4. Miguel Sanchez

Russland, Moskau

„Gute Arbeit in Frankreich!“ Sydney, die auf einer Parkbank saß, sah ein wenig auf als ihre Mutter auf sie zusteuerte und lächelte ansatzweise wegen des Lobs. Endlich hatte die Russin ihre Tochter erreicht und setzte sich neben sie.
„Wenn es bei der Zerschlagung des Covenants hilft, war´s mir ein Vergnügen.“ antwortete die CIA-Agentin mit erwartungsvollem Blick auf ihre Mutter gerichtet. Irina zögerte noch ein wenig mit neuen Informationen.

Da die ehemalige KGB-Agentin keine Anstalten machte von selbst zu reden, sprach die Agentin sie an: „Habt ihr was aus Margou herausbekommen?“
Irinas Gesichtszüge spannten sich ein wenig fast so als sei sie enttäuscht. „Leider nicht, aber wir arbeiten daran. Dafür haben wir etwas über den Teller herausgefunden, den du in Brasilien gestohlen hast. Eine der Schriftzeichen deutet auf einen Mann in Argentinien hin.“
„Miguel Sanchez.“ Sagte Sydney anstelle ihrer Mutter, was diese erstaunt die Stirn runzeln ließ.
Ein scheues Lächeln huschte über Sydneys Lippen.

Rückblende, 8 Stunden zuvor:
Katya, einige Covenant-Agenten, und Sydney und Nadia hatten sich im Konferenz-Zimmer eingefunden. „Vor ein paar Stunden hat mich eine interessante Nachricht erreicht. Unseren Leuten ist es gelungen, eine der Schriftzeichen auf dem Teller zu entschlüsseln. Die Spur führt nach Buenos Aires zu einem Mann namens Miguel Sanchez.“ Irinas Schwester hatte sich gar nicht lange mit begrüßenden Worten aufgehalten. Sydney ahnte schon, dass das Missionsbriefing mit demselben Tempo durchgezogen werden würde wie das davor.

Auf dem Monitor vor ihrem Platz erschien das Bild eines schwarzhaarigen, jungen Mannes mit Drei-Tage-Bart und zierlicher Statur, nicht besonders groß, wie Sydney seinem Steckbrief entnahm.
„Die Informationen, die ihr hier seht, sind die Einzigen, die wir über ihn haben. Diese und die, dass Sanchez vor einigen Jahren in Besitz des Buches gekommen ist, auf das eine der Zeichnungen  verweist.“ Erklärte Katya weiter.
„Eine der Zeichnungen, die auf dem Teller abgebildet sind,  zwei ineinander verschlungene Ringe, befindet sich auch auf einem alten Buch, das seit Jahrzehnten als verschollen gilt. Dieses Buch gilt als vollständigste Aufzeichnung aller Rambaldi-Artefakte. Natürlich auch mit wichtigen Hinweisen, was die weiteren Teile von Rambaldis Puzzle angeht“ übernahm ein schwarzhaariger Offizier für Sydneys Tante.


„Katya sagt, dass Miguel Sanchez mit Hilfe dieses Buches schon einige Rambaldi-Artefakte sammeln konnte, aber an Rambaldi selbst kein Interesse hätte. Er hat die Artefakte sammeln lassen und einen regelrechten Handel aufgebaut. 47 Artefakte hat er an Interessierte aus aller Welt verkauft. Nur nicht an den Covenant. Katya hat Nadia und mich damit beauftragt nach Buenos Aires zu fliegen, das Buch zu stehlen und Sanchez nach Russland zu schaffen damit wir seine Kundenliste und so alle Rambaldi-Artefakte zusammen bekommen, die für dieses Puzzle notwendig sind.“ Endete Sydney mit ihrer Erzählung über das Missionsbriefing vor wenigen Stunden. „Ich wollte dir eine Nachricht zukommen lassen, doch dann habe ich die Zeitung vor der Wohnungstür gefunden.“
Irina nickte verständnisvoll. „Gut. Wenigstens ist uns der Covenant keinen Schritt voraus.“ Wirklich zufrieden klang die Russin aber nicht.

