17. Second Chance

Flughafen von Los Angeles

Die Turbinen surrten. Sydney blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Eine Stunde hatte sie damit verbracht, nach Nadia zu suchen und war dabei erfolglos geblieben. Eric zu sehen, musste sie schwer mitgenommen haben.
Die braunhaarige Agentin machte sich Sorgen. In zehn Minuten würde das Flugzeug starten und von ihrer Schwester war noch immer nichts zu sehen.

Zum zweiten Mal wählte Sydney die Nummer von Nadias Handy. Es klingelte, aber nach einer Weile meldete sich nur die Mailbox. „Hallo hier ist die Mailbox von Nadia. Ich bin zurzeit leider nicht erreichbar, aber ihr könnt mir eine Nachricht hinterlassen. Danke!“ Als die Braunhaarige den Pfeifton hörte, seufzte sie hörbar und sagte: „Hey, Nadia hier ist Sydney. Ich sitze im Flugzeug und mache mir Sorgen, weil du noch nicht da bist. Ruf mich zurück. Bitte! Wir müssen reden.“ Sie zögerte noch einen Moment, weil sie hoffte, Nadia würde doch noch abheben, aber nichts passierte. Sichtlich enttäuscht verabschiedete sich die Agentin mit den Worten: „Also, bis dann!“ und legte auf.

Kurze Zeit später stieg doch noch jemand in das Flugzeug. Sydneys Mine erhellte sich. Es war Nadia! Schnell schnallte sich die Braunhaarige ab, stand auf und kam vor der Argentinierin zum Stehen.
„Wo warst du? Ich hab’ mir Sorgen gemacht“ rief Sydney ohne ihre Worte wie einen Vorwurf klingen zu lassen. Vielmehr hörte Nadia deutlich die ehrliche Besorgnis aus ihrer Stimme.
Ihrem Blick merkte man die vielen Gefühle an, mit denen die Schwarzhaarige versuchte klarzukommen, die Fragen, die sie sich stellte.
„Entschuldige. Ich musste allein sein“ antwortete die Jüngere der beiden Frauen und rang sich ein Lächeln ab.
„Ich bin froh, dass du hier bist. Ohne dich schaff’ ich’s nicht.“ Sydney lächelte freundlich und endlich, zum ersten Mal seit dem Mord an Kingsley, nahmen sich beide Schwestern in den Arm, was allerdings noch etwas unbeholfen wirkte. Außerdem fühlte es sich sowohl für Sydney, als auch für Nadia komisch an. Einerseits waren beide erleichtert, andererseits war da noch diese Distanz zwischen ihnen, die nur, und das wussten beide, durch eine Aussprache beseitigt werden konnte.
Die Schwestern setzten sich gegenüber auf den Sessel und schnallten sich an. Just in diesem Moment erhielt der Pilot den Befehl zu starten. Die Lautstärke der Motoren und Turbinen nahm zu, wenig später zog der Pilot nach oben und sie waren in der Luft.

Beide schwiegen. Nur das Geräusch der Motoren war zu hören. Sydney sah verlegen aus dem Fenster, während ihre Schwester nervös mit ihren Fingern spielte. Irgendwie hatte Sydney das Gefühl etwas sagen zu müssen, wusste aber nicht wie sie anfangen sollte. Also begann sie mit dem naheliegendsten: Dem überraschenden Auftauchen von Weiss. „Eric in meiner Wohnung zu sehen, muss ein Schock für dich gewesen sein.“ Die Braunhaarige hatte versucht beiläufig zu klingen, versagte aber dabei. Ihr Blick war jetzt Nadia zu gewandt.

Die Argentinierin versuchte zu lächeln. „Ich habe nicht mit ihm gerechnet.“ Es folgte eine Pause. Nadia, die dem Blick ihrer älteren Schwester ausgewichen war, sah sie nun direkt an. „Tut mir leid, dass ich abgehauen bin. Eric wieder zu sehen war“ Sie suchte nach Worten. „Heftig“ brachte sie schließlich heraus.
Sydney nickte andächtig. „Das verstehe ich. Nadia, Eric ist hier, weil er Vaughns Trauzeuge bei der Hochzeit sein wird. Er hilft uns bei den Vorbereitungen. Als ich nach Hause gekommen habe ich ihn, statt Vaughn vor der Haustür stehen sehen.“
„Oh!“ machte die Schwarzhaarige nur, versuchte so zu tun als ließe es sie völlig kalt, dass ihr Ex-Freund wieder da war. Aber das war natürlich nicht der Fall und so sehr sie sich auch bemühte, spätestens ab dem Zeitpunkt, in dem sie vor Sydneys Tür die Flucht ergriffen hatte, konnte Nadia, weder sich, noch Eric oder Sydney etwas vormachen.
„Was wolltest du eigentlich?“ fragte die Braunhaarige freundlich und riss ihre Schwester so aus ihren Gedanken. Sydney tat unwissend, aber eigentlich war ihr klar was der Grund für Nadias Besuch gewesen war. Sie wollte es nur von ihrer Schwester selbst hören.

