21. Showdown

Los Angeles

„Ich wünschte, wir könnten die letzten zwei Tage vor der Hochzeit in Ruhe verbringen“ seufzte Sydney Bristow und lehnte sich gegen die Brust ihres Verlobten. Sie saßen auf der Terrasse ihrer Wohnung und genossen die Aussicht auf den Strand, die sich ihnen bot.
Obwohl Vaughn den Wunsch seiner Verlobten teilte, musste er grinsen. „Tja, mich würde es nicht überraschen, wenn unsere Hochzeit genauso wird wie unsere Beziehung: Stürmisch und abenteuerlich, Schatz.“ Er hauchte Sydney einen sanften Kuss auf die Stirn, die sich daraufhin aprubt aus seinen Armen löste und ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Der Agent runzelte die Stirn. „Syd, das war nur Spaß.“ Die Braunhaarige senkte ihren Blick.
Nun war Vaughn ehrlich besorgt und legte seine Hand auf ihre Wange, so dass sie ihn wieder ansah. „Und was, wenn doch etwas dazwischen kommt? Irgendein Notfall, oder eine Prophezeiung oder die Apokalypse. Wir haben soviel durchgemacht…“
„Wir führen ein aufregenderes Leben als die Meisten“ stellte Michael fest und unterbrach damit den Redeschwall seiner Verlobten. Ein Blick in Sydneys Gesicht sagte ihm, dass das genau der Punkt war, das wovor Sydney und insgeheim auch er Angst hatte: Dass ihre Ehe in diesem Beruf unter keinem guten Stern stand.

Vor allem nach den Erfahrungen, die Sydney mit Danny gemacht hatte. „Was hälst du davon, wenn wir aussteigen?“ fragte Vaughn plötzlich und erhielt für diese Frage einen überraschten Blick von seiner Verlobten.
Sie lächelte verunsichert. Hatte er diese Frage ernst gemeint oder war das nur wieder ein Scherz gewesen?
Doch Vaughns Miene blieb regungslos, nicht mal der Ansatz einers Lächelns huschte über sein Gesicht: Es war ihm also ernst. „Vaughn….“ Hauchte Sydney überrascht, die aber Lächeln musste angesichts der Vorstellung wie es wäre, ein normales Leben, abseits des Spionagegeschäfts zu führen. Schon so lange hatte sie davon gesprochen, auszusteigen. Ursprünglich hatte sie nach Dannys Tod vorgehabt nur solange weiterzumachen bis SD-6 zerschlagen war. Danach war die Sache mit ihrer Mutter, Sloane, Lauren, Nadia, dem Covenant und nun The Hand wichtiger gewesen. Aber nachdem sie die Bombe gefunden und sichergestellt hatten, The Hand somit schwer zurückgeworfen hatten, welchen Grund gab es dann noch für Sydney weiterzumachen?

Hatte sie nicht bloß weiter gemacht, weil sie nach ihrer „Auferstehung“ vor zwei Jahren keine Zukunft mehr mit Vaughn gesehen hatte? Jetzt hatte sie eine! In zwei Tagen würde sie den Mann, den sie liebte, heiraten. War das nicht Grund genug, um aufzuhören?
„Komm schon, Syd! Sag mir nicht, dass du nicht darüber nachgedacht hast. Du hast doch schon so lange davon gesprochen. Wenn wir das hier überleben, wäre der günstigste Moment, aufzuhören. Dann gäbe es für uns keinen Grund mehr, weiterzumachen“ erklärte Michael, der nun Feuer und Flamme war und sich ein wenig aufgesetzt hatte, um die Entschlossenheit seiner Worte noch zu unterstreichen.

„Meine Mutter und die CIA würden uns nicht so einfach rauslassen. Wir haben hier Pflichten, Vaughn“ beharrte Sydney, auch wenn sie selbst nicht so recht überzeugt klang.
„Dann sagen wir es ihnen einfach nicht. Wir können ihnen Briefe schreiben. Das ist immer noch unser Leben! Willst du denn nicht ein Leben ohne Gefahr führen? Was ist mit Kindern? Ich will auf jeden Fall Kinder, aber das können wir nicht bei dem Beruf, den wir haben. Die Rambaldi-Anhänger würden es als eine Art Trophäe ansehen bei deinem Status als Auserwählte.“

Die Argumente, die Vaughn da vorbrachte, waren durchaus gut und es waren auch die Argumente, die Sydney schon oft dazu gebracht hatten, über einen Ausstieg nachzudenken. Sie kam zu dem Schluss, dass ihr Verlobter Recht hatte: Wenn sie jetzt nicht ausstiegen, dann nie. Und welche, bessere Gelegenheit gab es dem Spionagegeschäft den Rücken zuzukehren als nach ihrer Hochzeit?
„In Ordnung“ grinste Sydney fröhlich. „Wir verlassen LA und ziehen irgendwo hin wo es schön ist.“
„Im Ernst?!“ fragte Vaughn überglücklich. Seine Verlobte nickte bloß. „Ich liebe dich!“ freute sich der Blonde und zog sie an sich, küsste sie liebevoll. Als Sydney an ihm vorbei und auf die Uhr in ihrem Schlafzimmer sah, das an die Terrasse angrenzte, weiteten sich ihre Augen erschrocken.
„Vaughn, wir müssen los! Unser Flugzeug nach Singapur wartet!“ Vaughns Blick folgte ihrem und ein Blick auf die Uhr, ließ auch ihn sich beeilen.

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Singapur

Das Paar  fand sich an einem belebten Marktplatz, im Herzen der Stadt, wieder. Eine Menschentraube bahnte sich ihren Weg durch die engen Gassen, die gesäumt waren mit Ständen, wo die Marktleute ihre Ware anpriesen, die hauptsächlich in tradtionellem, asiatischen Schmuck, sowie Souvenirs für Touristen bestanden.

In ihrer lässigen Kleidung wirkten Sydney und Vaughn nicht wie Agenten, sondern wie Touristen. Ein Paar auf Liebesurlaub und genauso fühlten sie sich beinahe.
Sydney musste sich ständig selbst daran erinnern, dass sie hier waren, um zu verhindern, dass The Hand eine gefährliche Bombe in die Finger bekam. Vaughn schien es genauso zu gehen, denn er war stiller als sonst. „Weißt du, wenn wir nicht wegen der Arbeit hier wären, würde ich vorschlagen, dass wir etwas Essen gehen und uns nachher die Sehenswürdigkeiten der Stadt ansehen“ murmelte der Blonde seiner Verlobten zu.
„Ja, das wäre schön“ nickte Sydney traurig. Sie erinnerte sich an den Vorschlag Vaughns, das Spionageleben endgültig hinter sich zu lassen. Noch nie war sie sich so sicher wie jetzt, dass es richtig war, auszusteigen.

Das Leben als Agentin war nicht nur gefährlich, es konnte auch zu einer enormen Belastung für ihre Ehe werden. Insofern, fand Sydney, war es das einzig Richtige bei der CIA aufzuhören, auch wenn diese Entscheidung egoistisch war und ihre Eltern vielleicht erst miteinbezogen werden sollten. Doch Sydney hatte es satt, ihre Entscheidungen von anderen abhängig machen zu müssen. Für das Spionageleben hatte sie schon soviel aufgeben müssen: Ihre Liebe, ihre Freunde und ihr Privatleben. Jetzt durfte sie ruhig mal an sich denken.