Obwohl Sydney wusste, dass ihre Mutter etwas beunruhigte, und sie neugierig darauf war zu erfahren was Irina Sorgen machte, ignorierte die CIA-Agentin vorerst diesen Umstand und fragte stattdessen nach ihrem Gegenauftrag.
 „Sanchez stand schon mal im Visier eines Geheimdienstes. Als ich die Informationen erhalten habe, ließ ich alles überprüfen was mit ihm im Zusammenhang stand. Im Gegensatz zu Katya, habe ich mich auch beim argentinischen Geheimdienst erkundigt.“ Irina machte eine Pause, während Sydney sich merklich anspannte und Luft ein sog.
„Und?!“ hakte die CIA-Agentin mit gerunzelter Stirn nach als ihre Mutter auch nach ein paar Minuten nicht fortfuhr.  
„Es gab einen Agenten des argentinischen Geheimdienstes, der im Rahmen eines Undercover-Auftrages für Sanchez gearbeitet hat. Dieser Miguel Sanchez ist alles andere als ein Unschuldslamm. Zahlreiche Morde gehen auf sein Konto, ohne dass er dafür festgenommen wurde. Deshalb hat sich der argentinische Geheimdienst eingeschaltet und einen Agenten in seine Organisation eingeschleust. Niemand weiß so gut über diesen Mann Bescheid wie der Agent, der ihn damals ausspionieren sollte. Meinen Informanten in Buenos Aires zufolge, hat dieser Agent jeden einzelnen Kunden gekannt, mit dem er jemals Kontakt hatte.“ Irina schürzte die Lippen, machte eine kurze Pause und fügte das hinzu, was Sydney fast schon erwartet hatte: „Dieser Agent war Nadia!“
Bedrücktes Schweigen legte sich wie ein Mantel über den Park. Die Agentin glaubte einen Windhauch zu spüren und schlug den Kragen ihrer Jacke etwas nach oben um sich danach die Hände zu reiben. Sydneys Blick driftete an ihrer Mutter vorbei und zu Boden. „Das verstehe ich nicht.“ Murmelte sie und suchte wieder Blickkontakt mit Irina. „Nadia hat überhaupt nicht reagiert als der Name gefallen ist.“

Die ehemalige KGB-Agentin antwortete nur mit einer traurigen Mine und Sydney wurde klar, dass das der Gehirnwäsche zu verdanken war. Wahrscheinlich waren ein paar Dinge durch die Arbeit der Therapeuten aus Nadias Unterbewusstsein genommen worden, so dass sie sich an bestimmte Dinge nicht mehr erinnerte.
„Wie gehen wir jetzt vor?“ fragte die Jüngere der beiden Frauen.

Bevor sie antwortete, schlug Irina die Beine übereinander und ließ ihren Blick über den Park schweifen, sah aber um diese Uhrzeit, weit nach Mitternacht, nichts als Dunkelheit.
„Wir werden keine Zeit haben das Buch auszutauschen oder Sanchez gegen einen Agenten zu wechseln.“ Die ehemalige KGB-Agentin wandte den Blick wieder ihrer Tochter zu. „Wir brauchen Nadias Hilfe. Also wirst du vorgeben dich mit ihr auf den Weg nach Argentinien zu machen. Aber statt mit ihr aufzubrechen, wirst du sie mit Chloroform betäuben.“ Irina holte einen kleinen Zettel und einen Stift aus ihrer Tasche, schrieb etwas auf und reichte ihn Sydney. Darauf stand eine Adresse. Die CIA-Agentin kannte sie. Es handelte sich um eine Brücke neben einer Fabrik, an der sie immer vorbeikam, wenn sich auf den Weg machte einem Agenten eine Nachricht für ihre Mutter zu überbringen.

„Bring Nadia dort hin. Meine Leute werden schon auf euch warten. Sie bringen sie dann in unsere Zentrale, wo wir versuchen werden die Gehirnwäsche rückgängig zu machen“ fuhr die Russin fort.
„Mom, bei allem Respekt: Ich kann Sanchez nicht allein entführen und das Buch stehlen. Ich brauche einen Partner. Aber ich weigere mich noch mal mit Karimirov zusammen zu arbeiten.“ Irina musste schmunzeln über Sydneys Trotzhaltung was Karimirov anging, konnte sie aber auch ein wenig verstehen. Schließlich war ihr seine ablehnende Haltung gegenüber Sydney nicht entgangen.
Die ehemalige KGB-Agentin ersparte sich aber einen Kommentar darüber und schüttelte nur mit dem Kopf: „Keine Sorge. Du bekommst einen anderen Agenten als Partner. Der Austausch findet unter dieser Brücke statt.“

Am nächsten Morgen

Sydney versuchte sich nicht anmerken zu lassen wie nervös sie war. Zum einen hatte Irina ihr ausweichend geantwortet als sie versucht hatte von ihr zu erfahren, wer sie denn nun in Buenos Aires unterstützen sollte, zum anderen machte die Agentin sich Sorgen um ihre Schwester. Wie würde sie auf die Wahrheit reagieren? Inwieweit konnte sie tatsächlich im Sanchez-Fall helfen? Was, wenn die Arbeit der Ärzte und Therapeuten schief ging?

