12. Redefenition
Wisconsin
Erleichtert endlich die Sirene zu hören, die ihn in den Feierabend entließ, legte Will den Hammer beiseite, legte den Helm ab und verabschiedete sich von seinen Kollegen, mit denen er nun schon seit einem Jahr auf dem Bau arbeitete. Es war keine angenehme Arbeit oder eine, die ihm Spaß machte wie noch zu Zeiten als er für die CIA oder als Reporter gearbeitet hatte, aber dennoch war es eine Arbeit, die gutes Geld brachte.
„Hey, Tippin! Nicht vergessen: Morgen 9 Uhr abends. Pokern bei mir“ rief ein schlanker, und doch muskulöser Mann mit braunen, zentimeterkurzen Haar Will gutmütig zu. Dieser verzog die Mundwinkel und wünschte sich, dass er sich nie zu diesem Pokerspiel hätte überreden lassen. Er war nicht gerade ein Spieler und Zigarren konnte er nicht leiden, hatte Jimmy, seinen Kollegen und Gastgeber aber nicht vor den Kopf stoßen wollen. Immerhin war er es gewesen, der ihm geholfen hatte diesen Job zu bekommen und sich einzugewöhnen.
Oft dachte Will an Sydney seit er für kurze Zeit nach LA zurückgekehrt war um ihr zu helfen. Vor allem an die Nacht, die sie miteinander verbracht hatten. Sie war jetzt verlobt, hatte sie ihm bei ihrem letzten Telefonat erzählt und ähnlich wie bei Danny damals hatte Will verhaltene Freude geäußert, obwohl es ihm diesmal noch schwerer fiel sich für Sydney zu freuen nachdem sie miteinander geschlafen hatten. Trotzdem gönnte er seiner Freundin das Glück und etwas Besseres hätte ihr mit Vaughn gar nicht passieren können, obwohl er sich insgeheim, in seinem tiefsten Unterbewusstsein, wünschte, der Mann zu sein, der Sydney heiraten durfte.
Auf dem Weg nach Hause schüttelte Will mit dem Kopf. Dieser Gedanke war absurd. Sydney würde in ihm nie etwas anderes sehen als ihren besten Freund und vielleicht war das auch besser so. Schließlich stellte er es sich schwierig vor als Zivilist mit einer Agentin verheiratet zu sein, und sich jedes Mal fragen zu müssen, ob sie lebend zurückkehrte. Er machte sich auch so schon genügend Gedanken darüber, in welchen Schwierigkeiten seine Freundin gerade steckte oder was sie gerade durchmachte.
Damals, das Wiedersehen mit ihrer Mutter in Taipeh, hatte Sydney sehr mitgenommen und Will sich hilflos gefühlt, weil er nichts anderes hatte tun können als ihr zuzuhören und ein guter Freund zu sein.
Der ehemalige Reporter steuerte ein DVD-Geschäft an, in der Hoffnung einen Film für den Abend zu finden. Drinnen angekommen war er so in Gedanken versunken, dass er mit einem anderen Mann zusammenstieß. „Oh, Entschuldigung“ murmelte Will ohne die Person, die er angerempelt hatte, richtig anzusehen.
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Los Angeles
Ein hoher Geräuschpegel empfing Sydney und Vaughn als sie das Gebäude betraten, in das man sie geschickt hatte. Die Fassade bestand aus weißen Wänden und schon am Eingang hatten sie das Schild „Wishes & More“ gelesen, eine Werbeagentur.
Die beiden Agenten sahen sich verwirrt an und waren sich sicher falsch zu sein, allerdings war nichts unmöglich. Nicht in dem Beruf, in dem sie arbeiteten. „Ich dachte wir sollten unsere neue Stelle beim DSC antreten“ murmelte Michael seiner Verlobten zu.
Bevor Sydney antworten konnte, kam ihnen eine braunhaarige, attraktive junge Frau entgegen, die ein rotes Kostüm anhatte. Unter dem Blazer kam ein weißer Rollkragenpullover ohne Ärmel, wie Sydney anhand des dünnen Stoffes und mit geübtem Blick feststellte, zum Vorschein.
Von der Frisur bis hin zum Outfit schien sie einfach perfekt. Zu Perfekt. „Ich bin Carolyn Fox. Bitte folgen sie mir!“ stellte sich die junge Frau mit freundlichem Lächeln, das sie ein wenig verschlagen wirken ließ, vor und ging voran.
Sydney und Vaughn waren von diesem Auftritt so überrascht, dass sie sich fragende Blicke zuwarfen und es nicht wagten zu fragen was sie hier eigentlich sollten.
Carolyn führte sie in einen Aufzug. Als sich die Kabine in Bewegung setzte, betätigte sie die Notbremse und brachte den Aufzug damit zum Stehen. „Ich arbeite für Irina Derevko. Genau wie sie seit heute“ erklärte Carolyn, ohne den Blick von der Schaltfläche für die Knöpfe abzuwenden. „Die CIA und die SVR werden jede Beziehung zum Departement of Special Cases, sowie zu dessen Methoden offiziell strikt leugnen. Mit anderen Worten: Es existiert für die Öffentlichkeit kein DSC. Sie sind Angestellte von Wishes & More, einer Werbeagentur, und zuständig für die Kundenbetreuung, wozu sie in alle Teile der Welt reisen müssen. “
Das Wort „Methoden“ bestätigte Sydney in ihrer anfänglichen Skepsis, dass ihre Mutter einen mächtigen Geheimdienst leiten sollte, der ihr fast alle Freiheiten ließ. Sie war froh, dass ihr Vater auch dabei war, als eine Art Aufpasser, damit ihre Mutter das Vertrauen der CIA und der SVR nicht für ihre eigenen Interessen benutzte. Auch wenn Sydneys Vertrauen in ihre Mutter momentan größer war als zu Nadia, war sie sich der Tatsache immer bewusst, dass ihre Chefin jetzt Irina Derevko hieß und man sich deshalb nie sicher sein konnte, dass sie nicht plötzlich anfangen würde ihre eigenen Interessen zu verfolgen. „Was meinen sie mit Methoden?“ fragte Sydney deshalb, einen kurzen Blick mit Vaughn wechselnd, der genauso beunruhigt aussah wie sie.