Das Paar erreichte einen Teppichstand. Der Verkäufer sah gelangweilt aus, lächelte aber als er sah, dass Sydney und Vaughn auf ihn zusteuerten. „Möchten Sie einen Teppich kaufen?“ fragte er das Paar auf Chinesisch.
Vaughn lächelte freundlich und erklärte ebenfalls auf Chinesisch: „Nein, danke. Wir sehen uns bloß um.“ Nachdem Sydney und Vaughn weiter gegangen und außer Hörweite waren, zog der Verkäufer unter seinem weißen, kurzärmeligen Hemd ein Satellitentelefon hervor und wählte eine Nummer.
„Ja?“ meldete sich die müde Stimme von Irina Derevko.
„DSC-Kontakt wurde soeben aktiviert“ informierte der Asiate seine Vorgesetzte, diesmal auf Englisch.
„Sehr gut. Fortfahren wie vorgesehen. Ich erwarte die erste Kontaktaufnahme mit den Agenten Bristow und Vaughn in zwei Stunden“ antwortete Irina und legte ohne Worte des Abschieds auf. Obwohl die Leitung abhörsicher war, wollte sie kein Risiko eingehen. Wahrscheinlich wimmelte es in Singapur nur so von The Hand-Agenten, wenn klar war, dass sich die Bombe dort befand.

Die Russin warf einen besorgten Blick auf die Uhr: Noch neun Stunden bis zur Detonation.

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Überraschte Blicke begleiteten Nadia als sie das Operationszentrum des DSC betrat. Ob die Blicke nun ihrem Auftauchen oder ihren Visionen galten, vermochte Nadia nicht zu sagen. Alles was sie wusste, war, dass sie sich unbehaglich fühlte, so als könnte alle Welt durch sie hindurch sehen.
„Willst du gehen?“ hörte sie ihren Freund hinter sich fragen als der bemerkte, dass alle sie anstarrten. Nadia schüttelte wortlos mit dem Kopf, während ihr Blick auf der Suche nach ihrer Mutter durch den Raum schweifte.
Diese steuerte von links auf das Paar zu und wies ihre Mitarbeiter an, weiter zu arbeiten. „Nadia, was machst du hier?“ fragte Irina und klang dabei strenger als sie wollte. Sie seufzte und als sie fortfuhr, klang ihre Stimme etwas sanfter als zuvor: „Du sollst dich doch ausruhen.“
„Ich will mich nicht ausruhen, Mom. Ich will helfen!“ antwortete die Schwarzhaarige selbstbewusst mit einem kurzen Blick auf Eric, der spürte, dass er hier nur störte und erklärte, dass er sich bei Dixon nach dem neuesten Stand der Dinge erkundigen wolle.

Irina bedeutete ihrer Tochter mit einem Kopfnicken ihr in den Besprechungsraum zu folgen. Dort angekommen und nachdem Nadia, die Tür hinter sich geschlossen hatte, standen sie sich zuerst schweigend gegenüber.
Die ehemalige KGB-Agentin schob ihre Hände in die Taschen ihres Hosenanzuges und taxierte ihre Tochter besorgt. Sie verstand ja, dass Nadia nicht tatenlos herumsitzen wollte, aber sie hatte schon mehr als genug getan. Abgesehen davon, dass sie von hier aus sowieso nicht mehr tun konnte als abzuwarten was für Neuigkeiten Sydney und Vaughn aus Singapur brachten.
„Ich möchte mit Carolyn sprechen. Ich glaube nicht, dass sie der Maulwurf ist. Mir kommt das einfach zu leicht vor“ sagte Nadia langsam, weil sie erwartete, dass ihre Mutter damit nicht einverstanden war.
Und genau wie sie es vermutet hatte, öffnete ihre Mutter bereits den Mund, um zu widersprechen, schloss ihn aber wieder ohne etwas gesagt zu haben. Sie verstand nicht wozu Nadia mit Carolyn sprechen wollte, was sie sich davon versprach, vielleicht musste sie das aber auch gar nicht.

Irina verstand nur eines: Ihre jüngere Tochter brauchte etwas, das sie tun konnte, Probleme, die sie bewältigen musste und vielleicht half ihr das etwas. Solange sie sich nicht überanstrengte, war es doch in Ordnung.
„Nadia, die Beweise…“
„scheinen für sich zu sprechen, ja. Oder aber jemand versucht, ihr etwas anzuhängen. Es wäre nicht das erste Mal“ fiel die Argentinierin ihrer Mutter ins Wort und erinnerte sie damit bewusst daran wie Scott Bailey es so hatte aussehen lassen als ob Sydney die CIA verraten hätte.

In der Ausbildung wurde den Rekruten immer gesagt, sie sollten lernen auf ihren Instinkt zu vertrauen. Wenn sie in einer brenzligen Situation waren und ihr Instinkt ihnen riet, wegzulaufen, dann sollten sie laufen.
Irina realisierte, dass ihre Tochter nur versuchte diese Regel, die Ausbilder in aller Welt den potenziellen Geheimagenten beibrachten, zu befolgen. Wenn Nadia Recht hatte, und Irina sie davon abhielt zu ermitteln, konnte das üble Folgen nach sich ziehen und im Moment konnte sie sich mit Carolyn nicht befassen, weil hier wegen der Bombe alles drunter und drüber ging.

„In Ordnung. Aber Agent Weiss soll dir dabei helfen.“ Nadia strahlte glücklich und machte sich schon auf den Weg nach draußen als Irina sie zurück rief. „Nadia?“ Ihre Tochter drehte sich um. Der ernste Gesichtsausdruck ihrer Mutter ließ erahnen, dass nun eine Ermahung folgte. „Ich erlaube es nur, solange es dir nicht zuviel wird, verstanden?“
Nadia nickte und verschwand ins Operationszentrum, um Eric zu holen, machte sich mit ihm anschließend gemeinsam auf zum Zellentrakt, um Carolyn zu befragen.

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Singapur

Sydney und Vaughn hatten es sich in einem Café gemütlich gemacht und genossen die Sonnenstrahlen, die ihnen ins Gesicht schienen. Mittlerweile hatten sie sich Sonnenbrillen aufgesetzt, deren Gläser so dunkel waren, dass ihre Augen dahinter nicht mehr zu sehen waren.
„Santa Barbara!“ rief Vaughn plötzlich und erntete ein überraschtes Stirnrunzeln von seiner Verlobten. Es war ein spontaner Einfall und obwohl er sich eigentlich auf ihren Einsatz konzentrieren sollte, konnte und wollte der blonde Agent seine Gedanken über die gemeinsame Zukunft mit Sydney nach der Hochzeit nicht beiseite schieben. Es war vielleicht das Einzige, das ihm über die Aufregung wegen der Bombe hinweg half. So hatte er zumindest ein Ziel, für das er kämpfte, wenn es denn soweit war und zum großen Showdown kam.

Ein Leben jenseits des Agentenlebens war für Vaughn so unvorstellbar schön, dass er es noch gar nicht glauben wollte: Er und Sydney würden ein normales Leben dort führen wo es ihnen gefiel, ohne ständig um ihr Leben fürchten zu müssen, ein Platz zum Leben, wo sie ihren Kindern dabei zusehen konnten wie sie Erwachsen wurden.
„Santa Barbara. Ich finde, wir sollten dorthin ziehen. Was denkst du?“ Vaughns Lippen zierte ein so kindliches Grinsen, dass Sydney es nicht über sich brachte, ihn daran zu erinnern, dass sie sich im Moment auf andere Dinge konzentrieren mussten.
Es wäre gelogen, zu behaupten, dass sie sich noch keine Gedanken gemacht hatte wo sie und Michael zukünftig leben würden, wenn sie erstmal verheiratet waren. Einerseits konnte sie es kaum erwarten, die Welt der Spionage endgültig hinter sich zu lassen, andererseits fühlte es sich komisch an, ihren Beruf, den sie ihr halbes Leben lang ausgeübt hatte, hinter sich zu lassen.