„Ich bin soweit, Syd.“ Die braunhaarige Agentin spürte wie sie jemand am Arm berührte, blinzelte, runzelte die Stirn und lächelte als Nadia sie mit amüsiert nach oben gezogenen Mundwinkeln ansah. „Meinst du, du kannst dich konzentrieren? Diesen Sanchez zu fassen und das Buch zu stehlen, wird sicher kein Kinderspiel.“
Sydney lächelte und berührte Nadia kurz am Arm. „Mach dir keine Sorgen. Ich schaff´ das schon!“ Die Braunhaarige ließ ihre Schwester voran gehen.

Als sie fast beim Auto in der Tiefgarage angekommen waren, holte Sydney plötzlich das in Chloroform getränkte Tuch aus ihrer Tasche und presste es Nadia mit sanfter Gewalt auf Nase und Mund. Die Schwarzhaarige wehrte sich nach Kräften, doch mit voranschreiten der Minuten nahm Nadias Gegenwehr immer weiter ab bis sie gänzlich aufhörte und die CIA-Agentin ihren erschlafften Körper in den Wagen hieven konnte.

Die Agentin war froh, dass sie den Treffpunkt auf Anhieb wieder gefunden hatte. Sofort kamen drei in Schwarz gekleidete Männer zum Auto gelaufen und halfen Sydney, Nadia in den schwarzen Van zu verfrachten, der ein Stück weiter vorn parkte. Neben dem Van stand eine schwarze BMW-Limousine, deren Türen sich öffneten als Sydney sich ihr näherte. Der Braunhaarigen stockte der Atem als sie sah wer darin gesessen hatte und nun ausstieg.
Tränen sammelten sich in ihren Augen.

„Vaughn!“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern als sie sich ihm in die Arme warf.
Der blonde Agent schloss die Augen und hielt sie in fester Umarmung als hätte er Angst sie andernfalls wieder zu verlieren. Seinen Kopf vergrub er dabei tief in ihrer Schulter.

Es dauerte ein paar Minuten bis sie sich wieder voneinander lösten. Sydney konnte immer noch nicht fassen, dass er hier war. Mit geweiteten Augen realisierte sie wem sie es zu verdanken hatte, dass ihr Freund in Russland war – ihrer Mutter!

Die Agentin hatte immer noch Tränen in den Augen als sie ihre Hand auf sein Gesicht legte, fast so als wolle sie prüfen ob das tatsächlich Vaughn war. Endlich lehnte Michael sich ein wenig nach vorn und küsste sie sanft, etwas, nach dem er sich solange gesehnt hatte.
 „Wir haben nicht viel Zeit. Nadia wird bald aufwachen.“ Sagte er als er kurz darauf wieder von ihr abließ.
Obwohl sie die Antwort schon kannte, konnte die Agentin nicht anders: Sie musste einfach fragen. „Dann bist du also mein Partner?“
Ein spitzbübisches Grinsen fegte über Michaels Mundwinkel als er antwortete: „Ja. Ich bin dein! In jeder Hinsicht!“ Auch Sydney lächelte. Dann verabschiedeten sie sich von den restlichen Männern, die sich sofort auf den Weg in die Zentrale von Irinas Organisation machten, während Sydney und Vaughn die Reise nach Buenos Aires antraten.

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Der Van steuerte eine Tiefgarage an, in der sich schon einige Ärzte mit einer Trage versammelt hatten um Nadia in Empfang zu nehmen. Bei ihnen standen Irina und ein äußerst besorgter Weiss, der erleichtert aufatmete als er den Van kommen sah. Die Hintertüren wurden geöffnet und die bewusstlose Nadia auf die Trage gelegt. Weiss stellte sich sofort daneben, machte den Versuch Nadia anzusprechen, doch sie schlief noch immer.
„Gehen sie zur Seite. Wir bringen sie auf die Krankenstation!“ drängte einer der russischen Mediziner und schob den Agent mit sanfter Gewalt beiseite. Doch Weiss ließ sich nicht so einfach davon abbringen von Nadias Seite zu weichen.
„Ich möchte mitkommen. Sie braucht mich jetzt!“ beharrte er.
„Mister Weiss, sie wird in ein paar Minuten aufwachen und verwirrt sein. Möchten sie derjenige sein, der sie dann ruhig stellt?“ Dr. Jatschenkov musterte den Schwarzhaarigen ärgerlich während seine Assistenten den Agenten auf Abstand hielten.
„Er hat Recht, Mister Weiss. Lassen sie die Männer ihre Arbeit machen.“ Irina nickte Jatschenkovs Assistenten zu, worauf die die Trage in Bewegung setzten.

