14. Scorpion

Frankfurt,
Deutschland


„Herr Schneider, guten Morgen. Wie war ihr Urlaub?“ lächelte Tobias Kramer seinem Kollegen zu, der genau wie Schneider gerade dabei war das Gebäude, in dem sich das Reisebüro befand, zu betreten.
„Schrecklich! Hawaii war ein absoluter Reinfall!! Unsere Zimmer hatten keine Klimaanlage, aber dafür gab es jede Menge Kakerlaken. Ich hätte gut Lust, den Reiseveranstalter zu verklagen, wenn das nicht gerade unsere Firma wäre“ grinste Martin Schneider und sein Kollege stimmte in das Lachen mit ein, klopfte ihm auf die Schulter und ging hinein.

In den Aufzug drängte sich mit den beiden Herren eine junge Frau in grauem Kostüm und mit blonden Haaren, die sie zu einem Zopf zusammen gebunden hatte.
„Was für eine Woche, nicht? Zum Glück ist Freitag“ seufzte sie, lächelte den beiden Herren zu und betätigte den Aufzugknopf, woraufhin sich die Türen schlossen.
Zwei Minuten nachdem sich der Aufzug in Bewegung gesetzt hatte, wandte sich die junge Frau erneut an die beiden Anzugträger. „Entschuldigen sie, ich fürchte meine Uhr ist stehen geblieben. Können sie mir sagen wie spät es ist?“
Kramer und Schneider wechselten einen Blick. Schließlich stellte Kramer seinen Koffer ab, zog den Ärmel seines Mantels zurück, damit er einen Blick auf die Armbanduhr werfen konnte, die ihm seine Frau letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte.
Während er dies tat, beugte sich der Deutsche ein wenig zu der jungen Frau hinüber, die plötzlich den Arm, an der sie ihre Uhr trug, ein wenig anhob und an dem Knopf drehte, der normalerweise dazu da war, die Uhrzeit einzustellen. Eine kleine Gasfontäne stieg aus der Uhr und ließ Kramer bewusstlos zusammen sinken.
Schneider hatte gar nicht mehr die Gelegenheit zu reagieren, denn die junge Frau betäubte auch ihn mit Hilfe der Uhr.
„Robot, hörst du mich?“

Dixon, ein paar Meter weiter in einem schwarzen Van in Stellung, beobachtete die Überwachungsmonitore des Gebäudes und antwortete über das Head-Set, das er auf dem Kopf hatte: „Laut und deutlich, Princess.“
„Kaum zu fassen, dass mich Irina Derevko zu diesem Einsatz überreden konnte“ murmelte Carolyn, während sie die Notbremse betätigte, Kramers Key-Card nahm und mithilfe eines Fingerabdruckscanners, den Marshall erfunden hatte, den Abdruck von Schneiders rechten Zeigefinger einscannte.
„Sydney und Vaughn haben den Vormittag frei und Na…Evergreen sitzt nach wie vor im Gefängnis. Außerdem haben sie eine Ausbildung als Feldagentin.“
„Danke, Herr Anwalt, aber das war nicht Teil der Vereinbarung“ erwiderte die junge Frau schnippisch, während Dixon mit den Augen rollte. „So ich bin fertig. Programmieren sie den Fahrstuhl so, dass er nach unten, statt nach oben fährt. Ich fessle die Kerle inzwischen“ gab die CIA-Agentin durch nachdem sie die benötigten Gegenstände verstaut hatte.
„Okay. Es geht los.“ Dixon loggte sich in das Sicherheitssystem ein, suchte dort nach der Programmierung für den Fahrstuhl und stellte es so ein, dass Carolyn ins Kellergeschoß fuhr, wenn sie die Notbremse ausschaltete, was diese auf sein Signal hin auch tat.


