2. Captured
Los Angeles
Jack wirkte angespannt, war sich nicht sicher ob seine Erklärungsversuche dazu ausgereicht hatten Weiss und Vaughn davon abzuhalten nach Sydney und Nadia zu suchen.
Nachdem er ihnen von Irinas Plan erzählt hatte, waren beide aufgestanden und ohne ein Wort gegangen.
„Denken sie, dass Vaughn und Weiss sich von ihrer Erklärung von einem unüberlegten Schritt haben abbringen lassen?“ fragte eine Stimme. Sydneys Vater zuckte zusammen, blinzelte und fuhr sich einmal über den Mund. So in seine Gedanken vertieft, hatte er fast vergessen, dass er sich mit Devlin, Kendall und Dixon getroffen hatte um zu beraten wie weiter vorzugehen war.
„Nein. Nein, das denke ich nicht“ erwiderte Jack langsam, richtete sich auf und beäugte Devlin, der ihn zuvor angesprochen hatte.
„Was macht sie da so sicher?“ warf Dixon ein.
„Weiss und Vaughn sind verliebt. Sie würde nichts davon abhalten nach Russland zu fliegen“ Der ergraute Agent erklärte das so, als sei das die verständlichste Sache der Welt. Jedenfalls war sie das für ihn. Wenn es um Menschen ging, die er liebte, hatte Jack noch nie damit gezögert die Regeln zu brechen. Normalerweise hätte er Vaughn auch darin bestärkt, aber diese Aktion war nicht nur schlicht und einfach dämlich, sie brachte auch seine Tochter und seine Frau in Lebensgefahr.
„Was schlagen sie also vor, Mister Bristow?“ wollte Kendall wissen und räusperte sich während er diese Frage stellte.
„Wenn sie gestatten, würde ich diese Sache gerne selbst in die Hand nehmen.“ Sydneys Vater blickte von Kendall zu Devlin, dann zu Dixon und wieder zurück.
„Wenn es etwas ist, das gegen die Vorschriften verstößt…“
„Mister Devlin, Agent Vaughn ist der Freund meiner Tochter. In den letzten Jahren ist es mir gelungen eine gute Beziehung zu Sydney aufzubauen. Ich will ihn lediglich davon abhalten übereilt zu handeln.“ Jack machte eine kurze Pause und fügte dann hinzu: „Ich weiß was ich tue.“
Devlin wechselte einen Blick mit Kendall und seufzte: „Von mir aus. Aber Mister Dixon wird sie bei ihrem Vorhaben begleiten. Nur zur Sicherheit.“
Moskau, Russland
„Sydney. Es ist schön dich wieder zu sehen!“ grinste Katya breit als drei Wachmänner ihre Nichte einen langen Korridor entlang, direkt auf Irinas Schwester zu, führten. Irina hatte es vorgezogen nicht mit rein zu kommen, ihrer Tochter aber mit ihren Blicken zu verstehen gegeben, dass sie nichts zu befürchten hatte. Zumindest hatte Sydney sich entschieden das zu glauben.
„Ich wünschte ich könnte dasselbe sagen“ murmelte die Agentin. „Und bevor wir weitermachen: Ich möchte zuerst meine Schwester sehen. Sonst passiert gar nichts.“
Die Kühlheit in Sydneys Stimme, ließ Katya schmunzeln. „In Ordnung. Gehen wir zu deiner Schwester.“ Auf das Nicken der Schwarzhaarigen, trieben die Wachen die Braunhaarige zum Gehen an.
Nadia lag auf einer Pritsche. Sie hatte geschlafen, öffnete aber die Augen als Sydney das dunkle, unfreundliche Zimmer betrat. Die CIA-Agentin fühlte sich in dieser Situation schmerzlich an die erste Begegnung mit ihrer Schwester erinnert. Doch anders als damals war Nadia nicht katatonisch. Ihr Lächeln in Sydneys Richtung, zeigte, dass sie sich an ihre Schwester erinnerte. Gut! Wenigstens das konnten sie ihr nicht nehmen!, dachte die Braunhaarige grimmig.
