22. Finally
Los Angeles
Die meisten Gäste waren schon eingetroffen. Auch die Musiker hatten bereits ihre Instrumente am Ende eines langen Ganges aufgestellt, direkt neben dem Podest, auf dem der Priester seine Predigt halten sollte.
Der Gang, den die Braut am Anfang der Zeremonie hinunter schreiten würde, war ausgelegt mit rotem Samtteppich, gesäumt von einer Wand aus weißen Rosen. Rechts und links den Gang hinunter waren Klappstühle aufgestellt.
Die rechte Seite war reserviert für die Verwandten und Freunde des Bräutigams, die linke Seite für Freunde und Verwandte der Braut.
Da Sydney und Vaughn zum größten Teil dieselben Freunde hatten, war die Aufteilung mehr für die Familienmitglieder gedacht. Schließlich konnte keiner sagen was geschehen würde, wenn Vaughns und Derevkos aufeinander trafen. Schon das Probeessen mit Monique Vaughn und Irina Derevko an einem Tisch hätte beinahe in einem Desaster geendet.
Nadia beobachtete etwas Abseits das rege Treiben. Verwandte erkundigten sich bei ihr ständig wo denn ihr Platz sei, die Kapelle erwartete Anweisungen von ihr und vom Bräutigam war auch noch nichts zu sehen.
Eine schrullige Frau mittleren Alters steuerte auf sie zu. Die Agentin schätzte sie um die Anfang fünfzig. Ihr Outfit hob sich deutlich von dem der restlichen Hochzeitsgesellschaft ab: Das Kleid war ausgefranzt, so dass es wirkte als ob eine Menge Hühner dafür ihr Leben lassen mussten. An ihrem Hals baumelten unzählige, altertümliche Amulette, deren Symbole Nadia noch nie gesehen hatte.
„Entschuldigen Sie, Kindchen. Mein Name ist Trish, ich bin Michaels Tante. Wo ist denn der Bräutigam?“ fragte sie mit unnatürlich hoher Stimme, die fast einem Piepsen gleich kam. Eine wirklich eigenwillige Erscheinung diese Trish, dachte Nadia.
Die Agentin bemühte sich um ein freundliches Lächeln, auch wenn es sie nervte, einhundertmal ein und dieselbe Frage beantworten zu müssen. „Ich bin Nadia, die Schwester der Braut. Der Bräutigam kommt sicher gleich. Bitte setzen Sie sich doch inzwischen schon und warten. Wir fangen sicher gleich an.“
„Machen Sie sich keine Sorgen“ sagte Trish leichthin und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Es wird nichts schief gehen. Ich habe extra für diesen Tag meine stärksten Schutzamulette mitgebracht. Nichts und niemand wird diese Hochzeit verhindern.“
Nadia bemühte sich nach Kräften nicht zu lachen. Schließlich wollte sie diese Frau nicht beleidigen. Manche Menschen brauchten etwas, an das sie glauben konnten, etwas, das ihnen Kraft gab.
Nadia erinnerte sich an die Obsession ihres Vaters für die Werke Rambaldis und entschied, dass der Glaube von Trish und der Glaube ihres Vaters zwei vollkommen unterschiedliche Dinge waren: Sloanes Glaube an die Werke Rambaldis brachte Menschen in Gefahr, hauptsächlich Menschen, die Nadia wichtig waren. Trishs Glaube hingegen schadete niemandem außer, dass sie sich lächerlich machte in ihrem Outfit.
„Danke, dass Sie das gemacht haben. Ich bin sicher, Sydney und Michael wissen das zu schätzen“ lächelte die Agentin freundlich. Ihr Blick glitt an Trish vorbei und fand Irina und Sydney, die die Empfangshalle gerade betraten. Sydney sah umwerfend aus in dem trägerlosen, weißen Kleid. Passend dazu trug sie weiße Samthandschuhe, die ihr bis zu den Ellbogen reichte. Der Frisör hatte sich für eine Hochsteckfrisur entschieden und Locken in ihr Haar gemacht, das den perfekten Rahmen für ihr Gesicht bot. Zusammen gehalten wurde das Ganze von dem Schleier, der nicht unendlich lang war und sie trotzdem wie eine Prinzessin aussehen ließ.
„Würden Sie mich einen Augenblick entschudigen?“ sagte Nadia hektisch und steuerte auf ihre Mutter und Sydney zu ohne eine Antwort von Vaughns Tante abzuwarten.
Ihre Schwester sah so besorgt aus, dass Nadia sich auf dem Weg zu ihr fragte was sie sagen konnte, um sie zu beruhigen und wusste nicht mal, ob sie die richtigen Worte finden würde, um Sydney zu trösten. Schließlich wusste sie selbst nicht was sie von Vaughns Verspätung halten sollte.
„Er kommt nicht!“ stellte Sydney fest als Nadia sie und Irina erreicht hatte.
„Syd, er wird kommen. Er lässt dich nicht einfach vor dem Altar stehen“ sagte Nadia überzeugt.
„Sie hat Recht, Sydney. Du musst einfach noch ein wenig Geduld haben“ bestätigte Irina.
Tief in ihrem Inneren wusste Sydney, dass sie Recht hatten. Aber trotzdem war da dieses Gefühl, dass etwas passiert war. Es ließ sich einfach nicht abstellen und mit jeder Minute, die verstrich, ohne dass Vaughn auftauchte, wurde sie unruhiger.
„Mom, er ist schon 30 Minuten überfällig und er hat sich bisher bei keinem gemeldet!“ sagte Sydney, ständig die Tür im Auge behaltend, in der Hoffnung, sie ginge auf und ihr Verlobter käme doch noch mit einer logischen Erklärung für die Verspätung.
Aber nichts tat sich. Die verdammte Tür blieb zu! Irina wollte etwas sagen, um ihre älteste Tochter zu trösten, doch so langsam gingen ihr die Argumente aus. Ihr hilfloser Blick glitt zu Nadia, die auch über tröstende Worte nachzudenken schien.
Irina atmete erleichtert auf als Jack auf sie zusteuerte, doch angesichts seines ernsten Gesichtsausdrucks verwandelte sich die Erleichterung sofort in Besorgnis.
„Es gibt Probleme. Gibt es hier einen Raum, wo wir ungestört sind?“ fragte Jack hektisch.
„Den Ankleideraum“ nickte Sydney und wies auf eine Tür aus Eichenholz neben den Toiletten.
Ihr Vater nickte und ging voran in Erwartung, dass die anderen ihm folgten, was sie auch taten.