Im Kellergeschoss erreichte die Agentin nach ca. 20 Metern eine Eisentür, auf der auf Deutsch stand, dass der Zutritt nur dem Personal gestattet war. Auf der rechten Seite befand sich ein Gerät mit einem Schlitz, das zum Einlesen der Key-Card bestimmt war. Links war ein Gerät angebracht, dessen Mitte die Form eines Fingers hatte, wohl um den Fingerabdruck zu lesen.
Carolyn benutzte zuerst die Key-Card und nachdem deren Richtigkeit bestätigt und das System den Fingerabdruck verlangte, betätigte sie einen Knopf auf dem Fingerabdruckscanner von Marshall, worauf dieses surrte sich öffnete und ein Latexduplikat von Schneiders Fingerabdruck herstellte, das sie über ihren eigenen Zeigefinger legte und es so schaffte, dem System vorzugaukeln, sie wäre Schneider.
„Zugangsberechtigung erteilt“ erklärte eine Roboterstimme und kurz darauf öffnete sich die Tür.
„Princess, ich lege die Überwachungskameras in eine Zeitschleife. Genau….“ Dixon warf einen Blick auf die Uhr und aktivierte die Zeitschleife genau drei Sekunden später. „Jetzt. Du kannst reingehen, aber denk dran: Du hast nur zwei Minuten Zeit, dann bist du für die Sicherheitskräfte wieder sichtbar.“

Carolyn trat ein, ging sofort an den überdimensional hohen Computer. Wie die Agenten in der Einsatzbesprechung erfahren hatten, war er immer angeschaltet, weswegen die Agentin nicht erst warten musste bis der Rechner hochgefahren war. Die junge Frau mit naturgemäß braunen Haaren suchte nach den Dateien über Scorpion und nach einer Weile fand sie, sie auch, warf einen Blick auf die Uhr: Eine Minute war bereits vergangen.
Sie tippte die IP-Adresse des DSC in den Computer ein und trieb das System zur Eile an, denn wieder waren bereits 30 Sekunden verstrichen und der Computer hatte die Übertragung noch nicht abgeschlossen. 80 Prozent.
„Princess, du hast noch 40 Sekunden. Dann schalten sich die Überwachungskameras im Serverraum wieder ein“ informierte Dixon seine Kollegin über Head-Set.
20 Sekunden bevor die Zeit um war, hatte das System die Übertragung erfolgreich beendet. Dixon bestätigte den Empfang. „Raus da, Princess!“

Zehn Sekunden vor Ablauf der Zeitschleife schaffte es die Agentin den Serverraum zu verlassen, holte den Aufzug und verabredete sich mit Dixon am Bergungspunkt.

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Los Angeles,
DSC, Irinas Büro


„Mrs. Derevko, das ist völlig ausgeschlossen“ beharrte Devlin auf seinen Standpunkt.
Irina war ein wenig verärgert darüber, dass der CIA-Direktor ihr kein Stück entgegen kam. Zumal es dafür aus Irinas Sicht gar keinen Grund gab. Die Bedingungen waren eindeutig und die Leiterin des DSC hatte schon erklärt, die volle Verantwortung zu übernehmen, sollte es wider Erwarten schief gehen.
Irina hielt Devlins Blick ruhig stand und sagte eine Weile lang gar nichts, wog ihre nächsten Worte sorgfältig ab. „Nennen sie mir einen Grund warum nicht.“

Der Direktor sah die Russin an als hielte er sie für irrational. „Mrs. Derevko, wir reden hier von einer Agentin, die einen Mord begangen hat! Nur weil sie ihre Tochter ist, kann ich keine Ausnahme machen.“ Er machte eine Pause, während der Irina sich seufzend in ihrem Stuhl zurück lehnte. Trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber einer Freilassung von Nadia, schien Devlin auch traurig darüber keine, in seinen Augen, andere Wahl zu haben. „Abgesehen davon, habe ich keine Ahnung wie ich das dem Senat erklären soll“ fügte er seufzend hinzu.
„Ich sage ihnen jetzt was, Mister Devlin: Nadia Santos ist nicht nur eine wertvolle Agentin und meine Tochter, sie ist außerdem der Passagier und somit diejenige von uns allen, die Rambaldi bisher am nächsten gekommen ist. Wenn sie, sie nicht freilassen, sehe ich mich gezwungen meine Arbeit hier zu beenden. Alles was ich ihnen anbieten kann, ist diesen Vertrag, den ich habe aufsetzen lassen, zu unterschreiben“ erwiderte die Russin kühl und ohne Anzeichen einer Gefühlsregung damit Devlin gar nicht erst anfangen konnte damit zu argumentieren, dass Irinas Gefühle für Nadia, ihren Blick für das Wesentliche trüben.