Bangen Blickes musste Eric mit ansehen wie seine Freundin hinter elektrischen Metalltüren verschwand. Langsam drehte er sich zu Irina um. Sein Blick schwankte zwischen offenem Misstrauen und Angst um die Gesundheit der Frau, die er liebte.
Die Russin verstand die Besorgtheit des Agenten und versuchte ein aufmunterndes Lächeln, das von Eric aber nicht erwidert wurde. „Ich verspreche ihnen, dass ihr nichts passiert. Sie können den Ärzten vertrauen. Sie werden alles tun um die Gehirnwäsche rückgängig zu machen, die Nadia erhalten hat.“
„Es hätte gar nicht soweit kommen müssen.“ Weiss blickte die Mutter seiner Freundin mit fast ausdruckslosem Gesicht an, doch seine Augen spiegelten seine Emotionen wider. Er hatte Angst um Nadia. Sie musste ihm wirklich am Herzen liegen, dachte Irina. „Wenn sie von Anfang ehrlich ihren Töchtern gegenüber gewesen wären, dann wäre das ganze Theater überflüssig gewesen! Sie können nicht einfach mit den Beiden spielen wie es ihnen gerade passt!“ Damit ließ der schwarzhaarige Agent Irina stehen und nahm den Aufzug, der in die oberen Stockwerke, zu den Büros von Irinas Geheimorganisation fuhr.  

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Buenos Aires,
Argentinien


Sydney und Vaughn wurden in Buenos Aires von strömendem Regen empfangen, was selten genug vorkam in Argentinien. So entschlossen die beiden Agenten sich schnell ins Hotel zu fahren und dort das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Covenant hatte zwei Zimmer reservieren lassen, von dem eines eigentlich für Nadia bestimmt gewesen war.

Im Hotel angekommen und auf den Zimmern sah Sydney aus dem Fenster und beobachtete die belebte Straße unter sich. Zum ersten Mal seit ihrer Abreise drifteten ihre Gedanken zu Nadia. Sie hoffte, dass ihre Mutter erfolgreich sein würde was die Rückgängigmachung der Gehirnwäsche anging.
Es klopfte. Die Agentin zuckte zusammen und bat den Klopfenden einzutreten. Lächelnd stellte sie fest, dass es sich um Vaughn handelte.
„Hey.“ Machte der Agent schmunzelnd, sah sich im Zimmer um und fügte hinzu: „Darf ich reinkommen?“
Die Braunhaarige nickte. „Natürlich.“
Vorsichtig schloss Michael die Tür hinter sich und setzte sich auf das weiche Bett. Sydney tat es ihm gleich und so saßen sie ein paar Minuten schweigend nebeneinander. Die Agentin wusste, dass ihr Freund nicht gekommen war um über den bevorstehenden Einsatz zu reden und auch sie fand, dass es an der Zeit war das Thema anzusprechen. Irgendwann würden sie sowieso darüber reden müssen.
„Vaughn“ Sie drehte sich ihm zu, während seine Aufmerksamkeit sich auf seine Freundin richtete. Er lächelte nicht, sondern wirkte angespannt. Sydneys scheues Lächeln entspannte die Situation allerdings ein wenig. „Ich schulde dir noch eine Antwort.“

Der Blonde runzelte die Stirn und holte die Schatulle mit dem Ring aus seiner Hosentasche, den er bei sich trug seit der Nacht, in der Sydney verschwunden war. Die Braunhaarige starrte fassungslos auf das quadratische Kästchen um sich gleich darauf wieder ihrem Freund zu widmen. „Ich trage ihn bei mir seit….“ Vaughn brach ab und presste die Lippen aufeinander. Es war schmerzhaft sich daran zu erinnern was er gefühlt hatte als er feststellte, dass seine große Liebe entführt worden war. Ironischerweise arbeitete er nun genau für die Frau, die nicht nur seinen Vater auf dem Gewissen, sondern auch seine Freundin entführt hatte. „Egal wie du dich entscheidest, Syd. Ich möchte, dass du ihn behältst. Es ist deiner.“

Der Gesichtausdruck Sydneys blieb erst ernst an der Schatulle haften, wandte sich dann Michael zu und schließlich legte sie ihre Hand auf seine Wange. Der Blonde schloss die Augen als er ihre warme Hand, die sich samtweich anfühlte, auf seiner Haut spürte.
„Ich habe mich schon entschieden“ gestand sie. Vaughn öffnete die Augen und wartete gespannt darauf, dass sie etwas hinzufügte. „Ich will dich heiraten.“ Sie lächelte und der Agent musste blinzeln, dachte sich verhört zu haben. Hatte sie gerade seinen Antrag angenommen?
„Ja?“ fragte er zweifelnd.
Sydney strahlte über das ganze Gesicht. „Ja.“
„JA!“ machte Vaughn überglücklich und warf sich mit ihr auf´s Bett wo das Paar sich leidenschaftlich küsste und Michaels Hand unter Sydneys Top wanderte.