„Ich lasse euch beide allein“ erklärte Katya und verließ das Zimmer.
Die Schwestern umarmten sich herzlich. „Seit wann bist du hier?“ Nadia lächelte freundlich, doch ihre große Schwester hatte den Eindruck, dass ihre Augen nicht mit lächelten. Es war also schon passiert: Die Gehirnwäsche war vollzogen und die Agentin wünschte ihrer Tante den Tod, wäre am liebsten aus dem Zimmer gestürmt um sie umzubringen.
„Ich bin gerade angekommen. Geht es dir gut?“ hörte die braunhaarige Agentin sich fragen.
„Ja. Wieso sollte es das nicht?“ Die Schwarzhaarige schien verwirrt. Sydney antwortete nur mit einem traurigen Lächeln während sie sich mit Nadia auf die Pritsche setzte, die genauso unbequem war wie sie für die Braunhaarige auf den ersten Blick ausgesehen hatte.
Los Angeles,
Vaughns Wohnung
Weiss ein Bier reichend, setzte Vaughn sich neben ihm auf die Couch. Er selbst hielt eine Flasche in seiner anderen Hand. Beide Agenten starrten vor sich hin. Irinas Plan machte auf der einen Seite Sinn, war aber auch sehr gefährlich.
Michael hatte den ganzen Weg zu seiner Wohnung über geschwiegen. Er versuchte ja sich damit abzufinden, dass Sydney in Russland war; Meilenweit weg von ihm und versuchte das Richtige zu tun. Dann aber zerriss es ihn beinah sie nicht sehen, oder wenigstens mit ihr telefonieren zu können.
„Und was denkst du?“ Weiss machte eine Pause, in der er an seinem Bier nippte, dann den Blick seinem Kollegen zuwandte und hinzufügte: „Über das was Jack gesagt hat? Es klingt zumindest so als hätte Derevko einen guten Plan.“
Vaughn sah seinen besten Freund kurz an und blickte wieder geradeaus. Seine Antwort kam zögernd. „Ja. Scheint so.“
Genauso wenig wie ihn die Antwort überzeugte, kam sie auch rüber. Michael sah nämlich am Blick seines Freundes, dass der ihm kein Wort glaubte.
„Du möchtest nach Moskau fliegen, stimmt´s?“ fragte der Schwarzhaarige geradeheraus.
Michael spielte mit dem Gedanken zu verneinen, aber wem wollte er etwas vormachen? Sich selbst?
Der Blonde wusste genauso gut wie Weiss, dass er keine Ruhe haben würde bis er sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatte, dass es Sydney gut ging. „Ja.“
Der schwarzhaarige Agent nickte andächtig. „Ich auch“ gestand er zögernd, worauf er einen überraschten Blick seines Freundes erntete. „Ehrlich gesagt bringt es mich um nicht zu wissen, wie es Nadia gerade geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kerle vom Covenant mit ihr einen Kaffee trinken und du bringst dich wegen Sydney in Gefahr, also…“ Weiss sah seinen besten Freund an. Es war ein Blick voller Entschlossenheit. „Ich werde dich begleiten.“
Michael lächelte, setzte seine Flasche ab und umarmte Weiss.
„Damit das klar ist, ich stehe trotzdem noch auf Frauen“ stellte der Schwarzhaarige nach einer Weile der Umarmung grinsend klar. Vaughn entkam ein befreites Lachen.
Moskau, Russland,
Katya erschien mit fünf Agenten im Konferenzraum, in den Nadia und Sydney geführt worden waren. Er war etwas heller als das Zimmer, in dem Sydney ihre Schwester vorgefunden hatte. Dennoch war die Kälte deutlich spürbar. Die CIA-Agentin vermochte nicht zu sagen, ob das von Katyas Anwesenheit oder der generellen, russischen Atmosphäre her kam. Jedenfalls fühlte sie sich in ihrer Haut sichtlich unwohl. Selbst Sloane wäre ihr an dieser Stelle noch lieber gewesen.