Die Argentinierin öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber gleich wieder. War das wirklich der richtige Zeitpunkt, um jetzt davon anzufangen? Was hatte sie Sydney eigentlich sagen wollen? Nadia sah ihre große Schwester an, deren Blick freundlich auf sie gerichtet war. Es schien fast als würde sie Nadia stumm darum bitten, etwas zu sagen. „Ich wollte mit dir über das sprechen was die letzten Monate passiert ist.“ Tränen begannen sich in Nadias Augen zu sammeln ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte.

„Ich ertrage die Situation einfach nicht so wie sie jetzt ist! Dass du mich hasst.“ Die ersten Tränen bahnten sich ihren Weg Nadias Wange hinab.
Auch Sydneys Augen schimmerten verdächtig feucht. Ihre Schwester sprach nicht weiter, also wusste die Braunhaarige, wurde von ihr eine Erwiderung erwartet. Die Ältere der beiden Frauen senkte kurz ihren Blick, nur um ihn gleich wieder Nadia zu zuwenden.
„Denkst du wirklich, dass ich dich hasse?“ fragte Sydney, womit Nadia absolut nicht gerechnet hatte.
Die Überraschung über Sydneys Worte sprach aus den Augen der Argentinierin, während sie überlegte was sie auf diese Frage antworten sollte.
Doch ihre Schwester übernahm das für sie. „Wenn du mir egal wärst, hätte ich es vermutlich dabei belassen. Ich hätte mich damit abgefunden was passiert ist. Das Ganze hätte mich überhaupt nicht getroffen.“ Sydney machte eine Pause, Nadia erwartete gespannt, dass sie fortfuhr. „Francie ist tot und Will ist zwar in LA, aber ich schätze, er wird ins Zeugenschutzprogramm zurückgehen. Du warst neben Vaughn so etwas wie eine Konstante in meinem Leben! Ich dachte, wir könnten über alles reden!! Ich bin diese ewigen Lügen und Missverständnisse, die unverständlichen Signale so leid, Nadia! Dafür habe ich Mom! Ich wollte bloß, dass du ehrlich zu mir bist! Dass du mit mir redest, wenn du in Schwierigkeiten bist, egal wie die Umstände sind! Die letzten Wochen habe ich damit verbracht, mich zu fragen, ob es meine Schuld war, dass das passiert ist. Ob ich irgendwas gesagt oder getan habe, das dich glauben ließ, du könntest kein Vertrauen zu mir haben. Denn, wenn das tatsächlich so ist, haben wir ein ernstes Problem.“

Sydney sprach mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme. Ihre Tränen waren weg. Sie war bloß ehrlich und aufrichtig, wofür Nadia ihr dankbar war, auch wenn ihre Worte schmerzhaft waren. Es war wichtig, dass sie sich das anhörte und so verstand wie ihre Schwester sich nach Nadias „Verrat“ gefühlt haben musste.
Leise kamen die Worte aus Nadias Mund, aber sie waren aufrichtig gemeint. „Nein. Ich vertraue dir mehr als jedem anderen. Ich wollte dich bloß beschützen.“
Ihre kleine Schwester sah sie nicht an, aber Sydney wusste, dass sie es ehrlich meinte. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals und sie richtete ihren Blick wieder aus dem Fenster. Keiner von ihnen sagte etwas, aber schon an der Atmosphäre merkten beide Schwestern, dass ihr Streit aus der Welt war. Nun konnten sie anfangen sich wieder neu kennen und vertrauen zu lernen.

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Los Angeles

Vaughn rannte den langen Korridor hinunter bis zum Zellentrakt, vor dem sich schon ein Notärzteteam, sowie diverse CIA-Agenten eingefunden hatten, die mit den Ermittlungen betraut worden waren.
„Halt warten Sie!“ hielt Jack den Blonden auf. Irina stand bei ihm. „Ich halte es für besser, wenn Sie jetzt nicht da rein gehen, Vaughn.“
Michaels Blicke wechselten zwischen Irina und Jack hin und her. Er konnte nicht hier stehen, würde Irinas Nachricht erst Glauben schenken können, wenn er seine Mutter selbst sah. „Lassen Sie mich durch!“ knurrte Sydneys Verlobter, was aus seinem Mund wie eine Drohung, ein Befehl klang, ein Tonfall, den er noch nie in seine Stimme gelegt hatte. Selbst Jack war überrascht.

„Lass ihn gehen, Jack“ wurde der ergraute Agent von Irina angewiesen. Ihr Mann wechselte in seiner Aufmerksamkeit zu seiner Frau. Irina nickte Vaughn zu, worauf dieser ohne zu zögern los rannte.
Zum Stehen kam er erst als er vor der Zelle und Moniques blutüberströmter Leiche stand. Tränen sammelten sich in den Augen des Agenten. Wieso sie?! Sie hatte doch mit alldem gar nichts zutun gehabt?! Sie war keine Agentin!
Die Ärzte und Agenten ignorierend, die Moniques Leichnam inspizierten, rannte Vaughn zu ihr hinüber, legte ihren Körper sanft in seine Arme und vergrub hilflos schluchzend sein Gesicht in ihrer Schulter. Dass sein ganzes Hemd bald voller Blut war, störte ihn nicht. Alles was er fühlte war Wut und Ohnmacht und etwas tun zu müssen. Irgendwas!