Moskau, Russland

Weiss sah durch die Fensterscheibe, die sein Büro vom Rest des Korridors trennte, wie Dr. Jatschenkov auf Irina zukam. Er konnte nicht hören was die Beiden sprachen, versuchte aber anhand ihrer Lippenbewegungen auszumachen was sie sagten, was ihm allerdings mehr schlecht als recht gelang.
Ein paar Minuten später verabschiedete sich der Therapeut von seiner Auftraggeberin und verließ den Korridor. Kaum war er weg, folgte Weiss der ehemaligen KGB-Agentin in ihr Büro. „Ging es um Nadia? Was hat er gesagt?“ Der schwarzhaarige Agent war so nervös, dass er darüber hinweg seine Wut auf Nadias Mutter vergaß, nicht mal die Tür hinter sich schloss.

Derevko ließ sich Zeit mit einer Erwiderung und sortierte stattdessen lediglich ihre Stifte. Als sie damit fertig war, lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und studierte das Gesicht des jungen Mannes ihr gegenüber. Er war nicht gegangen, blieb dabei die Braunhaarige mit flehendem Blick anzusehen. „Bitte, Ms. Derevko!“ sagte er nachdrücklich, was die Ex KGB-Agentin zu einem süffisanten Lächeln veranlasste.
„Würden sie die Tür schließen, wenn es ihnen nichts ausmacht?“ fragte sie ernst. Weiss seufzte. Er hätte es wissen sollen! Leg dich nie mit den Eltern deiner Freundin an, wenn sie am längeren Hebel sitzen.
Der Agent war schon dabei aus dem Büro zu treten, als Irina erneut sprach: „Von innen, Mister Weiss.“ Schwierig den dankbaren Gesichtsausdruck zu beschreiben, den der CIA-Agent der Russin daraufhin zuwarf.

„Nadia geht es gut. Die Therapeuten haben sie geweckt und eine Stunde mit ihr gearbeitet. Sie hatten Erfolg. Nadia hat ihren freien Willen wieder und kann sich hoffentlich an Miguel Sanchez erinnern.“ Weiss strahlte über das ganze Gesicht, doch Irina fügte ihrem Monolog noch etwas hinzu: „Ich werde jetzt zu ihr gehen und sie befragen. Allein. Sie können zu ihr sobald ich fertig bin.“ Der schwarzhaarige Agent wollte schon protestieren, besann sich aber eines besseren als er sich ins Gedächtnis rief, dass Irina – wenn sie wollte – einen Kontakt ganz verhindern konnte. Also blieb er still und nickte nur.

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Los Angeles

Sark betrat eine Kneipe, die restlos überfüllt war. Dumpfe Bässe nach der Melodie von Kevin Littles „Turn Me On“ schmetterten durch den Raum. Frauen in knappen Kleidern schmiegten sich mit verführerisch kreisenden Hüften an ihre Tanzpartner. Der Blonde musste grinsen als ihm eine schlanke Frau mit langen Beinen und blondem Haar, zuzwinkerte.
Er ging nicht näher auf die Flirtversuche ein und steuerte eine Tür an, auf der stand, dass der Zutritt nur dem Personal gestattet war. Davor stand ein farbiger, bulliger Mann, der mindestens 2 Meter groß sein musste.

„Julian Sark. Ich möchte zu Caleb“ brüllte der Ire dem Bulligen ins Ohr, worauf der Schrank von einem Mann, den Agenten eintreten ließ. Sein Weg führte ihn einen langen Gang entlang, an dessen Ende es nur eine Tür gab, durch die er trat. Sark war diesen Weg schon hundertmal entlang gegangen. Der Club gehörte einem alten Freund von ihm.