Carolyn warf der CIA-Agentin einen grinsenden Blick zu. „Das können sie ihre Mutter selbst fragen.“ Ein Drehknopf erschien unter den Zahlenknöpfen und Carolyn benutzte ihn. Sofort fuhr die Kabine nach unten und als sich die Türen öffneten, fanden sich Sydney und Vaughn vor einem langen, dunkeln Gang wieder, an dessen Ende sich zwei rote Stahltüren befanden.
Ihre brünette Kollegin musste das Paar nicht erst bitten ihr zu folgen, sie taten es von selbst. Als sie die Türen erreicht hatten, entdeckte Sydney den schwarzen Metallkasten daneben, in dem sich ein Zahlenfeld mit grünem Display befand. Gewohnheitsmäßig tippte Carolyn eine Kombination ein, woraufhin auf dem Display die Worte: „Zugangsberechtigung erteilt“ erschienen. Unter lautem Zischen schoben sich die Türen zur Seite und gaben den Blick auf einen langen Gang mit vielen Bürotüren frei, aus denen hin und wieder Agenten und Agentinnen huschten. Viele trugen Akten bei sich, manche telefonierten.
Was Sydney und Vaughn am meisten beeindruckte war die Ausstattung. Die Teppichböden waren in schwarz gehalten, während das Dunkelblau der Wände dem Ort eine gemütliche, ruhige Atmosphäre verlieh und dadurch einladender wirkte als die Büros der CIA.
Nachdem man den Gang passiert hatte, befand man sich im Operationszentrum wie Carolyn ihnen erklärte. Alles entsprach der gleichen farblichen Gestaltung. „Kommen sie mit! Ich zeige ihnen etwas, das sie interessieren dürfte“ meinte die brünette, junge Frau mit viel sagendem Grinsen und steuerte den Besprechungsraum an. Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, entschuldigte Carolyn sich und ließ die beiden Agenten allein.
Sydneys und Vaughns Mine erhellte sich sofort als ihr Blick auf Dixon und Marshall fiel, die sie schon erwartet hatten. „Willkommen daheim, Syd!“ schloss Dixon seine Partnerin in die Arme. Die Braunhaarige strahlte und genoss die Umarmung ihres Freundes.
„Es tut so gut dich zu sehen“ flüsterte sie ihm über die Schulter hinweg zu.
„Hallo Michael….Mister Vaughn….Vaughn…Ach ist ja auch egal. Ich wollte nur sagen, dass ich mich freue wieder mit ihnen u-und Sydney zusammen zu arbeiten“ lächelte Marshall unbeholfen, wirkte unentschlossen, ob er Vaughn nun die Hand geben, oder besser umarmen sollte. Michael nahm ihm diese Entscheidung ab, in dem er ihm kräftig die Hände schüttelte und schmunzeln musste über seine Begrüßung. „Danke, Marshall. Ich find’s auch schön hier zu sein.“
Dann wandte sich Marshall an Sydney, die gerade ihr Gespräch mit Dixon beendet hatte. „Hallo Sydney. Wo ist denn deine Mutter??…unsere Chefin??…Ich dachte sie wäre hier um….nun ja uns zu begrüßen.“
Die Agentin und ihr Verlobter wechselten einen Blick. „Ich weiß nicht. Sie kommt sicher gleich.“
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Auch wenn Jack schon einige Operationszentren von innen gesehen hatte, beeindruckte ihn die Kulisse, mit der er hier empfangen wurde. Es überraschte ihn, dass die CIA wohl mit einer Zusage von Irina gerechnet hatte. Warum sonst hätten sie alle Räume schon einrichten und das Personal einstellen sollen? Dabei waren Dixon und Marshall auf seine Empfehlung hin eingestellt worden, während Irina sich für die Einstellung von Sydney und Vaughn eingesetzt hatte. Ursprünglich war auch Nadia eingeplant gewesen, aber nach dem Mord an Kingsley musste Irina die CIA erst davon überzeugen sie aus dem Gefängnis zu lassen, was schwer werden würde, da der Senator mit Mördern besonders hart verfuhr.
All diese Gedanken schob der Agent erstmal beiseite als er vor seinem Büro stand, das von zwei Türen aus hellem Holz verschlossen wurde. Sein erster Eindruck von einem großen Büro bestätigte sich als er es betrat. Es war groß und geräumig mit einer dunkelbraunen Vertäfelung an der Wand.
Jacks erfreutes Gesicht verwandelte sich in eine harte Mine als sein Blick an der braunhaarigen, jungen Frau haften blieb, die auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch saß. „Ich hätte schwören können, dass das mein Büro sein sollte“ murmelte der Agent und kam näher.
Der schwarze Ledersessel drehte sich, so dass die junge Frau ihr Gesicht nun ihm zugewandt hatte. Sie begegnete seinem kalten Blick mit einem schiefen Grinsen, bevor sie selbstsicher aufstand und ihre Hände ineinander faltete. „Keine Ahnung, ob das ihr Büro ist. Sie sind….?“
„Jemand, der es nicht mag, wenn fremde Frauen in seinem Büro sitzen“ antwortete Jack emotionslos.
Die junge Frau presste die Lippen aufeinander und schnitt eine Grimasse. „Autsch! Ich bin Carolyn Fox und der Kontakt zur CIA. Ihrem Pokerface und dem reservierten Auftreten zu schließen, sind sie Jack Bristow, nicht wahr? In diesem Fall sind sie hier im richtigen Büro.“
Jack verwirrte das selbstsichere und beinahe dreiste Auftreten von Carolyn. Er runzelte die Stirn. „Kontakt?“ fragte er.