Die Agentin sah schon so aus, als wolle sie ihrem Verlobten widersprechen, doch dann verwandelte sich ihre überraschte Miene in ein verliebtes Lächeln. „Santa Barbara wäre großartig!“ Sie beugte sich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen sanften Kuss auf die Lippen, der erst unterbrochen wurde als der Kellner auftauchte und etwas Wein in Sydneys Glas schenkte, sich dabei so weit über sie beugte, dass er ihr unbemerkt ein Satellitentelefon zustecken konnte. Als die Agentin den Gegenstand in der Tasche ihrer Khakihose bemerkte, lächelte sie dem Kellner freundlich zu und bedankte sich.
Kurz nachdem der Mann gegangen war, holte sie den Gegenstand hervor und drückte die Wahlwiederholungstaste. Nach dreimaligem Piepen meldete sich ihre Mutter am anderen Ende der Leitung. „Basislager, hier ist Phoenix. Wir sind in Singapur. Wie sieht’s bei euch aus?“
„Es gibt Neuigkeiten über die Bombe.“ Irina schaltete um auf Lautsprecher. Sie befand sich im Besprechungsraum zusammen mit Jack, Marshall und Dixon, die alle so besorgt aussahen wie Irina es war. Gerade gut war das nicht was sie über die Bombe und ihrer Wirkungsweise erfahren hatten.
Faszinierend dabei war vor allem, dass Rambaldi es fertig gebracht, eine derartige Bombe mit so einer gewaltigen Sprengkraft im 15. Jahrhundert herzustellen. Dagegen waren alle anderen Erfindungen, die er gemacht hatte, Kinderspielzeug.

„Hallo, Syd. Also die Bombe….Ich muss sagen, Rambaldi war genial..“ Marshall verstummte sofort als er die vorwurfsvollen Blicke der anderen sah und korrigierte sich schnell: „auf eine kranke, böse, schreckliche Art und Weise. Jedenfalls, Syd, diese Bombe….Hiroshima war dagegen gar nichts. Rambaldi hat herumexperimentiert und herausgefunden wie sich waffenfähiges Plutonium herstellen lässt. Im 15. Jahrhundert! Diese Bombe, die Rambaldi entworfen hat, hat die 1 Millionen fache Sprengkraft der Hiroshima Bombe. Wenn The Hand oder irgendeine andere Terrororganisation sie auf Los Angeles wirft, dann….nun ja….existiert Los Angeles nicht mehr. Dann existiert Amerika nicht mehr.“
Am anderen Ende der Leitung war es totenstill geworden, denn Sydney war noch viel zu sehr damit beschäftigt, das zu verarbeiten was Marshall ihr da gerade erzälhlt hatte. Die 1 Million fache Sprengkraft von Hiroshima!
Sydney hatte den zweiten Weltkrieg zwar nicht miterlebt, aber aus dem was sie im Fernsehen über Hiroshima gesehen hatte, musste es den Menschen damals wie das Ende der Welt vorgekommen sein, was es in gewisser Weise auch gewesen war.

Nur eine Sache wollte der Agentin nicht in den Kopf: Wozu hatte Rambaldi Pläne gemacht für eine Waffe, mit solch zerstörerischer Kraft? Oder hatte er, obwohl er doch so ein großes Genie war, nicht damit gerechnet, dass jemand sein Wissen eines Tages benutzen könnte, um so eine Waffe wirklich einzusetzen? Was hatte es zu bedeuten, dass er alle Details über die Bombe ausgerechnet in Nadias Unterbewusstsein eingepflanzt hatte?
„Sydney, bist du noch dran?“ fragte Jack nachdem er und seine Frau fragende Blicke gewechselt hatten als Sydney auch auf mehrfaches Rufen nicht reagierte.

„Ja, Dad. Ich verstehe das nicht: Wieso hat Rambaldi eine Waffe mit solcher Kraft gebaut? Wollte er die Menschheit ausrotten? Ist The Hand deshalb hinter der Bombe her?“

Es war Irina, die Sydneys Fragen beantwortete, auch wenn alles was sie sagen konnte, nur auf ihren eigenen Vermutungen basierte. „Was Rambaldi gedacht hat, weiß ich nicht. Wir können nur darüber spekulieren was sein Endziel war. Ich glaube nicht, dass es das war was er wollte. Vermutlich ist er im Laufe seiner Forschungen darauf gestoßen, dass man Uran anreichern kann, um es als Waffe zu benutzen. Ich denke, dass er festgestellt hat, welche Kraft das Plutonium hatte, möglicherweise hat er vorhergesehen was passieren würde und sein Wissen an dem sichersten Ort versteckt, den er finden konnte.“
„Nadia“ schloss Sydney ernst. Irina bejahte. „Ich verstehe das nicht, Mom. Wieso will The Hand diese Bombe dann einsetzen, wenn das nicht in Rambaldis Sinn gewesen wäre?“

Irina seufzte und zuckte hilflos mit den Achseln, was Sydney zwar nicht sehen konnte, dafür aber die im Besprechungsraum anwesenden Agenten. „Da kann ich auch wieder nur raten. Ich denke, es geht The Hand nicht um das was Rambaldi wollte. Sie glauben, dass alle Prophezeiungen, die er gemacht hat, einen bestimmten Grund haben, die Bombe zur Detonation zu bringen, genau wie Rambaldi es vorhergesehen hat und Nadia in ihrer Vision. Außerdem seid ihr Amerikaner nicht gerade beliebt.“ Diesen letzten Satz sprach Irina so leise aus, dass Sydney sie nicht hören konnte, wohl aber Jack, der missbilligend über diese Bemerkung die Stirn runzelte, aber jetzt nicht streiten wollte. Es gab wichtigere Dinge als politische Diskussionen über Amerika. Sydney musste diese Bombe finden!

„Nadia hat uns genaue Koordinaten geliefert wo sich die Bombe befindet. Ich schicke sie Mister Vaughn auf den PDA. Aber sei vorsichtig, Sydney. Sark und mindestens ein Dutzend The Hand-Agenten sind auch dort“ warf Jack ein. 
„Sind wir. Wir melden uns dann das nächste Mal, wenn wir die Bombe unschädlich gemacht haben.“ Sydney warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Noch sechs Stunden bis zur Detonation. Wenn alles lief wie geplant, dann hatten sie mehr als genug Zeit, um die Bombe zu entschärfen. Was alles schief laufen konnte, daran wollte Sydney im Moment gar nicht denken. Dabei hatte sie auch nicht so sehr Angst um ihr Leben, sondern um das all der Menschen, die in Gefahr waren, wenn The Hand erfolgreich war.

„Okay“ antwortete Irina unbeholfen. Sie hatte das Bedürfnis noch etwas zu sagen, aber sie wusste nicht was sie in dieser Situation sagen, wie sie sich von ihrer Tochter verabschieden sollte.
Die ehemalige KGB-Agentin hatte einfach nur Angst. Angst um Sydney, Angst um ihr eigenes Leben. Es war ein Gefühl von Dunkelheit, das an ihr zerrte und das sie sich so unbehaglich fühlen ließ und so sehr sich Irina auch bemühte, es ließ sich nicht abschütteln.

