10. Mother and Daughter
Moskau,
Russland
Drei Koffer standen in dem ohnehin schon kleinen Büro herum, so dass Irina jedes Mal darüber steigen musste, wenn sie auf und abging. Dabei wechselte sie jedes Mal mit dem Telefonhörer in ihrer Hand vom rechten zum linken Ohr.
„Mister Devlin bitte. Sagen sie ihm, dass Irina Derevko am Apparat ist.“ Ein Knacken in der Leitung war zu hören, dann Stimmen und schließlich meldete sich Ben Devlin am Telefon.
„Gut. Sie haben die Nachricht erhalten, die ich ihnen durch Jack übermitteln ließ“ freute er sich, während Irina seine Freundlichkeit überraschte. Immerhin galt sie offiziell noch als Feindin der USA. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich durch die gute Kooperation mit der CIA in Sachen Covenant etwas geändert hatte.
„Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, Mister Devlin, aber ich würde zu gern wissen was das soll? Dass sie mich nach Langley bestellen. Ich dachte ihre Vorgesetzten würden mir nach wie vor misstrauen.“ Sofort legte sich ein misstrauischer Unterton in Irinas Stimme.
Wieder begann sie über die Koffer hinweg zu steigen und wechselte mit dem Hörer auf die andere Seite. Nervosität passte eigentlich nicht zu Irina Derevko, aber irgendwie war es ihr nicht ganz geheuer zu den Menschen zu fahren, die sie immer noch als Feind betrachteten. Abgesehen davon hatte Jack ihr ja gar nichts erzählt, außer, dass die CIA, die ranghöchsten Offiziere in Langley, etwas mit ihr besprechen wollten. Was wenn, das nun eine Falle war?
Diesen Gedanken verwarf Irina schnell wieder. Ohne sie waren Sydney und Nadia in Russland aufgeschmissen und Langley schienen ihre besten Agentinnen sehr am Herzen zu liegen, sonst wären sie nicht auf den Deal mit ihr eingegangen und hätten Sydney und Nadia sofort ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen.
„Menschen können sich irren. Die Angelegenheit, die wir mit ihnen besprechen wollen, ist sehr dringend und ich muss sie bitten das vorerst noch geheim zu halten“ antwortete Devlin.
Die ehemalige KGB-Agentin runzelte die Stirn. „Gut das dürfte leicht sein, denn weder Jack noch einer ihrer Mitarbeiter hat mir etwas gesagt.“ Stille. Dann seufzte Irina und fügte hinzu: „Mein Flug geht in zwei Stunden.“
„Ich werde dafür sorgen, dass sie erwartet werden. Bis dann.“ Damit legte der CIA-Direktor auf, wie auch Irina. Nachdenklich auf der Unterlippe kauend setzte sie sich an ihren Schreibtisch, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und dachte nach.
Da klopfte es an der Tür, die kurz darauf aufging. Sydney steckte ihren Kopf herein und grinste verlegen. Sofort wurden Irinas angespannte Gesichtszüge weicher und verwandelten sich in ein freundliches Lächeln. „Stör’ ich?“ fragte die CIA-Agentin ihre Mutter.
Die ehemalige KGB-Agentin schüttelte vehement mit dem Kopf. „Aber nein, Sydney. Komm doch rein.“ Sydney schloss die Tür hinter sich und hielt kurz inne als ihr die Koffer auffielen.
Während sie sich setzte blieb ihr Blick an den Koffern haften, und wechselte zu Irina als sie beschloss ihre Mutter direkt darauf anzusprechen: „Verreist du?“
„Es ist kein Urlaub, falls du das meinst. Hat dein Vater dir noch nichts erzählt?“ Die CIA-Agentin verneinte kopfschüttelnd. „Ich fahre für ein paar Tage nach Langley.“ Irina erinnerte sich, dass sie ihren Pass noch gar nicht eingesteckt hatte und stand auf, ging um ihre Tochter herum, stieg über die Koffer und holte ihn aus der ersten Schublade der Kommode, die an der Wand stand, die sich hinter Sydney befand. „Eine Besprechung.“ Fügte sie hinzu als sie wieder um den Tisch herum kam und sich setzte.
Die braunhaarige, jüngere Frau runzelte die Stirn. „Mom, gibt es Ärger?“
Der besorgte Unterton in der Stimme ihrer Tochter ließ Irina schmunzeln. „Nein, nein. Ich denke nicht. Ich kann nicht darüber reden, abgesehen davon, wissen weder dein Vater noch ich worum es überhaupt geht.“ Sydney schien noch immer nicht überzeugt. „Es wird schon alles gut gehen, Sydney. Solange ich weg bin hat dein Vater hier die Operationsleitung und in ein paar Tagen bin ich wieder da. Womöglich habe ich dann zur Abwechslung mal gute Neuigkeiten.“
Die Braunhaarige hatte zwar immer noch ein komisches Gefühl dabei, ihre Mutter in die Höhle des Löwen gehen zu lassen, sagte sich aber, dass ihre Mutter ohnehin viel zu schlau für die CIA-Agenten, Forensiker und Strategen in Langley war.
Dieser Gedanke ließ die Agentin grinsen und so stand sie auf und umarmte ihre Mutter. „Komm bald zurück, ja?“
„Werde ich. Und du sieh zu, dass du dich aus allen Schwierigkeiten raus hältst, okay?“
Sydney schienen diese Worte zu kränken, denn sie verzog ein wenig das Gesicht, wie ihre Mutter feststellte nachdem sie sich von ihr gelöst hatte. „Wann habe ich mich je in Schwierigkeiten begeben?“
Auch wenn die ehemalige KGB-Agentin nicht die Absicht hatte eine schmerzhafte Erinnerung in ihrer Tochter heraufzubeschwören, sprach Irina den Namen aus, mit dem ihre Tochter die schmerzhaftesten Erinnerungen in Verbindung brachte. „Scott Bailey.“ Es folgte die Reaktion, die Irina schon erahnt hatte. Ein dunkler Schatten fegte über Sydneys Gesicht.
„Das ist lange her“ murmelte sie. Ein peinlich berührter Moment der Stille entstand, der durch erneutes Klopfen an der Tür durchbrochen wurde. Diesmal steckte Jack den Kopf zur Tür herein.
„Irina bist du soweit? Der Wagen, der dich zu deiner Maschine bringt, steht schon bereit,“ wandte er sich an seine Frau nachdem er Sydney mit einem freundlichen Lächeln begrüßt hatte.
„Ja. Sydney, würdest du deinen Vater und mich entschuldigen? Wir müssen noch eine Sache besprechen bevor ich abreise“ wandte sich die ehemalige KGB-Agentin zuerst an ihren Mann, dann an ihre Tochter.