Dennoch versuchte der CIA-Chef ein Argument auszuspielen, da er nicht sonderlich davon überzeugt war, dass es nur mit Nadias Hilfe möglich war, die Katastrophe zu verhindern, die Rambaldi vorausgesagt hatte. „Darf ich sie daran erinnern, dass ihre Immunitätsvereinbarung mit der CIA darauf basiert, dass sie diese Operationseinheit leiten und diese erlischt, sobald sie die Arbeit verweigern?“

Keiner der beiden Agenten ließ eine Gefühlsregung in seinem Gesicht zu. Die ehemalige KGB-Agentin nahm einen Stift, der auf ihrem Schreibtisch lag und unterschrieb den Vertrag, den sie von ihrer Rechtsabteilung zur Freilassung von Nadia hatte aufsetzen lassen und schob ihn mitsamt des Stiftes Devlin zu. Dieser beäugte das Schriftstück kurz und mit misstrauischem Blick um in seiner Aufmerksamkeit gleich wieder zu Irina zu wechseln. „Dessen bin ich mir im Klaren, aber wenn sie Nadia nicht freilassen, kann ich ihnen sowieso nicht helfen und kommen sie mir nicht damit, dass sie erst den Senat überzeugen müssen. Ich weiß, dass so etwas durchaus in ihrer Macht steht“ erklärte diese. Damit war Devlin jeglicher Wind aus den Segeln genommen.
Egal was er tat, er hatte verloren. Ihm blieben mehrere Möglichkeiten und keine war sonderlich attraktiv: Er konnte verweigern, Nadia freizulassen wodurch Irina ihre Arbeit aufgeben und ins Gefängnis zurück gehen würde, trotzdem aber gewonnen hätte, weil die CIA zwar noch einen Rambaldi-Experten kannte, aber genau wusste, dass Sloane als Böser für die Leitung des DSC nicht in Frage kam – und ohne Rambaldi-Experten konnten sie nicht herausfinden, was dieser für eine Katastrophe prophezeit hatte. 
Wenn er Nadia frei ließ und gemäß der Vereinbarung, die Irina verfasst hatte, in ihre Obhut übergab, hatte die KGB-Agentin ihren Willen bekommen, während die CIA darauf vertrauen musste, dass die Argentinierin tatsächlich geläutert war.

Da die zweite Möglichkeit wesentlich nutzbringender war als die Erste, gab Devlin sich widerwillig geschlagen, nahm den Stift und unterzeichnete. Beide Agenten standen auf: Irina wirkte zufrieden, während der CIA-Direktor nicht recht wusste, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Beide reichten sich die Hand.
„Ich lasse ihre Tochter noch heute herbringen. Hoffentlich steckt wirklich soviel gutes in ihr wie sie sagen“ meinte Devlin.
„Sie können ihr vertrauen“ nickte die Leiterin des DSC.
„Wir werden sehen. Schönen Tag noch.“ Devlin zog seinen Mantel an und verließ das Gebäude des DSC. Hinter ihm betrat Jack das Büro, wissend, worüber seine Frau mit der CIA verhandelt hatte.
Irina kannte ihn lange genug um aus seinem Blick richtig zu schließen, dass er unschlüssig war, ob die Entscheidung Nadia aus dem Gefängnis zu holen, richtig war. Außerdem war er besorgt wie Sydney auf die Neuigkeiten reagieren würde.