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Nepal

In einem Jeep, der ihnen von ihren Kontaktmännern zur Verfügung gestellt worden war, kamen Sydney und Nadia recht schnell vorwärts. Es herrschte eine sengende Hitze. Mindestens 35 Grad im Schatten und das obwohl es noch gar nicht richtig Sommer war.

Die Schwestern hatten ihre geschäftsmäßigen Hosenanzüge, die sie noch während des Fluges getragen hatten, gegen ärmellose, weiße Shirts, grüne Khaki-Hosen und Sonnenbrillen getauscht.
Sydney steuerte den Wagen, während ihre jüngere Schwester die Karte studierte. Jetzt, da sie sich ausgesprochen und ihre Gefühle offen gelegt hatten, funktionierte die Zusammenarbeit viel besser. Zumindest kam es ihnen so vor.
„Nadia!“ rief Sydney als sie den Berg sah, der hinauf zum Tempel führte. Die Schwarzhaarige folgte dem Blick ihrer großen Schwester und staunte nicht schlecht über die Höhe des Berges, was dem nächsten Gedanken folgte: Mussten sie etwa da hinauf, um zu dem Rambaldi-Priester zu kommen?
„Das soll wohl ein Witz sein?!“ schnaubte die Argentinierin und erntete einen Blick von Sydney, der ihr zu sagen schien, dass sie bezweifelte, dass dies ein Witz war. „Du stellst den Wagen ab, ich hole die Ausrüstung von hinten“ seufzte Nadia ergeben. Was anderes blieb ihnen ja wohl nicht übrig.

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Los Angeles

Den ganzen Tag hatte Weiss damit verbracht, nach Vaughn zu suchen. Er hatte jeden alten Freund gefragt, den er kannte. Irinas Anruf war arlarmierend gewesen. Nadias und Sydneys Mutter hatte ihm von dem Mord an Monique erzählt, seiner Reaktion und seinem Verschwinden nachdem er, Vaughn, sich selbst vom Tod seiner Mutter überzeugt hatte.

Eigentlich, dachte Weiss, würde Michael jetzt sicher lieber allein sein wollen. Andererseits kannte er seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass er jetzt jemanden brauchte, mit dem er reden konnte. Wozu waren beste Freunde denn sonst da?
Wenn er, Weiss, wenigstens eine Spur hätte! Das war schon die siebte Bar in der näheren Umgebung von Michaels Wohnung, die er aufsuchte. Eigentlich erwartete der Schwarzhaarige gar nicht, diesmal erfolgreich zu sein. Wahrscheinlich würde er seinen besten Freund erst finden, wenn er es selbst wollte.
Eric hätte ihn auch allein gelassen, wenn er ihn nicht so gut kennen würde. Denn meistens folgte bei Michael auf die Trauer, die Wut und die konnte eine dumme, unüberlegte Handlung nach sich ziehen.

Weiss öffnete die Tür und betrat die Bar, in der es stickig war und überall nach abgestandenem Bier und Zigarettenrauch stank. Wahrscheinlich war hier seit Ewigkeiten nicht mehr gelüftet worden. Es war vielleicht die schäbigste Bar, die Eric bisher aufgesucht hatte.
Sein Blick schweifte umher. Zwei Trucker und ein alter Mann, der schnarchend auf einer Bank lag, befanden sich im hinteren Teil.
Der Barkeeper putzte den Tresen oder ließ es zumindest danach aussehen, denn ein geübter Blick ließ Weiss feststellen, dass dieser Tresen schon seit mindestens vier Jahren nicht mehr gründlich gereinigt worden war. Genau die richtige Atmosphäre also, um hier seinen Frust in Alkohol zu ertränken.
Und wirklich! Ganz hinten, am Ende des Tresens fand Weiss, Vaughn sitzen, der den Barkeeper herbei winkte, um sein Glas abermals mit Whiskey zu füllen.

Der dunkelhaarige Agent kam näher und setzte sich neben seinen Freund auf den Hocker ohne um dessen Erlaubnis zu bitten.
„Was machst du denn hier?“ fragte Michael, der scheinbar Mühe hatte, diese Frage auszusprechen. Seiner Fahne zu urteilen hatte er schon eine Menge Gläser Whiskey getrunken.
„Also wegen der angenehmen Atmosphäre bin ich nicht hier“ antwortete Eric sarkastisch und ließ seinen Blick nochmal durch die Bar streifen, wie um sich selbst nochmal von der Heruntergekommenheit zu überzeugen. „Was machst du hier, Michael?“
Vaughn lachte, was beinahe verwirrt klang und trank das frisch aufgefüllte Glas in einem Satz aus. „Hast du denn die Neuigkeiten nicht gehört?“ fragte er mit Seitenblick auf seinen besten Freund.
Weiss nickte. „Irina Derevko hat mich angerufen. Sie hat versucht, dich aufzuspüren, aber du bist weder an dein Telefon gegangen, noch hast du auf ihre Anrufe auf deiner Mailbox reagiert. Deshalb hat sie mich gebeten, dich zu suchen.“

Michael hob das Glas in seiner Hand ein wenig an und sah scheinbar fasziniert dabei zu wie sich das wenige Licht, das die fast kaputten Lampen von der Decke hergaben, darin brach. „Schon komisch“ lallte er und unterdrückte ein Rülpsen. „Meine Mutter wurde ermordet, obwohl sie in diese Welt nie hineingezogen werden wollte und Irina Derevko, die meinen Vater ermordet hat, macht sich jetzt ausgerechnet um mich Sorgen. BARKEEPER!!!“
Vaughn brüllte so laut, dass sogar der betrunkene Alte für einen Moment aufhörte zu schnarchen. Weiss wurde es zunehmend unangenehmer seinen Freund so zu sehen.