„Natürlich. Gute Reise und komm bald zurück“ umarmte die Brünette ihre Mutter noch einmal, die antwortete Sydney solle Nadia von ihr grüßen und ihr ausrichten wie sehr sie es bedauere, sich nicht persönlich von ihr verabschieden zu können. Das Treffen sei zu kurzfristig anberaumt worden. Sydney verschwand durch die Tür mit dem Versprechen, dies zu tun.
Nachdem Sydney draußen war, trat Jack näher an seine Frau heran. „Mach dir um Nadia bitte keine Sorgen. Ich habe ein paar Agenten damit beauftragt, sie im Auge zu behalten.“ Die Russin schien erleichtert. Ihr Körper sackte ein wenig in sich zusammen.
„Gut. Wir waren zwar zusammen im Kaschmir, aber wirklich gebracht hat es leider nichts.“ Gänsehaut überkam Irina, wenn sie an letzte Woche zurück dachte als sie mit Nadia deren Geburtsort besucht hatte.
Obgleich sie von Nadia nicht herausbekommen hatte, was sie ihr verschwieg, hatte Irina doch den Eindruck, dass sie und Nadia sich ein wenig näher gekommen waren. Und das war doch schon etwas! Es war ein erster Schritt, ihre Tochter, die sie erst nach 23 Jahren wieder gefunden hatte, besser kennen zu lernen. Die ehemalige KGB-Agentin hatte nicht die Absicht sie aus irgendwelchen Gründen wieder zu verlieren.
„Ich kümmere mich darum“ versicherte Jack noch einmal und schenkte seiner Frau ein warmes Lächeln, das sie erwiderte, sich ihm entgegen streckte und sanft küsste. Wie automatisch fuhren Jacks Hände durch ihr glänzendes braunes Haar.
Nach ein paar Minuten des Küssens ließen sie wieder voneinander ab. „Du solltest fahren, Irina. Die Maschine wartet nicht ewig“ sagte Sydneys Vater mit einem Lächeln.
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Zürich,
Schweiz
Unter dem Vorwand sich mit einem Informanten zu treffen, hatte sich Nadia auf den Weg in die Schweiz gemacht. In Wahrheit hatte ihre Reise den Zweck sich mit Sloane zu treffen.
Die Schwarzhaarige saß in seinem Büro und wartete auf die Ankunft ihres Vaters, sah auf die Uhr. Sie war eine halbe Stunde zu früh dran.
Die Agentin riskierte einen Blick Richtung Tür und nachdem sie sich sicher war, dass niemand sie beobachtete, ging sie hinüber zu dem Schreibtisch ihres Vaters, holte den Laptop, von dem sie wusste, dass er in der obersten Schublade war, und loggte sich mithilfe des Entschlüsselungsgeräts, das sie aus dem Büro der technischen Abteilung von Irinas Organisation geklaut hatte, ein.
Alle paar Minuten warf sie nervöse Blicke Richtung Tür. Ihr Vater konnte jeden Moment auftauchen und sie hoffte, dass sie das finden würde wonach sie suchte bevor er sie beim spionieren erwischte.
Endlich war die Schwarzhaarige im System. Zielgerichtet öffnete sie einen Ordner und warf einen Blick in die Unterlagen über die Formel, die sie für ihren Vater beschafft hatte.
Nadias Blick gefror. Während sie die Seiten überflog, begriff sie, dass Sloane die Formel nicht benötigte um eine biologische oder chemische Waffe herzustellen, sondern sich mit dessen Hilfe eine von Rambaldi gezeichnete Skizze, die mit einer speziellen Tinte gezeichnet worden war, sichtbar machen ließ. Die Skizze befand sich nicht unter den Dateien, aber Nadia fand durch durchlesen der Datei heraus, dass ihr Vater sie in einem Safe in einer italienischen Bank aufbewahrte.
Die Argentinierin lehnte sich zurück, klappte den Laptop schnell zu als sie Schritte näher kommen hörte und nahm genau in dem Moment wieder vor dem Schreibtisch Platz als ihr Vater das Büro betrat, gefolgt von Sark.
„Schön, dass du kommen konntest. Gab es Ärger in Russland?“ Arvin küsste seine Tochter auf die Stirn, worauf diese unangenehm berührt seinem Blick auswich.
„Sydney fängt langsam an misstrauisch zu werden. Ich weiß nicht, wie lange das Versteckspiel noch gut geht“ antwortete sie und bemühte sich gar nicht erst darum, ihre Sorge vor ihrem Vater zu verbergen.
Sloane überlegte was er aufmunterndes sagen konnte, ihm fiel aber nichts ein, das seiner Tochter die Sorge wegen Sydney genommen hätte und so entschied er sich, nicht näher auf das Gesagte einzugehen. „Nun zu dem Grund weshalb ich dich hergebeten habe. Ich bin nahe dran aufzudecken was Rambaldis Endspiel ist. Wie ich es vermutet habe, handelt es sich dabei um das Große, diese Macht, die du, und ich nehme an auch Sydney, spüren. Die Welt wird sich verändern und nichts wird mehr so sein wie es einmal war.“
Nadia merkte gar nicht, dass sie nervös an ihrer Unterlippe kaute und dass sie inzwischen blutete, so angespannt war sie. „Weißt du schon was es genau ist?“
Sloane und Sark wechselten einen ernsten Blick, dann seufzte der ehemalige Leiter von SD-6 und lehnte sich mit ineinander gefalteten Händen, die weiterhin auf dem Tisch ruhten, zurück. Er war frustriert, bemerkte die Agentin sofort. „Nein. Alles was wir wissen, ist, dass es einen Umbruch geben wird. Das ist das Wort, das Rambaldi in seinen Schriften benutzte. Wir wissen sonst nur wann es passieren soll: Noch dieses Jahr.“
Ein dunkler Schatten legte sich über Nadias Gesicht. Vielleicht war es doch falsch gewesen, ihrem Vater die Formel zu geben. Es war gut möglich, dass er versuchen würde, Rambaldis Vision in die Tat umzusetzen und er es war, der versuchte diesen Umbruch voranzutreiben.
Ich muss es Mom und Sydney sagen! Ich muss sie warnen, auch wenn das heißt sie zu verlieren!, dachte sie.
Das sich Hin- und Hergerissenfühlen zerrte so stark an Nadias Nerven, dass ihr plötzlich unheimlich schlecht wurde. „Und weshalb bin ich hier?“ hakte sie nach als ihr Vater dem Gesagten nichts mehr hinzufügte und sie merkte, dass er das von selbst nicht mehr tun würde.