Hinter der Tür stank es noch mehr als innerhalb des Clubs nach Alkohol, Drogen und Schweiß. Rechts von Sark saß ein schmächtiger Typ mit fettigem, schwarzem Haar und las eine Zeitung. Ohne aufzusehen, erklärte er: „Hallo, Mr. Sark. Caleb ist ganz hinten.“
„Danke!“ erwiderte der Blonde knapp und ging bis zum hinteren Teil des Bereichs, der fast schon wie ein kleines Appartement wirkte. Dieser Teil war mit Tüchern vom vorderen Bereich abgetrennt. „Caleb?“ rief Sark.
Ein schwarzhaariger Mann mit Kinnbärtchen, der um die 30 Jahre alt sein musste, kam dem Iren schon entgegen. „Ich werd´ verrückt! Hat mich mein Gehör also doch nicht getäuscht! Julian Sark ist in Los Angeles!“ Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und umarmten sich. „Ich habe gehört, dass die CIA dich geschnappt hat. Was ist passiert?“
„Ich wurde rausgeholt. Von einem alten Freund“ antwortete Sark förmlich ohne näher zu erklären wie es zu seiner Freilassung gekommen war.

Caleb bot dem jungen Mann an, es sich mit ihm im hinteren Teil des Privatraumes gemütlich zu machen. Eine leicht bekleidete, rothaarige junge Frau brachte ihnen zwei Flaschen Bier.
 „Was verschlägt dich zu mir, Julian?“ Caleb grinste breit, während er den Blonden taxierte. Sark hingegen war leicht zusammen gezuckt als der Clubbesitzer ihn mit Julian angesprochen hatte. Es kam nicht oft vor, dass man ihn beim Vornamen nannte, dementsprechend ungewohnt war es für ihn.

„Ich bin geschäftlich hier, wie du wahrscheinlich schon vermutet hast. Ich suche eine junge Frau.“ Sark griff in die Innenseite seiner schwarzen Lederjacke und holte ein Foto von Nadia heraus, das er dem Clubbesitzer reichte.

Der Schwarzhaarige musterte es und runzelte die Stirn. „Ihr Name ist Nadia Santos. Und sie ist die Tochter meines Auftraggebers. Er hat mich gebeten nach ihr zu suchen“ erklärte Julian.
„Möglich, dass ich etwas weiß“ erwiderte der Clubbesitzer mit diebischem Grinsen, von dem Sark wusste was es bedeutete.
Der Blonde warf einen dicken Briefumschlag auf den Klapptisch, der zwischen ihnen stand. Zögernd hob Caleb ihn auf und zählte die Geldscheine darin. „Falls du nachzählen willst, darin befinden sich 2.000 Dollar. Die Kleine ist meinem Auftraggeber wirklich wichtig. Er ist bereit mehr zu zahlen, wenn sie gefunden und zu ihm zurück gebracht ist.“
„Und du willst wirklich nach ihr suchen? Soweit ich weiß gehört sie zu dem Verein, der dich eingelocht hat.“
„Dann weißt du also wo sie steckt?“ fragte Sark angespannt.
Caleb winkte ab. „Ich habe nur Gerüchte gehört. Die Frau, nach der du suchst, ist Agentin bei der CIA. Angeblich ist sie ein großes Rad im Getriebe was so einen Irren aus dem 15. Jahrhundert angeht…“
„Milo Rambaldi“ unterbrach Julian den Clubbesitzer ernst.
Der Schwarzhaarige nickte. „Wie ich sehe, weißt du worum es geht. Ich weiß, dass Nadia Santos eine ziemlich abgedrehte Familie hat, von deinem Auftraggeber natürlich abgesehen. Jedenfalls haben ein paar Typen sie vor kurzem entführt. Die arbeiten für eine Organisation, die sich der Covenant nennt. Hinter vorgehaltener Hand munkelt man, dass der Covenant seinen neuen Hauptsitz in Moskau haben soll.“
„Danke, Caleb. Ich melde mich bei dir.“ Hastig würgte Sark einen Schluck Bier herunter. „Du bekommst den Rest des Geldes, wenn die Arbeit erledigt ist.“ Sark war schon dabei zu gehen als der Schwarzhaarige aufsprang und seinen alten Bekannten am Arm festhielt.
„Moment mal. Was meinst du mit Arbeit?“ fragte er misstrauisch, worauf Julian mit einem breiten Grinsen antwortete. „Du wirst mich selbstverständlich nach Moskau begleiten und mir helfen die Tochter meines Auftraggebers zurück zu holen.“
„Du bist wahnsinnig, Julian! Diese Organisation, der Covenant, das ist ein anderes Kaliber! Es werden Dinge geschehen. Dinge, die alles beeinflussen. Jede noch so kleine Terrororganisation wird dagegen wie eine kleine Bankräuberbande aussehen.“

