1. Welcome to my Truth

Russland

Der Putz bröckelte von den Wänden. Das Licht einer Glühbirne mit Wackelkontakt streifte Sydney nur sekündlich, bevor es wieder schwarz wurde. Kein Laut von außerhalb der Tür drang in den Raum. Die Agentin lag zitternd auf der kalten Pritsche, in dem ebenso kalten Raum, der bis auf das wenige Licht, das die Glühbirne hergab, gänzlich dunkel war.

Irina, die von einem Monitor aus ihre Tochter beobachtete, streichelte über das Bild. Sydney da liegen zu sehen und zu wissen, dass das alles geschah, weil sie – Irina – keine andere Möglichkeit gesehen hatte ihre Töchter zu beschützen, tat weh. Über Nadia wusste die Ex KGB-Agentin noch gar nichts, wartete aber auf Nachrichten einiger ihrer Agenten, die ein Auge auf Irinas jüngere Tochter haben sollten.

Eine Frau mit einem Teller in der Hand, aus dem heißer Dampf aufstieg, streifte Irina. Die Russin sah auf, während die Frau sich wie vom Donner gerührt ihr zuwandte.
„Verzeihen sie! Ich wollte nicht…“
Doch Irina brachte die Frau mit einer Handbewegung zum schweigen, deutete auf den Teller und fragte auf Russisch: „Was wollen sie damit?“
Die Frau wirkte verunsichert, blickte kurz zur Seite bevor sie antwortete: „I-I-I-Ich dachte ihre Agentin hat vielleicht Hunger, Mrs. Derevko.“
„Ihr Name ist Sydney. Und das Letzte was sie jetzt gebrauchen kann, ist eine Suppe. Bringen sie sie wieder zurück,“ erwiderte Sydneys Mutter ruhig, wandte ihren Blick wieder dem Monitor zu.
„A-Aber ich wollte nur…“
„Gehen sie“ sagte Irina so ruhig, dass es der Frau eiskalt den Rücken herunter lief und sie schnell den Raum verließ.

Ein paar Agenten betraten den Raum. Einer hielt ein Injektionsset in der Hand, das er der ehemaligen KGB-Agentin überreichte.
„Wir wecken sie auf. Es ist Zeit“ verkündete die Braunhaarige einen letzten Blick auf den Monitor richtend. Diesmal hatte sie auf Englisch gesprochen.
„Das ist keine gute Idee. Sie könnte Probleme machen!“ warnte ein blonder Mann mit langen Haaren Sydneys Mutter, während der schwarzhaarige, Sergej, schon ahnte, dass sein Kollege gerade einen fatalen Fehler gemacht hatte. Der ruhige Blick von Irina bestätigte dies geradezu.
„Ja ich gehe davon aus, dass sie Probleme machen wird. Wir wecken sie trotzdem auf.“ Antwortete die Russin langsam und wandte ihren Blick dem blonden Mann zu, während ihre ruhige Stimme ihn fragte: „Haben sie damit irgendwelche Probleme, Genosse Karimirov?“
Karimirov schluckte und schüttelte schnell mit dem Kopf.

Los Angeles,
Sydneys Appartement


Meilenweit weg schien das Geräusch des Feuerlöschers. Erst als er ein paar Klatscher in seinem Gesicht fühlte, wurde Vaughn wieder munter. Benommen schüttelte der Blonde seinen Kopf, versuchte sich daran zu erinnern wo er war und was passiert war.

Anfangs waren die Bilder noch schemenhaft, doch dann konnte er deutlich die Konturen von Weiss erkennen. Das Bild wurde immer deutlicher und erst als seine Sehkraft wieder vollends geschärft war, fand Vaughn seine Sprache wieder. „W-Weiss? Was machst du hier?“