„Okay“ erwiderte Sydney enttäuscht, hatte sie doch gehofft, dass ihre Mutter ihr irgendwie Mut zusprechen würde. Doch sie konnte ihr keinen Vorwurf machen: Ihre Mutter war nun mal nicht gut in diesen Dingen.
„Sydney?“ sagte Irina plötzlich, was die braunhaarige Agentin in Singapur erschrocken zusammenfahren ließ.
Die ehemalige KGB-Agentin sagte nichts. Offenbar erwartete sie eine Erwiderung seitens ihrer Tochter.
„Ja?“ fragte Sydney, die gegen den Kloß in ihrem Hals ankämpfen musste. Wie gerne hätte sie jetzt eine Umarmung von ihrer Mutter gehabt. Sydneys Hand unter dem Tisch suchte nach der von Vaughn, ergriff sie und drückte sie als sie seine Hand gefunden hatte. Er lächelte überrascht, sagte aber nichts, sondern wartete ab.
„Die nächste Kontaktaufnahme mit uns ist erst wieder möglich, wenn ihr in unserem Sicheren Haus in Singapur seid und die Arbeit erledigt ist.“ Irina biss sich auf die Unterlippe und kämpfte gegen die Tränen an, die sich in ihren Augen ansammelten. „Ich liebe dich. Ich wollte nur, dass du das weißt. Für alle Fälle.“

Ihre Tochter konnte jetzt nichts mehr dagegen tun, die Tränen liefen ihre Wangen hinunter. „Ich liebe dich auch, Mom. Bis dann.“ Damit legte sie auf und atmete tief durch, wischte sich die Tränen ab. Ob Irina das vorausgesehen hatte oder nicht, wusste Sydney nicht. Jedenfalls hatten ihr diese drei Worte, „Ich liebe dich“, den Mut gegeben, das was auf sie zukam, in Angriff zu nehmen. Sie war ihrer Mutter dankbar dafür, dass sie genau im richtigen Moment die passenden Worte gefunden hatte, um ihrer Tochter zu zeigen, dass sie im Geiste bei ihr war, auch wenn sie nicht physisch präsent war. 
„Syd, wir schaffen das schon“ versuchte Vaughn ihr Mut zu machen.
Sydneys Gesichtsausdruck veränderte sich. Plötzlich spiegelte sich darin Zuversicht wider, sie lächelte sogar. „Ich weiß. Mein Vater schickt uns die Koordinaten auf deinen PDA. Wir sollten uns einen Wagen besorgen und so schnell wie möglich aufbrechen.“ Die Agentin wischte sich noch einmal über das Gesicht und stand auf.
Vaughn grinste. Wenn seine Verlobte so voller Tatendrang war, konnte sie nichts und niemand mehr bremsen.


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Los Angeles

Gitter fuhren unter lautem Knarren nach oben als die Wachen Carolyn aus dem Zellentrakt führten und in ein kahles Zimmer brachten, in dem sich bis auf einen Metalltisch und einem Stuhl kein Mobiliar befand.
„Setzen Sie sich. Gleich werden Agenten kommen, die Sie befragen.“ meinte einer ihrer Bewacher und verschwand wieder, einzig und allein das Klacken des sich schließenden Schlosses der Tür war zu hören. Carolyn war allein mit ihren Gedanken. Sie verstand das Ganze immer noch nicht. Wie konnte die CIA denken, dass sie, die einen überaus patriotischen Vater gehabt hatte, die CIA betrügen könnte?

Andererseits hatte Lauren Reed auch einen patriotischen Vater, einen Senator, gehabt, den sie später ermordet hatte.
Carolyn runzelte die Stirn als sie sich fragte wer sie wohl reingelegt haben könnte. Eigentlich kamen alle in Frage, die für das DSC arbeiteten. Sydney, Nadia, Vaughn und Dixon schloss sie aus, genau wie Irina und Jack. Und Marshall war zu so etwas gar nicht fähig, so herzensgut wie er von Grund auf war. Ihre Miene verdüsterte sich. Weiss kam ihr in den Sinn.
War es vielleicht kein Zufall, dass er ausgerechnet jetzt wieder in LA war und die Hochzeit, er als Trauzeuge nur ein Vorwand? Wenn dem so war, dann konnte er sich auf etwas gefasst machen!

Endlich öffnete sich wieder die Tür, aber mit den Agenten, die hereinkamen, hatte Carolyn nicht gerechnet: Es handelte sich um Nadia und Weiss! Ihr Blick verfinsterte sich als er sich auf Weiss richtete. Das passte ja hervorragend! Der Verräter durfte diejenige verhören, die er verraten hatte!
Trotzdem zwang sich Carolyn zur Freundlichkeit, beschloss abzuwarten wohin das Gespräch führte, ehe sie ein Urteil über den schwarzhaarigen Agenten fällte.

„Hallo, Carolyn“ sagte Nadia und lächelte unbeholfen. Was sollte sie denn sagen? ‚Tut mir leid, dass du inhaftiert wurdest und wie geht’s sonst so?’
Die braunhaarige Agentin wechselte in ihrer Aufmerksamkeit zu Nadia. Damit, dass die Tochter ihrer Chefin die Befragung und die weiteren Ermittlungen leiten würde, hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Arbeitete Nadia nicht zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Mutter daran, das Ende der Welt zu verhindern?

„Meine Mutter und die CIA sind davon überzeugt, dass du der Maulwurf bist.“ Nadia sah kurz hinüber zu Weiss und nachdem sie sich von ihm ein aufmunterndes Nicken geholt hatte, blickte sie wieder zu Carolyn, die darauf wartete, dass ihre Kollegin ihren Worten etwas hinzufügte, was sie nicht tat.
Offensichtlich erwartete Nadia eine Antwort von ihr. „Gut und wieso bist du dann hier?“ Carolyn klang nicht unfreundlich. Dass Nadia sie aufsuchte, obwohl alles klar zu sein schien, stimmte sie dann doch ein wenig hoffnungsvoll. Sollte es jemanden geben, der nicht an ihre Schuld glaubte? Es musste einfach so sein! Nadia war ihre einzige Chance, freigesprochen zu werden.
„Bevor wir weitermachen muss ich eines wissen: Bist du schuldig oder nicht?“ fragte Nadia ernst.
Weiss lächelte verunsichert, beugte sich zu seiner Freundin hinüber und flüsterte so leise, dass Carolyn nichts hören konnte, in ihr Ohr: „Äh….Nadia, glaubst du wirklich, dass sie uns die Wahrheit sagt, wenn sie wirklich der Maulwurf ist?“
„Muss sie nicht. Ich werde es wissen, wenn sie lügt“ erwiderte die Schwarzhaarige selbstbewusst. Obwohl Weiss nicht so recht daran glaubte, dass Nadia Carolyn durchschaute, nur weil sie sie ansah, stritt er nicht mit ihr darüber. Er vertraute seiner Freundin, außerdem war sie schließlich und endlich auch eine Derevko und die waren für Überraschungen immer gut, was es auch so aufregend machte, mit Nadia zusammen zu sein.

Carolyn blickte zwischem dem Paar hin und her. Sie musste nicht hören was Weiss Nadia ins Ohr geflüstert hatte, um zu verstehen, dass er ihr gegenüber misstrauisch war. Die Augen der brünetten Agentin verengten sich zu Schlitzen. SIE hatte allen Grund misstrauisch Weiss gegenüber zu sein. Um von dem eigenen Verrat abzulenken, jemand anderen nicht vertrauenswürdig erscheinen zu lassen, war eine klassische Methode.
„Nein, natürlich nicht! Ich würde niemals mein Land verraten! Jemand muss mich reingelegt haben.“ Bei diesen Worten richtete sich Carolyns eiskalter Blick bewusst auf Weiss, der ihrem ruhig standhielt. Es war offensichtlich, dass er ihr genauso wenig vertraute wie sie ihm.

„Schön, wir tun was wir können, um deine Unschuld zu beweisen. Ich brauche dein Passwort, um ins System zu gelangen. Wenn es Unstimmigkeiten gibt, finde ich sie.“ Meinte Nadia, die die Spannungen zwar bemerkte, sie aber nicht kommentierte. Ihre Hauptüberlegungen galten den weiteren Ermittlungsschritten und nicht den Problemen, die Weiss und Carolyn offenkundig miteinander hatten.
Die schwarzhaarige Agentin schob Carolyn einen Zettel und einen Stift zu und beobachtete wie sie Passwörter und Zugangscodes notierte, diesen Zettel anschließend Nadia zurückgab, die aufmunternd lächelte und dann mit Weiss das Verhörzimmer verließ. Bevor Weiss seiner Freundin folgte, wechselte er noch einen letzten, misstrauischen Blick mit Carolyn.