Nun ergriff Sark das Wort für seinen Chef. „Wir sind dabei die uralten Texte zu entschlüsseln. Rambaldi hat seinen eigenen Code benutzt und den Schlüssel wie man diesen Code knacken kann hat der Covenant. Bei dem Teil des Textes geht es um die Sphäre des Lebens, soviel wissen wir, aber um mehr zu erfahren brauchen wir den Codeschlüssel.“
Die Schwarzhaarige runzelte die Stirn als ihr einfiel was Sydney ihr vor einiger Zeit mal erzählt hatte. Damals war es auch um eine von Rambaldis Prophezeiungen gegangen, in der die Auserwählte erwähnt worden war.
Ja, jetzt fiel es ihr wieder ein! „Sydney hat mir aber erzählt, dass sie vor ein paar Jahren schon mal Rambaldis Codeschlüssel geholt hat und zwar aus dem Vatikan.“
Sloane lächelte milde und setzte zu einer Erklärung an. „In späteren Jahren seines Lebens begann Rambaldi einen anderen Codeschlüssel zu verwenden. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass seine Prophezeiung über die Auserwählte und sein Endspiel zusammen ans Licht kommen.“
Nadia schüttelte mit dem Kopf. Sie wusste, dass bei Rambaldi alles möglich war, aber das war völlig unlogisch. Wozu sollte er sich solche Mühe machen? Noch dazu wo Sydney als Auserwählte angeblich seine Werke voran bringen sollte?
Sloane schien zu wissen was seine Tochter beschäftigte und fuhr fort zu erklären: „Ich weiß was du jetzt denkst. Sydney als Auserwählte soll diejenige sein, die seine Werke voranbringt, aber wie wir inzwischen wissen gibt es auch den Passagier. Das bist du. Laut Rambaldis Texten und dem was wir bisher wissen, werden du und Sydney gegeneinander kämpfen, wobei niemand weiß wer von den Schwestern auf welcher Seite stehen wird.“
Der Schwarzhaarigen traten Tränen in die Augen. War es möglich, dass es schon bald geschehen würde? Dass sie und ihre Schwester sich in einem Kampf auf Leben und Tot gegenüber stehen würden? Und auf welcher Seite würde sie – Nadia – dann stehen? Alle Zeichen schienen im Moment darauf hinzudeuten, dass sie auf der Seite der Bösen kämpfen würde, wenn es soweit war. Zumindest fühlte sich die Agentin im Moment alles andere als zu den Guten zugehörig nach dem Mord an Kingsley.
„Du und Sydney seid für übermorgen zu Katya zum Essen eingeladen. Das ist die Gelegenheit.“ Nadia zuckte zusammen als Sloanes Stimme sie aus ihren Gedanken riss.
„Katya nimmt ihren Laptop immer mit nach Hause. Während des Essens wird Sark dich auf dem Handy anrufen. Du entschuldigst dich, stehst auf, gehst in Katyas Büro, das sich am Ende des Flurs auf der rechten Seite befindet und übermittelst die Daten auf unseren Server.“
Auch wenn Nadia nicht wohl dabei war, ihrem Vater zu helfen, und sie das Gefühl hatte, dass er ihr etwas verschwieg, sagte sie ihre Hilfe zu. Vielleicht deshalb, weil sie hoffte so mehr über Rambaldis Endspiel und ihre Rolle darin zu erfahren.
Als die Agentin das Gebäude verließ, bemerkte sie nicht den schwarzen Mercedes, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte. Darin saßen zwei Agenten. Einer von ihnen machte mit seiner Kamera, die den Objektiven ähnlich war, die Paparazzis benutzten, Fotos davon wie Nadia das Gebäude verließ. Sein Kollege wählte inzwischen eine Nummer auf seinem Handy.
„Mister Bristow?....Ja wir sind ihr gefolgt, wie sie es wollten.“ Ein paar Momente Stille. „Ja, wir haben Fotos gemacht. Wir verfolgen sie weiter.“
„Sobald sie wieder in Russland ist, brechen sie die Observation ab. Ich will nicht, dass Sydney oder Nadia etwas davon mitbekommen. Bringen sie mir die Fotos, wenn Nadia zurück ist.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, legte Jack auf und starrte seufzend aus dem Fenster. Um Irinas und Sydneys Willen hatte er sich gewünscht, seine Frau hätte sich getäuscht. Vielleicht war es aber auch nichts, vielleicht gab es für Nadias Verhalten eine ganz einfache und logische Erklärung. Jack beschloss Irina und Sydney erst zu informieren, wenn er wusste was Nadia vorhatte und weshalb sie in Zürich gewesen war.
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Weihnachten 1975
Es klingelte an der Tür. Laura war gerade dabei Sydney zu stillen und bat deshalb Jack, die Tür für sie zu öffnen.
Sein Weg führte den jungen Agenten vorbei an seiner Frau und dem Baby, das seit es geboren war, Jacks ganzer Stolz war. Er freute sich jeden Tag gemeinsam mit seiner Frau aufzuwachen, die denselben Glanz in den Augen hatte wie er, jedes Mal wenn sie ihre Tochter in ihren Armen wiegte.
„Keine Sorge, Schatz. Ich mach schon auf“ lächelte Jack, küsste Laura auf den Mund ehe er dem Klingeln, das nun schon zum zweiten Mal zu hören war, folgte.
„Fröhliche Weihnachten, Jack!“ lächelte ihm Arvin Sloane entgegen, der mit Emily in der Tür stand und überaus fröhlich wirkte. Auch Jack freute sich ihn zu sehen. Seit der Geburt von Sydney hatten sie wenig Zeit für privates gehabt. Es schien fast als bestünde für die beiden alte Freunde das Leben nur noch aus Arbeit und nach Hause kommen.
„Dir auch frohe Weihnachten, Arvin.“ Der Agent umarmte zuerst seinen Freund und wandte sich dann an dessen Frau. „Emily. Du siehst wie immer bezaubernd aus.“
Sie kicherte und erwiderte: „Und du bist immer noch der gleiche Charmeur. Wo ist denn Laura?“
Kaum hatte sie diese Frage gestellt, erschien Jacks Frau in der Tür, durch die Arvin und Emily endlich herein gekommen waren. Auf dem Arm trug sie noch immer Sydney, die strahlte als sie Arvin und Emily erblickte. Sie war zwar erst wenige Monate alt, aber zeigte ihrem Gegenüber anhand ihrer Gesichtszüge schon deutlich, wen sie mochte und wen nicht.
„Ah! Das ist ja Laura und die bezaubernde, kleine Sydney.“ Als Arvin sich Mutter und Tochter näherte, schien es, als wolle Sydney von ihm auf den Arm genommen werden.