Sark war hellhörig geworden, entwand sich Calebs Griff und taxierte ihn neugierig. „Was haben sie vor? Der Covenant?“
„Sie wollen die russische Regierung stürzen. Aber vorher wollen sie noch etwas erledigen. Dieser Rambaldi hat prophezeit, dass derjenige, der alle Teile seines letzten Werkes, zusammengesetzt hat, für eine Veränderung sorgen wird, die die ganze Welt beeinflusst. Keine Ahnung was das ist. Jedenfalls haben alle Organisationen mächtig Angst davor und wir reden hier von Leuten, die nicht so leicht Schiss kriegen. Dann habe ich noch etwas über einen Passagier und eine Auserwählte, aber ich muss gestehen, dass ich ab da nicht mehr richtig zugehört habe, weil ich schon mein fünfzehntes Bier intus hatte.“
„Sydney und Nadia. Dann stimmt es also.“ Murmelte der Blonde. Auf die Frage Calebs, was er denn meinte, ging Sark gar nicht mehr ein, wandte sich von seinem alten Bekannten ab und verließ den Club auf dem schnellsten Wege.

Buenos Aires

Sydney und Vaughn standen nervös vor dem Anwesen von Miguel Sanchez. Keiner der beiden Agenten wagte es ein Wort zu sagen. Sie hatten sich einen Zeitpunkt weit nach Mitternacht ausgesucht um zuzuschlagen.
Die Lichter in Sanchez Villa waren längst erloschen und kein Laut drang mehr vom Inneren nach draußen.
„Bist du bereit?“ wandte sich Sydney an ihren Freund.
Michael wandte seinen Blick nicht vom Gebäude ab. Trotzdem antwortete er: „Ja.“ Die beiden Agenten sahen sich noch einmal an, lächelten sich aufmunternd zu und zogen die Skimasken über, die einzig zwei Schlitze für die Augen frei ließen.
Dann machten sie sich daran mit Seilen und Hacken über den ca. 5 Meter hohen Zaun zu klettern und passten dabei auf, dass sie nicht ins Visier der Überwachungskameras gerieten.

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Moskau,
Russland


Benommen sah Nadia auf und direkt in das warm lächelnde Gesicht ihrer Mutter, die neben dem Bett stand und sich nun einen Stuhl holte, auf den sie sich setzte.
„Mom?“ machte die Schwarzhaarige verwirrt und sah sich in dem Raum um, dessen sterile, weiße Wände sie zu dem richtigen Schluss kommen ließen, dass sie in einem Krankenhaus lag. „Was ist passiert?“
Irina legte Nadias Hand in ihre und lächelte. „Woran erinnerst du dich?“ Ihre Stimme hatte einen angenehm warmen Unterton, was selten oder nie vorkam. Nadia hatte ihre Mutter bisher nur als toughe Agentin erlebt und nicht als mitfühlende Mutter. Das hieß aber keineswegs, dass ihr die Berührung der ehemaligen KGB-Agentin unangenehm war.

Die Schwarzhaarige legte ihre Stirn kraus in dem Versuch sich zu erinnern. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie für Katya gearbeitet und Sydney ihr ein Tuch auf Nase und Mund gepresst hatte. „Sydney….“ Murmelte sie leise und entzog Irina die Hand.
„Sei nicht böse mit ihr. Sie hat nur getan worum ich sie gebeten habe“ erklärte die Braunhaarige ruhig. Die Argentinierin wurde immer verwirrter, was Derevko schon am Gesichtausdruck der jungen Frau erkannte. „Katya. Sie arbeitet für den Covenant und  hat dich einer Gehirnwäsche unterzogen damit du gezwungen bist ihre Befehle auszuführen“ erzählte die Ex KGB-Agentin weiter und wartete auf eine Reaktion ihrer jüngeren Tochter.
„Und ihr habt sie rückgängig gemacht?“ Irina nickte auf Nadias Frage hin nur.
„Wir brauchen deine Hilfe. Es geht um einen Kerl namens Miguel Sanchez.“ Nadias Gesichtsausdruck, der sich verfinsterte, ließ Irina erleichtert aufatmen. Ihre Tochter erinnerte sich also. 

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Buenos Aires,
Argentinien


Mit gezogenen Waffen stürmten Sydney und Vaughn durch einen geheimen Gang, der nur von zwei Männern gesichert gewesen war, die Villa von Miguel Sanchez.
Ein langer Gang erstreckte sich vor beiden Agenten. Die hinterste Tür, so wusste Sydney von den Bauplänen, führte nach oben und zu den privaten Räumen Miguels. Die Braunhaarige stand mit gezückter Pistole auf der rechten Seite, den Körper dicht an die Wand gepresst um möglichst wenig Schussfeld für unvorhergesehen auftauchende Wachen zu bieten. Michael presste seinen Körper dicht gegen die linke Wand. Seine Waffe zielte geradeaus, Richtung Tür.