„Finden Sie nicht, dass Sie allmählich genug haben, mein Freund?“ fragte der Barmann und schnenkte dem blonden Agenten nach.
„Ich bin nicht Ihr Freund und außerdem bezahle ich dafür“ murmelte Michael und setzte das Glas an den Mund, doch Eric stoppte seinen Freund unter der Bewegung und nahm ihm das Glas ab. „Was soll das?!“ fuhr Vaughn ihn an.
„Ich halte dich davon ab, etwas zu tun, was du später bereust. Glaub mir, du wirst mir noch auf Knien danken!“ meinte Weiss hektisch, warf einen 5-Dollar-Schein auf den Tresen, packte Vaughn am Arm und schleifte ihn zum Auto, obwohl der Blonde kaum mehr in der Lage war zu gehen.

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Nepal

Nach stundenlangem Aufstieg erreichten Sydney und Nadia endlich den Gipfel des Berges. Die Luft war hier schon etwas dünner als im Tal, aber immer noch dick genug, damit sie keine Sauerstoffmasken zum atmen brauchten.
Die Schwestern ließen sich nach erfolgreichem Aufstieg erstmal nebeneinander erschöpft auf dem Boden sinken, um sich für eine Weile auszuruhen. Sie sollten dazu aber nicht lange Zeit haben.

Denn plötzlich hörten sie Schüsse und wechselten arlarmierte Blicke. Ohne, dass eine von ihnen etwas sagen musste, kamen die Agentinnen schnell auf die Beine, zückten ihre Waffen und rannten in den Tempel.
Dort empfingen sie die toten Körper der Mönche. „Das sieht nicht gut aus“ murmelte Sydney mit Blick auf ihre Schwester gerichtet. Diese nickte finster und schlug vor, den Priester zu suchen.

Sie mussten einen langen Korridor passieren, dessen Boden mit Elfenbein ausgelegt war und hell glänzte im Schein der Sonne. Doch all das fiel ihnen gar nicht auf. Alles worauf sich die Schwestern konzentrierten war ihr Auftrag. Im Stillen versuchte jede sich auf das einzustellen, was sie gleich erwarten würde, die Situation, mit der sie sich konfrontiert sehen würden. Doch eigentlich wussten beide aus Erfahrung, dass man sich darauf eigentlich gar nicht vorbereiten konnte.

Sydney öffnete als Erste die Tür, Nadia gab ihr mit gezogener Waffe Deckung. Alles war ruhig. Kein Laut war zu hören, weder Stimmen noch Schritte. Die Braunhaarige runzelte die Stirn und bewegte sich langsam weiter vorwärts in den Raum, während sie immer wieder einen Blick nach hinten warf, um festzustellen, ob ihre Schwester ihr noch folgte. Das tat sie.
Nadia hatte die Stirn kraus gelegt, während sie angestrengt auf ein Geräusch lauschte, das sie vor einem Angriff warnte oder auf den Priester schließen ließ.

„Ihr seid zu spät!“ sagte schließlich eine arrogante Stimme aus den Tiefen des Gewölbes, sich im Schutz des abgedunkelten Teil des Raumes versteckend.
Schon nach diesen vier Worten wussten die Schwestern mit wem sie es zu tun hatten und seufzten. „Sark!“ stellte Sydney wütend fest und verstärkte automatisch den Griff um ihre Waffe.
Der Angesprochene trat ins Licht. Ein herablassendes Lächeln zierte sein Gesicht. „Ich hätte erhlich gesagt nicht damit gerechnet, dass Sie hier mit Nadia auftauchen, Sydney. Nach allem was Ihre Schwester Ihnen angetan hat.“
Auch Nadia verstärkte den Griff um ihre Waffe, mehr noch, sie zielte direkt auf Sark, welcher unbewaffnet war und somit keine Chance haben würde, sollte Nadia sich wirklich entschließen abzudrücken. „Ich an deiner Stelle würde das nicht tun“ lächelte der Blonde und wies kopfnickend hinter die beiden Schwestern, die seinem Blick folgten und feststellen mussten, dass sich hinter ihnen mindestens zwanzig in schwarz gekleidete The Hand-Agenten befanden, die allesamt schwer bewaffnet waren. Einer von ihnen hatte den Priester bei sich, bedrohte ihn mit einer Waffe.
„Ich schlage vor, Sie legen die Waffe weg“ meinte Sark mit einem süffisanten Grinsen in Sydneys Richtung.

Die Schwestern tauschten zwar einen missbilligenden Blick, taten aber widerwillig wie ihnen geheißen und warfen die Waffen vor sich auf den Fußboden.

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Los Angeles

„Lass das! Ich kann alleine laufen!“ maulte Vaughn und stieß Weiss von sich, der erschrocken über den Zustand war, in dem sich sein bester Freund befand.
Den Blonden ignorierend, fischte Eric die Schlüssel aus seiner Jackentasche, sperrte die Wohnungstür auf und führte seinen besten Freund vorsichtig hinein. Vaughns Schwanken hatte mit jedem Schritt, den sie gegangen waren, zugenommen, so dass Weiss schon befürchtet hatte, dass er umkippen könnte, was zum Glück dann doch nicht eingetreten war.