„Du willst sie doch sicher halten, Arvin. Dann kann ich den Tisch decken.“
Sloanes Augen leuchteten als er von Laura das Baby in Empfang nahm und wiegte es eine Weile in seinen Armen. Sydney genoss das so sehr, dass sie sofort einschlief. Laura und Jack beobachteten liebevoll wie ihr bester Freund mit ihrer gemeinsamen Tochter umging.
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Gegenwart
Ein eisiger Wind empfing Irina als sie aus dem Flugzeug stieg und amerikanischen Boden betrat.
Sie war ein paar Meter von Langley entfernt gelandet. Ein in schwarz gekleideter Mann begleitete sie zu einer Limousine. Irina war überrascht und versuchte gar nicht dies zu verbergen. Eine Limousine?! War dieser Kerl sicher, dass er die Richtige vom Flughafen abholte oder hatte die CIA vergessen, dass sie eine Terroristin eingeladen hatten, nach Langley zu kommen?! Nicht, dass Irina sich über diese Art des Transports beschwert hätte, es kam ihr nur sehr merkwürdig vor.
Zuerst die merkwürdige Einladung, die Devlin gemacht hatte ohne Jack oder Irina selbst näher über den Grund für das Treffen zu informieren, dann dieser Empfang.
„Mrs. Derevko, ich bin George. Ihr Fahrer. Ich bringe sie zu ihrem Hotel. Ihre Besprechung mit den Leitern aller CIA-Abteilungen ist auf morgen früh, 9:00 Uhr angesetzt worden“ stellte sich der Mann in Schwarz vor.
Die ehemalige KGB-Agentin zog eine Augenbraue nach oben und folgte George schließlich zögerlich, blieb weiterhin misstrauisch und war auf alles gefasst.
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Zürich, Schweiz
Nachdem Nadia das Büro verlassen hatte, wandte sich Sark an seinen Boss. „Sie haben ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt“ stellte er mit Blick auf die Tür, durch die Nadia verschwunden war, fest.
„Das stimmt“ nickte Sloane, sah sich nicht in der Veranlassung ihm die Gründe dafür zu erklären. Nadia war noch nicht soweit es zu erfahren. Er musste behutsam vorgehen, wenn er nicht riskieren wollte, dass das schlechte Gewissen sie übermannte und alles Sydney, Irina und Jack erzählte. Im Moment hatte er noch die Hoffnung, dass sie durch den Mord an Kingsley, den sie dann zwangsläufig auch würde beichten müssen, abgeschreckt war zu ihnen zu gehen.
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Russland, Moskau
Sanfte Gitarrenmusik klang aus den Boxen der Stereoanlage als Katya die Kerzen auf dem Esstisch anzündete und die Dekoration begutachtete. Die Servietten und auch die Kerzen waren in Pastellrosa gehalten; Katyas Lieblingsfarbe. Edles Silberbesteck lag neben den noch leeren, weißen Porzellantellern.
Die Covenant-Agentin seufzte zufrieden und hoffte auf einen gelungenen Abend mit ihren Nichten. Vielleicht war das die Chance, auf die sie gewartet hatte um nach Nadia auch Sydney auf ihre Seite zu bringen. Da Katya bei ihr aufgrund von Projekt Weihnachten keine Gehirnwäsche durchführen konnte, musste sie andere Mittel und Wege finden, ihre ältere Nichte von ihrem Ziel zu überzeugen, was angesichts von Sydneys angeborener Sturheit ein hartes Stück Arbeit werden würde.
Katya lächelte und ließ ihren Blick gedankenverloren über den Tisch schweifen. Nadia hatte Irinas Temperament und Einstellung geerbt, doch Sydney hatte die Sturheit von ihrer Mutter mitbekommen. Die Zwei konnten Irina als ihre Mutter wirklich nicht verleugnen: Weder von der Ähnlichkeit, noch von ihren jeweiligen Persönlichkeiten.
Es klingelte. Katyas Strahlen wurde größer und schnellen Schrittes öffnete sie die Tür um Sydney und Nadia einzulassen. Sydney wirkte dabei so als wünschte sie sich überall hin, nur nicht an einen gemeinsamen Essenstisch mit ihrer Tante.
„Um eines mal klarzustellen: Ich bin nur hier, weil ich Nadia nicht alleine gehen lassen wollte“ zischte die CIA-Agentin ihr ins Ohr, während Nadia ihren Mantel ablegte.
Die Covenant-Agentin lächelte. „Natürlich. Du bist nur hier, um deine Schwester zu beschützen. Was sonst?“ Beide wechselten ernste Blicke, nur um sofort in falsches Grinsen auszubrechen als Nadia sich ihnen näherte und fragte, ob sie sich setzen und zu essen anfangen konnten.
„Ich hole den Wein“ verkündete Katya und bedeutete ihren Nichten sich schon mal zu setzen.
„Mir ist nicht wohl dabei, Nadia. Ich wünschte, du hättest diese Einladung nicht angenommen“ murmelte Sydney ihrer Schwester zu als sie mit ihr allein war.
„Wir müssen den Schein wahren, Sydney. Und es hätte sicher keinen guten Eindruck gemacht, abzulehnen. Zumal wir dafür keinen plausiblen Grund hätten nennen können“ erwiderte Nadia mit zusammengebissenen Zähnen und gesenkter Stimme, damit Katya, die wenige Minuten danach mit einer Rotweinflasche in der Hand zurückkehrte, sie nicht hörte.
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Langley, Virginia
Neugierig darauf, was die führenden Damen und Herren von der CIA mit ihr zu bereden hatten wartete Irina in einem großen Besprechungsraum darauf, dass diese eintraten. Zwei silberne Thermoskannen, aus denen es nach frischem Kaffee duftete, standen zusammen mit Keksen, Milch und Zucker inmitten des braunen, rechteckigen und langen Besprechungstisches. Eine an jedem Ende des Tisches.
Die ehemalige KGB-Agentin nahm sich eine der Porzellantassen, die auf einem weißen Wägelchen neben dem Konferenztisch stand und schenkte sich eine Tasse ein. Wie üblich schwarz, ohne Milch und ohne Zucker.
Während Irina auf ihre Gesprächspartner wartete, überlegte sie weiterhin fieberhaft was der Grund war. Sie würden nicht versuchen sie von ihren Töchtern fern zu halten. Das würde Irina nicht zulassen. Von den vielen Fehlern, die Irina in ihrer Zeit beim KGB begangen hatte, war Sydney und Nadia aufzugeben, für sie der Größte. Sie würde die Beiden nicht mehr aufgeben und ganz egal in welchen Schwierigkeiten Nadia steckte, was immer mit ihr los war, Irina wusste, dass sie sie brauchen würde und dass sie das tun würde, was sie schon vor 23 Jahren hätte tun sollen: Für Nadia eine Mutter sein.