Der Agent schloss hinter sich die Tür und blieb mit den Händen in den Hosentaschen vor Irinas Schreibtisch stehen.
„Du denkst, ich mache einen Fehler“ bemerkte Irina ohne es wie einen Vorwurf klingen zu lassen.
Jack konnte es nicht leugnen, aus dem einfachen Grund, dass es stimmte. Er hielt es tatsächlich für einen Fehler, Nadia aus dem Gefängnis zu holen, aber andererseits konnte er seine Frau sehr gut verstehen. „Ich mache mir nur Sorgen, Irina. Du hast zwar eine sehr gute Menschenkenntnis, das will ich nicht bestreiten. Aber ich muss die Frage trotzdem stellen: Was ist wenn du dich in Nadia irrst?“
Die Russin schüttelte auf diese Worte hin vehement mit dem Kopf, stand auf, ging um den Schreibtisch herum und kam vor ihrem Mann zum Stehen. „Das ist ausgeschlossen, Jack.“
Jack widerstand dem Impuls sie zu küssen, denn vorher wollte er ihr seine nächste Frage stellen: „Was macht dich da so sicher?“
„Ich kenne meine Töchter. Ich kenne Nadia.“ Jack schien noch nicht so recht überzeugt, also versuchte Irina es ihm zu erklären. „In den vielen Jahren, die ich nun schon in diesem Geschäft arbeite, habe ich gelernt Menschen zu erkennen, die es lieben zu töten, denen es Spaß macht, anderen Menschen leid zuzufügen. Man erkennt es an ihren Augen, den Blick in ihrem Gesicht, wenn sie zum ersten Mal jemand Unschuldigen getötet haben. Wenn ich Nadia in die Augen sehe, sehe ich nichts davon. Nur Bedauern, die vielen Albträume, die sie in den langen Nächten im Gefängnis hat, und das Gefühl, niemanden mehr zu haben, der an sie glaubt.“ Irina machte eine Pause, schlang die Arme um sich als wolle sie sich selbst umarmen. „Sie ist Sloanes Tochter und das heißt, dass sie eine Menge Böses in sich hat. Entscheidend ist nur welcher Einfluss auf sie ausgeübt wird.“
„Und was ist mit den Genen, die sie von dir geerbt hat?“ fragte Jack mit dem leichten Anflug eines Grinsens.
Irina erwiderte es und antwortete: „Ich bin böse, ja. In bestimmten Situationen.“
Ohne darauf etwas zu erwidern, beugte Jack sich zu ihr hinunter und küsste sie, zog sie an sich und atmete ihren Duft ein, während seine Hand durch ihr samtweiches Haar fuhr.

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Es duftete nach ofenfrischen Croissants und frischem Kaffee als Vaughn an diesem Morgen erwachte. Noch gar nicht ganz die Augen geöffnet, griff er mit der linken Hand neben sich, um Sydney mit einem Guten-Morgen-Kuss zu begrüßen, doch der Platz neben ihm war leer.
Erstaunt darüber, dass er ins Leere griff, holte Michael seine Boxershorts, zog sie über und folgte dem Duft, der ihn geweckt hatte.