„Dad, was ist los?“ fragte Sydney alarmiert. Panik kroch in ihr hoch wie ein Monster, das sie von innen aufzufressen drohte. Die Agentin versuchte alles, um sich zur Ruhe zu zwingen, aber sie blieb dabei erfolglos. Im Moment war sie nicht Sydney Bristow, die Agentin, sondern Sydney Bristow, der ganz normale Mensch. Die Agentin Sydney Bristow würde wahrscheinlich viel cooler bleiben und sich sofort aufmachen, um herauszufinden wo Vaughn war. Doch Sydney der Mensch hatte einfach nur Angst, dass dem Mann, den sie liebte, etwas Schlimmes zugestoßen war.
Ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich als ihr Vater einen PDA aus der Innenseite seines Mantels holte, einige Tasten bediente und ihn dann an Sydney weiterreichte. Irina und Nadia stellten sich hinter sie, damit auch sie sehen konnten was sich auf dem darauf befand.
Ein Videoband wurde abgespielt. Es zeigte Anna Espinosa, die neben einem sehr kränklich aussehenden Vaughn saß. Seine Haut war grau und obwohl der PDA-Bildschirm nicht gerade groß war, konnte man deutlich Schweißperlen auf seiner Stirn erkennen als die Kamera nah genug heranfuhr.
„Diese Nachricht ist für Sydney Bristow“ begann Anna und schon der bloße Klang ihrer Stimme weckte in Sydney den Wunsch, sie aufzuspüren und zu töten. „Ich habe Ihrem geliebten Mister Vaughn ein Gift injiziert. Er hat noch genau drei Tage zu leben, dann hat sich das Gift so weit in seinem Körper ausgebreitet, dass er stirbt. Wenn Sie wissen wollen wie Sie ihn retten können, treffen Sie mich heute um Mitternacht in der alten Lagerhalle an der Chrystal Street. Ich freue mich schon darauf, wieder mit Ihnen zusammen zu arbeiten.“
Das Bild wurde schwarz. Zurück blieb eine wütende Sydney, die frustriert ihren Schleier zu Boden warf und erklärte: „Die Hochzeit ist verschoben. Nadia, würdest du den Gästen bitte erklären, dass die Hochzeit heute nicht stattfinden wird?“
Es brach der Argentinierin das Herz: Sydney sah so traurig aus und es gab nichts, das sie sagen konnte, um es ihr leichter zu machen. Sie hatte sich so auf den Tag gefreut und nun das! Hatte Sydney denn nicht schon genug durchgemacht? „Sicher. Was soll ich ihnen als Grund nennen?“
„Was immer du für nötig hälst.“
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Schon tagsüber wirkte die Lagerhalle nicht gerade einladend und nachts war sie noch unheimlicher.
Nur spärlich warf der Mond sein Licht durch kleine Fenster oberhalb der Halle in den Raum. Überall standen alte Reifen herum, es roch nach Motorenöl. Sydney rümpfte die Nase und schlug den Kragen ihres Mantels ein wenig nach oben als ein Windhauch sie streifte. Konzentriert hielt sie Ausschau nach Anna.
Wenig später war das Klacken von Stöckelschuhen zu hören, deren Absätze auf den blanken Asphalt trafen. Das wenige Licht ließ deutlich die Umrisse von Anna erkennen.
Als sie vor ihr zum Stehen kam, konnte Sydney deutlich ihr Gesicht sehen, in dem sich ein wenig Amüsierung widerspiegelte. „Sie sind sehr pünktlich, Ms. Bristow“ bemerkte Anna erfreut.
„Sie sind zu spät. Was haben Sie mit meinem Verlobten gemacht?“ fragte die braunhaarige Agentin mit gleichgültiger Stimme. Sie widerstand dem Drang, auf Anna loszugehen, auch wenn es ihr schwerfiel.
Anna war die einzige, die wusste wo Vaughn war und wie man ihn heilen konnte, so sehr es Sydney auch verabscheute auf sie angewiesen zu sein. Ihre Hände ballten sich in ihrer Jackentasche zu Fäusten und das so stark, dass ihre Knöchel weiß anliefen und sich die Fingernägel in ihre Handflächen bohrten, wo sie blutige Kratzer hinterließen.
„Ich dachte, das hätte ich Ihnen auf meiner kleinen Videobotschaft schon erklärt. Hat es Ihnen gefallen?“ Diese unverschämte Frage von Anna brachte ihr nun noch einen Kinnhacken von Sydney ein, der mit solcher Kraft kam, dass ihr Kopf herumfuhr und Blut aus ihren Mundwinkeln lief.
Doch die Russin dachte nicht daran, zurück zu schlagen. Sie lächelte nur, holte ein Tuch aus ihrer Jackentasche und wischte sich damit das Blut ab. All dies tat sie ohne ihren Blick von Sydney abzuwenden. „Ich habe Ihren Verlobten vergiftet. Es existiert ein Gegengift, das nur ich habe. Vaughn muss es inerhalb der nächsten drei Tage bekommen. Wenn nicht, stirbt er.“ Die Russin fügte ihren Worten nichts hinzu.
Sydney und Anna trugen einen stummen Kampf per Blickkontakt aus. Keiner von beiden wagte es zu blinzeln, aus Angst, dies könne von der anderen als Schwäche angeshen werden.
Schließlich war es die DSC-Agentin, die die Stille durchbrach. „Was wollen Sie, Anna?“ fragte sie kalt.
„Schön, wir halten uns nicht lange mit Smalltalk auf. Das gefällt mir!“ Es war offensichtlich, dass sie Sydneys Abhängigkeit von ihr in vollen Zügen genoss. Das Leben von Michael Vaughn lag in Annas Händen.
Die Braunhaarige schwieg.
„Ich will einen Mikrochip, auf dem sich die Steuerungscodes aller amerikanischen Kommunikationssatelitten befinden. Diesen Chip findet man nur, wenn man sich über einen Zentralcomputer in Langley einhackt. Dort sind die Koordinaten gespeichert. Speichern Sie die Informationen auf einer CD und kleben Sie sie in zwei Tagen auf Sitz 47 im Kino an der 28. Straße, sonst wird ihr Verlobter sterben. Einer meiner Männer ist bei Vaughn und wartet auf meinen Befehl, ihm das Gegengift zu injzieren. Danach lassen wir ihn frei“ Anna wandte sich um und ging, ließ eine verzweifelte Sydney zurück. So hatte sie sich ihren Hochzeitstag nicht vorgestellt.
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Los Angeles,
DSC
Totenstille hatte den Besprechungsraum nach Sydneys Bericht über ihr Treffen mit Anna erfasst.