Genauso wie sie für Sydney bis zu ihrem sechsten Lebensjahr immer da gewesen war und auch jetzt alles tat um mit ihr wieder ins Reine zu kommen. Selbst wenn ihre Beziehung sich jetzt einigermaßen normalisiert hatte, würde die Beziehung zwischen ihr und Sydney, sowie zu Nadia immer ein Drahtseilakt sein. Jeden Moment konnte das dünne Eis, auf dem sich Irina bei ihren Töchtern bewegte, zerbrechen und sie musste von vorne anfangen sich ihr Vertrauen wieder zu verdienen.
Doch diesmal würde Irina anders vorgehen: Sydneys, Nadias und auch Jacks Vertrauen wieder zu verlieren und die Beziehungen zu ihnen zu gefährden, kam für sie nicht in Frage. Von nun an wollte sie alles tun um ihre Familie zusammen zu bringen und zu halten.
Irinas Gesichtsausdruck verdüsterte sich. Allerdings musste sie dazu erst Arvin Sloane daran hindern, sich Nadias Vertrauen zu erschleichen. Nadia sah die Gefahr vielleicht nicht, weil sie seine Tochter war, aber Irina würde wachsam sein und würde Arvin klar machen, dass er auch wenn er Nadias Vater war, diese Rechte in ihren Augen nie haben würde.
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Sommer 1977
„Mommy, nicht umziehen. Haus… ist schön!“ sagte Sydney und war schon wieder kurz davor zu weinen. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt und sie drückte den Teddy in ihrer Hand fest an den Oberkörper. Es brach Laura das Herz sie so zu sehen. Auch sie konnte nicht verstehen wieso sie nicht noch länger hier wohnen bleiben konnten.
Jack hatte ihr zwar erklärt, dass die CIA ihn nach Los Angeles versetzen wollte und es für das woran er gerade arbeitete, außerordentlich wichtig war, nach LA zu gehen. Andererseits gab es hier viele Mädchen in Sydneys Alter, mit denen ihre Tochter sehr gern gespielt hatte, so dass es eine Weile dauern konnte bis Sydney Los Angeles wirklich als ihre neue Heimatstadt akzeptiert hatte.
Laura kniete sich zu dem Mädchen herunter und versuchte ein aufmunterndes Lächeln, das von ihrer Tochter aber nicht erwidert wurde. „Sydney, wir haben doch darüber gesprochen, weißt du noch?“ Das Mädchen schniefte und sah seine Mutter enttäuscht an. Fast so als fühle sie sich von ihr verraten.
„Hier bleiben…. Sarah pielen“ weinte Sydney und die Tränen, die ihr nun über die Wangen liefen waren nun größer als zuvor.
„Ach, mein Schatz“ machte Laura mitfühlend und schloss Sydney in ihre Arme, die den Kopf in der Schulter ihrer Mutter vergrub und herzzerreißend weinte.
In diesem Moment kam Jack herein und sah versteinerten Blickes wie seine Frau versuchte ihre tot traurige Tochter zu trösten. Über Sydneys Schulter hinweg trafen sich Jacks und Lauras Blicke.
Schließlich ging der Agent zu ihnen hinüber und kniete sich hin, berührte Sydney an der Schulter, so dass sie sich zu ihm umdrehte. „Daddy, hier bleiben!“ sagte sie erneut und Jack musste ein wenig schmunzeln, obwohl es ihn traurig machte, dass seiner Tochter der Abschied so schwer fiel.
Mit ihren zwei Jahren konnte sie natürlich noch keine richtigen Sätze sprechen. Manche Wörter waren ihr noch zu schwer, so dass sie sie nicht richtig aussprach. Trotzdem war ihr Wortschatz für eine Zweijährige schon beachtlich.
„Mein Schatz, ich verspreche dir, dass es dir in Los Angeles genauso gut gefallen wird wie hier. Weißt du was ich gesehen habe als ich unser neues Zuhause angeschaut habe?“ fragte Jack während er seine Tochter auf sein Knie setzte. Diese war nun neugierig geworden und musterte ihren Vater erwartungsvoll und als er nichts hinzufügte, schüttelte sie schüchtern mit dem Kopf, während Laura die Beiden beobachtete und hoffte, dass es ihrem Mann gelang Sydney ein wenig aufzuheitern. „Ich war in einem Park, in dem es ein Karussell gibt.“
Und wirklich! Es schien zu funktionieren, denn das Gesicht des Mädchens begann plötzlich sich aufzuhellen. „lussell?“ fragte sie in ihrer kindlichen, hohen Stimme.
Jack nickte. „Sogar mit Pferden. Also was sagst du? Wollen wir hinfahren und Los Angeles mal eine Chance geben? Vielleicht gefällt es dir ja.“
Nun hatte Sydney endlich wieder das Lächeln auf den Lippen, das Jack und Laura so sehr liebten. Immer noch ein wenig traurig, aber fröhlicher als zuvor stimmte sie zu, sich zumindest das Karussell mal anzusehen. „Gut, mein Schatz. Jetzt hol noch schnell deine andere Puppe und dann bringt dich Mommy ins Auto, okay? Ich fahre den Wagen schon mal vor.“ sagte Jack mit liebevollem Lächeln.
Das Mädchen gab ihm einen Kuss auf die Wange und rannte in ihr inzwischen leeres Kinderzimmer, in dem nur noch ihre Puppe lag, die sie unbedingt in ihrem Auto auf dem Rücksitz haben wollte, statt in einem der Umzugskartons.
„Ich weiß nicht wie du das immer fertig bekommst“ lächelte Laura, die sich mit Jack wieder hinstellte und ganz beeindruckt davon schien wie er mit Sydney umgegangen war.
„Ich bin eben ein toller Vater“ antwortete dieser schelmisch grinsend.
Laura legte ihre Arme um seinen Hals und sagte: „Nein. Du bist der beste Vater und ich bin froh, dass du der Vater meiner Tochter bist. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch!“ antwortete der Agent und hauchte seiner Frau einen zarten Kuss auf die Lippen.
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Gegenwart
Endlich öffnete sich die schwere Tür und fünf Anzugträger kamen herein, wie Irina erstaunt feststellte. Eine richtige Versammlung, ging es ihr durch den Kopf.