Alle Anwesenden setzten sich. Katya bedeutete ihren Nichten es ihnen gleich zu tun. „Der Grund für dieses Treffen, ist dieser Mann.“ Irinas Schwester drückte auf einen Knopf, was das Bild eines schwarzhaarigen, jungen Mannes auf die Wand hinter ihr projizierte. „Dario Varello. Er arbeitet für die ISO, die Italian Secret Organisation. Wir haben ein Gespräch zwischen ihm und Lev Radokowski belauscht, der der Russischen Mafia angehört. Dabei ging es um Dokumente.“ Varellos Bild wurde von dem eines antiken Tellers ersetzt.
„Das ist der Gegenstand, um den es in dem Gespräch ging. Ein Teller mit alten Zeichnungen. Zeichnungen, die Rambaldi hat anfertigen lassen. Dem Bild war der Plan von einem Museum beigefügt. Es ist das Variana, das größte Museum Rio de Janeiros. Varello hat Aktienwerte in Höhe von 1 Mio. Dollar zu Geld gemacht, also muss dieser Teller enorm wichtig für ihn sein. Wir möchten diesen Teller haben. Deshalb werden Sydney und Nadia nach Brasilien fliegen um ihn zu beschaffen. Sydney du wirst dich als Kuratorin Emily Jefferson ausgeben, so hast du Zugang zu allen Ausstellungsräumen. Wir werden dafür sorgen, dass du erwartet wirst. Genauer gesagt Nadia. Deine Aufgabe ist es dich in die Software des Museums einzuhaken und Sydney auf die Besucherliste des Museumsleiters Basilio Zabouto zu setzen. Alles weitere wird euch in der technischen Abteilung erklärt. Das war´s!“
Sydney war überrascht, dass die Missionsbesprechung so schnell zu ende war. Wahrscheinlich versuchte man so ihr klar zu machen, dass man an ihrer Meinung nicht interessiert war. Das war kein Arbeitsverhältnis. Sydney war Gefangene des Covenants und Nadia hatte wegen der Gehirnwäsche sowieso keine Wahl.
Die Agentin fühlte sich bestätigt als Katya sie bat, noch einen Moment zu bleiben. Die Türen hinter den Beiden wurden geschlossen nachdem auch der letzte Agent und Nadia gegangen waren.
„Ich warne dich! Solltest du versuchen uns zu sabotieren, werden wir es herausfinden. Dann werden wir Nadia töten. Ganz langsam. Und wir werden dich zwingen dabei zuzusehen.“ Sagte die Russin mit kalter Stimme, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihre Nichte ungerührt.
Die CIA-Agentin ließ sich jedoch von den Worten ihrer Tante nicht einschüchtern. „Eines Tages wird sich das Blatt wenden. Und dann werde ich DICH töten!“ Damit machte die Braunhaarige auf dem Absatz kehrt und verließ den Konferenzraum.
Mit der Ausrede Joggen zu gehen, hatte Sydney sich von Nadia verabschiedet und den Zettel mit der Nachricht für ihre Mutter im Park einem ihrer Agenten übergeben. Es war geradezu perfekt. Niemand hatte sie gesehen und auch beim Covenant schöpfte niemand Verdacht. Das Einzige was Sydney schwer fiel, war ihre Schwester anzulügen. Nach der Zerschlagung von SD-6 hatte Sydney gehofft nie wieder Menschen belügen zu müssen, die ihr nahe standen. Ein Gedanke, darüber war sich die Agentin nun im Klaren, der absolut naiv war.
Dario Varello, ein Mitglied der ISO, hat Aktienwerte in Höhe von 1 Mio. Dollar zu Geld gemacht. Dieses Geld hat er dazu benutzt um vom Oberhaupt der Russischen Mafia, Lev Radokowski, Dokumente über einen Teller zu kaufen, auf dem sich Zeichnungen befinden, die Rambaldi in Auftrag gegeben hat. Der Teller befindet sich in einem der größten Museen Rio de Janeiros. Nadia und ich fliegen also nach Brasilien um den Teller zu stehlen. Wie lautet mein Gegenauftrag?