Alle Anwesenden, Nadia, Carolyn, Weiss, Dixon, Marshall, Jack, Irina und Sydney hingen ihren Gedanken nach. Sydneys Gedanken waren bei Vaughn und dabei wie es ihm wohl ging. Eines stand für sie fest: Sie würde in Langley einbrechen, um sich die Koordinaten des Mikrochips zu beschaffen, ob mit der Unterstützung des DSC oder ohne sie. Sie konnte Vaughn nicht einfach sterben lassen.
Die Gäste hatten am Abend davor natürlich nicht aufhören wollen, Fragen über den Verbleib von Vaughn zu stellen. Irina, Jack, Nadia und Weiss hatten ihr möglichstes getan, um Sydney abzuschirmen, damit sie Zeit hatte, das Ganze zu verarbeiten.
Die Agentin hatte sogar schon angefangen, sich zu fragen, ob das ein Omen war, ein warnendes Signal für ihre Ehe. Vielleicht sollte es einfach nicht sein!
Sydney warf einen verstohlenen Blick hinüber zu ihren Eltern. Auch ihre Ehe hatte kein glückliches Ende genommen.
Sie runzelte die Stirn. Allgemein schienen Ehen unter Agenten unter einem Fluch zu stehen, ständig musste man sich entscheiden zwischen Eheleben und dem Agentendasein. Die Braunhaarige war froh, wenn sie das alles bald hinter sich lassen und mit Vaughn ein neues Leben beginnen konnte. In Santa Barbara.
„Also….“ Seufzte Carolyn und richtete sich ein wenig auf. Erschrocken über das plötzliche Durchbrechen der Stille zuckte Sydney ein wenig zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Carolyn. „Du willst in Langley eindringen, um dich in den Zentralcomputer einzuhacken und so zu erfahren wo sich der Mikrochip befindet. Klingt irgendwie lustig.“ Fügte die CIA-Agentin ohne den geringsten Humor in der Stimme hinzu.
Trotzdem lächelte Sydney ein wenig und sah auf den Tisch als sie die Blicke ihrer Eltern auf sich spürte. Sie wusste, dass ihr Vater zerrissen war zwischen dem Wunsch seiner Tochter beizustehen und der Entscheidung, den Regelverstoß überhaut zu begehen.
Sydney konnte es sogar verstehen, dass sie zögerten. Diese Operation war nicht nur waghalsig, sie war auch riskant. „Ich könnte es verstehen, wenn ihr es nicht tun wollt. Ich werde auf jeden Fall nach Langley gehen, ob ihr mir helft oder nicht“ stellte die Agentin mit aller Entschlossenheit in der Stimme klar.
Irina räusperte sich und rutschte in ihrem Stuhl unbehaglich hin und her. Für sie stellte sich die Frage, einbrechen oder nicht, erst gar nicht. Sydney war ihre Tochter und sie hatte sie schon zu oft leiden sehen, hauptsächlich auch wegen den Dingen, die sie, Irina, getan hatte. Außerdem, das wusste Irina, würde es Sydney ohne Hilfe sowieso nicht gelingen bis zum Zentralcomputer vorzudringen. Man würde ihre Tochter verhaften und Sydney den Rest ihres jungen Lebens hinter Gittern verbringen. Sydney war eine fähige Agentin, aber so gut, allein und unerkannt in Langly einzubrechen war nicht mal sie.
Das Hauptquartier der CIA war schließlich kein Süßigkeitenladen, dessen Alarmanlage man nur zu umgehen brauchte. Ihre älteste Tochter wusste das, und trotzdem würde sie ohne Hilfe versuchen sich dort einzuhacken, wenn nötig. Gefühle machten Sydney zum einen zu einer starken, eine der besten Agentinnen überhaupt, aber oft ließen sie sie auch unüberlegt handeln.
„Okay. Agent Weiss? Agent Fox? Sie kümmern sich um die Gäste, sorgen dafür, dass es keine Gerüchte gibt und sagen ihnen, dass sie nicht abreisen sollen. Die Hochzeit findet auf jeden Fall statt“ wies Irina Weiss und Carolyn an, womit sie den überraschten und dankbaren Blick Sydneys auf sich zog.
„Ich soll mit Weiss zusammenarbeiten?!“ fragte Carolyn schockiert und sah den schwarzhaarigen Agenten an, der schon den Mund geöffnet hatte, um zu einer Erwiderung anzusetzen, als die Agentin mit ihren Händen eine beschwichtigende Geste machte. „Ist schon gut. Ich mache es ja.“ Begeistert klang sie aber nicht.
Weiss rollte mit den Augen. Eigentlich war ER zu bemitleiden, dass er ausgerechnet mit ihr zusammenarbeiten musste. Dass Carolyn sich als unschuldig erwiesen hatte, hieß noch lange nicht, dass Eric ihr traute. Es war nur so ein Gefühl und vor allem, weil sie anfing, sich mit Nadia anzufreunden wollte er sie im Auge behalten.
„Sydney, wir beide brechen zusammen mit Jack und Nadia in Langley ein und besorgen uns die nötigen Informationen“ wandte sich Irina an ihre Familie ohne auf das Verhalten von Carolyn und Weiss einzugehen.
Marshall hob schüchtern die Hand. „Ähm..Mit Verlaub, Ma’am. Ist es okay, wenn ich kurz was anmerke?“ Irina nickte bloß und wies den Techniker mit einer Handbewegung an, fortzufahren. „Das Sicherheitssystem zu umgehen wird schwierig werden. Ich meine in Langley ist nichts so gut geschützt wie der Zentralcomputer, auf dem sich so gut wie alle CIA-Daten befinden.“
„Er hat Recht“ warf Carolyn ein, die ihre Aufmerksamkeit von Weiss löste und sich ans andere Ende des Besprechungstisches setzte, wo ein Laptop stand. Sie bediente einige Tasten, wenig später wurde der Grundriss des Hauptquartiers in Langley auf die Bildschirme an der Wand projeziert, so dass alle etwas sehen konnten.
„Der Zentralcomputer wird nur von einem einzigen Mann bedient. Die CIA will so sicherstellen, dass niemand unbefugtes auf die streng geheimen Dateien zugreift und die Informationen an Terrororganisationen oder uns feindlich gesonnene Staaten verkauft. Der Name des Mannes ist Rick Glover. Bevor er in den Zentralcomputer kann, muss er einige Sicherheitssysteme passieren und von da an wird es knifflig.“
Carolyn bediente weitere Knöpfe und alle warteten gespannt darauf, dass sie fortfuhr.