Carolyn tat überrascht. „Hat ihnen ihre Frau noch nichts erzählt?“ Der Agent ließ die Frage unbeantwortet, und so fuhr die Braunhaarige fort: „Die CIA und die SVR haben Angst, dass Irina Derevko die Ressourcen, die ihr hier zur Verfügung stehen, benutzt um ihre eigenen Ziele durchzusetzen. Deshalb hat man mich und einen SVR-Agenten als Kontakt und Anstandswauwau, wenn sie so wollen, hergeschickt. Wir setzen unsere jeweiligen Agencys von der Arbeit hier in Kenntnis und geben Informationen oder Aufträge an sie und ihre Frau weiter.“
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Wisconsin
„Will?! Will Tippin?!“ fragte der Mann und seine Stimme überschlug sich mit jedem weiteren Wort. Will runzelte die Stirn und versuchte den Fremden irgendwo einzuordnen. Das Lächeln kam ihm irgendwie bekannt vor, aber er war nicht recht in der Lage es einem bekannten Gesicht zu zuordnen.
„Kennen wir uns?“ fragte der ehemalige Reporter deshalb.
„Jeff! Jeff Carlson! Wir waren zusammen auf der High School.“ Wills Gesicht hellte sich auf als er sich erinnerte. Jeff und er waren damals nicht nur auf dem Basketballfeld die größten Konkurrenten gewesen, sondern auch wenn es um ein Mädchen namens Kirsten Hastings ging.
„Ach ja! Oh Mann, Jeff! Ist schon verdammt lange her.“ Erfreut über das Wiedersehen schüttelten die Männer die Hände. Auf einmal glitt Jeffs Blick zum Eingang, durch den zwei Männer in schwarzen Anzügen kamen und deren Augen durch schwarze Sonnenbrillen verdeckt wurden. Mit einem Male wirkte Wills alter Schulfreund viel nervöser und ohne, dass der beste Freund von Sydney etwas davon merkte, ließ er einen braunen Umschlag in Wills Jackentasche verschwinden.
„Hör zu, Mann, ich kann nicht bleiben. Es war schön dich wieder zu sehen“ murmelte Jeff, klopfte Will auf die Schulter und versuchte durch den Hinterausgang zu verschwinden, während der ehemalige Reporter sich fragte was das wohl zu bedeuten hatte.
Die Kerle in den schwarzen Anzügen hatten Jeff entdeckt und rannten quer durch den Laden. Jeff riss die Hintertür auf und flüchtete. Aus journalistischer Neugier heraus beschloss Will den Männern zu folgen. Er beobachtete wie Jeff auf eine stark befahrene Straße zulief, die Männer waren ihm dicht auf den Fersen. Sie murmelten einige Worte in ihre Armbanduhren, woraufhin Minuten später ein Helikopter über ihnen erschien.
Um eine bessere Sicht auf die Geschehnisse zu haben, rannte Will nach draußen bis zum Gehsteig. Jeff rannte jetzt Richtung Tunnel. Die Männer hatten kaum noch eine Chance ihn einzuholen. Da wurde Jeff von einem Auto erfasst und durch die Luft geschleudert bis sein regloser Körper auf dem Asphalt wieder aufkam und liegen blieb. „Großer Gott!“ hauchte Will schockiert.
Die beiden Männer erreichten den Toten und begannen seine Manteltaschen zu durchwühlen. „Er hat sie nicht bei sich“ murmelte der etwas ältere Mann, setzte seine Sonnenbrille ab und warf seinem jüngeren Kollegen einen ernsten Blick zu. Dieser fuhr sich nervös durch das schon etwas schütter gewordene, schwarze Haar.
„Er muss es jemandem gegeben haben, Silas. Anders kann ich mir das nicht erklären.“ Der Schwarzhaarige stemmte seine Hände in die Hüfte, während Silas nachdenklich auf der Unterlippe kaute.
„Pedro, mit wem hat Carlson zuletzt gesprochen?“ fragte er einen Kollegen, der im Van eine Seitenstraße weiter mit einigen Technikern saß.
Der Angesprochene startete seinen PC dessen Hintergrundbild das Symbol der NSA zierte.
Pedro Veráz, der spanisch stämmige Kollege von Silas Garnes, der erst seit einem Jahr für die NSA als Techniker und Überwachungsspezialist arbeitete, hakte sich in das Überwachungssystem des DVD-Ladens, den Jeff Carlson kurz vor seinem Tod betreten hatte. Mithilfe eines speziellen Programms zoomte er das Gesicht von Will nahe genug heran um sein Gesicht durch die Gesichtserkennungsdatenbank der NSA zu schicken. Das Programm erzielte einen Treffer. „Silas? Der Mann heißt Will Tippin, geboren am 03.08.1973.“
Silas sah sich auf den Straßen um, wies abwesend seinen Kollegen an die Polizei zu rufen, damit die die Leiche wegschaffen konnten. Plötzlich traf sein Blick auf Will, der instinktiv realisierte, dass die Männer nun hinter ihm her sein würden, weil er zuletzt mit Jeff gesprochen hatte. Ohne groß nachzudenken, sprintete Will die Straße hinunter.
Silas murmelte dem Helikopter zu, dass Will in westlicher Richtung die Dayton Street entlang lief. Der Pilot nahm sofort die Verfolgung auf und gab ständig an Silas und seinen Kollegen Wills aktuelle Position durch, damit diese ihn nicht aus den Augen verlieren konnten.
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Los Angeles
Unter lautem Quietschen wurden die Gitterstäbe hoch gezogen. Darunter ging Irina hindurch, die sich den Plastikausweis, der sie als Besucher identifizierte, an den Kragen ihres Blazers heftete. Während die Wachen sie hindurch winkten, musste sie schmunzeln. Nie hätte sie sich träumen lassen, einst als Besucherin und nicht als Gefangene den Gefängnistrakt der CIA-Außenstelle in Los Angeles zu betreten.