Ein Lächeln entkam dem Agenten als er seine Verlobte den Frühstückstisch decken sah. Neben dem Besteck und den Tellern, befanden sich bereits Butter und Marmelade auf dem Tisch. Sydney hatte ihren Rücken ihm zugewandt als sie die Croissants aus dem Ofen holte. Michael näherte sich ihr fast lautlos von hinten und legte seine Hände um ihren Bauch, küsste ihren Nacken. „Morgen“ flüsterte er dabei und bemerkte, dass Sydney lächelte.
„Morgen“ antwortete die und drehte sich zu ihm, um ihn zu küssen.
„Du hast Frühstück gemacht? Was ist denn der Anlass?“ grinste der Blonde und setzte sich an den Tisch, während seine Verlobte die Croissants in ein Körbchen legte und sich damit zu ihm gesellte.
„Wieso Anlass? Ich habe schon öfter für uns das Frühstück gemacht.“
Michael entkam ein herausforderndes Grinsen als er sich zur Seite und zu Sydney hinüber beugte. „Stimmt gar nicht.“
Die Braunhaarige spielte die Entrüstete. „Doch natürlich!“
„Wann zum Beispiel?“
Sydney musste tatsächlich eine Weile nachdenken, aber zugeben, dass ihr nicht genau einfiel wann sie zuletzt für sich und Vaughn das Frühstück gemacht hatte. Ihr Verlobter wusste, dass sie nicht belegen konnte, Frühstück gemacht zu haben und grinste siegessicher. „Okay. Sagen wir einfach, wir feiern unseren freien Vormittag und die ersten Vorbereitungen für die Hochzeit.“
„Einverstanden“ erwiderte der blonde Agent und streckte sich Sydney ein wenig entgegen. Sie küssten sich. „Hey, ich habe mit meiner Mutter gesprochen wegen des Probeessens. Sie hat gesagt, dass sie kommt“ erzählte der Agent nachdem er sich von seiner Frau in spe gelöst hatte.

Obwohl sie sich eigentlich freuen sollte, dass Monique Vaughn am Probeessen teilnehmen wollte, machte Sydney sich doch Sorgen. Immerhin waren nicht nur Michaels Mutter, sondern auch ihre Eltern eingeladen. Hoffentlich würde es nicht zu Streitigkeiten kommen, vor allem zwischen Irina und Monique.
Abgesehen vom Probeessen gab es außerdem noch ein weiteres Problem bei der bevorstehenden Hochzeit: Wen sollte Sydney zu ihrer Trauzeugin machen? Nadia war geplant gewesen, aber nach allem was sie sich geleistet hatte, war das für Sydney ausgeschlossen. Außerdem saß sie nach wie vor im Gefängnis.

Wenigstens hatte Michael schon einen Trauzeugen: Er hatte sich für Weiss entschieden, obwohl mit Dixon noch ein weiterer Kandidat zur Verfügung gestanden hätte und auch Will, der inzwischen wieder in LA lebte, wäre eine gute Möglichkeit gewesen. Andererseits verstand Sydney warum Vaughn, Weiss als Trauzeugen haben wollte: Als Agenten für die CIA hatten sie schon einiges zusammen durchgemacht.

Die Braunhaarige wurde durch das klingelnde Telefon aus ihren Gedanken gerissen. Sie und Vaughn wechselten einen ernsten Blick und brachen in lautes Seufzen aus als ihnen gleichzeitig klar wurde, dass das um diese Uhrzeit nur eines bedeuten konnte: Arbeit.
„Ignorier’ es einfach“ schlug der blonde Agent vor.
Sydney fand diese Vorstellung zwar verlockend, wusste aber genauso gut wie Vaughn, dass das einfach nicht ging: „Und was sagen wir meiner Mutter? Dass, das Telefon kaputt war?“
„Zum Beispiel?“ lachte Vaughn und fing sich dafür einen sanften Stoß von Sydney ein, die den Anruf entgegen nahm.
„Hallo?“ Es folgte eine Pause. Sydney seufzte. „Okay. Wir sind gleich da.“

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Als Sydney und Vaughn beim DSC eintrafen, wurden sie schon von Jack, Marshall und Irina in Empfang genommen, die sofort den Besprechungsraum ansteuerten. Das Paar war überrascht und neugierig geworden.