Sydney wurde schlecht. Dort einzusteigen würde doch schwerer werden als sie gedacht hatte. Aber was hatte sie eigentlich erwartet? Das war das Hauptquartier der CIA und der Computer enthielt alle wichtigen Informationen, über die die CIA verfügte! Nicht auszudenken was passieren würde, wenn diese Informationen in die falschen Hände gelangten, in die Hände von Anna Espinosa! Es drehte der Agentin den Magen um, dass sie keine andere Wahl hatte als Anna das zu geben wonach sie verlangte.
Das machte gleichzeitig aber auch klar, dass die CIA ihr den Mikrochip nicht einfach geben würde, wenn sie danach fragte. Die Aufgabe der CIA war es, das Land zu schützen und geheime Informationen geheim zu halten, auch wenn das hieß, einen Agenten opfern zu müssen und Sydney konnte ihnen deshalb nichtmal einen Vorwurf machen.
„Der Zentralcomputer befindet sich am Ende eines langen Ganges in einem in sich abgeschlossenen Raum. Bevor Glover den Gang passieren kann, muss er an einem Augenscanner vorbei. Ist er erfolgreich, öffnet sich die Tür. Am Ende des Ganges befindet sich eine weitere Stahltür, das ist die Stimmenerfassung, die darauf programmiert ist, lediglich die Stimme von Glover zu akzeptieren. Ist Glover nicht im Raum und arbeitet am Computer, wird er von drei Sicherheitssystemen geschützt.“ Carolyn sah ernst in die Runde. „Jedes Geräusch, das lauter als das Husten einer Kakerlake ist, löst sofortigen Alarm aus.“
„Außerdem erfassen die Sensoren jede Temperaturveränderung über 20 Grad und die Berührung des Bodens löst natürlich auch Alarm aus“ fügte Marshall hinzu.
Carolyn nickte zustimmend. „Dazu wollte ich gleich kommen. Ladies und Gentlemen? Es ist ziemlich schwierig dort einzudringen, fast unmöglich.“
„Fast unmöglich, aber nicht vollkommen unmöglich. Marshall, bereiten Sie entsprechendes Equipment vor. Sie überwachen die Operation von hier aus. Falls was schiefläuft, sind wir vielleicht auf Ihre Hilfe angewiesen. Jack, Nadia, Sydney und ich fliegen noch heute Abend nach Virginia“ sagte Irina entschieden.
Jack grinste. Kam es ihm bloß so vor, oder freute sich seine Frau wirklich darauf, geheime Informationen aus Langley zu stehlen? Auch Nadias Augen schienen zu funkeln bei der Aussicht auf eine neue Herausforderung. In Langley einzubrechen und Informationen zu stehlen, verstieß so ziemlich gegen ein Dutzend Gesetze.
Bei diesem Einsatz war alles vorhanden: Nervenkitzel, Gefahr und Herausforderung. Es setzte großes Können voraus, schließlich mussten sie mehr als ein gutes Dutzend geschulte CIA-Agenten austricksen.
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„Ich könnte Kontakt zu den Toten aufnehmen, Monique und Bill bitten, Michael beizustehen!“ rief Trish und lief hinter Weiss her, der nun schon seit einer Stunde versuchte, sie loszuwerden, es aber einfach nicht schaffte. Aus irgendeinem Grund hatte Tante Trish beschlossen, ihm auf die Nerven zu gehen.
Eric drehte sich zu ihr um und versuchte höflich zu lächeln, auch wenn sich seine Genervtheit nicht so ganz verbergen ließ. Trish lächelte ihn freundlich und mit allem Enthusiasmus an, den sie aufbringen konnte. Sie wollte wirklich helfen! Eric seufzte. Sein Blick schweifte durch den Saal, der gefüllt war mit Hochzeitsgästen, denen Weiss und Carolyn bereitwillig Rede und Antwort standen – ohne dabei ins Detail zu gehen natürlich.
„Mrs….“ Eric versuchte sich krampfhaft, an ihren Nachnamen zu erinnern und verfluchte sich n Gedanken für sein schlechtes Namensgedächtnis. Gut, dass das für die Arbeit als Agent keine Grundvorraussetzung war, sonst hätte man ihn vermutlich gar nicht erst eingestellt.
Doch zu seiner Erleichterung erlöste Trish ihn aus seiner misslichen Lage, in dem sie freundlich lächelte und sich zu ihm herüber beugte, dabei eine Hand auf seine Schulter legte wie eine alte Freundin. „Bitte nennen Sie mich Trish. Das tun die Meisten.“ Sie räusperte sich und holte zu Erics Entsetzen eine Kristallkugel aus der braunen Ledertasche, die mehr Ähnlichkeit mit einem Sack als mit einer Tasche hatte.
Wollte sie ihm jetzt hier die Zukunft voraussagen? „Also? Soll ich nun Kontakt mit Monique und Bill aufnehmen? Sie werden zwar bestürzt sein, dass ihr Sohn in Gefahr schwebt, aber ich denke, sie werden Vertrauen zu Sydney haben.“ Trish dachte eine Weile über ihre Worte nach und zog dann eine Grimasse als sei ihr etwas sauer augestoßen: „Vielleicht sollte ich ihnen lieber verschweigen, dass Irina Derevko Teil dieser Operation ist.“
Der Agent legte die Hände an seine Schläfen und massierte sie als ihn ein plötzlicher Migräneanfall überkam. Eigentlich hatte Trish ja Carolyn in Beschlag genommen, doch die hatte sich geschickt aus dem Staub gemacht und ihn hier mit Vaughns verrückter Tante allein gelassen. Das war wahrscheinlich ihre Rache für etwas, von dem wahrscheinlich nur Carolyn wusste – oder vielleicht war es einfach nur ihre Abneigung gegen ihn.
Carolyn steuerte auf sie zu. Das Grinsen in ihrem Gesicht war nicht zu übersehen, während Eric ihr einen finsteren Blick zuwarf. „Alles klar bei euch?“ fragte sie unschuldig und schon allein dafür hätte er sie erwürgen können.
„Von Mr. Weiss bekomme ich keine Antwort. Also, wenn Sie mich entschuldigen, Ms. Fox? Ich muss ein Gespräch mit Monique und Bill führen.“ Damit machte Trish auf dem Absatz kehrt, empört darüber, dass dieser junge Mann ihrem Anliegen so gar keine Beachtung schenkte und auch noch genervt wirkte. Traurig, dass es immer noch Leute gab, die nicht an das Übernatürliche glaubten, an eine Welt, jenseits der Bestehenden!