Der blonde Agent versuchte sich aufzuraffen als ein gellender Schmerz durch seinen Kopf raste, den der Aufprall verursacht hatte. „Was ich hier mache?! Ich rette deinen Arsch, Kumpel! Was ist passiert? Nadia ist weg, Sydneys Appartement steht in Flammen…….Du hast Glück, dass ich rechtzeitig da war.“
„Flammen“ Vaughn runzelte die Stirn, versuchte das Puzzle zusammen zu setzen und als ihm wieder einfiel was passiert war, dass Sydney im Kampf mit diesen Typen Kerzen umgestoßen hatte, geriet er in Panik. „Sydney!“ rief er und wollte in das Haus rennen, vor dem sich schon allerlei Feuerwehrautos eingefunden hatten und zahlreiche Feuerwehrmänner gegen die Flammen ankämpften. Weiss schaffte es gerade noch seinen Freund von einer Dummheit abzuhalten.
„Ganz ruhig, Mike. Sydney ist nicht da drin. Wir haben nur dich gefunden. Ich habe gleich die Feuerwehr gerufen als ich den Rauch gesehen habe.“ wirkte der Schwarzhaarige beruhigend auf den besorgten Agenten ein, der immer verwirrter wurde.

„Moment. Nadia ist weg und Sydney ebenfalls….“ sagte Vaughn langsam.
Weiss zog die Stirn kraus, verstand nicht was sein Freund meinte. „Worauf willst du hinaus, Michael?“
Während sich in Vaughns Kopf ein Bild zusammenfügte, griff er gedankenverloren in seine Hosentasche und förderte die kleine Schatulle zu Tage, die er öffnete und den Ring offenbarte, den er Sydney heute Abend eigentlich hatte schenken wollen.
„Ein Verlobungsring. Ich würde dich ja gerne heiraten, aber ich habe schon eine Freundin. Abgesehen davon habe ich nichts was zu diesem Klunker passt.“

Vaughn warf seinem besten Freund einen bedeutungsvollen Blick zu und als Weiss die Traurigkeit in Michaels Blick sah, tat ihm sein kleiner Scherz wieder leid. Ihm war klar für wen dieser Ring bestimmt gewesen war und dass die Tatsache die Frau, die Michael liebte ein zweites Mal verloren zu haben, ihn hart treffen musste.

Weiss legte eine Hand auf seine Schulter und überlegte sich was er tröstendes sagen konnte, fühlte er sich doch genauso hilflos und war dergleichen Sorge wegen Nadia ausgeliefert. Doch Vaughns Blick war nicht von Traurigkeit geprägt als er aufsah, wie man es hätte meinen können, sondern von unbändiger Wut als sei ihm etwas eingefallen. „Welche gemeinsame Verbindung gibt es wohl zu Sydney und Nadia?“ fragte der Blonde seinen Kollegen und Freund.
Weiss schien erst verwirrt, doch seine Miene verwandelte sich in dieselbe wie von Vaughn als ihm klar wurde worauf sein bester Freund hinaus wollte.
„Derevko!“ kam es wütend von ihm. Beide gingen zum Auto, das Weiss in einer Seitenstraße nicht weit von Sydneys Appartement entfernt, geparkt hatte. Das Ziel war klar: Das Appartement von Jack Bristow!

Russland

Mit lautem Quietschen öffnete sich die Tür zu Sydneys „Zimmer“. Dass sie davon nicht wach wurde, zeigte die starke Wirkung des Selativs.
Irina nickte Radek und Sergej zu, die verstanden, dass sie hier nur störten, ihrem Boss eine Waffe da ließen und die Tür hinter sich beim hinausgehen schlossen. Endlich war Irina mit ihrer Tochter allein. Es herrschte Grabesstille und die braunhaarige Frau brauchte eine Weile bis sie sich von dem Anblick ihrer Tochter löste und sich vor die Pritsche kniete, dabei einmal über Sydneys Haar strich und sich fragte wie sie ihre Tochter von der Wahrheit überzeugen sollte.

Vorsichtig öffnete die ehemalige KGB-Agentin den schwarzen Beutel, in dem sich Spritze und eine transparente Flüssigkeit befanden.
Nicht lange nachdem Irina ihrer Tochter die Flüssigkeit direkt in die Venen gespritzt hatte, wurde Sydney wach. Obgleich sie noch benommen war, fiel der erste Blick der CIA-Agentin schon auf ihre Mutter, glitt dann zu den Handschellen, mit denen man sie ans Bett gefesselt hatte nur um wenig später wieder zur Ex-KGB-Agentin zurück zu kehren.