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Singapur

Nach einstündiger Autofahrt und einem zweistündigen Fußmarsch erreichten Sydney und Vaughn einen Berg. „Das soll wohl ein Witz sein?!“ keuchte Sydney, die schon viel zu erschöpft war, als dass sie auch noch den Berg hätte besteigen können.
Ihrem Verlobten erschien es nicht besser zu gehen. Er brauchte eine Weile, bis er in der Lage war, etwas zu erwidern. „Nein….Die Koordinaten führen eindeutig hierher und ich bezweifle, dass Nadia sich geirrt hat.“
Vaughn warf einen Blick zurück, auf den Weg, den sie gekommen waren: Die Straße war so eng und mit Schlamm bedeckt, dass eine Durchfahrt mit dem Auto unmöglich gewesen wäre.

Ein stechender Schmerz breitete sich in Vaughns Brust aus, so dass er sich abstützen musste, um Luft zu bekommen. „Ich glaube uns bleibt nichts anderes übrig als den Berg hinaufzusteigen.“ Der Agent hörte sich nicht gerade so an als würde er sich darauf freuen und auch Sydney war wenig erpicht darauf, aber der Gedanke an die Bombe wirkte sehr motivierend.
Trotzdem wäre Sydney beruhigter, wenn sie eine Möglichkeit hätten, das DSC zu kontaktieren, damit die sie anhand von Satelittenbildern auf das vorbereiten konnten was sie dort oben erwarten würde.

Vaughn holte seinen PDA aus der Tasche, um zu überprüfen wo sie sich befanden und wie weit es noch bis zur Bombe war.
Sydney hatte die ersten Schritte schon genommen und auch wenn sie sehr erschöpft war, schien sie sehr motiviert. Michael folgte ihr in einigem Abstand und stellte schon nach den ersten Metern fest, dass der Berg ungewöhnlich steil war, so dass sie sich an Wurzeln festhalten mussten, um nicht herunter zu fallen.

Plötzlich hörten sie Schritte und gingen hinter einem Felsen in Deckung, spähten dahinter hervor. Es waren Sark und Miromoto. Sark hielt ein Handy an sein Ohr und war in das Telefonat vertieft.
Sydney versuchte die Bombe auszumachen, konnte sie aber nirgends sehen und so blickte sie Vaughn an in der Hoffnung, er hätte sie gesehen. Doch der Agent, der ihren Blick richtig gedeutet hatte, schüttelte nur mit dem Kopf und richtete seine Aufmerksamkeit sofort wieder auf Sark.

„Was soll das heißen, Sie wissen nicht wo sie sind?! Sie werden dafür bezahlt so etwas zu wissen!“ presste Sark wütend hervor.

Miromoto formte mit seinen Lippen das Wort „Probleme?“ und erntete nur ein entnervtes Stirnrunzeln von Sark. Es stimmte, wenn man wollte, dass etwas gut gemacht wird, sollte man es am besten selbst machen. So langsam begann der Blonde sich zu fragen warum Caleb und Regis diesen Nichtsnutz Nicolai überhaupt eingestellt hatten!
Das einzig Gute, das er bisher gemacht hatte, das musste Sark zähneknirschend zugeben, war die Aktion mit den infizierten Dateien von Jack Bristow und dass er den Verdacht des Maulwurfs auf Carolyn Fox gelenkt hatte. Aber alles andere war bisher nur schlecht gewesen.

Und das auch noch bei einem Feind wie Irina Derevko, die eine der besten Strategen der Welt war, von Jack Bristow ganz zu schweigen!
„Da ist noch etwas“ hörte er Nicolai am anderen Ende der Leitung zähneknirschend zugeben. Sark seufzte und obwohl er sich vorzustellen versuchte was denn jetzt noch kommen konnte, gelang es ihm nicht. Wie konnte es denn noch schlimmer werden als jetzt? „Nadia Santos und Eric Weiss glauben nicht an Carolyns Schuld. Sie sind auf der Suche nach dem echten Maulwurf.“

Das war doch einfach nicht zu glauben! Sark war so sprachlos, dass er einige Zeit brauchte, um darauf überhaupt reagieren zu können. Schlimm genug, dass er sich jetzt darüber Gedanken machen musste wie er die Bombe zeitplangemäß zur Detonation brachte mit Sydney Bristow und Michael Vaughn im Nacken, die ihm sicher schon auf den Fersen waren, jetzt durfte er sich auch noch mit Nadia herumschlagen!! Langsam fingen die Derevkos an, ihm gehörig auf die Nerven zu gehen!
„Dann töten Sie die beiden!“ Mit diesem Befehl legte Sark auf und wandte sich an Miromoto, der hinter ihm zum Stehen gekommen waren. „Wir verlegen unseren Zeitplan vor und bringen die Bombe früher als geplant zur Detonation. Sorgen Sie dafür, dass alles vorbereitet ist.“

Obwohl es Miromoto gar nicht recht war, dass er aufeinmal in die schmutzigen Geschäfte von The Hand mit reingezogen wurde, konnte er nicht nein sagen. Dazu stand er viel zu sehr in Sarks Schuld. Deshalb erwiderte er nichts, sondern nickte bloß und ging den Weg zurück, den er mit Sark gekommen war.

Sydney hinter dem Felsen wurde kreidebleich. Sie verlegten den Zeitplan vor? Die Agentin wechselte einen Blick mit Vaughn, der wie auf’s Stichwort eine Waffe zog. Sydney tat es ihm gleich. Wenn sie jetzt nichts unternahmen, beraubten sie sich möglicherweise der einzigen Chance, Sark die Bombe abzunehmen.
Beide sprangen aus ihrem Versteck und richteten ihre Waffen auf Sark, der zuerst überrascht wirkte, aber seine Mundwinkel zu einem arroganten Grinsen verzog während er die Hände hob. „Ich habe mich schon gefragt wann sie auftauchen“ bemerkte er nicht ohne sarkastischen Unterton in der Stimme. „Sie haben mir gefehlt, Sydney.“
Die braunhaarige Agentin ging auf seine Worte nicht ein. Ihr einziger Fokus lag auf der Bombe. „Wo ist die Bombe?“ verlangte sie zu wissen und kaum hatte sie die Frage gestellt, hörten sie das Motorengeräusch, ein paar Meter weiter oberhalb des Berges. Sydney und Vaughn brauchten nicht lange, um zu realisieren, dass es sich bei dem Geräusch um den Motor eines Hubschraubers handelte.
„Lauf!“ rief Vaughn seiner Verlobten zu, die zögerte, ihn nicht allein lassen wollte. „Geh schon! Die Bombe ist wichtiger!“

Diesmal ließ Sydney sich nicht noch einmal bitten und sprintete los. Vaughn sah ihr hinterher, was sich aber als fataler Fehler erwies, denn diesen Zeitpunkt nutzte Sark und versuchte ihm die Waffe aus der Hand zu reißen. Doch Vaughn war schneller, schüttelte seine Hand ab, wodurch die Pistole aber zu Boden fiel.
Der blonde Agent versuchte einen Faustschlag in Sarks Gesicht, der von Sark aber geschickt abgeblockt wurde, er es sogar schaffte mit einem Schlag zu kontern, der Vaughn aus dem Gleichgewicht und zu Fall brachte. „Kommen Sie, ich verpasse Ihnen ein hübsches Veilchen zur Hochzeit!“ grinste der blonde The Hand-Agent, kam auf Vaughn zu und schlug ihm die Faust ins Gesicht.
Michaels Kopf fiel in den Sand, wo er liegen blieb.

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Los Angeles

Weiss näherte sich von hinten mit zwei Kaffeebechern dem Schreibtisch von Nadia. „Vorsicht, heiß und fettig“ Er dachte einen Moment nach und grinste verlegen als er ihren skeptischen Blick bemerkte. „Naja, zumindest heiß.“
„Danke“ nickte die Agentin, nahm ihm das heiße Getränk ab und nippte daran. Er war ziemlich stark, weshalb Nadia ihn sofort wieder hinstellte und auf den Bildschirm starrte.