„Ja und falls Sie Elvis erreichen, richten Sie ihm von mir einen schönen Gruß aus!“ rief Eric ihr beleidigt hinterher und schüttelte mit dem Kopf, fragte sich wie Michael es bei dieser Familie geschafft hatte, so normal zu sein. Allerdings stellte er sich diese Frage bei Sydney und Nadia manchmal auch.
Nachdem Trish gegangen war, wandte sich der Agent wieder an Carolyn: „Danke für’s Nichtstun!“
Die Agentin neben ihm tat überrascht und schien es noch zu genießen, die Wut in seinen Augen auflodern zu sehen. Dieser Punkt ging wohl eindeutig an sie! „Ich habe keine Ahnung was du meinst.“ Sie ging an ihm vorbei, begrüßte einige Gäste mit einem falschen Lächeln und steuerte die Bar an, dicht gefolgt von Eric.
„Du weißt ganz genau was ich meine!“ zischte der Schwarzhaarige. „Mich mit dieser Verrückten allein zu lassen! Ich dachte wir sollen uns ZUSAMMEN um die Gäste kümmern.“
Carolyn lachte und bestellte ein Glas Rotwein, während Weiss sich für ein Bier entschied. Sie setzten sich und beobachteten für einen Moment die Gäste wie sie miteinander tuschelten.Hin und wieder konnten sie einige Gesprächsfetzen aufschnappen, aus denen eindeutig hervorging, dass sie sich fragten welche Krankheit genau der Bräutigam hatte. Weiss und Carolyn waren – auf Irinas Anweisung hin - so vage wie möglich in ihren Aussagen geblieben.
Die Gäste wussten lediglich, dass Vaughn mit einem schlimmen Virus infiziert worden war und dass Sydney und ihre Familie versuchten, das Gegenmittel zu beschaffen.
„Das ist nicht komisch, Carolyn!“ zischte Eric hinter zusammengepressten Zähnen.
„Doch für mich schon“ konterte sie, drehte sich zu ihm um und ließ dabei das Glas spielerisch in ihren Händen kreisen. „Das hilft dir, an etwas anderes als an Nadia zu denken.“ Sie bemerkte den Blick des Agenten und lächelte. „Derevkos Worte nicht meine.“ Die Agentin nahm das Glas mit und ließ Weiss an der Bar allein.
Der Barkeeper kam hinzu und fragte den Agenten, ob er ihm noch was bringen könne. „Nein, aber ich gebe Ihnen einen guten Rat: Wenn Sie sich verlieben, dann sorgen Sie dafür, dass die Mutter Ihrer Freundin keine Ex KGB-Agentin ist mit einem großen Beschützerinstinkt gegenüber ihrer Tochter“ brummte Weiss und nippte an seinem Bier, immer noch ärgerlich, dass ihn Irina offenbar in diese Situation mit Trish gebracht hatte. Sollte er irgendwann mal den Mut aufbringen, Nadia einen Heiratsantrag zu machen, konnte er sich mit Irina als Schwiegermutter auf etwas gefasst machen!
Der nächste Gedanke ließ den Agenten grinsen. Sollte Vaughn Irina doch erstmal als Schwiegermutter antesten bevor Weiss darüber nachdachte, Nadia zu heiraten.
Der Barkeeper schien nicht so recht zu verstehen worauf Weiss hinauswollte und blickte ihn verwirrt an. Als der Agent seinen Worten nichts mehr hinzufügte, schüttelte er nur mit dem Kopf und widmete sch wieder den übrigen Gästen.
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Langley,
Virginia
Nadia war nervös. Auch wenn sie ihr bestes tat, um sich das nicht anmerken zu lassen. In Langley einzubrechen, um geheime Informationen zu stehlen, war kein alltäglicher Einsatz. Denn die CIA gehörte zu den Guten und waren die, für die sie normalerweise arbeitete.
Die Agentin hatte sich eine Brille aufgesetzt, mit dazu passendem, schwarzem Hosenanzug und saß in der Cafeteria, las scheinbar interessiert einen Artikel. Von Glover jedenfalls war noch keine Spur zu sehen. Langsam wurde Nadia ungeduldig, obwohl es sie doch ein wenig beruhigte, dass Jack, Sydney und Irina irgendwo in ihrer Nähe waren.
„Bin in Position, warte auf Glover“ flüsterte sie in ihr Haar und wandte ihren Blick von der Tür ab und erneut dem Magazin zu, das sie vorgab zu lesen.
Irina und Sydney kletterten den Belüftungsschacht entlang. Sie konnten Nadia nicht so laut hören wie sie gerne wollten, was wohl der Akkustik hier geschuldet war.
Während ihre Mutter sich über die Herausforderung zu freuen schien, war Sydney angespannt. Sie stand nicht nur wegen Vaughn unter Erfolgsdruck, sondern auch wegen ihrer Familie: Wenn bei dieser Operation etwas schief lief und die CIA dahinter kam, dass sie in den Zentralcomputer eingedrungen waren, dann bedeutete, dass auch für sie eine mehrjährige Haftstrafe. Nadia und Irina konnte wegen ihrer vorherigen Vergehen sogar die Todesstrafe blühen, wenn der Staatsanwalt beschloss, sie in das Verfahren mit ein zu beziehen.
Doch soweit versuchte Sydney gar nicht zu denken. Schließlich hatte sie so etwas schon mehr als hundertmal gemacht ohne erkannt zu werden und ihre Eltern und ihre Schwester waren ja auch nicht gerade Laien.
„Verstanden, Evergreen. Sind auch gleich in Position. Raptor, wie sieht’s aus?“ meldete sich Sydney über Funk.
Jack saß in einem Lieferwagen, dessen abgedunkelte Scheiben von außen nicht erkennen ließen wer darin saß.
Ein Laptop stand auf dem Amaturenbrett, das sich im hinteren Teil des Wagens befand, zusammen mit allerlei anderem technischem Gerät. Rote Punkte verrieten Jack wo sich sowohl Sydney und Irina, als auch Nadia gerade aufhielten. Sydney und Irina hatten fast den Überwachungsraum erreicht, in den sie mussten, um ein Funkmodem anzubringen, das sich im Kabel befand und von daher zu klein war, um entdeckt zu werden. So konnte sich Jack ins Sicherheitssystem einloggen und auf das Signal der Überwachungskameras zugreifen.
„Bin in Position. Phoenix, ihr habt das Ziel erreicht. Beginnt jetzt mit Phase Eins“ antwortete der grau-melierte Agent.
„Mom, wir sind da“ flüsterte Sydney ihrer Mutter zu, die sich daraufhin ein Drahtseil um die Hüfte band, während ihre Tochter die Spule nahm, um sie herunter zu lassen. Lautlos, um den Wachmann nicht zu alarmieren, schraubten sie den Boden des Belüfungsschachts auf.