Los Angeles
„Das Haus ist abgebrannt, Mister Sloane. Aber soweit ich das beurteilen kann, haben sich weder Sydney noch ihre Tochter darin befunden. Nicht mal unsere Informanten bei der CIA wissen wo die Beiden stecken.“ Es war Sark unangenehm seinem Boss keine erfreulichere Nachricht mitteilen zu können. Obwohl es ihm egal war ob Nadia am Leben oder tot war. Schließlich hatte sie ihn benutzt.
Sloane wirkte in der Tat nicht glücklich über diese Nachricht. Seine Stirn kräuselte sich, während seine Finger sich ineinander verhakten. Es war schwer vorstellbar, dass es tatsächlich Menschen im Leben von Arvin Sloane, ehemals Leiter von SD-6, gab, um die er sich sorgte. Schon zu Lebzeiten von Emily hatte Sark das beobachtet. Ein menschlicher Verbrecher, dachte er amüsiert, nur um sich zu räuspern als er Sloanes Blicke auf sich spürte.
„Was machen wir jetzt?“ fragte der Blonde.
„Was wir in schwierigen Zeiten immer tun: Wir suchen einen alten Freund auf“ lächelte Nadias Vater plötzlich.
Flughafen Los Angeles,
Weiss und Vaughn waren schon am Check-In als sie von zwei Polizisten aufgehalten wurden.
„Mister Vaughn? Mister Weiss?“ fragten die Beamten.
„Ja. Das sind wir. Gibt es ein Problem?“ drehte sich Michael zu den Gesetzeshütern um.
„Wir müssen sie bitten mit uns zu kommen.“
„Das geht schon in Ordnung, Officer!“ Weiss zückte seinen CIA-Ausweis und hielt ihn dem Polizisten hin.
Dieser entgegnete das Starren des Agenten ungerührt. „Darf ich sie trotzdem bitten uns zu begleiten?“
„Könnten sie sich bitte mit ihrer Entscheidung beeilen? Die Passagiere warten schon!“ drängte die Dame hinter dem Tresen und wies dabei auf die lange Schlange, die sich hinter Michael und Eric gebildet hatte. Seufzend gaben die Agenten nach und folgten den Beamten.
Zu ihrer Überraschung wurden ihnen vor dem Flughafengebäude Handschellen angelegt. Entrüstet fragten die Agenten was das soll, worauf die Polizisten erklärten, dass man 500 g Kokain in ihrer Wohnung gefunden hätte.
„Sind das die Männer?“ fragte einer der Polizisten in Richtung eines Streifenwagens. Zu Vaughns Verblüffung stieg Jack aus, blickte seine beiden Kollegen an als würde er sie nicht kennen.
„Ja, Sir. Wir haben sie schon lange in Verdacht Drogen und Informationen an das Ausland zu verkaufen“ nickte Sydneys Vater und sah den Männern dabei zu wie sie Vaughn und Weiss unsanft ins Auto verfrachteten.
Kurz nachdem die Streifenwagen weggefahren waren, wählte Jack eine bestimmte Nummer auf seinem Handy. Sein harter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Lächeln als eine vertraute Stimme sich meldete.
„Hallo, Irina.“ Grüßte der Agent seine Frau zurück.
„Schön, deine Stimme zu hören“ antwortete Irina sanft. Jack sah sie im Geiste lächeln.
„Wie geht es Sydney? Und Nadia?“ wechselte der CIA-Agent schnell wieder ins Geschäftliche.