„Irina Derevko möchte zur Gefangenen“ erklärte der sie begleitende Wachmann seinem Kollegen, der Irina misstrauisch beäugte als sie am Fuß des langen Ganges stehen blieben, der durch die einzelnen Zellen gesäumt wurde.
Der Wachmann checkte seinen Computer darauf, ob der Besuch genehmigt war, was zutraf. Devlin selbst hatte Irina die Genehmigung erteilt. „Die letzte Zelle“ brummte der Mann und winkte die Russin weiter, die nickte und den Rest des Weges allein zurücklegte, direkt vor Nadias Zelle zum Stehen kam. Ein Knopfdruck des Wachmanns öffnete die Tür, so dass Irina eintreten konnte. Die Tür schloss sich hinter ihr wieder nachdem sie die Zelle betreten hatte.
Nadia saß auf dem Bett und blickte ihre Mutter mit einer Mischung aus Freude und Unbehagen an. Die erste Unterhaltung bestand darin, dass sich beide schweigend ansahen, jeder sich fragte was dem Anderen wohl gerade durch den Kopf gehen mochte.
Schließlich holte Irina sich den Stuhl, der am anderen Ende an der Wand lehnte und setzte sich. „Wie geht’s dir?“ fragte sie leise, obwohl sie die Antwort schon kannte.
„Dafür, dass ich im Gefängnis sitze und die Menschen verloren habe, die mir am Wichtigsten sind, geht es mir erstaunlich gut.“ Die Schwarzhaarige zuckte mit dem Schultern, was Irina ein Grinsen entlockte. Diese Geste erinnerte mehr an einen Teenager, als an eine erfahrene Agentin.
„Ich habe mit Devlin gesprochen. Da du als Agentin den Amerikanern einen großen Dienst erwiesen und unzählige Informationen geliefert hast, wird man für dich nicht die Todesstrafe fordern. Im schlimmsten Fall musst du damit rechnen, den Rest deines Lebens im Gefängnis zu verbringen.“
Zu Irinas Erstaunen nahm Nadia diese Informationen scheinbar uninteressiert wahr. Hatte sie sich etwa schon aufgegeben? Irina verneinte diese Frage in Gedanken. Wahrscheinlicher war es, dass ihre jüngere Tochter, derzeit überhaupt nicht in der Lage irgendwas zu fühlen. Irina wünschte sich, ihre Tochter rausholen zu können, um ihr klarzumachen, dass es durchaus Dinge gab, für die es sich zu kämpfen lohnte.
„Ich schätze, ich habe es nicht anders verdient. Schließlich habe ich einen Menschen getötet“ meinte die Argentinierin mit merkwürdig hohler Stimme.
Irina legte ihre Hand in Nadias und sah ihre Tochter eindringlich an. „Ich werde tun was ich kann, um dich hier rauszuholen.“ Zuerst blickte ihre jüngste Tochter sie mit demselben ausdruckslosen Gesicht an, doch dann entkam ihr doch ein vorsichtiges Lächeln. „Mach dir keine Mühe, Mom. Es ist nicht deine Aufgabe, mich zu retten.“
Diese Aussage machte die ehemalige KGB-Agentin ein wenig wütend, ließ sich aber nur insofern was anmerken, als ihr Gesicht sich ein wenig verdüsterte. „Das kannst du getrost mir überlassen. Es sei denn, du hast dich schon aufgegeben.“ Irina klang enttäuscht. Sie hatte gehofft, Nadia mit den Neuigkeiten ein wenig aufbauen zu können und realisierte nun, dass ihre Tochter sich keine große Mühe machte um ihre Freiheit zu kämpfen, fast als hätte sie sich in ihr Schicksal ergeben oder mit sich abgeschlossen.
„Was erwartest du von mir?“ fragte die Argentinierin ruhig und zuckte dabei erneut mit den Achseln. „Ich habe Robert Kingsley getötet. Ich verdiene es im Gefängnis zu sitzen. Meine Schwester will nichts mehr von mir wissen und der erste Mann, den ich je geliebt habe, hat sich von mir getrennt. Wofür soll ich also kämpfen?“
Jetzt machte Irina keinen Hehl mehr aus ihrer Verärgerung, stand auf und wandte ihrer Tochter ihren Rücken zu, drehte sich aber wieder zu ihr um als sie zu einer Antwort ansetzte: „Schade. Hätte ich gewusst, dass du im Selbstmitleid baden willst, hätte ich mir den Weg hierher gespart. Aber wenn du das so siehst, dann hast du wahrscheinlich Recht. Dann gehörst du wirklich hierher. Wache!“ Unter lautem Surren öffnete sich die Zellentür, Irina trat hindurch und wandte sich noch mal mit eindringlichen Worten an ihre Tochter, von denen sie hoffte, dass sie bis zu ihr durchdrangen: „Sydney denkt, dass du ein Mensch bist, der es nicht wert ist gerettet zu werden. Außerhalb des Gefängnisses kannst du ihr beweisen, dass sie sich irrt und ihr die Frau zeigen, für die ich dich halte.“ Damit verließ sie den Zellentrakt und machte sich auf den Weg zum DSC.
Die Worte ihrer Mutter hatten die gewünschte Wirkung nicht verfehlt, denn Nadia wurde nachdenklich. Es gab noch jemanden aus ihrem näheren Umfeld, der an sie glaubte. Wenn ihre Mutter das konnte, sollte Nadia dann nicht auch anfangen an sich zu glauben? Was hatte sie denn schon zu verlieren?
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Wisconsin
Will war noch nicht nach Hause gekommen, wahrscheinlich aus Angst, dass NSA-Agenten dort auf ihn lauern könnten. Silas Garnes hatte einige Agenten damit beauftragt Will weiterhin im Auge zu behalten, während er sich mit Pedro, und einigen anderen Technikern daran machte, dessen Haus zu verwanzen.