„Du solltest dich schämen!“ meinte Eric. Vaughn torkelte ins Wohnzimmer und schaffte es gerade so, sich auf die Couch zu setzen. „Was würde Sydney sagen, wenn sie dich so sehen könnte?“
Michaels Gesichtsausdruck veränderte sich als Eric Sydney erwähnte und damit bewusst an sein schlechtes Gewissen appellierte. Er konnte sich nicht einfach so gehen lassen. Mit solchen schlimmen Dingen musste man nun mal rechnen, wenn man Geheimagent war. Trotzdem fand Vaughn es nicht fair, dass immer Unbeteiligte den Preis bezahlen mussten.
Gerade dieser Gedanke war es, der Vaughn so wütend machte, der ihn sich so ohnmächtig fühlen ließ, dass er Alkohol brauchte, um dieses Gefühl zu überspielen.
„Es ist nicht fair, Eric“ flüsterte Vaughn und das so leise, dass sein bester Freund ihn fast nicht gehört hätte.
Dieser nahm neben Michael auf dem Sofa Platz und seufzte ein wenig. Natürlich hatte Vaughn Recht. Es war nicht fair, aber was blieb ihm schon anderes übrig als zu akzeptieren, was geschehen war? „Es ist nicht fair“ wiederholte Weiss, der nachdenklich auf seiner Unterlippe kaute. „Aber was ist im Leben schon fair? Du bist nicht für das verantwortlich was mit deiner Mutter geschehen ist, Michael!“

„Ach nein?!“ schnaubte Vaughn verächtlich und hielt sich den Kopf als eine Woge des Schmerzes ihn erfasste. Bald würde die Wirkung des Alkohols nachlassen. Eric, dem dies nicht entging, erhob sich und erklärte einen Kaffee zu kochen, versprach Vaughn, dass er sich danach besser fühlen würde. „Der Tod meiner Mutter IST meine Schuld. Sie war immer dagegen, dass ich zur CIA gehe. Sie hat gesagt, es wäre zu gefährlich und sie hatte Recht! Wenn ich auf sie gehört hätte, wäre sie jetzt noch am Leben!“

Weiss konnte nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. So wie sein bester Freund sich anhörte, könnte man denken, man hätte einen pubertierenden Teenager vor sich und keinen erwachsenen Mann.
Der Schwarzhaarige besann sich wieder und drehte sich um, um die Kaffeemaschine einzuschalten, die er zuvor mit Pulver und Wasser gefüllt hatte. Danach drehte er sich wieder seinem besten Freund zu, der ihn abwartend musterte. „Aber wenn du nicht zur CIA gegangen wärst, wärst du Sydney nie begegnet.“
Und ich nie Nadia, vollendete er seinen Satz in Gedanken, behielt ihn aber für sich.
Vaughn schien nachdenklich geworden.  „Was hast du jetzt vor?“ fügte Weiss hinzu.

Vaughns Gesichtsausdruck wurde immer finsterer. „Das Schwein finden und töten.“ Zweifel mischten sich in Erics Blick. Hätte er doch bloß nicht gefragt! Das war nicht die Antwort, die er hatte hören wollen. „Derevko wird versuchen, mich aus den Ermittlungen rauszuhalten und Sydney wird ihrer Ansicht sein. Ich brauche aber Hilfe und jemandem, dem ich vertrauen kann.“ Michaels Blick richtete sich wieder auf Weiss. „Hilfst du mir?“

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Los Angeles

„Mrs. Derevko? Mister Bristow?“ Nicolai hatte zaghaft angeklopft und seinen Kopf zur Tür hereingesteckt. Beide leitenden Agenten sahen auf, Irina winkte ihn schließlich herein und bat ihn, die Tür hinter sich zu schließen. „Ich fürchte, wir haben ein Problem. Vor einer Stunde haben wir den Kontakt zu Agent Santos und Agent Bristow verloren.“

Irina und Jack erhoben sich von ihren Plätzen. Ihre Blicke sprachen Bände, zeigten die Besorgnis, gemischt mit dem lähmenden Gefühl der Angst.
 „Wissen Sie, ob sie noch am Leben sind?“ erkundigte sich Jack, der, obwohl er normalerweise sehr gut darin war seine Emotionen zu unterdrücken, ein Zittern in seiner Stimme nicht vermeiden konnte. Tausende Fragen schossen ihm durch den Kopf und jede ließ ihn von Mal zu Mal unruhiger werden. Was war geschehen? Wie konnte The Hand vorbereitet gewesen sein, die Operation unterlag doch der Geheimhaltung? Wahrscheinlich steckte dieser verdammte Maulwurf dahinter!!
War Sydney noch am Leben und wenn ja, in welchem Zustand war sie dann? Jacks Gedanken rasten nur so dahin. So sehr, dass er Kopfschmerzen bekam und sich wieder setzen musste.
Sofort erinnerte sich der Agent daran wie man Monique Vaughn in ihrer Zelle aufgefunden hatte. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken, dass seiner Tochter möglicherweise dasselbe Schicksal ereilte.