Zwei der Männer erkannte die Russin sofort: Ben Devlin und den stellvertretenden Direktor Kendall. Mit beiden hatte die ehemalige KGB-Agentin schon zu tun gehabt und während Devlin ihr freundlich zu nickte, beschränkte sich Kendall auf einen finsteren Blick in ihre Richtung, was Irina aber nur noch mehr amüsierte und so verzog sie die Mundwinkel zu einem amüsierten Grinsen.
„Guten Morgen, Mrs. Derevko. Tut uns leid, dass sie warten mussten. Wir hatten noch einige Details zu klären“ räusperte Devlin sich, während die Russin Gelächter unterdrücken musste. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass CIA-Direktor Devlin sich bei ihr für irgendwas entschuldigen würde, was sie auch nicht verlangte nachdem sie ein gutes Dutzend CIA-Agenten ermordet hatte.
Devlin blickte einmal nach rechts und nach links, wandte sich dann wieder Irina zu und fügte hinzu: „Mister Kendall, hier neben mir, brauche ich ihnen wohl nicht mehr vorzustellen. Zu meiner Rechten hätten wir hier Sergej Nikolov, Boian Markotschov und Nicolai Aleksej. Sie arbeiten für die russische SVR und kooperieren mit uns.“ Devlin zögerte und sah sich um Hilfe heischend um.
Den Mann, den er als Sergej Nikolov vorgestellt hatte, übernahm schließlich für den CIA-Direktor: „Wir möchten ihnen ein Angebot machen und hoffen, dass sie es annehmen werden nachdem wir es ihnen erläutert haben.“
Nun machte sich Irina keine Mühe mehr, ihre Erheiterung vor den Herren zu verbergen. Sie lehnte sich demonstrativ in ihrem Stuhl zurück, faltete die Hände ineinander und musterte die versammelten Agenten bevor sie etwas erwiderte. „Wieso kommen sie ausgerechnet zu mir?“
„Weil sie ein gewisses Potenzial haben, Mrs. Derevko. Es geht um ein bestimmtes Problem, und gerade auf diesem Gebiet gelten sie weltweit als größte Expertin“ antwortete Kendall mit auf der Tischplatte abgestützten Ellbogen.
Irina musste es nicht erst hören um zu wissen worum es ging, dennoch fügte Devlin erklärende Worte hinzu während Kendall und die drei russischen Agenten sich Kaffee einschenkten. „Es geht um Milo Rambaldi.“
Die ehemalige KGB-Agentin war zwar neugierig geworden, besaß aber Erfahrung genug um sich nicht leichtfertig auf einen Deal einzulassen. Schon gar nicht mit der CIA und wenn sie gar nichts davon hatte. „Wieso sollte ich ihnen helfen? Vor ein paar Jahren noch wollten sie mich exekutieren lassen“ sagte Irina schließlich und musterte die Agenten nacheinander.
„Weil in diesem Deal für jeden von uns etwas drin ist“ antwortete Markotschov, der seinen Blick von Irina ab- und dem Kaffee zugewandt hatte, den er umrührte.
Jetzt konnte die Russin ihre Neugier nicht mehr verbergen. Angespannt rutschte sie in ihrem Stuhl ein wenig nach vorn, unterstrich ihr Interesse mit nach vorne gebeugtem Körper. Statt der Begründung noch etwas hinzuzufügen, holte Devlin eine Akte aus dem Koffer und schob sie Irina zu, die sofort anfing die Seiten zu überfliegen. Als sie wieder aufsah, antwortete sie: „Ich bin ganz Ohr!“
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Moskau,
Russland
„Also? Ihr seid so still“ bemerkte Katya munter und nippte an ihrem Rotwein, während sie ihre Nichten nacheinander musterte.
Diese wechselten zuerst einen Blick, dann wandte sich Sydney an Katya. „Was soll das eigentlich werden?“ Ihr Ton war hart; ihre Mine ebenfalls.
Die Covenant-Agentin setzte überrascht das Glas ab und musterte ihre Nichte. Nadia beobachtete mit wachsendem Unbehagen die Szene zwischen ihrer Tante und ihrer Schwester.
„Was meinst du, Sydney? Darf eine Tante ihre Nichten nicht zu einem gemütlichen Abend nach Hause einladen?“ fragte Katya und gestattete sich ein amüsiertes Grinsen in Sydneys Richtung, die nun mit vor der Brust verschränkten Armen da saß. Es war nicht zu übersehen, dass sie kurz davor war, auf Angriff überzugehen und auch ihr Verhalten sprach dafür, dass sie Lust hatte, zu streiten.
„Nicht, wenn diese Tante eine Derevko ist!“ erwiderte die braunhaarige Agentin kühl.
„Sydney….“ wollte Nadia die Situation entschärfen, doch Katya setzte schon zu einer Erwiderung an, klang dabei aber nicht weniger freundlich als zuvor. „Ich verstehe deine Skepsis, aber heute Abend will ich lediglich etwas Zeit mit meinen zwei Lieblingsnichten verbringen.“
„Wir sind deine beiden einzigen Nichten, Tante Katya!“ erinnerte Sydney sie und spuckte dabei das Wort „Tante“ förmlich aus.
Nadia war froh, das familiäre Geplänkel zu unterbrechen als ihr Handy klingelte. Wenn sie Sark auch sonst nicht sonderlich leiden konnte, war sie ihm jetzt dankbar für die Unterbrechung.
Es funktionierte auch! Die beiden Streithähne waren still und Nadia nahm den Anruf entgegen. „Hallo?“
„Ich bin’s“ antwortete Julian ruhig.
„Sark. Entschuldigt mich.“ Damit stand Nadia auf und verließ das Esszimmer. Kaum, dass sie sich sicher war, außer Hörweite zu sein, wandte sie sich erneut an Sark. „Ich gehe jetzt in Katyas Büro.“
„Viel Glück, Nadia.“ Die schwarzhaarige Agentin sparte sich eine Erwiderung auf Sarks Worte und legte stattdessen wortlos auf. In Katyas Büro begann sie, hektisch nach dem Laptop zu suchen. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit bis sie ihn endlich gefunden hatte.
Je länger sie brauchte, desto größer war die Gefahr, von Katya oder Sydney entdeckt zu werden.
Der schwarze Laptop befand sich in Katyas Aktentasche. Vorsichtig zog die Agentin ihn heraus, schaltete ihn an und hackte sich in das System. Sie fand eine Datei, die aus mysteriösen Worten bestand.
Eine Person, in Konkurrenz zur Auserwählten stehend, kann das Puzzle zusammensetzen. Sie ist meine Verbindung in diese Welt.