Auch Irinas Stimme nahm wieder einen geschäftsmäßigen Ton an. „Sie hat ihren ersten Auftrag bekommen. Ich habe ihre Nachricht gerade erhalten. Sie schlägt sich gut, aber es fällt ihr schwer mit der Situation umzugehen. Von Nadia weiß ich noch nichts.“
Eine Pause entstand. Dann erzählte Jack von Vaughns und Weiss` Vorhaben Sydney und Nadia hinterher zu reisen, konnte seine Frau aber damit beruhigen, dass er die Sache geregelt habe und erzählte wie er dabei vorgegangen war. Weiss und Vaughn würden kein Risiko mehr für Sydney und Nadia darstellen, erklärte er. Wieder Schweigen.
„Du weißt, dass Sydney nicht gerade begeistert davon sein wird“ merkte die Russin vorsichtig an.
„Ich weiß. Aber ich hatte keine Wahl.“ Jack machte eine Pause, in der er mit dem Hörer auf die linke Seite wechselte. „Außerdem muss sie es nicht erfahren. Vaughn und Weiss sind wieder draußen bevor Sydney und Nadia zurück sind.“
„Wie du meinst. Ich muss los. Sydney und ich treffen uns in einer Stunde.“ Die ehemalige KGB-Agentin brach ab. Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn liebte und sehr vermisste, aber die Worte wollten einfach nicht aus ihrem Mund kommen, blieben ihr einfach im Halse stecken.
„Also bis bald. Pass auf dich auf!“ räusperte Jack sich, dem das betretene Schweigen unangenehm wurde.
„Du auch.“ Antwortete Sydneys Mutter zögernd und legte auf.
Russland, Moskau
Obgleich Sydney ein sehr gutes russisch sprach, tat sie sich schwer zu verstehen worum es in diesem Film überhaupt ging. Nur wieder ein russischer Film, in dem versucht wird Hollywood zu kopieren, dachte die Agentin ein wenig amüsiert.
Die Braunhaarige ging bis ganz hinten durch zu einer Tür, auf dem stand, dass der Zutritt nur dem Personal gestattet war. Sydney fand sich in einem langen Gang wieder. Das Licht war nur spärlich, weswegen sie ihre Mutter relativ spät bemerkte.
„Alles glatt gegangen?“ fragte Irina.
Ihre Tochter nickte. „Ich habe Nadia erzählt, dass ich noch Kaffee holen gehe. Sie hat´s geglaubt.“
Richtig glücklich wirkte Sydney über die Tatsache nicht, dass sie ihre Schwester angelogen hatte. Auch wenn sie jetzt einsah, dass es besser war sie noch nicht ins Boot zu holen. Nicht solange das Risiko noch so hoch war.
Ein Moment der Stille war entstanden. Bis Derevko in die Tasche ihres Mantels griff und einen Lippenstift herausholte. Sie öffnete ihn und erklärte: „Der Lippenstift ist eine Digitalkamera, die bis zu 250 Fotos schießt. Fotografiere jede Zeichnung, die auf dem Teller abgebildet ist. Auf dem Roten Platz, direkt in der Mitte, findest du einen grünen metallenen Papierkorb. Wickle den Lippenstift in eine Papiertüte und wirf ihn hinein. Ein Agent holt ihn dann ab.“
Die braunhaarige, jüngere Frau nickte, sagte aber nichts, was Irina stutzig machte. „Alles in Ordnung?“ fragte sie.
„Am liebsten wäre ich Katya an die Kehle gegangen.“
Die Agentin wandte sich ihrer Mutter zu und lächelte ein wenig. „Hältst du mich deswegen für einen schlechten Menschen?“
Die ehemalige KGB-Agentin schüttelte ohne zu zögern mit dem Kopf. Ihr ernstes Gesicht verwandelte sich in ein Lächeln als sie zu einer Erwiderung ansetzte: „Nein, aber dadurch würdest du wahrscheinlich auffliegen.“ Sydney musste lachen.