Im Besprechungsraum selbst hatten sich bereits Carolyn, Dixon und Nicolai eingefunden. „Wir haben Carolyn und Dixon nach Frankfurt geschickt mit dem Auftrag, den The Hand Zentralserver zu hacken und die Daten an uns zu übermitteln, wodurch wir uns nähere Informationen über das Projekt erhofft haben, an dem Mitglieder der Organisation zuletzt gearbeitet haben, genannt Scorpion“ eröffnete Jack die Besprechung und sah Marshall an nachdem er seinen Monolog beendet hatte. Die Blicke aller Anwesenden folgten dem des stellvertretenden DSC-Leiters. Einzig und allein Marshall schien nicht bemerkt zu haben, dass ein Vortrag von ihm erwartet wurde. Er selbst blickte erwartungsvoll in die Gesichter des restlichen Teams.

„Oh, heißt das, ich bin dran? …“ Keiner antwortete ihm, nur die Blicke signalisierten Marshall, dass er tatsächlich an der Reihe war. Mit verlegenem Räuspern stand er auf, nahm die Fernbedienung, die in der Mitte des Tisches lag und betätigte einen der Knöpfe, wodurch an der Wand vier Bildschirme erschienen. „Leider ist bei der Übertragung der Daten etwas schief gelaufen, so dass wir nur einen Teil dessen erhalten haben, was sich eigentlich im Zentralcomputer von The Hand befindet. Bisher haben wir zwei Informationen.“ Marshall drückte erneut einen Knopf. Daraufhin erschien auf den Bildschirmen das Foto eines dunkelhaarigen Mannes, der nur milimeterkurzes Haar und keinen Schnurrbart hatte. Er war schlank, wirkte aber trotzdem sehr durchtrainiert. Der Anzug ließ ihn wie einen jungen Geschäftsmann wirken. 
„Danke, Marshall. Das ist Claude Latierré, der französische Chef einer Bank in Wien. Sein Name wird in den Daten, die wir aus dem Computer erhalten haben, in Zusammenhang mit Scorpion öfter erwähnt“ erklärte Irina, während sie Sydney und Vaughn ihre Mappen zuschob, woraus sie die Informationen entnehmen konnten, die Irina mittels Fernbedienung auch auf den Monitor werfen ließ. „Latierré leitet die Wiener Sparkasse. The Hand hat dort ein Konto, auf dem sich bis vor kurzem noch 5 Millionen Dollar befunden haben. Das ist die zweite Information, die wir aus den übertragenen Dateien erhalten haben.“

„Bis vor kurzem?“ hakte Sydney mit nach oben gezogener Augenbraue nach, während sie hellhörig geworden ihren Blick hob und ihrer Mutter zuwandte. Als diese nickte, fragte die Agentin weiter: „Wofür haben die soviel Geld gebraucht?“
„Das möchten wir auch gerne wissen. Claude Latierré hatte nie direkt mit einem Agenten von The Hand Kontakt. Meistens per Telefon. Sowohl Latierré als auch The Hand fürchten wohl, dass die CIA von der Verbindung erfährt und The Hand den Geldhahn zudreht. Latierré nimmt seinen Laptop, auf dem sich die Dateien über das Konto befinden, deshalb auch immer mit nach Hause. Passenderweise gibt er morgen eine Feier für Agenten der Organisation in seinem Haus. Natürlich inoffiziell arbeitende Agenten.“ antwortete Irina.
Jack beugte sich ein wenig nach vorn und faltete die Hände ineinander. „Sydney, du bist Laetizia Ferrat, Vaughn, sie übernehmen den Part von ihrem Mann Michel. Nachforschungen haben ergeben, dass das Ehepaar Ferrat Auftragsmorde für The Hand durchgeführt hat. Latierré kennt die Beiden also nur von Beschreibungen. Er weiß nicht, dass das Ehepaar Ferrat vor einem halben Jahr von der CIA wegen der Verbindung zu The Hand in Haft genommen wurde.“