Einfach überall wurden Abhöranlagen installiert: Im Telefon, im Handy, ja sogar in der Armbanduhr. Die Schuhe wurden ausgetauscht und durch welche ersetzt, die an den Sohlen ebenfalls Wanzen hatten. „Sie wurden soeben verwanzt, Mister Tippin“ murmelte Pedro zufrieden als er mit seiner Arbeit fertig war.
„Nichts. Die Diskette ist nicht hier“ schnaubte Silas frustriert, der aus der Küche dem Techniker entgegen kam. Dieser ließ seinen Blick durch die Wohnung schweifen. Die Kleidung lag überall auf dem Boden verstreut. Besteckkästen waren herausgerissen und samt Inhalt, der sich in der Küche verteilte, achtlos herunter geworfen worden. Kurzum: Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld.
Pedro wandte den Blick wieder seinem Kollegen zu. „Keine Sorge. Wir haben den Kerl von oben bis unten verwanzt. Wir kriegen schon noch raus wo die Diskette ist.“
Kaum hatte er das ausgesprochen, klingelte Silas’ Handy. „Hoffentlich gute Neuigkeiten“ murmelte der Agent und beantwortete den Anruf, hörte sich die Informationen an, die er bekam und feuerte das Mobiltelefon dann frustriert gegen die Wand, wo es zerschellte und anschließend zu Boden fiel. „Sie haben Tippin verloren.“
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Los Angeles
Irina versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie nervös es sie machte, dass Marshall mit seiner unruhigen Art hinter ihr her trottete und war froh, ihr Büro erreicht zu haben, durch dessen Tür der Techniker huschte bevor seine Chefin ihm die Tür vor der Nase zuschlagen konnte.
Während die ehemalige KGB-Agentin hinter ihrem Schreibtisch Platz genommen hatte und versuchte einen Überblick über den Berg aus Papier zu gewinnen, setzte Marshall sich ihr gegenüber und musterte sie erwartungsvoll. „Kriege ich eine direkte Telefonverbindung zum Präsidenten?“
Sydneys Mutter sah verwirrt auf, nicht wissend wie sie auf diese Frage reagieren sollte. „Wir sind ein Geheimdienst, Marshall“ rief sie ihm in Erinnerung und widmete sich sofort wieder ihrem Berg aus Papier, in der Hoffnung diese Antwort würde den Techniker zufrieden stellen, was sie nicht tat. Marshall schien nachzudenken. „Genau…“ Er machte eine Pause und zog die Stirn kraus. „Heißt das nein?“
Die Russin war um ein Lächeln bemüht und öffnete schon den Mund um etwas zu erwidern, von dem sie sich sicher war, es später zu bereuen als sich glücklicherweise die Tür öffnete und Jack, Carolyn und Nicolai hereinkamen.
„Marshall, Carolyn kennen sie schon und das ist Nicolai Aleksej, unser Verbindungsmann zur SVR“ seufzte Irina dankbar über die Unterbrechung. Unbeholfen schüttelte Marshall Nicolai die Hand und stellte sich als Techniker vor, verabschiedete sich von seiner Chefin dann mit einem Lächeln und ging rückwärts aus dem Büro, wobei er die Wand anrempelte, sich entschuldigte und dann vorwärts den Rest des Weges zurücklegte.
Irina war unentschlossen, ob sie über das Verhalten ihres Technikers grinsen, oder sich die Frage stellen sollte, warum sie ihn eingestellt hatte. Doch dann rief sie sich in Erinnerung was ihr Sydney und Jack über Marshall erzählt hatten: Dass er der beste Techniker war, den sie kriegen konnte. Irina vertraute dem Urteil der Beiden und hoffte, dass sie sich nicht irrten.
„Wie ich sehe, haben sie sich schon eingerichtet“ lächelte Nicolai offenbar erfreut darüber, dass die Arbeit beim DSC so anlief, dass man nicht denken könnte dies wäre der erste Tag.
„Ich bin gerade erst gekommen. Ich war bei meiner Tochter“ erklärte Irina, die mit dem Gedanken gespielt hatte es vor den Anderen zu verheimlichen, ihn aber wieder verworfen hatte nachdem ihr klar geworden war, dass sie es sowieso, spätestens ab dem Zeitpunkt von Nadias Freilassung, erfahren würden. Obwohl Irina im Augenblick noch nicht recht wusste wie sie ihre Tochter aus dem Gefängnis bekommen sollte.
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Los Angeles
Es dämmerte bereits als Sydney und Vaughn das Gebäude von Wishes & More verließen. Das Paar wurde von einem strahlenden Sonnenuntergang empfangen. Im Keller, wo sich die Büros der Mitarbeiter des Departement of Special Cases befanden, bekam man nicht eben viel mit von dem Wetter draußen. Aber Sydney und Vaughn waren sich ohnehin sicher, die meiste Zeit auf Einsätzen zu verbringen.
„Ein schöner Sommerabend“ seufzte die Agentin und lehnte sich an ihren Verlobten, der seinen Arm um sie legte und ihren Kopf küsste.
„Was hältst du davon, wenn wir nach Hause gehen, ich dir ein tolles Essen koche und wir im Garten essen?“ Sydney löste sich überrascht von ihm und lächelte glücklich. Michael erwiderte ihren Blick, sah ihr tief in die Augen.
„Vaughn? Was ist?“ fragte die Agentin.
„Nichts. Ich sehe dich nur gern an.“ Damit zog er sie an sich und küsste sie sanft auf die Lippen.
„Lass uns nach Hause gehen!“ schlug Sydney vor, legte ihre Hand in seine und machte sich mit ihm auf zu ihrer gemeinsamen Wohnung.