Nadia wollte weiterklicken, doch als sie weiter scrollte bemerkte sie, dass sie richtig war. Das Ende der Welt, es ist wirklich nah. Willst du den Text entschlüsseln, benutze folgende Formel:
Des Weiteren war eine Kette von Zahlen zu sehen. Nadia öffnete ein zweites Fenster, mit dem man die Optionen für einen Datentransfer einstellen konnte.
Plötzlich hörte sie Schritte näher kommen und war zunächst wie erstarrt. Dann, die Stimme war sehr nah, war Katya zu hören. „Nadia?“ Ihre Tante konnte jeden Augenblick herein kommen. Nervös murmelnd trieb die Agentin den Computer zur Eile an. „Nadia wo steckst du?“
Katya kam genau in den Moment in das Zimmer als Nadia den Laptop wieder in der Aktentasche hatte verschwinden lassen. Sie hatte es gerade noch geschafft, die Daten an ihren Vater zu übermitteln.
„Alles in Ordnung?“ wollte ihre Tante wissen.
„Ja, das war Sark. Er hat von Informationen erzählt und gesagt, dass er mich morgen sprechen will.“ Als wolle sie beweisen, dass sie tatsächlich mit Sark telefoniert habe, hielt die Schwarzhaarige das Handy in die Höhe und kehrte mit Katya ins Esszimmer zurück.
„Was wollte Sark denn?“ wollte Sydney wissen.
„Ach, nicht so wichtig.“ Nadia versuchte ein Lächeln und war sich sicher, dass ihre Schwester noch misstrauischer geworden war. Sie mied den Blick von Sydney in dem sie sich scheinbar hoch konzentriert ihrem Essen widmete.
Der Rest des Abendessens verlief schweigend.
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Nun schon zum bestimmt hundertsten Mal betrachtete Jack die Fotos, die der Agent von Nadia gemacht hatte. Warum war er überhaupt überrascht? Nadia war die Tochter von Arvin Sloane und Irina Derevko! Was konnte man da anders erwarten, als das sie Geheimnisse hatte. Das wäre an und für sich auch nicht weiter schlimm gewesen. Was Jack Sorgen machte, war, inwieweit Nadias Geheimnis Sydney schaden konnte.
Und selbst wenn er sich gezwungen sehen würde, seine Tochter zu beschützen, war Nadia noch immer die Tochter von Irina, das hieß, dass er nicht einfach einen Plan durchführen konnte um Nadia davon abzuhalten, seiner Tochter zu schaden.
Der Agent ging an die Minibar und schenkte sich ein Glas Whiskey ein. Er nahm einen kräftigen Schluck und schloss die Augen. Ein guter Whiskey, sehr stark. Jack ließ seinen Blick durch den dunklen Raum – Irinas Appartement – schweifen. Er mochte es von Dunkelheit umgeben zu sein. In der Dunkelheit ließ es sich am Leichtesten nachdenken.
Nun mach dir nicht so viele Sorgen um Sydney!, dachte er und nahm wieder einen kräftigen Schluck, der ihn schon ein wenig die Wirkung des Alkohols spüren ließ. Vielleicht gab es ja auch nichts worüber er sich Sorgen machen musste. Wer weiß? Möglicherweise hatte Nadia eine ganz logische Antwort auf die offenen Fragen.
Trotzdem war es immer noch Arvin Sloane, zu dem sie gegangen war. Und welchen Grund hatte sie, es vor ihrer Mutter und ihrer Schwester zu verheimlichen?
Nun ja der Grund für Nadias Verschwiegenheit gegenüber Sydney war schnell klar: Sloane war der Mann, der ihr Danny und Francie genommen hatte. Noch immer hasste sie ihn für seine Taten und Jack konnte sie durchaus verstehen. Aber wenigstens Irina hätte Nadia sich anvertrauen können, auch wenn Jack wusste, dass sie alles andere als begeistert davon sein würde, dass ihre Tochter den Kontakt zu Sloane suchte.
Der Agent wusste, dass seine Frau immer ob der Möglichkeit wusste, dass Nadia anfangen würde sich danach zu sehnen, ihren Vater näher kennen zu lernen. Jack musste grinsen. Die Situation war ähnlich wie damals als Irina sich der CIA gestellt hatte. Heute verstand er, dass Sydney einfach zu ihr gehen musste. Hätte sie nicht versucht ihre Mutter kennen zu lernen, wäre sie sicher irgendwann daran zu Grunde gegangen, dessen war Jack sich heute sicher und froh, dass sie nicht auf ihn gehört hatte.
Was wenn es Nadia genauso ging? Es musste ja nicht gleich eine böse Absicht hinter ihren heimlichen Treffen mit ihrem Vater stecken.
Jack wurde durch das Klingeln seines Handys von seinen Gedanken abgelenkt. Er runzelte die Stirn, starrte auf den Apparat, dann auf die Uhr und überlegte, ob er rangehen sollte. Schließlich entschied er sich dafür und schaltete die kleine Stehlampe neben der Couch an, auf der er saß, ehe er den Anruf beantwortete. „Hallo?“
„Hallo, Jack, ich bin’s“ sagte eine weiche Stimme.
Die angespannten Gesichtszüge des Agenten wurden sofort weicher als er bemerkte, dass die Stimme seiner Frau gehörte. „Hallo, Irina. Wie ist es in Virginia?“
Ihr Mann hätte sicher gegrinst, wenn er das vor Ablehnung verzerrte Gesicht seiner Frau gesehen hätte. „Ich habe mich mit Kendall und Devlin getroffen. Drei SVR-Agenten waren auch dabei.“
Jack setzte sich auf. Irina hatte nun seine gesamte Aufmerksamkeit. Es überraschte ihn, dass Devlin die SVR-Agenten ihm gegenüber verschwiegen hatte. Nervös wechselte er mit dem Hörer ans linke Ohr und stand auf, um in der Wohnung wie ein Tiger im Käfig, auf und ab zu laufen. „Dass SVR-Agenten bei dieser Besprechung anwesend sein werden, muss Devlin wohl vergessen haben mir mitzuteilen.“
Irina war überrascht. Schließlich hatte ihr Mann bei der CIA so was wie den Status eines Senior Agent. Vielleicht war es doch nicht so gut gewesen, ein Gespräch über das Treffen anzufangen, aber angesichts der Tatsache, dass das Ergebnis dieser Unterhaltung auch ihn betreffen würde, hielt Irina es für wichtig ihm gegenüber offen zu sein.
„Devlin hat dir nichts erzählt?“ fragte die ehemalige KGB-Agentin überrascht und erhielt von Jack, das von ihr erwartete „Nein“ zur Antwort. „Sie bieten mir die Leitung einer eigenen Task Force an, Jack“ ließ Irina schließlich die Bombe platzen. Der CIA-Agent war im ersten Moment zu verblüfft, um etwas darauf zu erwidern. Sein Schweigen dauerte so lange, dass Irina unsicher fragte, ob er noch dran war.