Der Ausdruck in den Augen ihrer Tochter war für Irina schlimmer, als wenn Sydney verletzende Worte benutzt hätte um ihrer Wut Luft zu machen. Ihre Tochter wirkte wütend, traurig und verletzt zugleich. Tränen standen ihr in den Augen und wurden mit jeder Minute stärker, in der ihr klar wurde, dass Irina hinter dem Angriff auf das Appartement und ihre Unterbringung steckte. Mutter und Tochter blickten sich schweigend an. Sydney mit einem Verletzten, Irina mit einem nichts sagenden Blick.

Los Angeles,
Jacks Appartement


Schon zum dritten Mal hallten mehrere dumpfe Schläge gegen die Tür. Jack streifte sich den Bademantel über und gähnte herzhaft, während er das Licht im Flur anmachte. Dabei murmelte er: „Ja, ja ich komme ja schon.“
Aus irgendeinem Grund war er nicht überrascht Vaughn und Weiss vor seiner Tür stehen zu sehen. Jack beschloss zu warten was die beiden Agenten zu sagen hatten, ehe er sich für eine Reaktion entschied, beließ es für´s Erste bei einem ausdruckslosen Gesicht. „Kann ich irgendetwas für sie tun?“ fragte Sydneys Vater nach ein paar Momenten der Stille.
„Sie könnten uns rein bitten“ schlug Weiss mit Kälte in der Stimme vor.

Der ergraute Agent trat beiseite, worauf die beiden jüngeren Agenten sich Worte sparend eintraten.
„Sie sind weg!“ erklärte Vaughn knapp nachdem Jack die Tür geschlossen hatte.
Sydneys Vater spielte den Unwissenden, runzelte die Stirn als wüsste er nicht wovon der blonde junge Mann sprach.
„Hören sie, Mister Vaughn, es ist schon ziemlich spät. Ich würde es also sehr begrüßen, wenn sie präziser werden könnten“ erwiderte Jack ruhig, ging an den beiden Männern vorbei und ließ sich auf dem Sofa nieder. Weiss und Vaughn taten es ihm gleich. In Vaughns Blick tanzten gelbe Funken als Zeichen dafür, dass er kurz davor war Sydneys Vater an die Kehle zu gehen. Weiss, der zwar nicht weniger wütend war als sein bester Freund, es aber dennoch für besser hielt mit klarem Kopf an die Sache heran zu gehen, sah einen Zeitpunkt gekommen, in dem er die Situation entschärfen musste.

Jack war Strategie durch und durch und es gab etwas, das er vor den beiden Männern geheim hielt. Er wusste was mit Nadia und Sydney passiert war. Was Weiss im Moment noch nicht wusste, war der Grund für sein Verhalten. Wieso wollte er nicht sagen was mit ihren Freundinnen passiert war?
„Sydney und Nadia sind verschwunden“ erklärte Weiss und studierte dabei Jacks Gesicht als hoffe er Jacks Reaktion gäbe ihm Aufschluss darüber was eigentlich los war.
„Maskierte Männer haben Sydney und mich angegriffen und bei Nadia und Weiss war es das Gleiche. Wir glauben, dass ihre Frau dahinter steckt.“ Fügte Vaughn ruhig und mit eiseskälte in der Stimme hinzu.
Lange Zeit reagierte Jack auf diese Äußerungen gar nicht, räusperte sich und antwortete: „Mag sein, dass sie Recht haben. Aber es ist besser für sie, wenn sie sich da raus halten.“
Vaughn und sein Freund wechselten einen Blick, dann stand der Blonde auf und baute sich vor Sydneys Vater auf.
„Wo ist Derevko?“ verlangte Michael zu wissen. Der drohende Unterton in seiner Stimme brachte Weiss dazu aufzustehen und sich neben seinen besten Freund zu stellen, um ihn falls nötig von einer unüberlegten Handlung abzuhalten.
Der ergraute CIA-Agent stand nun ebenfalls. Sein Blick hielt dem von Michael stand ohne dass er einmal mit der Wimper zucken musste. Keiner von beiden sagte etwas. Worte wären auch nicht nötig gewesen um die Ablehnung zum Ausdruck zu bringen, die Michael für Jacks Verhalten übrig hatte.