Dort angekommen, stellten sie fest, dass die Tür offen stand. Ohne nachzudenken, zogen die beiden Agenten ihre Waffen. Mit einer Handbewegung signalisierte Sydney, dass sie vorgehen würde und er ihr folgen solle. Mit einem Nicken signalisierte der blonde Agent, dass er verstanden hatte.
Das Paar sah Licht aus dem Wohnzimmer in den Flur hinaus scheinen. Das Appartement, das zu ihrem neuen Job beim DSC gehörte lag etwas abgelegen von der Innenstadt, wo nicht viele Autos vorbei fuhren, weshalb wahrscheinlich niemand den Einbruch bemerkt hatte.
Sydney sah einen Mann am Kühlschrank stehen und richtete die Waffe auf ihn. „Keine Bewegung!“ Der Fremde zuckte zusammen und rührte sich nicht. Vaughn, der ein paar Minuten nach Sydney in die Küche kam, bedrohte den Eindringling ebenfalls mit seiner Dienstwaffe. „Ganz langsam umdrehen“ wies die braunhaarige Agentin den Unbekannten an. Wie ihm geheißen, tat er dies. Vaughns und Sydneys Augen weiteten sich vor Überraschung als sie feststellten, dass es sich bei dem Einbrecher um Will handelte.
„Hallo, Sydney.“ Sagte Will um dem Schweigen ein Ende zu machen.
„Oh mein Gott!“ war die einzige Reaktion, die Sydney zustande brachte. „Was machst du hier?“
Wills Gesichtsausdruck war versteinert, seine Bewegungen fahrig. Ständig rieb er sich die Nase und nervöse Blicke glitten zum Fenster. „Ich find’s auch schön dich zu sehen.“
„Gott! Tut mir leid“ Sydney ließ die Waffe wieder in ihrer Jacke verschwinden und kam um den Tresen herum, um ihren Freund in die Arme zu schließen. Vaughn und Will beschränkten sich bei ihrer Begrüßung auf einen freundschaftlichen Handschlag.
Dann ging Sydneys bester Freund zum Fenster und überprüfte, ob sie beobachtet wurden, dann schnappte er sich Stift und Papier vom Küchentisch, schrieb etwas auf und hielt es so, dass seine Freunde es lesen konnten. Ich stecke in Schwierigkeiten. Wahrscheinlich werde ich abgehört. Das Agentenpaar wechselte einen Blick. Bis Sydney einfiel, dass sie einen Wanzenkiller hatte, der sich eingebaut in etwas befand, das aussah wie eine Brosche.
Sydney legte sie auf den Tisch und drückte den Knopf an der Seite. „Ein Wanzenkiller. Jetzt können wir reden.“
„Ich weiß nicht mal wieso diese Typen hinter mir her sind!“ Der ehemalige Reporter fing an, in der Wohnung auf- und abzulaufen. Sydney und Vaughn verstanden immer weniger worum es eigentlich ging.
„Wer ist hinter dir her?“ fragte Vaughn schließlich.
„Keine Ahnung. CIA, FBI….Was weiß ich! Gestern habe ich einen alten Schulfreund von mir getroffen, Jeff Carlson. Wir haben uns ein wenig unterhalten, bis zwei Kerle in schwarzen Anzügen aufgetaucht sind. Da ist er panisch abgehauen und die haben ihn verfolgt. Auf seiner Flucht wurde er überfahren und jetzt sind die hinter mir her. Ich war gar nicht erst bei mir zuhause und bin sofort her gefahren. Ich brauche Hilfe!“ Will klang wirklich verzweifelt. Viele Anhaltspunkte waren das nicht, die er ihnen gegeben hatte.
Sydney beschloss Kaffee zu machen, versicherte Will, dass er hier sicher war und bat ihn und Vaughn sich zu setzen. Das Angebot auf einen Kaffee nahmen die beiden Männer sofort an. „Hast du gesehen, ob dein Freund dir irgendwas zugesteckt hat, Will?“ fragte Sydney aus der Küche kommend mit einem Fläschchen Milch und Zucker in der Hand, die sie auf den Tisch stellte. Will runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Dann begann er seine Taschen zu durchsuchen, bis er auf einen quadratischen Gegenstand stieß. Will hielt den Atem an und sah abwechselnd Sydney und Vaughn an. Anschließend holte er das quadratische Ding heraus.
„Das hatte ich vorher nicht in der Tasche“ stellte der ehemalige Reporter sachlich fest. Die beiden Agenten betrachteten mit gerunzelter Stirn den in einem braunen Umschlag verpackten, quadratischen Gegenstand, der auf dem Tisch lag.
Michael war neugierig geworden und so holte er ihn heraus. Es handelte sich um eine Diskette. Der blonde Agent und seine Verlobte tauschten einen ernsten Blick. „Ich rufe meine Eltern an“ meinte Sydney schließlich und ließ die beiden Männer allein, bevor diese etwas erwidern konnten.
Will und Vaughn saßen nebeneinander, sahen aneinander vorbei und seufzten hörbar in die Stille. Schließlich wandte der ehemalige Reporter seinen Blick dem Agenten zu. „Mit Eltern meint sie auch ihre Mutter, ja? Die, die sie angeschossen hat?“
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Washington, D.C.
„Sir?“ Pedro kam aus dem hintersten Teil des Operationszentrums auf seinen Vorgesetzten zugelaufen, bei dem auch Silas stand. Offenbar waren die Beiden auf dem Weg ins Büro. „Direktor Karg. Sir!“ rief Pedro außer Atem als sein Boss sich immer noch nicht ihm zuwandte. Endlich wandte sich Karg, ein Mann mit dichtem, schwarzem Haar, Mitte 30, zu seinem Techniker um.
„Was?!“ fragte er barsch.