„Trotzdem hätte sie es verdient!“ meinte die CIA-Agentin trotzig, während die Miene ihrer Mutter sich verfinsterte. Sie würde nicht zulassen, dass Sydney die Grenze überschritt einen Familienangehörigen zu töten. Das war Katya nicht wert. Wenn dann würde die frühere KGB-Agentin das selbst in die Hand nehmen. Sie hoffte immer noch, dass es nicht zum Äußersten kommen würde. Ihre Sorge deswegen, verschwieg Irina aber nicht nur ihrer Tochter, sondern auch Jack. Schließlich wollte sie ihm keinen Anlass mehr geben, ihr zu misstrauen.
„Viel Glück in Brasilien!“ sagte die Russin und ließ ihre Tochter allein. Die starrte auf den Lippenstift in ihrer Hand und seufzte hörbar.
Los Angeles,
Gefängnis
„Ich kann nicht glauben, dass er das getan hat“ seufzte Vaughn und hämmerte frustriert gegen die Gitterstäbe.
„Mit einem Wutanfall löst du unsere Probleme auch nicht. Sag mir lieber wie wir hier rauskommen“ erwiderte Weiss, der sich auf eine der Pritschen gesetzt hatte und beobachtete wie einer der Wärter eine Orange schälte.
Michael setzte sich frustriert neben ihn, rieb sich müde die Augen und sagte: „Ich wünschte das wüsste ich.“ Eine Person, die schnellen Schrittes die Wache betrat, erregte plötzlich Weiss´ Aufmerksamkeit und so stieß er seinen Freund an.
„Mike!“ sagte er dabei um sich Vaughns Aufmerksamkeit zu sichern. Dieser stand sofort auf als Jack auf sie zusteuerte.
„Könnten sie mir sagen was das Theater soll?!“ fauchte der Blonde.
„Ich bewahre sie davor einen Fehler zu machen“ antwortete der grauhaarige Agent schlicht und bat einen der Wärter ihn in die Zelle zu lassen. Kaum, dass der Wärter gegangen war, wandte sich Sydneys Vater mit lauterer Stimme Weiss und Vaughn zu, während sein ernster Blick auf den Männern ruhte. „Ich weiß was sie vorhatten. Sie wollten nach Russland fliegen um Sydney und Nadia zu suchen. Aber das ist gefährlich. Ihr setzt Sydney und Nadia dadurch einem unkalkulierbaren Risiko aus.“
„Vielleicht sieht Sydney das anders! Sie haben offensichtlich keine menschlichen Gefühle!“ herrschte Vaughn den älteren CIA-Agenten wütend an.
„Und sie sind offensichtlich ein Idiot!“ Jack hielt dem Blick des Blonden ungerührt stand. Dann knöpfte er seinen Mantel zu, bat die Wache die Zelle aufzuschließen und sagte noch: „Ich verschwende hier nur meine Zeit. Angenehmen Aufenthalt.“
„Warten sie! Holen sie uns hier raus!“ rief Weiss dem immer kleiner werdenden Rücken von Sydneys Vater zu.
Brasilien,
Rio de Janeiro
„Ich bin Emily Jefferson. Freut mich sie kennen zu lernen!“ Sydney strahlte übers ganze Gesicht als sie der Dame am Empfangstresen die Hand reichte. Das graue Kostüm kratzte fürchterlich an ihrer Haut, während die schwarzen Haare ihrer Perücke ihr immer wieder ins Gesicht flogen. „Ich habe einen Termin mit Mister Zabouto.“
„Okay, Syd. Ich habe dafür gesorgt, dass du auf der Gästeliste stehst. Viel Glück!“ sagte Nadia, die vom Van vor dem Museum aus per Computer die Gästeliste verändert hatte.
„Ah jetzt sehe ich es! Bitte folgen sie mir, Ms. Jefferson.“ Lächelte die schwarzhaarige Dame mit der Brille nachdem sie die Terminlisten an ihrem Computer überprüft hatte.
Die Spionin folgte der Dame den Korridor entlang und achtete dabei darauf sich den Rückweg gut einzuprägen, sollte sie später mit dem Diebesgut schnell flüchten müssen. Nadia war zwar zur Verstärkung vor dem Museum in Position gegangen, aber solange sie unter der Gehirnwäsche des Covenants stand, wollte die Agentin es vermeiden sie allzu sehr in die Missionen mit einzubeziehen.