„Sie wissen etwas, Jack! Jemand hat Sydney entführt. Langsam glaube ich, dass Irina Derevko es war und dass sie etwas damit zutun haben. Ich weiß allerdings nicht wieso“ sagte Vaughn wütend. Jacks Blick glitt von Vaughn zu Weiss und wieder zurück. Er seufzte. Es hatte keinen Sinn mehr diesen beiden Agenten etwas vorzumachen, denn eines Tages würden sie sowieso herausfinden was mit ihren Freundinnen geschehen war. Allerdings fürchtete Sydneys Vater, dass die beiden jungen Männer, verliebt wie sie waren, aufbrechen würden um Sydney und Nadia zu suchen und damit Irina und die beiden Agentinnen in Gefahr brachten. Vielleicht ließen sie sich aber auch davon überzeugen, dass es besser war jetzt nichts zu unternehmen und Irina und ihrer Liebe zu ihren Töchtern zu vertrauen.
„Sie haben Recht“ sagte der ältere Agent langsam, bedeutete den beiden Männern sich zu setzen.

Vaughn und Weiss wirkten überrascht, taten aber wie ihnen geheißen. Erwartungsvollen Blickes taxierten sie Sydneys Vater, während dieser zu einer Erklärung ansetzte.

Russland

Endlich nahm Irina Sydney gegenüber auf einem Stuhl Platz, die sie misstrauisch beäugte. „Ich weiß, dass du verwirrt und wütend bist. Ich an deiner Stelle wäre es auch. Aber alles was ich getan habe, habe ich für dich getan.“
Irina machte eine Pause und wartete auf eine Reaktion von Sydney. Die sah ihre Mutter an als glaubte sie ihr kein Wort. Doch die Neugier war zumindest so groß, dass die Agentin wissen wollte was Irina vorhatte und weshalb sie hier waren. Wo immer sie auch waren. „Schließt Kidnapping deine Fürsorge mit ein?! Was soll das?!“ schnappte die jüngere Agentin und hob ihre Hand ein wenig an, die mit einer Handschelle ans Bett gefesselt war.

Statt einer Antwort nahm Irina Sydneys Hand und befreite sie von den Handschellen. Kaum war die Agentin frei, griff sie ihre Mutter an, brachte sie und sich zu Fall. Irina lag bäuchlings auf dem Boden, während Sydney ihre Arme neben Irinas Kopf auf dem Boden festnagelte. „Wo sind die Schlüssel für das Zimmer?“ drang das heisere Flüstern von Sydney an Irinas Ohr.
„Es tut mir leid.“ Sagte die Russin langsam, was die CIA-Agentin verwirrte, sie sich ein wenig aufrichtete und die Stirn runzelte.
„Für eine Entschuldigung ist es etwas spät, meinst du nicht auch?“
„Nicht die Entführung. Mir tut das leid!“ Irina nutzte Sydneys Verwirrung um sich blitzschnell ihrem Griff zu entwinden, den Ellbogen in das Gesicht ihrer Tochter zu schlagen. Dann nagelte sie die junge Frau auf dem Bett fest und fesselte ihre Hände, diesmal mit den Handschellen auf dem Rücken, während sich Irinas Knie schmerzhaft in Sydneys Rücken bohrte.

„Ich will dir nicht wehtun, Sydney. Aber ich werd´s tun, wenn es sein muss.“ Die Russin machte eine Pause, in der sie ihrer Tochter die Gelegenheit gab sich unter ihrem Griff zu beruhigen und zuzuhören was sie ihr zu sagen hatte. Sydneys anfängliche Gegenwehr ließ nach einer Weile nach und so hielt Irina es für den richtigen Zeitpunkt ihr alles zu erzählen. Erschöpft setzte die Russin ihre Tochter auf, stellte den Stuhl wieder hin, der bei Sydneys Angriff einfach umgefallen war, setzte sich darauf und sah ihre Tochter an. Wie Speerspitzen trafen die Blicke der Agentin ihre Mutter.
Irina konnte nicht anders als zu lächeln bei diesem Anblick. Noch immer ging ihr Atem schwer. Sydney kampfunfähig zu machen, hatte mehr Ausdauer erfordert als gedacht.