Weiss blickte über ihre Schulter, um festzustellen was sie sich gerade durchlas. Es handelte sich um die Spesenabrechnungen von Carolyn, die sie sich nun schon zum bestimmt hundertsten Mal anschaute, als hoffe sie die Informationen würden sich ändern. „Süße, wie oft willst du dir das noch ansehen? Das bringt uns nicht weiter“ meinte er freundlich und rieb sich die Schläfen, ließ ein frustriertes Seufzen hören.
Nadia blickte kurz zu ihm hinüber, aber in ihrem Blick lag nichts vorwurfsvolles, sondern Verständnis. Er hatte ja Recht! Sich einhundertmal die Spesenabrechnungen anzusehen, brachte sie auch keinen Schritt weiter, aber im Augenblick war es das Einzige was sie tun konnten.
Nadia wünschte sich wirklich, sie könnte mehr tun. „Ich vergleiche die Spesenabrechnungen nochmal mit den Daten, die wir aus Carolyns Computer haben. Vielleicht hilft uns das weiter.“ Eric seufzte auf Nadias Worte hin nur, sagte aber nichts, weil es sie erstens sowieso nicht davon abhalten konnte und er zweitens damit einen Streit heraufbeschwören konnte, den er vermeiden wollte. Außerdem brauchte Nadia seine Unterstützung und wenn sie ihn brauchte, dann war er für sie da.

Voller Tatendrang legte er sein Jacket ab, hängte es über einen anderen Stuhl, den er zu sich heranzog und sich neben Nadia setzte. „Okay. Ich helfe dir und wenn ich den ganzen Kaffeebestand des DSC plündern muss.“
Die Agentin neben ihm grinste verschmitzt und sah ihn endlich direkt an. Dann beugte sie sich ohne Vorwarnung zu ihm hinüber, um ihn sanft zu küssen. „Du bist süß!“
„Nein, nur verliebt“ gestand er und in seinem Lächeln konnte man tatsächlich lesen wie in einem offenen Buch, die tiefe, aufrichtige Liebe, die er für Nadia empfand und zum ersten Mal war er heilfroh, dass er so unvernünftig gewesen war, es nochmal mit ihr zu versuchen.

Eric blinzelte und stellte fest, dass Nadia sich bereits wieder den Spesenabrechnungen gewidmet hatte. Sie hielt zwei Ausdrucke und einen Stift in der Hand, beugte sich über die Papiere mit einem tiefen Stirnrunzeln. „Das deckt sich überhaupt nicht mit den Spesenabrechnungen, die wir hier haben“ murmelte sie.
„Was zu erwarten war; Nadia. Das beweist nicht, dass sie unschuldig ist“ gab Eric zu bedenken und verzog das Gesicht, weil er sich an dem heißen Kaffee den Mund verbrannt hatte. Nadia beachtete ihn gar nicht. Sie schien so überzeugt von ihrem Verdacht, dass sie seinem Einwand gar nicht zugehört hatte. „Wir sind erst seit ein paar Tagen wieder zusammen und du hörst mir schon nicht mehr zu“ bemerkte der Agent mit einigem Sarkasmus in der Stimme.

Die Schwarzhaarige wandte sich wieder an ihren Freund, ihre Stirn hatte sich kraus gelegt so als würde sie über etwas nachdenken. Weiss, der nicht so recht wusste wie er reagieren sollte, verzog das Gesicht zu einer verunsicherten Miene, sagte aber nichts. Plötzlich stand Nadia auf und ging in Marshalls Büro. Eric tat es ihr gleich. „Marshall, ich muss mich von meinem Laptop aus ins Sicherheitssystem der Hotels in Thailand und der Schweiz einhacken. Das hier ist eine Liste mit den Namen der Hotels.“ Nadia händigte ihm einen Ausdruck aus, auf der die Namen der Hotels standen, in die Carolyn während ihrer angeblich ungenehmigten Aufenthalte eingecheckt war.“

Sie runzelte die Stirn als sie Marshalls skeptischen Blick bemerkte. „Können Sie das von hier aus tun?“

Marshall grinste verunsichert wegen der Entschlossenheit, die die Agentin an den Tag legte und fragte sich gleichzeitig, ob er beleidigt sein sollte, weil Nadia an seinen Fähigkeiten zweifelte. „Sie reden mit Marshall Flinkman, damit will ich sagen: Natürlich kann ich das tun, aber im Moment ist Ihre Schwester, naja eigentlich ist sie Ihre Halbschwester, aber wer nimmt es schon so genau, denn immerhin…“ Marshall verhaspelte sich, machte hektische Gesten mit der Hand und erklärte schließlich: „wegen der Bombe geht hier im Moment alles drunter und drüber und Ihre Mutter könnte meine Hilfe brauchen, falls es Ärger gibt, und nun ja das hat numal Vorrang, weil Ihre Mom könnte mich feuern…oder umbringen.“ Auf Nadias Blick hin, hob er schnell die Hände und meinte: „Nur ein Scherz. Zumindest hoffe ich das.“
„Marshall!“ warf Weiss ungeduldig ein. „Uns reicht es vollkommen, wenn Sie uns einen Zugang verschaffen. Den Rest kriegen wir allein hin.“
„In Ordnung. Geben Sie mir zwanzig Minuten“ nickte Marshall, worauf Nadia und Weiss das Büro verließen.

„Erzählst du mir jetzt was du eigentlich vorhast?“ fragte Weiss, der Nadia am Arm festhielt als sie draußen waren. Nadia zögerte. „Wir sind ein Team, schon vergessen?“

Der Grund für ihre Trennung waren Geheminisse zwischen ihnen gewesen, und so gerne Nadia ihn auch einweihen wollte, so besorgt war sie, dass er wegen ihr in Schwierigkeiten geriet. Ihre Mutter hatte zwar Recherchen bezüglich Carolyns Schuld oder Unschuld zugestimmt, aber sich unbefugt in die Sicherheitssysteme ausländischer Hotels einzuhacken, war nicht nur unhöflich, sondern konnte die USA auch in ernsthafte politische Schwierigkeiten bringen vor allem mit den asiatischen Ländern, die Amerika sowieso nicht unbedingt leiden konnten. Das konnte ihnen beiden den Job kosten, sie sogar ins Gefängnis bringen.

Aber Nadia konnte auch nicht rumsitzen in dem Wissen, dass Carolyn vielleicht unschuldig in Haft war und wie eine Terroristin behandelt wurde. „Eric, diese Sache könnte uns in Schwierigkeiten bringen. Ich will bloß nicht, dass du meinetwegen Ärger bekommst“ erkärte sie ihm.
Doch ihr Freund zuckte bloß mit den Achseln. „Du meinst im Gegensatz zu dem Ärger, in dem ich sonst stecke seit ich mit Vaughn, dir und Sydney befreundet bin?“ Als die Lippen der Agentin gequält nach unten sackten, merkte Weiss, dass er sich etwas unglücklich ausgedrückt hatte.
Er seufzte und umfasste Nadias Schultern mit beiden Händen. „Wenn es wegen dem ist was deine Mutter sagen könnte, ich habe vor ihr keine Angst.“

Nadias Kopf ruhte an seiner Wange als sie sich in seine Arme kuschelte. „Es ist nicht nur meine Mutter. Was wir machen ist verboten. Deshalb werde ich meinen Laptop mit nach Hause nehmen und mich von dort aus einhacken, sobald ich von Marshall ein okay habe.“
„Aber geht es nicht darum in einer Beziehung? Dass man dem Menschen, den man liebt beisteht, egal wie kompliziert und schwierig es ist?“ Er küsste ihr Haar.
Obwohl sie besorgt war, weil er ihr half, freute sie sich über seine Worte, denn sie kamen einem Liebesgestädnis gleich. Sie wusste, dass sie ihn nicht davon abhalten konnte, ihr zu helfen, denn wäre es umgekehrt, würde Nadia sich auch durch nichts auf der Welt daran hindern lassen, ihm zu helfen.
„Ich liebe dich“ flüsterte Nadia leise und schloss die Augen als er seine Arme um ihren Körper legte und genoss den sanften Kuss von ihm auf die Stirn.