„Tut mir leid, Mister Bristow, aber das kann ich ihnen nicht sagen. Die Chancen, dass die Beiden noch am Leben sind stehen Fünfzig zu Fünfzig, ehrlich gesagt. Die SVR sieht das genauso“ antwortete Nicolai. Irina bedankte sich und schickte ihn zu Jacks Überraschung hinaus.
„Was hast du vor?“ fragte der ergraute Agent energisch und zu jedem Plan bereit, den Irina vorschlagen würde.
„Zuerst wollte ich ein Team hinschicken, das die Beiden da rausholt, aber inzwischen bin ich der Meinung, dass das eine Familiensache ist“ Trotz der angespannten Situation entkam der Russin ein Lächeln. „Ich finde, es ist mal wieder an der Zeit, dass wir zusammen auf einen Einsatz gehen.“
Nun verwandelte sich auch Jacks angespanntes Gesicht in ein warmes Lächeln, versuchte die Situation durch einen Scherz ein wenig aufzuheitern. „Du weißt wirklich wie man eine Ehe in Schwung hält.“
Dieser kleine Anflug von Humor überraschte seine Frau. Sie sagte dazu aber nichts dazu, sondern schlug vor, sich mit Sloane zu unterhalten, während Jack alles für ihre Abreise vorbereiten sollte.

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Nepal

Sydney und Nadia gingen voran. Gefolgt von mindestens vier The Hand-Agenten, von denen je zwei eine Schwester bewachten. Sydney suchte über ihre Schulter Blickkontakt zu ihrer Schwester. Nadia, die Sydneys Blick auf sich spürte, sah auf. Die ältere Schwester blinzelte und als sie damit aufhörte, konnte die Schwarzhaarige um ein Grinsen nicht umhin.

Sark, der neben den Schwestern herging, mit einem Gefühl des Triumphes, weil es ihm gelungen war zu verhindern, dass die CIA ihm zuvor kam und sie außerdem den Priester hatten, wurde misstrauisch und neigte seinen Kopf ein wenig.
Doch die beiden Schwestern erwiderten seinen Blick nur als sei nichts geschehen. Obwohl er sich damit eigentlich hätte zufrieden geben müssen, griff Julian unbewusst nach der Waffe, die in seinem Hosenbund steckte und richtete sie auf Nadia.
„Bitte. Tu nichts was mich dazu bringen würde etwas zu tun, das ich eigentlich vermeiden wollte“ bat er die junge Agentin, die neben ihm herging, aufrichtig. Wüsste Nadia nicht mit wem sie es wirklich zu tun hatte, hätte sie ihm seine Sorge sogar abgekauft. Und selbst wenn sie nicht gespielt war, war das Nadia völlig egal: Sie empfand nichts für Sark. Er war nichts weiter als ein Auftrag gewesen nur deshalb hatte sie sich damals mit ihm eingelassen: Weil ihre Mutter sie um ihre Hilfe gebeten hatte, Sydney zu beschützen.
„Athen? Letztes Jahr?“ wandte sich die Argentinierin an ihre Schwester, die nickte. Gleichzeitig und ohne, dass Sark oder die Wachen eine Chance hatten, zu reagieren, rissen die beiden ihre Arme nach oben, schnappten sich je eine Waffe aus den Händen ihrer Bewacher, die zu perplex waren, dass sie dreist genug waren, bei dieser Bewachung einen Angriff zu riskieren, um überhaupt reagieren zu können.

Endlich, als sie sich aus ihrer Erstarrung lösten, entstand ein Gerangel. Sark kämpfte mit Nadia um die Waffe, versuchte sie ihr zu entreißen. Doch Nadia nutzte die freie Deckung von Sarks Beinen, um sie ihm mit Ihren wegzureißen. Sark lag auf dem Rücken, Nadia obenauf. Trotzdem schaffte der blonde Agent es irgendwie, Nadia die Waffe aus der Hand zu schlagen. Als sie unbewaffnet war, schlug Sark ihr ins Gesicht und schubste sie von sich, so dass er zu der Waffe rennen konnte, die ein paar Meter von ihnen entfernt am Boden lag. Doch die Argentinierin brachte ihn mit ausgetreckter Hand zu Fall, krabbelte auf seinen Rücken und nagelte seine Hände auf dem Boden fest. Dann führte sie einen Schlag auf seinen Hinterkopf aus, den ihr Widersacher unmöglich sehen konnte, und machte ihn so bewusstlos.
Sydney war inzwischen damit beschäftigt drei Wachen loszuwerden, während die Übrigen sich auf Nadia stürzten. „Schaff den Priester hier raus!“ hörte die Schwarzhaarige ihre Schwester über die Schulter rufen. Nadia wandte sich um, doch er war weg und informierte ihre Schwester darüber, dann schnappte sie sich die Waffe auf dem Boden, schoss die Wachen nieder, mit denen sie kämpfte und half dann Sydney die Restlichen auszuschalten.