Die ehemalige KGB-Agentin spürte deutlich, dass sie im Alter nach gelassen hatte und sie schneller ermüdete als noch vor zehn Jahren, sah aber auch wie viel Sydney von ihr in sich hatte. Das gleiche Temperament, dieselbe Sturheit.

„Du hast keine Ahnung wie sehr du mir ähnelst, Sydney“ grinste Irina und ließ sich von dem bösen Blick, den sie daraufhin von ihrer Tochter erntete, nicht beeindrucken. „Katya arbeitet für den Covenant, wie du weißt. Vor einem Jahr erhielt ich einen Anruf von ihr. Sie sagte, dass der Covenant dich und deine Schwester für seine Zwecke nutzen will. Den Passagier und die Auserwählte. Es war geplant dich und Nadia nach Russland zu bringen. Nadia sollte einer Gehirnwäsche unterzogen werden, während du, die du dank Projekt Weihnachten dagegen immun bist, mit dem Leben deiner Schwester erpresst werden solltest für den Covenant zu arbeiten.“
Sydney brauchte eine Weile um diese Neuigkeit zu verdauen. Irina hatte sie also entführt um sie dem Covenant zu übergeben. Dann war alles was die letzten Monate abgelaufen war, nur Show gewesen um ihr und Nadias Vertrauen zu gewinnen. Tränen schossen der Agentin bei diesen Gedanken in die Augen, dem der Nächste folgte und der lähmte die Braunhaarige geradezu vor Angst. Wenn Irina sie hatte, hieß das, dass Nadia bereits in der Gewalt des Covenant war.
„Der Covenant hat Nadia?“ fragte die CIA-Agentin mit leiser Stimme.

„Das befürchte ich, ja“ erwiderte Irina nur. „Ich habe herausgefunden, dass es bei alldem um ein Rambaldi-Artefakt geht, das nur der Passagier und die Auserwählte zusammensetzen können. Der Covenant nennt es Rambaldis Puzzle. 20 Teile, die überall auf der Welt verstreut liegen. Was sich hinter diesen 20 Teilen versteckt, weiß ich auch noch nicht.“ Irina machte eine Pause, versuchte sich zu sammeln und fuhr fort: „Sydney du musst mir glauben, dass ich niemals vorhatte etwas zutun, das dir oder deiner Schwester schadet. Ich liebe euch. Das ist keine Lüge….. Das weißt du. Während meiner Zeit in Los Angeles habe ich mir einen Plan überlegt. Aber ich konnte weder dir, noch Nadia etwas davon erzählen, weil ich wusste, dass Katya euch überwachen lassen würde. Zudem musste deine Entführung echt wirken. Die Einzigen, die von meinem Plan wissen, sind Kendall und dein Vater. Die CIA hat mir die Genehmigung erteilt.“

Die Agentin starrte ihre Mutter geschockt an als sie erzählte, dass ihr Vater in alles eingeweiht gewesen war und die CIA ihrer Mutter freie Hand gelassen hatte. Was Sydney aber noch nicht verstand, war der Grund für das Theater.

„Dad hat es gewusst und die CIA hat zugelassen, dass du mich entführst?“ fragte sie betroffen. Die Erkenntnis, dass ihr Leben nicht mehr Sydney gehörte, war schmerzhafter als der Ellbogenschlag von Irina vor ein paar Minuten.
„Ja, mein Schatz“ antwortete Irina sanft.
„Wir sind in Moskau?“ fragte Sydney nun endlich.
„Nein, in Grosny, ein paar Kilometer weit von Moskau entfernt.“ Wieder Schweigen. Mutter und Tochter hingen ihren Gedanken nach.

Moskau

Dario Varello hasste eigentlich stickige, verrauchte Bars, in denen meist nur Alkoholiker verkehrten. Er war dankbar als der Barkeeper ihn zu einer Tür hinter der Bar durchwinkte. Hinter dieser wurde der Italiener schon von ein paar Männern erwartet, die allesamt feinste Nadelstreifenanzüge trugen.