Wieder war es Irina, die für ihren Mann das Reden übernahm. „Wir möchten wissen wofür The Hand 5 Millionen Dollar braucht und was das mit Scorpion zutun hat. Euer Auftrag lautet, an Latierrés Telefon eine Wanze anzubringen und ein Programm zu installieren, das von Latierré unentdeckt bleiben wird. Mit dessen Hilfe geht jede E-Mail, jede Kontobewegung, die Latierré von seinem Computer aus veranlasst zuerst an uns. So können wir das Geld im Auge behalten und herausfinden was sie vorhaben. Euer Flug geht in drei Stunden. Marshall wird euch in der technischen Abteilung das Equipment erklären. Viel Glück.“

Als alle Agenten fast draußen waren und auch Sydney das Besprechungszimmer fast verlassen hatte, bat Irina ihre Tochter noch zu bleiben.

Die Agentin warf Vaughn einen Blick zu, nickte und setzte sich wieder, während sich die Türen auf Irinas Knopfdruck hin schlossen.
Die ehemalige KGB-Agentin lehnte sich neben Sydney gegen die Tischkante und biss sich auf die Unterlippe. Mit ihrer Tochter über Nadia und deren Rekrutierung für das DSC zu reden, hatte sie sich einfacher vorgestellt.
Irina bereute ihre Entscheidung keine Sekunde und war wirklich der Meinung, mit Nadia richtig zu liegen. Ihre jüngere Tochter war vielleicht kein Engel, aber eine gewissenlose Mörderin war sie auch nicht. Sie konnte es werden, wenn Irina Sloane gestattete, weiterhin den Kontakt zu Nadia zu suchen.
Dieser Gedanke machte die Leiterin des DSC zornig. Offenbar spiegelte sich dies auch in ihrem Blick wider, denn Sydneys Blick veränderte sich schlagartig, schien beinahe besorgt.

Erst als die Braunhaarige ihre Mutter sanft am Arm berührte und ein leises, fragendes „Mom?“ hauchte, wurde Irina aus ihren Gedanken gerissen.
„Nadia wird in Zukunft hier arbeiten“ sagte die Russin geradeheraus und warf damit jegliche Pläne, es ihrer Tochter schonend beizubringen über Bord. Schließlich gab es nichts wofür sich Irina vor Sydney rechtfertigen musste.

Die Reaktion ihrer Tochter war die, die ehemalige KGB-Agentin erwartet hatte: Sydney war schockiert und der Ausdruck in ihren Augen zeigte dies ihrer Mutter. Irina widerstand dem Impuls Sydney zu erklären warum sie diese Entscheidung getroffen hatte, sondern wartete auf eine Reaktion von ihr.
„Das ist nicht dein Ernst“ hauchte die jüngere der beiden Frauen, die dem bohrenden Blick ihrer Mutter auswich und auf die Tischplatte starrte. Irina las Schmerz und eine Menge anderer Gefühle, die nur so auf ihre Tochter einprasseln mussten, in Sydneys Augen. Das tat ihr zwar leid, aber nichts was Sydney sagen würde, würde Irina von ihrer Entscheidung abbringen. Sie würde dasselbe auch für Sydney tun -und das ohne zu zögern.

„Doch ist es. Sydney, wir versuchen aufzudecken was diese Katastrophe ist, die laut Rambaldi auf uns zukommt. Deine Schwester als der Passagier ist diejenige von uns allen, die Rambaldi bisher am nächsten war. Außerdem ist sie eine großartige Agentin und könnte eine Hilfe für uns sein“ erklärte Irina ruhig.
„Sie hat einen Menschen getötet und uns über Wochen hinweg belogen! Du kannst ihr doch nicht allen Ernstes trauen, Mom!“ fuhr die Agentin ihre Mutter an, sah ihr diesmal direkt in die Augen und vergaß dabei, dass Irina nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihre Chefin war. Als ihr dies bewusst wurde, besann sich Sydney wieder, versuchte ruhiger zu werden. „Du verstehst nicht wie es ist, wenn man von den Menschen, denen man vertraut, belogen wird“ fügte die Agentin hinzu.