„Wir müssen ihn suchen. Weit kann er noch nicht sein!“ meinte die Braunhaarige atemlos, die gerade dabei war, eine der toten Wachen zu entwaffnen. Sark lag noch immer bewusstlos auf dem Boden, aber die Schwestern hatten keine Zeit, ihn festzunehmen. Ihre oberste Priorität galt dem Priester.
Diesen fanden sie auf dem Weg nach draußen. „Priester Achtak!“ rief Sydney und brachte den Priester so dazu, sich zu ihnen umzudrehen. Sydney eilte zu ihm, um sicherzugehen, dass er unverletzt war. Der Rambaldi-Experte versicherte, dass es ihm gut ging.
Die Agentin atmete erleichtert auf und suchte nach dem sichersten Weg, den Priester den Berg hinunter zu schaffen, ohne dass sie von Rambaldi-Anhängern oder weiteren The Hand-Agenten überrascht wurden.
Der einzige Weg nach unten, führte wohl über denselben Weg, den sie gekommen waren. Also blieb ihnen nichts anderes übrig als diesen Weg wieder zu nehmen, obwohl die Agentin lieber einen anderen gewählt hatte, weil dieser so unübersichtlich war, dass es schwierig werden würde, den Priester im Auge zu behalten und sie so länger brauchen würden, bis sie wieder unten waren. The Hand-Agenten konnten von jeder Seite auf sie zukommen.
Sydney seufzte. Sie mussten nehmen was sie kriegen konnten. Sie, Sydney, würde vorangehen, danach der Priester und Nadia würde die Nachhut bilden, so dass immer eine der Schwestern den Schutz des Priesters sicherstellen konnte.

Diese Vorgehensweise wollte die Agentin ihrer jüngeren Schwester gerade vorschlagen, als sie das vertraute Klicken einer Pistole hörte, die entsichert wurde. Die Braunhaarige drehte sich um und stellte zeitgleich mit Priester Achtak fest, dass Sark hinter Nadia stand, die entwaffnet war, während seine Waffe auf Nadias Hinterkopf gerichtet war.
Sydney hatte ihre Waffe noch immer in der Hand und widerstand dem Impuls, ihre auf Sark zu richten und ihn mit einem gezielten Kopfschuss zu töten, weil sie nicht wusste, ob er vorher auf Nadia schießen würde.
„Legen Sie die Waffe auf den Boden!“ befahl Sark in ruhigem Ton und mit eiskaltem Blick auf Sydney gerichtet. Diese wog in Gedanken jeden Plan ab, der Nadia, sie und den Priester retten und Sark gleichzeitig außer Gefecht setzen konnte.
Der Blonde drückte seine Waffe inzwischen fester gegen Nadias Hinterkopf. Die braunhaarige Agentin begriff, dass sie hier nichts tun konnte als nachzugeben und dies machte sie zornig, weshalb sie die Waffe noch immer festhielt und hoffte doch noch freies Schussfeld auf Sark zu bekommen. „Wenn Sie, sie lieben, lassen Sie die Waffe fallen, Agent Bristow“ wiederholte der Ire mit ruhiger Stimme.
„Syd, tu’s nicht!“ rief Nadia eindringlich. Ihrem Blick sah man an, dass sie Angst hatte, ob der Entscheidung, die Sydney im Begriff war zu treffen.

Die Braunhaarige erwiderte den Blick ihrer Schwester, sah noch einmal wütend zu Sark und legte die Waffe schließlich auf den Boden.
„Schicken Sie den Hubschrauber“ befahl der Blonde über Funk, worauf keine zwei Minuten später ein Hubschrauber über ihnen auftauchte und Sark, sowie Sydney, Nadia und der Priester einstiegen.

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Los Angeles

Unter lautem Knarren fuhren die Gitterstäbe nach oben. Sloane sah neugierig, aber nicht besonders interessiert von seinem Buch auf, das er, auf seiner Pritsche liegend, las.

Wenig später erschien Irina vor den Gitterstäben.
Arvin kam um ein Lächeln nicht herum, legte das Buch beiseite und trat an die Gitterstäbe. Irinas Blick blieb eisern. Noch mehr Kälte hätte sie ihm gar nicht entgegen bringen können. „Ich brauche Hilfe“ fiel die ehemalige KGB-Agentin gleich mit der Tür ins Haus. Je schneller sie dieses Treffen hinter sich brachte, desto eher konnte sie aufbrechen, um Sydney und Nadia zu helfen. Außerdem hatte sie auf Sloanes Psychospiele überhaupt keine Lust, wollte ihm gar nicht erst die Chance geben, irgendetwas in der Richtung zu versuchen. Ganz abgesehen davon, dass er bei Irina damit sowieso nicht besonders weit kommen würde. Dazu beherrschte die Russin diese Manipulationsspielchen selbst viel zu gut.

„Wirklich? Interessant“ tat der ehemalige Leiter von SD-6 überrascht und machte sich gar nicht die Mühe, seine Erheiterung vor Irina zu verbergen. Seine Worte erzeugten eine Pause, die mit einem eisernen Schweigen einherging. Fast schien es als ob Irina und Slaone einen stummen Wettstreit darüber austrugen, wer zuerst den Blick abwandte oder eine Gefühlsregung zuließ. Sie waren beide ziemlich gut darin, die Gefühle vor ihrem Gegenüber verborgen zu halten. Trotzdem versuchte jeder den Anderen zu durchschauen.
Es war ein ungleicher Kampf, das war sowohl Irina, als auch Slaone bewusst, aber trotzdem war keiner bereit nachzugeben. „Möglicherweise könnte ich dir helfen, aber ich werde es erst überhaupt versuchen, wenn du mir die Chance einräumst, Nadia regelmäßig zu sehen“ verlangte der grau melierte Mann, wobei er die Gitterstäbe mit beiden Händen umklammerte, um zu unterstreichen wie wichtig ihm dieses Anliegen war.