Irina seilte sich hinter dem Wachmann ab und injizierte ihm eine Nadel mit Schlafmittel – Marshalls Erfindung – in den Nacken. Binnen Sekunden war der Wachmann eingeschlafen, ohne dass er Irina gesehen hatte.
„Ich bringe jetzt das Funkmodem an“ informierte Irina ihren Mann über Funk, wartete eine Weile bis das Kabel mit dem Gerät sicher angebracht war. „Kriegst du ein Signal?“
„Signal ist da. Los verschwinde, bevor der Wachmann wieder aufwacht“ antwortete Jack, was sich seine Frau nicht zweimal sagen ließ und über den gleichen Weg wieder verschwand wie sie gekommen war – mit Hilfe von Sydney, die die Spule hochzog.
Jacks Blick wechselte zu der Überwachungskamera, die Nadia beobachtete. Hoffentlich tauchte dieser Glover auch wirklich in der Kantine auf, sonst hatten sie ein Problem ihn zu finden. Ohne einen Peilsender würde Jack viel zu lange brauchen, um ihn zu finden bevor er am Zentralcomputer war.
Sowohl Jack als auch Nadia atmeten erleichtert auf als Glover endlich auftauchte und sich neben Nadia setzte ohne von seinem Magazin aufzusehen, das er gerade las. Er hielt einen Kaffeebecher in der rechten Hand und sah nur einmal auf, um ihn abzustellen.
Die Agentin lächelte kurz in seine Richtung und erst jetzt schien Glover zu bemerken, dass neben ihm jemand saß, denn er sah auf und erwiderte Nadias Lächeln, nur um wieder in sein Magazin zu blicken.
Das musste ja ein spannender Artikel sein! Überhaupt schienen alle CIA-Agenten, die in Langley arbeiteten, ihre Mittagspause mit Lesen zu verbringen. Nadia sah kaum jemanden, der sein Gesicht nicht hinter einer Zeitung, einer Zeitschrift oder hinter wichtigen Unterlagen verborgen hielt. Sie musste grinsen. Geselligkeit schien keine Eigenschaft von CIA-Mitarbeitern zu sein. Sie fragte sich, ob Weiss seine Mittagspause hier auch so verbracht hatte, den Kopf vergraben in einem Buch.
Nadia runzelte die Stirn und grinste in sich hinein. Das Einzige, das ihr Freund las waren die Sportseiten der Los Angeles Times oder Einsatzinformationen, ersteres tat er sogar eher selten, weil er sich meistens die Sportnachrichten im Fernsehen ansah. Die waren dann aber auch ein Muss.
Unbemerkt von Glover, der noch immer neben ihr saß und anscheinend die Welt um sich herum vergessen hatte, öffnete Nadia den Deckel ihres Kugelschreibers und spritzte etwas in Glovers Kaffee, das aussah wie Tinte, in Wahrheit aber reines Abführmittel war. Die neueste Spielerei von Marshall.
Die Agentin zeigte sich nicht erschrocken als Glover kurz darauf irritiert zu ihr hinüber sah. Sie lächelte verhalten und wandte ihren Blick wieder ihrem Magazin zu. Glover schüttelte über sich selbst den Kopf und nippte an seinem Kaffee. Wahrscheinlich hatte er sich nur etwas eingebildet.
Als er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Magazin widmete, stand Nadia auf und brachte im Vorbeigehen einen Peilsender an Glovers royalblauem Jackett an, in dem sie kurz seine Schulter berührte.
„Gute Arbeit, Evergreen. Ich empfange ein Signal. Komm zum Bergungspunkt“ sagte Jack zufrieden.
Nadia stellte sicher, dass sie außer Hörweite war, ehe sie antwortete: „Verstanden. Bin auf dem Weg.“
Nun waren Sydney und Irina an der Reihe. Jack lotste sie durch den Belüftungsschacht bis sie den besagten Raum erreichten, wo Sydney ihre Straßenkleidung gegen einen schwarzen Anzug tauschte, der ihre Körperwärme neutralisierte.
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Vorsichtig und in gleichmäßigem Rhythmus gab Irina Seil und ließ ihre Tochter so den langen Schacht hinunter bis sie den Computer erreicht hatte. Danach befestigte sie das Seil mithilfe einer Spule und wartete darauf, dass Sydney ihre Arbeit erledigt hatte und das Signal gab, sie wieder raufzuziehen.
Jack gelang es das Signal von der Überwachungskamera abzufangen, so dass nur er, Marshall und Nadia sahen was in dem Raum vor sich ging. Das Bild, das die Sicherheitskräfte sahen, hatte Marshall zuvor in eine Zeitschleife gelegt, um kein Misstrauen zu erwecken.
Der Techniker in Los Angeles kaute nervös an den Fingernägeln, während Sydney versuchte in dem Geschirr, an dem sie befestigt war, die Balance zu finden, dabei fast den Boden berührte. Schweiß stand ihr auf der Stirn, den sie sich schnell wegwischte, bevor ein Tropfen davon auf den Boden fallen und somit Alarm auslösen würde.
Jack schielte mit einem Auge auf einen zweiten Monitor. Glover machte sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz als er einen plötzlichen Darmdruck verspürte und zur Toilette rannte, auf seinem Weg dorthin einige Agenten beiseite schubste, die ihm böse Blicke zuwarfen. Jack und Nadia grinsten.
„Phoenix, das Abführmittel wirkt. Fortfahren wie vorgesehen“ gab Nadia über Funk durch. Sie erwartete keine Antwort, denn schließlich würde das einen Alarm auslösen. Es sollte Sydney nur ein wenig Anspannung nehmen, auch wenn das in dieser Situation kaum möglich war, wusste Nadia.
Sydney nickte bloß und tippte eine Tastenkombination. Kurz darauf tat Jack es ihr gleich. „Okay, Merlin, Phoenix ist jetzt im System. Machen Sie sich bereit für Datenempfang“ gab der ergraute Agent an Marshall durch.
„Verstanden. Sobald Sy…Ich meine natürlich Phoenix, den Verschlüsselungscode eingegeben hat und die Daten abgesendet hat, werden Sie sie auf ihrem Computer sehen“ erwiderte Marshall hektisch und so schnell, dass Jack kaum etwas verstand. Offenbar war er noch aufgeregter als Sydney, auf deren Schultern die ganze Verantwortung lastete.