„Mister Zabouto wird in ein paar Minuten bei ihnen sein, Ms. Jefferson. Machen sie es sich doch solange hier bequem“ lächelte die freundliche Museumsangestellte und wies auf ein paar schwarze Lederstühle, die an der Wand standen. Sydney bedankte sich und nahm Platz.
„Ich bin gleich bei Zabouto!“ gab sie ihrer Schwester über Funk durch, erhielt nach einer Weile ein „Verstanden!“ von Nadia als Antwort.
Nach einer Weile trat Zabouto aus seinem Büro und lächelte breit als er Sydney entdeckte. „Ms. Jefferson! Tut mir leid, dass ich sie habe warten lassen!“ Während Zabouto ihr die Hand schüttelte, unterzog die Agentin ihn einer näheren Betrachtung. Er war schätzungsweise nicht älter als 45, hatte schwarzes Haar, das schon etwas schütter geworden war und ein freundliches Blitzen in den Augen wenn er lächelte. Er war der braunhaarigen Frau von Anfang an sympathisch.
„Schön sie endlich persönlich kennen zu lernen, Mister Zabouto. Sie sprechen ein sehr gutes Englisch“ lächelte Sydney.
Der Brasilianer rückte verlegen seine royalblaue Krawatte zurecht. „Nun ja. Danke! Wie ich höre interessieren sie sich sehr für Mystik. Dann wird ihnen unser neuestes Stück sicher sehr gefallen. Es ist ein antiker Teller mit Zeichnungen, die – wie wir inzwischen wissen - von einem Wahrsager des 15.Jahrhunderts stammen. Sein Name war Milo Rambaldi!“
Die Amerikanerin tat so als wäre sie von dieser Neuigkeit sehr überrascht, zeigte sich gleichzeitig aber auch offen interessiert. „Rambaldi. Das klingt italienisch!“ lachte sie.
„Rambaldi war tatsächlich Italiener. Allerdings ist über ihn sehr wenig bekannt. Er war so brillant, dass die Leute ihn für einen Ketzer hielten. Wenn sie wollen, zeige ich ihnen den Teller gerne.“
Sydneys Grinsen wurde eine Spur breiter. „Ich kann es kaum erwarten!“
Los Angeles
Eine Flasche Scotch stand auf dem Wohnzimmertisch. Jack hatte sich auf die Couch gesetzt, hielt ein Foto von Irina und Sydney in der Hand. Es stammte aus der Zeit als er noch gedacht hatte seine Frau heiße Laura. Das Foto war im Urlaub in Wisconsin geschossen worden. Sydneys vierter Geburtstag war drei Wochen her gewesen.
Der Agent brachte ein Schmunzeln über die Lippen als er sich daran erinnerte wie Sydneys ganzer Mund voller Sahne gewesen war nachdem sie ein großes Stück Torte gegessen hatte. Traurigkeit überschattete Jacks Gesicht. Die wenigen Momente, in denen er sich Emotionen gestattete, waren die, wenn er alleine war.
Sydney und Irina waren viele Kilometer weit weg und in einem Land, das lange Zeit ein Feind der USA gewesen war. Dem Agenten fiel es schwerer von Sydney – und Irina – getrennt zu sein als er zu Anfang geglaubt hatte. Zudem war er sich nicht sicher, ob Irina nicht doch ihre Gelegenheit nutzen würde ihre Familie endgültig zu hintergehen. Schließlich war der Feind niemand geringeres als die Schwester seiner Frau. Es wäre ein leichtes für Irina ihn zu hintergehen. In Russland gab es für sie so gut wie keine Kontrolle.