Es scherte Irina einen Dreck wie wichtig Sloane es war, Nadia zu sehen. Seine Obsession war es, die Nadia dazu gebracht hatte, ihre Mutter und ihre Schwester zu belügen und nur er, Sloane, Nadias eigener Vater, war skrupellos genug gewesen, ihr diese grüne Flüssigkeit zu injizieren. Irina hatte einige fragwürdige Dinge getan. Oft hatte sie durch ihre Handlungen Sydney verletzt, aber immer mit dem Ziel sie zu schützen.
Nichts war so wichtig,  dass es wert war, das Leben der beiden Menschen zu gefährden, die Irina am meisten liebte.
Aber es ging noch um etwas anderes: Um das Prinzip! Darum wer mehr Anteil an Nadias Leben haben durfte, wem sie mehr vertraute. Weder Sloane, noch Irina sprachen etwas in dieser Richtung aus, aber beide wussten, dass es im Grunde genommen auch darauf hinauslief.

„Nein“ antwortete Irina auf Sloanes Frage hin schließlich und mit aller Entschlossenheit, die sie aufbringen konnte, auch wenn Nadia da wahrscheinlich auch noch ein Wörtchen mitzureden haben sollte.
In diesem Moment jedenfalls war dies Irinas Entscheidung. „Ich werde nicht zulassen, dass du sie weiterhin dazu missbrauchst, Rambaldi näher zu kommen.“ Die Leiterin des DSC machte eine Pause und beschloss dann, noch etwas Salz in die Wunde zu streuen. „Ginge es nach mir, würdest du sie nie wieder sehen.“
„Sie ist meine Tochter, Irina.“ Arvins Stimme zitterte ein wenig, doch das ließ Irina kalt. Wenn sie daran dachte wie Sloane ihre Tochter dazu gebracht hatte, sie und Sydney zu belügen oder die grüne Flüssigkeit in ihre Venen gespritzt hatte, war Irina wieder rasend vor Wut.
„Sie ist auch meine Tochter. Und im Augenblick sind sie und Sydney in Gefahr. Ich habe sie nach Nepal geschickt, um Priester Achtak aufzusuchen. The Hand ist hinter ihm her. Wir haben den Kontakt zu den Beiden vor einer Stunde verloren.“
Sloane sah Irina schockiert an, was die ehemalige KGB-Agentin ihm auch abnahm. So gut konnte nichtmal Sloane schauspielern. „Sind sie noch am Leben?“ fragte er und zum ersten Mal in seinem Leben bekam er wirklich Angst. Sollte Irina doch ihren Willen kriegen! Wenn sie dadurch Nadia rettete, war ihm das egal.
„Das weiß ich nicht, Arvin. Deswegen bin ich hier. Eigentlich wollten wir nach Nepal fliegen, aber ich nehme an, The Hand hat sie längst wegbringen lassen. Du hast mit dieser Organisation zusammen gearbeitet: Wo würden sie den Priester hinbringen?“
„The Hand hat einige Immobilien in Monaco. Das ist am günstigsten wegen der Steuer und die Behören dort sind für ihre Diskretion bekannt, weshalb die Grundstücke vermutlich nicht in den Akten stehen, die die CIA bereits über The Hand hat. Regis, ein hochrangiger The Hand-Funktionär hat mich zu Geschäften oft dorthin eingeladen. Es ist eine Villa, im südlichsten Teil von Monaco. Ihr könnt sie nicht verfehlen, es ist die Größte.“

Irina schnappte sich einen Zettel aus der Tasche ihrers Blazers und schrieb alles auf. „Sicherheitssysteme?“ fragte sie, während sie schrieb.
Sloane zuckte hifllos mit den Achseln. „Die einzige Möglichkeit etwas über das Sicherheitssystem zu erfahren ist der Sicherheitschef von The Hand, ein Mann namens Klaus Heinz, der in einem Berliner Hotel namens Alexander ein Zimmer hat. Bevor er rauf in sein Zimmer geht, genehmigt er sich einen Drink an der Lobby. Jeden Abend um halb acht.“
Irina hörte auf zu schreiben, steckte den Zettel wieder ein und sah Sloane lange an, überlegte was sie sagen sollte und beließ es dann bei einem: „Danke!“
„Bring unsere Tochter heil zurück, Irina.“ Die ehemalige KGB-Agentin nickte auf seine Worte hin nur und verließ dann den Zellentrakt.

Zurück im Operationszentrum, steuerte sie ihr Büro an, holte ihren Mantel und ging dann anschließend zu Jack, der sie schon erwartet hatte.
„Hast du von Sloane was Nützliches erfahren?“ fragte er.
„Wir fliegen nach Berlin. Hotel Alexander. Erklärungen später“ antwortete Irina einsilbig, womit ihr Mann sich vorerst zufrieden gab und ihr einfach folgte. Er hoffte, dass Sydney und Nadia wohlauf waren, wo immer sie sich auch befanden.

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