Irina standen Schweißperlen auf der Stirn: Sydney wurde mit jeder Minute schwerer. Sie konnte bloß hoffen, dass ihre Tochter sich beeilen würde. Lange konnte Irina sie jedenfalls nicht mehr halten. Sie konnte auch weder Jack und Nadia, noch Sydney etwas sagen, weil schon die Stimme von oberhalb, im Lüftungsschacht, laut genug gewesen wäre, um den Alarm auszulösen.
Nadias Augen weiteten sich als sie sah, dass Glover von der Toilette zurück kam, es ihm offenbar besser ging, denn er steuerte schnellen Schrittes auf den Raum zu. Sydney war aber immer noch dabei die Daten zu senden. „Mom, Glover kommt zurück! Zieh sie rauf!“ warnte die Agentin ihre Mutter.
Irina tat wie ihr geheißen. Das Seil rutschte ein wenig unter ihren Händen, so dass sie bald bluteten. Auch Sydney hatte gehört was Nadia gesagt hatte und war deshalb nicht verwundert, dass sie raufgezogen wurde, hatte sogar zuvor noch ihre Spuren verwischt.
Glover war fast an der Tür als er erneut von einem Druck erfasst wurde, und den Weg zurückrannte, den er gekommen war, worüber Jack seine Frau informierte, die Sydney wieder runterließ, damit sie den Job zuende bringen konnte.
Marshall atmete erleichtert auf als er die vollständigen Daten mit den Koordinaten auf seinem Computer sah. „Die Daten sind da!“ schnaufte er als hätte er die ganze Zeit über die Luft angehalten. „Sie können verschwinden.“
„Sie haben keine Ahnung wie froh ich bin, das zu hören! Phoenix, ihr könnt verschwinden. Wir sehen uns am Bergungspunkt“ atmete Jack erleichtert auf und legte das Headset neben sich auf den Tisch.
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Los Angeles,
3 Tage später
Die Kapelle spielte sich warm. Nadia richtete nochmal Sydneys Kleid, die sichtlich nervös war und ständig ihr Gelöbnis vor sich hin murmelte, um es ja nicht zu vergessen.
Es klopfte an der Tür und Irina kam herein. „Ich habe gerade mit Devlin telefoniert und ihn wegen Anna gewarnt. Sie werden den Chip fälschen und mit einem Peilsender versehen, um herauszufinden für wen Anna arbeitet. Keiner ahnt, dass wir in Langley eingebrochen sind.“
„Gut“ lächelten die Schwestern erleichtert. Noch mehr als die Sache mit dem Chip erleichterte es Sydney, dass es Vaughn wieder besser ging und sie so endlich das nachholen konnten was sie drei Tage zuvor hatten verschieben müssen.
„Du siehst wunderschön aus“ flüsterte Irina ihrer ältesten Tochter zu, mit hörbarem Stolz in der Stimme.
„Ich bin so froh, dass du da bist“ erwiderte Sydney wahrheitsgemäß mit Tränen in den Augen, die sie versuchte wegzublinzeln, um ihr Make Up nicht zu verwischen.
Die Musik von draußen nahm an Intensität zu, ein Zeichen dafür, dass alle auf ihren Plätzen waren und es jede Minute soweit war. „Sie wollen anfangen. Mom, wir sollten besser auf unsere Plätze gehen“ meinte Nadia. Irina nickte, wünschte Sydney noch einmal viel Glück und folgte ihrer jüngeren Tochter nach draußen.
Dort gab Nadia dem Kapellmeister und dem Priester ein Signal, dass sie anfangen konnten. Die Kapelle begann das Lied für den Einzug der Braut zu spielen, die Gäste standen auf und Sydney trat ihren Gang zum Altar an.
Vaughn stand am Ende des Ganges und strahlte Sydney glücklich an, die nicht minder glücklich zurück lächelte.
Bei Vaughn angekommen, hörte die Kapelle auf zu spielen und der Priester ergriff das Wort: „Wir sind heute hier zusammen gekommen, um diesen Mann und diese Frau in den heiligen Bund der Ehe zu vereinen. Eine Hochzeit feiert man, nicht nur um vor Gott als Mann und Frau anerkannt zu werden, sondern es ist auch ein Sieg der Liebe zwischen zwei Menschen. Und das beste Beispiel dafür sind Sydney und Michael.“ Der Priester wandte sein Gesicht von den Zuschauern ab und Sydney und Vaughn zu, deren Hände sich ineinander verhakt hatten. In den Augen von beiden schimmerten Tränen.
Irina spähte zu Jack neben sich und sah, dass er ihren alten Ehering trug. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er ihn je getragen hatte, seit ihrem „Tod“ als Laura, sie hatte nicht mal gewusst, dass er ihn noch hatte, eigentlich gedacht, er wäre längst ein Stück Altmetall.
Ihre Blicke trafen sich. Irinas Hand suchte seine und umfasste sie. „Ich liebe dich“ formte Jack mit seinen Lippen.
„Ich liebe dich auch“ flüsterte die ehemalige KGB-Agentin und lehnte sich an ihn. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass diese junge Frau, die da vorne gerade heiratete, einst ihr kleines Mädchen gewesen war.
Gerade weil sie so viele Phasen in Sydneys Leben verpasst hatte, kam ihr das alles ziemlich unwirklich vor. Aber trotzdem war sie froh, dass es passierte.
„Wer gibt diese Frau, diesem Mann?“ fragte der Priester und blickte zu den Gästen.
„Ihre Mutter und ich“ erklärte Jack, der zusammen mit Irina aufstand und sich neben Sydney stellte, um sie dann symbolisch an Vaughn zu übergeben.
„Gut. Nachdem Sydneys Eltern sie offiziell aus ihrem alten Leben verabschiedet haben, um sie in die Obhut ihres künftigen Ehemannes zu übergeben, hören wir nun die Gelöbnisse, in denen sich beide zu ihrer Liebe füreinander offen bekennen. Sydney, machen Sie bitte den Anfang“ sagte der Priester und trat ein wenig zurück, damit die volle Aufmerksamkeit bei Sydney war.
„Michael“ begann sie und Vaughn lächelte, weil sie ihn mit Vornamen ansprach. „wir sind heute hier zusammen mit den Menschen, die ich am meisten liebe. Wir haben viel zusammen erlebt und es gab einige Momente, in denen ich dachte, dass es uns vielleicht nicht bestimmt ist, zusammen zu sein. Aber heute sind wir hier und ich kann nur sagen, dass ich mich darauf freue den Rest meines Lebens mit dir zu verbringen. Ich liebe dich“ Sie küssten sich. Die Gäste applaudierten und Irina meinte sogar, Carolyn, die neben ihr saß, sich beschämt eine Träne aus den Augenwinkeln streichen zu sehen und konnte nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken.