Kleinlaut musste Jack sich eingestehen, dass es vielleicht doch falsch gewesen war Vaughn und Weiss daran zu hindern nach Russland zu fliegen. Vielleicht hätten sie eine Kontrollinstanz für Irina bilden können, sollte sie doch wieder ein falsches Spiel spielen. Sydneys Vater wollte den Gedanken daran, dass die Mutter seiner Tochter vielleicht doch böse war, beiseite schieben. Sie hat sich geändert, versuchte er seinen misstrauischen Gedanken klar zu machen. Du hast es doch selbst gesehen!, sagte er sich.
Jack jagte den letzten Schluck Scotch hinunter um sich gleich danach noch mal nachzuschenken. Sollte er Vaughn und Weiss aus dem Gefängnis holen um sie nach Russland zu schleusen? Die CIA würde das zwar nicht gut heißen, aber wenigstens könnte er sich so sicher sein, dass Irina ihn und am wichtigsten Sydney, nicht hintergehen würde.
Es klopfte an der Tür. Der ergraute Agent runzelte die Stirn. Wer wollte denn zu so später Stunde noch etwas von ihm? Der Alkohol ließ es nicht zu, dass der Agent schneller aufstehen konnte. Und als Jack endlich stand, hatte er das Gefühl der Alkohol reiße ihm den Boden unter den Füßen weg. Trotzdem schaffte er es irgendwie zur Tür zu kommen. Zu Jacks großem Erstaunen stand Sark in der Tür, der eine Waffe auf ihn richtete, ihn begrüßte mit: „Hallo, Mister Bristow!“ und bevor Jack eine Möglichkeit hatte zu reagieren, drückte er ab. Es gab einen dumpfen Laut als Sydneys Vater zu Boden fiel.
Rio de Janeiro
Sydney griff nach dem Betäubungsspray in ihrer Tasche, bereit den Museumsleiter außer Gefecht zu setzen sobald er ihr den Teller zeigte. Sie gingen einen langen Korridor entlang, bogen nach ungefähr fünf Metern links ein.
Die Agentin fand sich in einem riesigen Ausstellungsraum wieder. Hier reihte sich der Teller Rambaldis zwischen den Schriftrollen von Nostradamus und den Zeichnungen Leonardo Da Vincis ein.
Mit einem stolzen Lächeln hielt Zabouto vor einem Glaskasten, in dem sich der Teller befand. „Und das hier….“ Das Grinsen des Brasilianers wurde breiter als er die Vitrine öffnete und den Teller herausholte. „….ist das gute Stück.“ Er hielt Sydney die Antiquität entgegen. Diese zögerte nicht dem Mann die Flüssigkeit, die sie vom Covenant hatte, in die Augen zu sprühen. Bevor sie sich daran machte zu fliehen, holte die Agentin den Lippenstift heraus und schoss Fotos der einzelnen Zeichnungen. Es waren Zeichnungen von Menschen und Maschinen. Typisch Rambaldi, dachte die Braunhaarige, während sie eifrig weitermachte. Kaum fertig, wickelte die Amerikanerin den Teller in ihre Jacke. „Nadia ich hab ihn. Wir treffen uns dann draußen!“
„Verstanden“ kam es von Sydneys jüngerer Schwester.
Drei Minuten später erwachte Zabouto und schlug sofort bei den zuständigen Sicherheitsleuten Alarm. Es brauchte nicht lange bis die ersten Wachmänner die Agentin gefunden hatten. Eigentlich hatte Sydney vorgehabt den Teller ohne Aufsehen zu stehlen. Die fünf Wachmänner, von denen drei rechts und zwei links von ihr auf sie zukamen, ließen ihr aber keine Wahl. Sie wusste, dass sie sich nach draußen durchkämpfen musste.
Nadia im Van sah über die Überwachungsmonitore, dass ihre Schwester in ernsten Schwierigkeiten steckte, entsicherte ihre Waffe und sagte bestimmt: „Keine Panik, Sydney. Ich bin in ein paar Minuten da.“
„Was?! Nein warte! Ich komm` schon zurecht!“ rief Sydney doch ihre Schwester hatte ihren Posten im Van schon verlassen.