„Wir haben Tippin ausfindig gemacht. Es war nicht leicht, aber wir haben den Geldfluss seines Kontos beobachtet. Tippin hat vor einer Stunde ein Busticket nach Los Angeles gekauft und mit EC-Karte bezahlt“ keuchte Pedro, dabei abwechselnd Silas und den NSA-Chef Karg anblickend. Letzterer hatte plötzlich jenes entschlossene Funkeln in den Augen, das Silas und Pedro nur zu gut kannten. „Garnes? Veráz? Besorgen sie sich ein Team aus den besten Agenten, fahren sie nach Los Angeles und finden sie diese verdammte Diskette.“
Beide Agenten hatten die Hände in die Hüfte gestemmt, nickten und machten sich auf den Weg. Bevor sie den Ausgang erreicht hatten, wandte sich Karg noch mal an seine Mitarbeiter: „Ach und Agent Garnes?“ Der Angesprochene sah seinen Chef an. „Noch einen Fehler können wir uns nicht leisten. Sie nicht und ich nicht. Verstanden?“ Es folgte ein viel sagendes Nicken ehe Agent Garnes und Agent Veráz das NSA-Hauptquartier verließen.
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Los Angeles
Schwungvoll öffnete sich die Glastür, die in den Besprechungsraum führte. Irina kam herein, gefolgt von Jack und Carolyn. Vaughn und Sydney hatten unterdessen ihre Zeit damit verbracht den schon Anwesenden, Dixon, Nicolai und Marshall zu erklären was vorgefallen war.
Irina nahm sofort zur Kenntnis, dass Sydney auch Will mitgebracht hatte. Ihn hatte die ehemalige KGB-Agentin hier nicht erwartet, eigentlich gedacht, Sydney würde ihn in ihrer Wohnung warten lassen. „Hallo Mister Tippin. Wie geht es ihnen?“ lächelte Irina und reichte dem jungen Mann die Hand, der sofort aufstand als diese ihm ihre Hand entgegen streckte und sie schüttelte.
„Danke. Gut. Diesmal werde ich nicht gefoltert.“ Es sollte eine humorvolle Anspielung von Will auf die Zeiten sein, als Irina offiziell noch als Feindin der USA gegolten hatte. Doch bei Irina und dem restlichen Team kam diese Bemerkung offenbar nicht an, denn niemand verzog auch nur die Mundwinkel, nicht einmal Sydney.
Peinlich berührt von seinem Versuch eine lockere Atmosphäre zu schaffen, nahm Will wieder neben seiner besten Freundin Platz.
„Sydney, kann ich dich kurz sprechen?“ wandte sich Irina an ihre Tochter und machte durch ihre Körperhaltung deutlich, dass sie ein Gespräch unter vier Augen im Sinn hatte. Zuerst legte die Agentin verwirrt die Stirn in Falten, fragte sich, was ihre Mutter mit ihr besprechen wollte, das sie ihr nicht vor den Anderen sagen konnte.
„Sicher. Entschuldigt mich“ murmelte die Agentin und folgte ihrer Mutter nach draußen.
„Ich hätte nicht erwartet, dass du Will mit her bringst“ versuchte Irina es vorsichtig zu formulieren.
„Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen, Mom? Irgendwelche Kerle sind hinter ihm her und wir wissen noch nicht mal warum.“
Irina realisierte, dass sich ihre Worte für ihre Tochter wie ein Vorwurf und als ob ihr Wills Sicherheit vollkommen gleichgültig war, anhören mussten.
Die ehemalige KGB-Agentin versuchte sich zu erklären: „Es tut mir leid, Schatz. Ich wollte es nicht so klingen lassen als sei mir dein Freund egal, aber wenn diese Männer wirklich so gut ausgestattet sind, wie ich annehme, könnte Will sie direkt hierher führen und dann wäre unser Geheimdienst alles andere als geheim. Ich wollte dir keinen Vorwurf machen.“
Die jüngere Agentin wurde ein wenig ruhiger. Ihre Mutter hatte Recht. Daran hätte Sydney denken sollen. „Du hast Recht. Aber ich….für mich war das nun mal der einzige Weg.“ Sie zögerte und fügte dann mit flehentlichem Blick hinzu: „Kann er bleiben?“
„Natürlich kann er bleiben. Ich werde keinen Freund meiner Töchter abweisen, wenn er Hilfe braucht.“
Sydney machte einen zögernden Schritt auf ihre Mutter zu und tat dann etwas, das sie nicht mehr getan hatte seit sie fünf Jahre alt gewesen war: Sie gab ihrer Mutter als Dank ein Küsschen auf die Wange, flüsterte ein „Danke, Mom“ und ging dann zurück in den Besprechungsraum während Irina, mit Gänsehaut am ganzen Körper noch eine Weile stehen blieb und eine Hand auf die Stelle legte, an der sie den Kuss von Sydney bekommen hatte. Sie lächelte und Tränen schimmerten in ihren Augen, die sie aber schnell weg blinzelte als auch sie wieder in den Besprechungsraum zurückkehrte.
„Also Mister Tippin“ Irina nahm neben Jack, am Ende des quadratischen, silbernen Konferenztisches, Platz. Die ehemalige KGB-Agentin hatte ihre Hände erwartungsvoll ineinander gefaltet und musterte den jungen Mann. „Sydney hat mir von einer Diskette erzählt.“
Will wechselte einen unsicheren Blick mit Sydney, die ihm bekräftigend zunickte, woraufhin sein Blick wieder der Leiterin des DSC galt. „Ja, Ma’am.“ Der ehemalige Reporter holte die Diskette aus seiner Jackentasche und schob sie über den Tisch hinweg Irina zu.
„Sehen wir uns an was drauf ist“ schlug die ehemalige KGB-Agentin vor.