Schon ihr Aussehen verriet, dass allesamt waschechte Russen waren. Dario lächelte und steuerte auf den Mann in der Mitte zu, der von seinen Bodyguards umringt war und hinter einem Schreibtisch sitzend, eine Zigarette rauchte.
Sein Haar war schon etwas schütter, seinem Aussehen nach zu schließen der Mann schon um die 40. Aber dennoch ließ der Anzug ihn adrett wirken, genau wie man es von dem Oberhaupt der Russischen Mafia erwarten würde.

„Sie sehen müde aus“ stellte der Russe fest und wies auf den Stuhl vor seinen Schreibtisch. Der Einladung folgend setzte Dario sich, legte den silbernen Koffer, den er bei sich trug auf den Tisch, schlug die Beine übereinander, faltete die Hände ineinander und musterte seinen Geschäftspartner ungerührt.
„Es war eine lange Reise von Italien nach Russland“ erwiderte Dario.
Der Russe lächelte milde. „Ja kann sein. Nun ich habe mich gefragt, wie die ISO dazu kommt mit der Russischen Mafia Geschäfte zu machen.“
Dario schürzte die Lippen, beugte sich ein wenig nach vorn, während er seine Krawatte richtete und setzte zu einer Antwort an: „Nun ich muss schon sagen, dass ich überrascht war, dass Lev Radokowski, Oberhaupt der Russischen Mafia, sich überhaupt bereit erklärt hat mit uns in Verhandlungen zu treten.“
Radokowski drückte seinen Zigarettenstummel aus und nickte einem seiner Bodyguards zu, worauf der aus dem Zimmer ging. „Am Telefon sagten sie es ginge um Milo Rambaldi. Um Rambaldis Puzzle.“ Erwähnte der Russe, dabei keine Sekunde seinen Blick von Darios Gesicht nehmend um seine Reaktion zu beobachten.
Doch der Italiener hielt dem Blick seines Geschäftspartners ungerührt stand. „Rambaldi war Italiener. Es ist also nur natürlich, dass wir Interesse an seiner Arbeit haben. Wie ich höre, sollen das viele Organisationen haben.“
Lev Radokowski verzog die Mundwinkel, wissend auf welche Organisation Varello anspielte. Eine Organisation, die dem Chef der Russischen Mafia schon seit langem ein Dorn im Auge war: Der Covenant. „Erzählen sie mir nicht, dass sie mir ihre Zusammenarbeit gegen den Covenant anbieten wollen“ sagte der Russe unfreundlich.
Doch der Italiener schüttelte lediglich mit dem Kopf. „Ich bin nur gekommen um das zu holen, was vereinbart war. Das Geld befindet sich in dem Koffer.“

Wie auf´s Stichwort kehrte Radokowskis Bodyguard mit einer schwarzen Mappe zurück, die er Dario reichte. Als der Italiener sie öffnete, kam eine Zeichnung zum Vorschein. Etwas, das aussah wie ein antiker Teller. Die zweite Seite zeigte den Grundriss-Plan eines Museums.
Während Dario wie gebannt auf das alte Pergament starrte, ließ Lev Radokowski den Koffer öffnen. Wie vereinbart befanden sich 3 Mio. Dollar darin. Der Russe nickte und die Bodyguards schlossen den Koffer wieder.
Auch Dario wandte den Blick wieder seinem Geschäftspartner zu. „Wer garantiert mir, dass sie die Dokumente nicht kopiert haben?“
Der Chef der Russenmafia starrte sein Gegenüber kalt an. „Keiner. Aber ihnen wird wohl nichts anderes übrig bleiben als mir zu vertrauen, wenn sie die Dokumente haben wollen.“
Der Italiener nickte finster, verabschiedete sich von Radokowski und verließ die Kneipe.