„Ich liebe dich auch!“

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Singapur

Der Hubschrauber befand sich schon einen halben Meter über dem Boden als Sydney hinzukam. Mit letzter Kraft sprang sie nach oben und hielt sich an den unteren Tragflächen fest.

Sie hoben ab und die Agentin schloss für einen Moment der Augen, versuchte sich auf ihr Ziel zu konzentrieren und nicht an unten zu sehen. Immerhin befanden sie sich jetzt schon 1000 Meter über dem Boden.
„Wir sind zu schwer!! Ich kann so nicht auf volle Geschwindigkeit gehen!“ rief der Pilot Miromoto über den Motorenlärm zu.
Der Asiate verzog die Mundwinkel und sah nach draußen, bemerkte Sydney, die alle Mühe hatte, Halt an den Tragflächen zu finden. Außerdem schien der Motorenlärm sie fast taub zu machen. Sydney sah hoch und blickte Miromoto genau in die Augen. Zu ihrem Entsetzen holte dieser mit dem Fuß aus und trat der Agentin auf die Handflächen.

Die Agentin verzog das Gesicht vor Schmerz und geriet ein wenig ins Wanken als der Pilot den Hubschrauber ein wenig drehte, um sie abzuschütteln. Da sie den blinden Passagier auch so nicht loswurden, beugte sich Miromoto noch ein wenig tiefer über Sydney, nahm ihre Finger und versuchte ihre Hand zu öffnen, so dass sie den Halt verlor. „Nein!“ schrie die Braunhaarige entsetzt in einem verzweifelten Versuch an einen Teil in Miromoto zu appellieren, der menschlich war. Doch alles was sie erreichte war ein nur noch breiteres Grinsen des Asiaten.
„Sie werden mir fehlen! Viel Spaß in der Hölle!“ lachte er und dabei war er so unvorsichtig, dass Sydney ihre Chance sah. Die rechte Hand, die nun nicht mehr die Tragfläche umklammerte, umfasste nun den Kragen des Mannes, der schockiert erkannte, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
Funken glitzerten in Sydneys Augen. Das Blatt hatte sich soeben gewendet. „Ich wünsche IHNEN viel Spaß!“ sagte sie und stieß ihn aus dem Hubschrauber.

Alles was Sydney hörte war ein panischer Schrei, aber sie wollte nicht dabei zusehen wie Miromto hinunterfiel. Dazu war ihre Position noch zu unsicher.
Endlich fand sie wieder mit beiden Händen Halt an der Tragfläche und zog sich hoch bis sie im Inneren angekommen war. Die zuvor in ihrem Hosenbund verstaute Waffe wurde wieder gezogen als sie sich dem Pilot näherte. Ihre Waffe zeigte genau auf ihn.
„Landen! Und zwar sofort!“ befahl sie ihm. Für einen Moment sah der Pilot so aus als wolle er widersprechen, doch angesichts der Waffe, mit der Sydney ihn bedrohte sagte er nichts und kam ihrer Anweisung nach.

Unten angekommen legte sie den Pilot sofort in Handschellen. Allzu viele Hoffnungen auf ein mildes Urteil durfte er sich nicht machen.
Vaughn kam auf sie zugelaufen. Sydney stellte sofort einigermaßen bestürzt fest, dass er eine Platzwunde an der Schläfe hatte. „Vaughn, was ist passiert?“
Michael brauchte eine Weile bis er genügend Atem fand, um zu antworten. Zu schnell war er gerannt, weil er sich Sorgen um Sydney gemacht hatte. „Sark hat mich k.o. geschlagen und ist dann geflohen. Feigling!“ knurrte er. „Hast du die Bombe gesichert?“

Seine Verlobte grinste stolz und deutete ins Innere des Hubschraubers, wo sich die Bombe sicher aufbewahrt in einem Koffer befand, der mit Blei ummantelt war. Vaughn wusste nicht was er sagen sollte. Er war beeindruckt und zeigte dies auch in einem offenen Grinsen ganz deutlich. „Lass uns nach Hause fahren und endlich heiraten“ kommentierte Sydney sein Grinsen bloß mit dem leichen Anflug eines Lächelns.

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Los Angeles

Blumen sprießten in den herrlichsten Farben, die Sonne schien warm und Vögel zwitscherten in weiter Ferne.
Doch von alldem bekamen weder Nadia, noch Eric etwas mit. Denn die saßen in Nadias Wohnung vor dem Laptop und warfen sich nocheinmal ernste Blicke zu. Es schien als ob Eric seine Freundin im Stillen fragte, ob sie auch wirklich das Richtige taten. Vielleicht war Carolyn wirklich schuldig, dann war alles was sie hier taten, dass sie gegen die Regeln verstießen, vertan für nichts und wieder nichts.

Weiss sprach die Frage, die ihm auf der Zunge brannte, aber nicht aus. Was seine Freundin brauchte war Unterstützung und keine Verunsicherung oder Kritik. Deshalb lächelte er bloß, was sie erwiderte, und wandte sich schnell wieder dem Bildschirm zu.
Nadia tat es ihm gleich. Sie wusste, sie brauchte nichts sagen, um zu unterstreichen wie nervös sie war. Es war ihr deutlich anzusehen. „Ich hoffe, Marshall hat es geschafft, uns online zu bringen“ murmelte sie mehr zu sich selbst als an ihren Freund gewandt.

Hektisch glitten ihre Finger über die Tastatur als sie einen Code eintippte, der sie in das Sicherheitssystem des Schweizer Hotels bringen sollte. Wenn auch dieses Überwachungsvideo keine Entlastung für Carolyn brachte, wusste Nadia nicht was sie noch tun sollte. Alle Länder bereisen, die sie besucht hatte? Das war logistisch völlig unmöglich! Zumal es ihre Mutter niemals erlauben würde, und wenn Nadia noch so sehr versuchte sie zu überreden.

„Ich hacke mich jetzt in das Sicherheitssystem und suche nach den Überwachungsvideos von vor drei Wochen“ erklärte Nadia überflüssigerweise. Eric sah es schließlich selbst. Die Agentin biss sich auf die Unterlippe als sie das gesuchte Video fand, nur um enttäuscht in ihrem Stuhl zusammen zu sacken als sie sah, dass das Überwachungsmaterial tatsächlich Carolyn zeigte, die die Hotellobby betrat.
Eric seufzte hörbar. Obwohl er von Anfang an skeptisch gewesen war, was Nadias Vermutung bezüglich Carolyns Unschuld anging, hatte er doch gehofft, dass sie Recht hatte. Und das nicht nur weil diese ganze Aktion sie in Schwierigkeiten bringen konnte, wenn sie erst rauskam – und sie würde rauskommen, dessen war Eric sich sicher.

Weil er nicht wusste wie er seine Freundin anders trösten sollte, legte er ihr sanft die Hand auf die Schulter. „Tut mir leid, Schatz.“
Nadia zuckte unter seiner Berührung ein wenig zusammen und als sie sich zu ihm umdrehte, sah er keine Resignation in ihrem Blick wie man es hätte meinen können, sondern tiefe Entschlossenheit. Eric war verwirrt und sich ziemlich sicher, dass ihm das deutlich anzusehen war. „Ich vergrößere die Aufnahme, vielleicht lässt sich erkennen, ob das Video im Nachhinein manipuliert wurde.“
Weiss lächelte beeindruckt. „Du bist wirklich stur, weißt du das?“
Damit brachte er die Agentin dazu, sich zu ihm umzudrehen. Sie grinste verschmitzt und ihre Augen ließen das Glänzen erkennen, das er so sehr liebte. „Das ist die Frau, in die du dich verliebt hast.“
„Stimmt.“ Der Agent beugte sich zu ihr hinüber und gab ihr einen flüchtigen, sanften Kuss, der abrubt endete als Weiss den Lauf eines Gewehres sah, dessen Schatten sich auf die Wand ihm gegenüber warf. „Nadia, runter!!!“ rief er und zerrte sie unter den Tisch.

