an dem sie geboren worden war. Jahrelang hatte sie sich mit den verschiedensten Fragen herum gequält, hatte sich gefragt wie ihre Mutter wohl aussehen mochte, wo sie geboren worden war und wem sie ähnlicher sah: Ihrer Mutter oder ihrem Vater.
An dem Ort zu stehen, wo sie zur Welt gekommen war, zeigte ihr wie wenig sie über sich wusste, wie wenig sie trotz der Zeit, die sie schon mit Irina und Sydney verbracht hatte über ihre Familie wusste.
„Ich kann mich erinnern….“ Nadia schluckte und rollte mit den Augen um die Tränen zu unterdrücken, die ihr unwillkürlich über die Wangen liefen und brauchte eine Weile um die Fassung wieder zu finden. „Eine Frau, die sich im Waisenhaus um mich gekümmert hat, fragte mich nach meinem Geburtsdatum. Ich war die Einzige, die nicht wusste wann sie Geburtstag hatte also suchten die Betreuer einen Geburtstag für mich aus. Den Tag, an dem ich bei ihnen abgeben worden war.“ Auch Irina liefen Tränen herunter und obwohl sie wusste was ihre Tochter gleich sagen würde, unterbrach sie sie nicht. „Mom…“ Nadias Stimme zitterte als sie sich an die ehemalige KGB-Agentin direkt wandte. „wann bin ich geboren?“
Die Russin musste nicht lange über eine Antwort nachdenken. Sie erinnerte sich noch so gut an den Tag als wäre es gestern gewesen. „Es war eine ziemlich regnerische Nacht.“ Sie lächelte ein wenig als sie sich erinnerte und erzählte: „Es schien fast als wolltest du gar nicht rauskommen. Ich lag bereits 10 Stunden in den Wehen. Du warst eben immer schon ein wenig stur. Schon damals. Es war der 19. Juni 1982.“
Aus einem Impuls heraus machte Nadia einige Schritte auf ihre Mutter zu und ließ sich von ihr in die Arme nehmen. Dabei weinte sie nicht nur, weil sie endlich eine Art Gewissheit bekommen hatte, sondern auch weil sie wusste, dass sie ihr nie wieder so nahe sein würde wie jetzt, wenn erst die Wahrheit über den Mord an Kingsley herauskommen würde. Einen Mord, den sie vertuscht hatte und gar nicht wusste warum sie es ihnen nicht einfach sagen konnte.
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