Grosny,

Irina und Sydney saßen Schulter an Schulter auf dem Bett. Es herrschte schon seit einer Weile Stille.
„Was ich dir gesagt habe, ist die Wahrheit. Und um den Covenant zu zerschlagen, brauche ich die Besten.“ Irina sah auf und direkt Sydney ins Gesicht, diese erwiderte den Blick ihrer Mutter. „Was bedeutet ich brauche dich, Sydney.“
Die Agentin seufzte. Eine Wahl blieb ihr ja wohl nicht. Sie konnte sich entweder mit Nadia ein Leben lang vor dem Covenant verstecken oder mit ihrer Mutter zusammen arbeiten um die Organisation zu zerschlagen. Sydney wusste ob der Macht, die der Covenant ausübte.

Die braunhaarige Agentin presste ihre Lippen aufeinander bevor sie mit einer Gegenfrage antwortete: „Wie sieht dein Plan aus?“
Obgleich Irina sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte, versuchte sie sich nicht anmerken zu lassen, dass die Entscheidung ihrer Tochter sie ungemein erleichterte.
„Komm mit,“ sagte sie nur, stand auf, öffnete Tür und Handschellen, und wartete, dass Sydney ihr folgte. Was diese dann auch tat.

Ihr Weg führte Mutter und Tochter einen langen Gang entlang. Erst jetzt stellte Sydney fest, dass sie sich im dritten oder vierten Stock befinden mussten. Draußen schneite es und bei diesem Anblick wurde der Agentin unbewusst kalt. Sie schlang die Arme um ihren Körper. Irina bemerkte das Frösteln ihrer Tochter zwar, kommentierte es aber nicht weiter.

Sie hielten vor einer Art Fahrstuhl, der aber statt dem üblichen Knopffeld für die einzelnen Stockwerke, ein Nummernfeld ähnlich eines Telefons hatte. Die CIA-Agentin fragte sich im Stillen was das zu bedeuten hatte, sprach ihre Frage aber nicht laut aus, sondern beobachtete ihre Mutter dabei wie sie eine vierstellige Nummernkombination in das Tastenfeld eintippte. Nach ein paar Minuten rumorte es hinter den zwei Eisentüren vor Irina und Sydney, dann öffneten sich die Türen.
„Nach dir“ sagte die ehemalige KGB-Agentin und winkte ihre Tochter in die kleine Kabine, die hinter den sich öffnenden Türen zum Vorschein gekommen war.

Sydney beäugte ihre Mutter misstrauisch und trat ein. Nachdem die Türen sich wieder geschlossen hatten, verlangte eine Roboterstimme nach der Stimmenidentifikation. Die ehemalige KGB-Agentin sprach in ein graues Feld: „Irina Derevko.“
„Stimmenidentifikation positiv! Derevko, Irina, leitende Agentin“ antwortete die Roboterstimme und ruckartig setzte sich die Kabine in Bewegung, fuhr nach unten, wie Sydney sofort bemerkte.

Als die Tür sich zum zweiten Mal öffnete, fand die CIA-Agentin sich in einer großen Halle mit schwarzen Wänden wieder. Rechts und links von ihnen standen Schreibtische, Computer mit dazugehörigen Angestellten, die eifrig tippten oder über Head-Set Telefonate führten. Einige davon in Sprachen, die die junge Frau gar nicht kannte.
Sydney brachte den Mund vor Staunen und Bewunderung gar nicht mehr zu. Sie wusste zwar, welchen Einfluss ihre Mutter vor allem in ihrer Zeit als „The Man“ gehabt hatte, aber das wahre Ausmaß ihres Einflusses wurde ihr erst jetzt so richtig bewusst. Besorgt fragte die Agentin sich, ob sie nicht mit dem Feuer spielte jemandem wie Irina zu vertrauen.