Der Priester nickte Vaughn zu als Sydney nichts mehr hinzufügte. „Wir kennen uns jetzt schon seit einigen Jahren. Wir haben uns kennen gelernt als du mit dieser komischen Clownsfrisur in mein Büro gekommen bist. Du hast mein Leben auf den Kopf gestellt, Sydney. Du hast es besser gemacht! Ich kriege immer noch weiche Knie, wenn ich dich sehe. So wie bei dir habe ich mich noch nie in meinem Leben gefühlt und ich will den Rest meines Lebens damit verbringen, dich so glücklich zu machen, wie du mich machst. Ich liebe dich, Sydney!“
Sydney versuchte alles, um die Tränen wegzublinzeln, doch so sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht. Wie in Zeitlupe, so kam es ihr zumindest vor, streckte sie sich ihm entgegen und küsste ihn sanft.
„Wir haben nun gehört wie sich Sydney Bristow und Michael Vaughn gegenseitig die Liebe geschworen haben, die Grundlage für jede Eheschließung ist, und um das Paar nun in den heiligen Bund der Ehe aufzunehmen, möchte ich Sie bitten alle aufzustehen.“ Die Gäste kamen der Aufforderung des Priesters nach.
Nadia reichte Sydney in ihrer Funktion als Trauzeugin den Ehering, während Weiss dasselbe machte und den zweiten Ring Vaughn gab.
„Sydney Bristow, ich frage nun Sie: Möchten Sie den hier anwesenden Michael Vaughn zu Ihrem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren bis, dass der Tod euch scheidet, so antworten Sie mit ‚Ja, ich will!“ sagte der Priester.
Sydney wandte sich ihrem Verlobten zu und antwortete mit aller Entschlossenheit: „Ja, ich will.“ Vaughn lächelte mit Tränen in den Augen und unterdrückte den Impuls, sie zu küssen, was traditionsgemäß erst erlaubt war nachdem die eigentliche Trauung vollzogen war.
Der Priester wandte sich an Vaughn: „Und ich frage auch Sie, Michael Vaughn, möchten Sie die hier anwesende Sydney Anne Bristow zu Ihrer rechtmäßig angetrauten Ehefrau nehmen, sie lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet, so antworten Sie mit ‚Ja, ich will!’“
„Ja, ich will!“ wiederholte Vaughn, dessen Stimme vor Ergriffenheit ein wenig zitterte.
Der Priester forderte Sydney und Vaughn auf, die Ringe einander anzustecken und nachdem dies getan war fügte er hinzu: „Kraft des mir vom Staate Kalifornien übertragenen Amtes, erkläre ich Sie hiermit zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut küssen!“
Als Sydney und Vaughn sich leidenschaftlich küssten, brach unter den Gästen tosender Beifall aus. Sie standen auf und klatschten als Sydney und Vaughn Hand in Hand den Gang zurückschritten, gefolgt von Nadia und Weiss.
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Sydney saß an ihrem Schreibtisch in ihrer Wohnung. Eine Wohnung, die sie nie mehr betreten würde. Die Agentin ließ ihren Blick über das Wohnzimmer zur Küche und in den Gang schweifen. Ein leises Seufzen entkam ihr als sie sich wieder ihrem Schreibtisch zuwandte, auf dem zwei Briefumschläge lagen: Einen beschriftete sie mit „Mom & Dad“ und einer trug die Aufschrift „Nadia“.
„Bist du so weit?“ riss die Agentin die vertraute Stimme von Vaughn aus ihren Gedanken, die ihr immer ein Lächeln ins Gesicht zauberte jedes Mal, wenn sie sie hörte.
„Nimmst du die Taschen vorne rechts?“ fragte Sydney und wies in den Korridor wo zwei vollgepackte Sporttaschen standen. Ihr Ehemann nickte und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen mit den Worten: „Dein Wunsch ist mir Befehl, Mrs. Vaughn!“
Sydney kicherte ein wenig über die Nennung ihres neuen Nachnamens und sah Michael hinterher wie er ihr Appartement verließ und die letzten Sachen im Auto verstaute, bevor sie sich nochmal umdrehte und sich ein letztes Mal in ihrem Appartement umsah, mit dem sie so viele Erinnerungen verband. Sie seufzte, legte die beiden Briefumschläge auf den Tresen und folgte ihrem Mann nach draußen in den Wagen.
Die Agentin verließ Los Angeles mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits freute sie sich darauf mit Michael in Santa Barbara ein neues Leben anzufangen, andererseits würden ihr ihre Kollegen und ihre Familie sehr fehlen. Doch die Entscheidung war gefallen und Sydney glaubte, dass es in vielerlei Hinsicht besser so war. Jetzt hatte dieser ganze Irrsinn um Rambaldi wenigstens ein Ende.
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Los Angeles,
Jacks und Irinas Appartement
Schon der unbeschrifetete, braune Umschlag ohne Adressat oder Absender, den er auf der Türschwelle gefunden hatte, löste bei Jack Bristow Misstrauen aus, obgleich seine Neugier doch geweckt war. Er hob ihn auf, steckte den Schlüssel ins Schloss ohne von dem Umschlag aufzusehen, fragte sich noch immer von wem er stammen könnte.
Er war ein wenig dicker und schwerer als er auf den ersten Blick vermuten ließ, offenbar befanden sich mehrere Unterlagen darin. Jack setzte sich ins Wohnzimmer auf die Couch und legte den Umschlag vor sich auf den Glastisch, überlegte, ob er ihn wirklich öffnen sollte. Was, wenn er nicht wissen wollte was darin stand? Wenn jemand nur versuchte, ihn zu manipulieren?
Jack schüttelte mit dem Kopf. Die lange Zeit als Agent schien ihn zunehmend, paranoider werden zu lassen. Zumindest kam es ihm so vor.
Entschlossen herauszufinden was sich in dem Umschlag befand, beugte sich Jack ein wenig nach vorn und riss ihn auf. Es handelte sich um ein fünfzehnseitiges Schreiben, das er überflog und mit jeder Zeile, die er las, wurden seine Augen größer und größer.
„Ich war genauso überrascht wie du“ klang es von der Tür zum Schlafzimmer her, das an das Wohnzimmer angrenzte. Jack drehte sich um und sah Irina hinter ihm stehen. Dem Ausdruck in ihren Augen zu schließen, wusste sie genau was darin stand.
Jack blickte zuerst auf das Papier in seiner Hand, dann wieder zu seiner Frau, konnte immer noch nicht so recht glauben was er da gerade gelesen hatte. Das änderte einfach alles!