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Unschlüssig ob sie dieses Haus betreten sollten, standen Agent Silas Garnes und Pedro Veráz vor dem Gebäude. „Laut Immobilieneintragung der Stadt Los Angeles wohnen hier Sydney Bristow und Michael Vaughn. Kein Wort von Tippin. Wie kommst du darauf, dass wir hier richtig sind, Pedro?“ wandte sich Silas missgelaunt an seinen Kollegen. Es passte ihm überhaupt nicht, dass sie Vertuschungsarbeit leisten mussten. Die NSA war dazu da um Amerikaner zu beschützen und nicht um Fehltritte zu beseitigen. Überhaupt fragte er sich schon die ganze Zeit warum Karg Zeit und Personal darauf verschwendete, eine Diskette zu finden. Denn eines stand für Garnes ohne Zweifel fest: Hier ging es keineswegs um Belange der nationalen Sicherheit. Da sich alle ranghöheren Agenten in Schweigen hüllten, musste es etwas großes sein.
Pedro drückte seinen Zigarettenstummel aus und warf ihn achtlos auf den Boden. „Mit Sydney Bristow war Tippin immer gut befreundet. Als Bristows Verlobter Daniel Hecht ermordet wurde, hat er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt um den Mörder zu finden. Sie muss ihm also sehr wichtig sein. Wohin sollte er in LA wohl zuerst gehen, wenn nicht zu ihr?“ Ein triumphierendes Grinsen zeichnete sich auf Pedros Mundwinkel ab, als Silas dem nichts entgegen setzte.
Schließlich erwiderte Silas, der Ranghöhere der Beiden, doch etwas: „In den Akten steht, dass Bristow für die CIA arbeitet. Wenn sie Tippin hilft, stecken wir in echten Schwierigkeiten und ich bin nicht scharf darauf Kargs Gesicht zu sehen, wenn er erfährt, dass wir nicht nur erfolglos waren, sondern auch noch eine CIA-Agentin an der Backe haben.“ Garnes lachte trocken und ohne Humor.
Wieder grinste Pedro und dieses Mal veranlasste es Silas sich seinem Kollegen zuzuwenden. „Hat gearbeitet, mein Freund. Hat gearbeitet. Ich habe mich umgehört. Bristow hat den Dienst quittiert nachdem sie erfahren hat, dass ihre Schwester den amerikanischen Botschafter getötet hat. Seither arbeitet sie für eine Werbeagentur, Wishes & More.“
Silas stimmte in das Grinsen seines Kollegen mit ein und drehte sich dann um, in die Dunkelheit. Im Schatten der Büsche und ungesehen von Passanten und Anwohnern hatte sich ein zehnköpfiges, in schwarz gekleidetes Team aus Agenten verschanzt und machte sich bereit in die Wohnung einzudringen. „Sie gehen rein ohne Aufsehen zu erregen. Suchen sie nach einer blauen Diskette mit einem roten Punkt als Aufkleber darauf.“ Das Team antwortete Silas mit einem einstimmigen „Ja, Sir.“ Und rückte dann mit Silas und Pedro ein, die zuletzt die Wohnung betraten.
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„Äh…Mrs. Derevko?....Ma’am?“ Marshall steckte schüchtern den Kopf zu Irinas Büro herein, die dort gemeinsam mit Jack, Vaughn, Sydney, Will und Carolyn darauf wartete, dass Marshall auf den Inhalt der Diskette zugreifen konnte.
Als sich der Techniker der Aufmerksamkeit aller sicher war, öffnete er die Tür einen Spalt weiter, so dass man ihn nun vollständig sehen konnte. „Das werden sie sehen wollen.“ Marshall drückte auf den Knopf, der sich inmitten des kleinen, runden und aus Mahagoniholz bestehenden Besprechungstisches befand. Die Vertäfelung an der gegenüberliegenden Wand verschwand und wich einem schwarzen Plasmabildschirm, auf dem sowohl das Logo der CIA als auch das der SVR zu sehen waren. Der Techniker betätigte einen weiteren Knopf und ein Videoband wurde abgespult.
Zu sehen war ein Mann mit grau meliertem Haar, fester Statur. Er trug einen braunen Anzug und saß auf einer Parkbank, fütterte die Enten im See vor ihm. Die Szene wirkte fast friedlich. Plötzlich fuhr eine schwarze Stretch-Limousine hervor. Drei Männer stiegen aus. Der, der die Gruppe anführte wechselte ein paar Worte mit dem Grau-Melierten. Es wirkte fast wie ein Streit.
Der Mann, von dem alle annahmen, dass er die Gruppe anführte, wandte sich den anderen beiden Männern zu und stieg wieder in die Limousine ein. Auf einmal zückten die verbliebenen beiden Männer Pistolen und schossen den Mann im braunen Anzug nieder bevor dieser die Gelegenheit hatte zu reagieren.
Betretenes Schweigen legte sich über den Raum.
„Den Kerl im braunen Anzug kenne ich. Das war doch Thomas Haxley. Er galt als wahrscheinlichster Kandidat für den Posten des Senators“ bemerkte Vaughn nach Sekunden der Stille.
„Marshall können sie eine Gesichtsanalyse durchführen um herauszufinden wer die anderen Kerle sind?“ fragte Jack, der sich dabei mit den Händen am Tisch abstützte.
„Dauert nur eine Minute, Mister Bristow“ meinte Marshall, verließ kurz den Raum und kehrte mit einer Infrarot-Tastatur zurück. Mit Hilfe dieser loggte er sich in das DSC-System ein. Per Monitor konnte der Rest verfolgen was der Techniker machte. Das Gesicht des ersten Mannes im schwarzen Anzug wurde herangezoomt und nach ein paar Minuten meldete das System einen Treffer.
„William Karg…Leiter der NSA??“ überschlug sich Marshalls Stimme überrascht. Alle anwesenden waren ebenfalls überrascht.
„Carolyn, würden sie Devlin kontaktieren? Erzählen sie ihm was wir bisher wissen. In zwei Stunden ist Besprechung“ hatte es Irina plötzlich eilig alle Anwesenden aus ihrem Büro zu bekommen. Vor der Besprechung musste sie noch mit jemandem telefonieren.
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