Irina war froh, dass Sydney nicht in ihr Gesicht und den verletzten Blick darin sah. Denn es war sogar für Irina schwer, zu verbergen wie tief sie die Worte ihrer Tochter getroffen hatten, wusste sie doch genau worauf diese Bemerkung anspielte.
Es war keine Absicht von ihrer Tochter gewesen, eine verletzende Bemerkung zu machen, das wusste Irina und deshalb war sie deswegen nicht verärgert. Sie fühlte sich einfach nur schuldig, dass sie ihren Töchtern nicht die Mutter sein konnte, die sie verdienten.

„Ich weiß, dass sie dir sehr wehgetan hat, Sydney. Aber sie ist meine Tochter. Genau wie du. Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich sie so einfach aufgebe.“ Irina legte den Zeigefinger unter Sydneys Kinn, so dass ihre Tochter gezwungen war sie anzusehen. „Ich werde weder Nadia, noch dich je wieder aufgeben. Egal was passiert.“
Auf diese Worte hin konnte die Agentin nichts erwidern und so lenkte sie widerwillig ein. „Gut ich werde versuchen mit ihr auszukommen, das heißt aber nicht, dass ich vergesse was sie getan hat.“
Mit diesen Worten stand Sydney auf, öffnete mit einem Knopfdruck die Türen und verließ den Besprechungsraum.
Irina seufzte. Das war zwar nicht die Antwort, die sie sich gewünscht hatte, aber es war immerhin ein Anfang.

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Nur langsam schien sich der Konvoi fortzubewegen. Die Wachen murmelten ein paar Worte in ihre Funkgeräte, doch Nadia bekam davon wenig mit. Zu sehr war sie in ihre Gedanken vertieft, während sie die Häuser und Wiesen beobachtete, die an ihr vorbeizogen.
Wie Sydney wohl darauf reagieren würde, dass ihre kleine Schwester wieder mit ihr zusammenarbeiten würde?
Die Argentinierin seufzte. Vermutlich würde sie alles andere als begeistert reagieren. Das glaubte Nadia auch gar nicht zu verdienen. Schließlich hatte sie Sydney über Wochen hinweg belogen, was den Mord an Kingsley anging. Sie hätte sich gar nicht erst Sloane anvertrauen dürfen.
Die Schwarzhaarige schüttelte den Kopf, versuchte diese Gedanken von sich zu schieben, aber es gab nichts, das sie ablenken konnte. Alles was Nadia tun konnte war zu hoffen, dass Sydney eines Tages verstehen würde, dass sie Kingsley nur ermordet hatte, weil sie glaubte, damit Sydney und sich selbst zu schützen.

Plötzlich waren Schüsse zu hören. Sie kamen von allen Seiten. Der Wagen, in dem Nadia saß, hielt an und einige Wachposten stiegen mit gezogenen Waffen aus. Die Agentin reckte ihren Hals um so durch das Fenster sehen zu können, wer die Unbekannten waren. Wieder waren Schüsse und schreckliche schmerzerfüllte Schreie zu hören. Das war zuviel für sie. Nadia versuchte verzweifelt ihre Handschellen aufzubekommen, obwohl sie wusste, dass das ohne Schlüssel nicht ging. Sie sah sich in dem Wagen um nach einem Gegenstand, der ihr helfen konnte, diese verdammten Handschellen aufzubekommen und den Männern da draußen zu helfen.
Als sie aufsah, wurde die Tür geöffnet. Nadia sah zwei maskierten Männern ins Gesicht, die Armeekleidung trugen. Sie wollte fragen wer sie geschickt hatte, doch plötzlich, ohne Vorwarnung, schlug einer der Männer sie mit dem Kolben seiner Waffe nieder, so dass sie bewusstlos zu Boden sank.
„Wir nehmen sie mit. Karg wird sich freuen, dass alles gut verlaufen ist“ sagte die Person, die Nadia niedergeschlagen hatte und nahm die Maske ab: Es war Sark!

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