Beide warteten ob weitere Wachen kamen um zu sehen, wo ihre Kollegen abgeblieben waren. Doch es kam niemand. „Okay. Es scheint sicher zu sein.“ Flüsterte Sydney und nickte dem Blonden zu. Vaughn ließ seine Freundin voran gehen, folgte ihr möglichst lautlos. Als sie an der Tür angekommen waren, stellte sich Sydney nach links, dem Türspalt zugewandt, während ihr Verlobter mit der rechten Hand den silbernen Türgriff festhielt, die Hand, in der er die Waffe hielt, ein wenig anhob. Auf das Nicken der Agentin hin, öffnete er sie.

Zwei in schwarz gekleidete Bodyguards bemerkten die Eindringlinge, forderten über Funk Verstärkung an und fingen an die beiden Agenten zu beschießen. Sydney und ihr Partner gingen hinter zwei Wandvorsprüngen in Deckung, erwiderten dabei das Feuer. Verzweifelt suchte die Agentin nach einem Weg bis zu den Räumen von Miguel vorzudringen. Doch mit jeder Minute kamen mehr Sicherheitsleute.
„Es werden immer mehr!“ rief Michael und füllte dabei sein inzwischen leer gewordenes Magazin nach. Es schien kein Ende zu nehmen: Jedes Mal, wenn sie einen Wachmann erschossen hatten, kamen sofort drei von ihnen nach.
Realisierend, dass es keinen Sinn hatte in Deckung zu bleiben, entschloss sich die Agentin mit ihrem Freund einen Frontal-Angriff zu wagen. Obgleich sie wusste, dass das riskant war. Andererseits hatten sie erst recht keine Chance, wenn sie weiter in Deckung blieben und nur das Feuer erwiderten.

Mit Michael als Feuerschutz im Rücken, rollte sich Sydney auf dem Boden ab und schlug einem der vordersten Männer per Kick die Pistole aus der Hand. Seine Kollegen waren also gezwungen in ihrer Aufmerksamkeit zu Sydney zu wechseln. Dies nutzte Vaughn um aus seiner Deckung zu kommen und mit den verbliebenen Wachen zu kämpfen. Dabei musste er gewaltig einstecken. Vor allem als zwei Männer ihn festhielten, während der Dritte sein Gesicht blutig schlug. Die Braunhaarige schaffte es unterdessen dem Kerl, mit dem sie kämpfte, die Waffe zu entwenden und ihn mit einem gezielten Kopfschuss zu töten.
Gerade als sie Vaughn zu Hilfe kommen wollte, kamen drei weitere Wachmänner angelaufen und verpassten ihr Elektroschocks, die sie bewusstlos zu Boden schickten. Vaughn, der versuchte sich von seinen Bewachern los zu reißen um seiner Verlobten zu helfen, bedrohte die übermächtige Anzahl an Wachleuten mit gezogenen Waffen und Elektrostäben, die bedrohlich summten als sie sich aufluden. Einsehend, dass er gegen die Männer nicht ankam, ergab sich der Agent und streckte die Hände nach oben.

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Moskau

„David Graham. Das ist der Kerl, an den sich der Covenant zuerst wenden wird. Er ist so was wie Miguels rechte Hand. Ein Auftragskiller, der für Miguel alle Geschäfte abgewickelt hat. Ich kann mir vorstellen, dass er die Kundenliste hat“ erzählte Nadia, machte eine Pause, während der sie ihre Mutter beobachtete wie sie sich die Details notierte.
Die Russin sah auf und lächelte.

„Danke. Das war´s auch schon für´s Erste. Ruh dich ein wenig aus.“ Irina war schon aufgestanden um zu gehen als ihr Handy klingelte. Sie nahm den Anruf entgegen und schon bei der Begrüßung wurde sie von einem hektischen Weiss unterbrochen. „Miss Derevko Vaughn und Sydney sind aufgeflogen! Wir haben ein Telefonat von Katya abgefangen. Sie schicken ein Rettungsteam. Miss Derevko, wenn wir nichts unternehmen, und das Rettungsteam Vaughn entdeckt…..Ma’ am…Sydney und Nadia könnten dadurch auffliegen!“
Irina zeigte sich betroffen, bedankte sich bei Weiss und legte auf.