Kurz darauf zertrümmerte ein Schuss die Glasvase, die neben Nadia auf dem Tisch gestanden hatte. Sie glaubte sogar, den Windhauch der vorbeirauschenden Kugel zu spüren als Eric sie hinunter riss. Auf den Schuss folgte kurze Stille, die Nadia und Weiss nutzten, um sich nach dem Schützen umzusehen.
Sie konnten nicht glauben was sie sahen: Es war Nicolai, der eine großkalibrige Waffe in der Hand hielt und sein Magazin nachlud.
Nadia sah wütend aus und sah sich nach einer Waffe um. Eric trug seine in einem Halfter, das er um den Rücken geschnallt trug. Bevor ihr Freund dagegen protestieren konnte, nahm sie sie aus dem Halfter. „Ich geb dir Deckung. Kontaktiere das DSC. Sag ihnen, dass Nicolai der Maulwurf ist!“ zischte sie ihrem Freund zu.
„Aber, Nadia….“ Fing er an zu protestieren, doch sie schnitt ihm das Wort ab, in dem sie eine Hand auf seine Lippen legte.
„Er ist im Moment nur an mir interessiert. Also geh schon!“ Kaum hatte Nadia zuende gesprochen, zerfetzte ein weiterer Schuss die Stille.

Nicolai kam näher. Ein arrogantes Grinsen zierte sein Gesicht. „Ich muss schon sagen, Nadia, Sie überraschen mich! Ich hätte nicht gedacht, dass Sie an Carolyns Unschuld zweifeln.“
Nadia stand auf und sah sich nun ihm gegenüber. In ihrem Gesicht spiegelten sich weder Angst, noch Überraschung wider. „Ich wusste, dass Carolyn nicht der Maulwurf sein kann. Das wäre zu einfach. Sie sind es, habe ich Recht?“ 
Nicolais Grinsen wurde nur noch breiter. „Gratuliere! Sie sind ja ein richtig schlaues Mädchen.“ Er zögerte eine Weile, lachte und fügte hinzu: „und süß sind Sie auch. Also wie wollen Sie’s machen?“ Noch ehe er diese Frage zuende forumliert hatte, hob Nadia die Pistole und schoss ein paar Mal auf ihn, so dass er in Deckung gehen musste.

Auch Nadia rollte sich auf dem Boden ab und suchte Deckung hinter einem Wandvorsprung. Ihr Atem ging stoßweise, sie überprüfte ihr Magazin und hoffte, dass Eric mit Verstärkung kommen würde, bevor Nicolai sie getötet hatte.
Sie musste Zeit gewinnen! Also beschloss sie, Nicolai in ein Gespräch zu verwickeln, hoffte, dass er sich darauf einließ. „Wie hat The Hand Sie von einer Zusammenarbeit überzeugt?“ wollte sie wisssen, noch immer schwer atmend.

Es war ruhig geworden. Zu ruhig und diese Stille raubte Nadia beinahe den letzten Nerv. War er nun gegangen oder lauerte er irgendwo nur auf eine günstige Gelegenheit, sie hinterrücks zu erschießen? Die Agentin riskierte einen Blick um die Ecke. Viele Glasscherben lagen auf dem Boden, der Laptop stand noch immer so auf dem Schreibtisch wie sie ihn verlassen hatte. Doch von Nicolai war nichts zu sehen.
Nadia hob den Arm, in dem sie die Waffe hielt, ein wenig an und bewegte sich langsam vorwärts, wobei sie ihren Körper dicht gegen die Wand gepresst hielt, um den Raum möglichst gut überblicken zu können, auf einen Angriff von Nicolai vorbereitet zu sein. Plötzlich hörte sie Schritte von hinten und wurde wenig später zu Boden gerissen, was ihre Waffe über den Boden und unter einen Tisch rutschen ließ.
Sie ließ ein frustriertes Schnauben hören und schaffte es, den Angreifer so weit abzuwehren, dass sie sich umdrehen konnte. Nicolai grinste als er ihren Hals wie einen Schraubstock umfasste und zudrückte.

Nadia japste nach Luft. Ihre Hände erreichten einen Glasspliter, der wenige Zentimeter neben ihr auf dem Boden lag. Nicolai sah davon nichts. Sein Blick war starr auf das immer röter werdende Gesicht seines Opfers gerichtet. Die Agentin meinte sogar, Erregung in seinen Augen zu sehen.
Die Macht zu haben, das Leben eines anderen Menschen im Bruchteil einer Sekunde auslöschen zu können, musste ein berauschendes Gefühl sein. Zumindest für Nicolai.

Die Agentin hob mit aller Kraft den Arm, in dem sie den Glassplitter hielt, und verpasste Nicolai einen tiefen Kratzer auf dem Arm. Dieser war so überrascht, dass er zurücksprang und sich den schmerzenden Arm hielt und fluchte wütend vor sich hin, während Nadia zu ihrer Waffe hechtete, doch plötzlich geriet sie ins Stolpern und fiel zu Boden. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass der The Hand-Agent ihr rechtes Bein festgehalten hatte, damit sie die Waffe nicht erreichen konnte.
Er verdrehte das Bein schmerzhaft, das ein leises knacken von sich gab, so dass Nadia aufschrie vor Schmerz. Nicolai musste ihr wohl das Bein verdreht haben.

Der Agent lächelte über seinen Triumph und ließ von Nadia ab, zog seine Waffe und richtete sie auf die Agentin. „Keine Angst. Es wird am Ende wie ein Unfall aussehen“ meinte er und zielte.

Nadia schloss die Augen. Das war es also! Es war zuende! Sie konnte bloß nicht glauben, dass sie auf diese Art aus dem Leben scheiden würde und hoffte, dass es wenigstens schnell gehen würde.
Ein Schuss zerschliss die Stille und als sie die Augen öffnete, stellte die Argentinierin fest, dass nicht sie getroffen worden war, sondern Nicolai. Als er neben ihr zu Boden fiel, sah Nadia Weiss hinter ihm, der seine Waffe noch immer in den Händen hielt, ein grimmiger Ausdruck in den Augen.
Die Agentin machte den Versuch aufzustehen, musste aber schon bald kapitulieren, angesichts der großen Schmerzen, die ihr verletztes Bein verursachten. Wieso war Eric hier? Hatte sie ihm nicht aufgetragen, zum DSC zurück zu kehren?

„Nadia!“ rief Eric besorgt als er ihr schmerzerfülltes Stöhnen hörte und war sofort an ihrer Seite.
„Ich bin froh dich zu sehen, aber was machst du hier? Ich dachte, du wärst zum DSC gefahren.“
Weiss grinste verschmitzt. „Wie kommst du darauf, dass ich mache was du sagst?“ Nadia versuchte zu lächeln, was in Anbetracht ihrer Schmerzen mehr gequält aussah als wirklich befreit wirkte. „Ich habe deine Mutter angerufen. Sie leitet sofort alles in die Wege, damit Carolyn freikommt und schickt ein Team her, das dich zu einem Arzt bringt.“

Unter normalen Umständen wäre sie beleidigt gewesen, dass er nicht auf sie gehört hatte, aber da er ihr das Leben gerettet und zudem noch Nicolai ausgeschaltet hatte, war sie froh, dass er da war. Vorsichtig beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn sanft, genoss das Gefühl von Erics Händen an ihrer Wange und legte ihre Hände auf seine.

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