„Ja, Irina, ich bin noch dran. Entschuldige. Das ist nur“ Jack suchte nach einem geeigneten Worten und brachte schließlich ein „überraschend“ heraus.
„Ja für mich auch. Diese neue Task Force Einheit soll sich DSC nennen. Departement of Special Cases und sich hauptsächlich mit den Prophezeiungen von Rambaldi und vor allem deren Verhinderung beschäftigen. Das DSC wird finanziert von der SVR und der CIA, wir unterstehen beiden Geheimdiensten aber nicht. Es ist lediglich ein gemeinsames Finanzprojekt, wenn du so willst“ erklärte die ehemalige KGB-Agentin.
„Moment mal: Wir?“ fragte Jack und hatte plötzlich das Gefühl, sich wieder setzen zu müssen. Das ging alles ein wenig schnell und es gab tausend Fragen, die ihm durch den Kopf gingen. So viele, dass er gar nicht wusste bei welcher er anfangen sollte.
Jetzt lächelte Irina und antwortete: „Ja, wir. Ich soll das DSC leiten und die CIA möchte dich als meinen Stellvertreter einsetzen. Es gibt strenge Regeln und einen Vertrag zwischen SVR, CIA und mir.“
Noch immer war Jack skeptisch. Wieso ging ausgerechnet die CIA plötzlich auf einen Deal mit Irina Derevko ein, noch dazu einen so riskanten, bei dem sie viele Möglichkeiten hatte, die CIA zu hintergehen? „Das klingt als hättest du bereits angenommen.“ Der CIA-Agent versuchte beiläufig zu klingen und nahm wieder einen Schluck von seinem Whiskey.
„Das hab ich“ gestand Irina. Stille. Beide hingen ihren Gedanken nach. Irina konnte Jacks Skepsis verstehen, aber angesichts der Informationen, die die CIA über eine der Prophezeiungen von Rambaldi erhalten hatte, war sie bereit gewesen zuzustimmen. Sie hoffte, dass ihr Mann sie trotz seiner Skepsis unterstützen würde. „Ich habe vor, Sydney und Nadia ins Boot zu holen“ fügte sie zögernd hinzu, um vor ihrem Mann gleich alle Karten auf den Tisch zu legen.
Nadia. Jack überlegte ernsthaft, ob er Irina vor den Fotos erzählen sollte. Wenn sie vorhatte, ein Team aufzustellen, dem Nadia beitreten sollte, sollte sie solch ein wichtiges Detail dann nicht wissen? Der Agent schüttelte mit dem Kopf als wolle er diesen Gedanken wieder verwerfen und entschied, seine Frau damit zu konfrontieren, wenn sie wieder in Russland war. Es gab jetzt genügend andere Dinge, die sie entscheiden musste.
„Egal welche Entscheidung du triffst, Irina. Ich werde sie mittragen.“ Jack machte eine Pause, dann fügte er eine Frage hinzu: „Wann kommst du zurück?“
„In ein paar Tagen. Ich muss jetzt auch Schluss machen. Es gibt noch eine Menge Vereinbarungen, die ich durchsehen und unterschreiben muss. Sag den Mädchen, dass ich sie liebe.“
Jack lächelte milde. „Mach ich. Pass auf dich auf. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch.“ Damit legte Irina auf. Jack schaltete die Lampe wieder aus, und starrte erneut in die Dunkelheit.
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Zwei Tage später
In freudiger Erwartung, ihre Familie wieder zu sehen, kehrte Irina voll bepackt mit ihren Koffern, ins Büro zurück. Breiten Grinsens sah sie Jack am Fenster stehen, der sich erst zu ihre umdrehte als sie zaghaft gegen die Tür klopfte.
Offenkundig freute er sich genauso sie wieder zu sehen, wie sie, denn er empfing seine Frau mit einem innigen Kuss. Trotzdem merkte Irina, dass etwas nicht stimmte und löste sich abrupt von ihm. „Jack, was ist los?“ fragte sie todernst.
Der Agent seufzte und wich ihrem Blick aus. „Ich bin ein Agent, der bestens darauf geschult ist, seine Emotionen zu unterdrücken, aber du bist der einzige Mensch auf der Welt, dem ich nichts vormachen kann.“
Sie lächelte milde und zuckte mit den Schultern. „Nur eines meiner vielen Talente.“ Ihr kleiner Witz verfehlte seine Wirkung nicht: Jack musste grinsen, obwohl er sich hin- und hergerissen fühlte zwischen dem was er eigentlich vorgehabt hatte zutun, was wahrscheinlich das Richtige war, und dem was er dachte besser wäre zu tun: Erstmal abzuwarten und herauszufinden weshalb Nadia sich mit Sloane getroffen hatte. Schließlich wollte er keine Lawine lostreten, wenn es vielleicht schlimmer war als es den Anschein hatte.
Trotzdem, wusste Jack, würde sein schlechtes Gewissen ihm keine Ruhe lassen, wenn er Irina verschwieg was er wusste und so ging er zum Schreibtisch und holte einen braunen Umschlag aus der Schublade, den er Irina reichte. Sie runzelte die Stirn und betrachtete zuerst den Umschlag, dann ihren Mann.
„Wie vereinbart ließ ich Nadia beobachten. Deine Agenten sind ihr bis nach Zürich gefolgt“ erklärte dieser, während seine Frau neugierig den Umschlag öffnete und die Fotos herausholte, die ihre Tochter beim Verlassen eines Gebäudes zeigten. „Das Gebäude, das sie verlässt wurde unter einem Decknamen gemietet. Ich habe alles überprüfen lassen und den Angestellten, die in diesem Gebäude arbeiten, Fotos gezeigt, die bestätigen was ich schon vermutet habe als ich die Fotos das erste Mal sah.“ Irina sah von den Fotos auf und direkt in Jacks versteinertes Gesicht, das sich veränderte und plötzlich so etwas wie ehrliches Bedauern erkennen ließ. „Irina, Nadia hat sich mit Sloane getroffen und es uns verschwiegen.“
Die ehemalige KGB-Agentin konnte es nicht glauben, nicht mal jetzt, da sie es von ihrem Mann gehört hatte.
Sie wollte es nicht glauben und sich einzureden, dass es nichts gab worüber sie sich Sorgen machen müsste, war lächerlich. Natürlich war die Situation ernst, wieso hätte Nadia ihr sonst die Treffen mit Sloane verschweigen sollen?
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