„Komm ich führ dich herum“ lächelte Irina, der das Erstaunen ihrer Tochter keineswegs entgangen war. Roboterhaft nickte die CIA-Agentin und folgte ihrer Mutter den schier endlos wirkenden Gang entlang. Von jedem Schreibtisch aus, an dem Sydney vorbeikam, grüßte man sie mit „Guten Morgen, Agent Bristow!“ oder: „Schön sie zu sehen, Agent Bristow!“ andere sagten: „Ich bin an meinem Schreibtisch, wenn sie etwas von mir brauchen, Agent Bristow!“
Sydney war wie benebelt, wusste gar nicht so recht auf die Rufe der Angestellten zu reagieren, während Irina einem Mitarbeiter, der eiligst auf ihre Tochter zusteuerte, befahl sie erstmal in Ruhe zu lassen. Sie sei das erste Mal hier und müsse sich erst an die Umgebung gewöhnen, hörte die braunhaarige CIA-Agentin ihre Mutter erklären.
Dann führten sie ihren Weg fort. Zu den einzigen Büros, die sich nicht in der großen Halle befanden. Eines, das Größte, gehörte Irina. Sie sperrte die Tür auf und lud ihre Tochter ein, sich auf den roten Sessel zu setzen, der rechts an der Wand stand.

„Entschuldige diesen Überfall. Ich habe nicht erwartet, dass dein Auftauchen solch hohe Wellen schlägt“ lächelte Irina und nahm auf dem zweiten Sessel, Sydney gegenüber Platz.
„Mom wo sind wir?“ fragte die Braunhaarige, jüngere Frau erschlagen von den ersten Eindrücken.
„In den Büros einer schwarzen Operationseinheit, die von mir geleitet wird. Das ist unsere Nebenstelle. Die Zentrale liegt in Moskau. Du musst wissen, dass die meisten Agenten des russischen Geheimdienstes korrupt sind oder als Doppelagenten für den Covenant arbeiten. Im Kreml ist das ein offenes Geheimnis und als der Präsident davon erfuhr, kontaktierte er mich, weil meine Schwester eine leitende Agentin des Covenant ist und er wusste, dass ich mit ihrer Arbeits- und Denkweise vertraut war. Er wusste auch was deine Tante und der Covenant planen und bat mich um Hilfe, worauf ich mich an die CIA wandte, bevor ich zu dir gekommen bin. Es kam mir gelegen, dass du in Schwierigkeiten gesteckt hast.“
Sydney zog die Stirn kraus. „Aber ich habe dich und Katya in Mexiko gesehen. Es schien alles in Ordnung.“
Irina lächelte grimmig. „Das war gespielt. In Wahrheit hat Katya mich nur aufgesucht um sicherzustellen, dass ich bereits Kontakt zu dir aufgenommen habe. Ich sollte dich und Nadia eigentlich nach Russland bringen.“

Die Erwähnung von Nadias Namen zeichnete dunkle Schatten auf Sydneys Gesicht als ihr wieder bewusst wurde, dass ihre Schwester sich schon in Gefangenschaft des Covenants befand. „Dann wurde ich soeben rekrutiert“ stellte die CIA-Agentin sachlich fest.
„So kannst du es nennen“ nickte die Russin, stand auf, ging zu ihrem Schreibtisch und kam mit einem Handy zurück, das sie an ihre Tochter weiterreichte. „Auf dem Weg nach Russland habe ich meinen Leuten befohlen dir dein Handy abzunehmen. Wir haben es durch Dieses ersetzt.“ Die Russin nahm ihrer Tochter das Handy wieder ab und öffnete die Rückseite des Mobiltelefons. Auf den ersten Blick konnte man nichts Ungewöhnliches feststellen. Die Ausstattung unterschied sich nicht von anderen Handys. Erst als Irina die SIM-Karte herausnahm und ein geheimes Fach, öffnete, das sich darunter befand, wurde Sydney klar, dass dies alles andere als ein normales Handy war. Ihre Mutter förderte eine zweite SIM-Karte aus diesem Geheimfach zu Tage und hielt sie so, dass ihre Tochter sie sehen konnte.

Diese SIM-Karte unterschied sich von der Ersten dahingehend, dass sie rot war. „Ich habe dieses Handy umbauen lassen, damit eine zweite SIM-Karte darin versteckt werden kann. Der Covenant wird dein Handy abhören um festzustellen ob du ihn hintergehst, was deiner und Nadias Tod wäre. Damit du mich erreichen kannst, hast du diese zweite SIM-Karte bekommen. Es läuft folgendermaßen: Nachdem Katya dir einen Auftrag erteilt hast, schreibst du die Einzelheiten auf ein Blatt Papier. Danach tauschst du deine SIM-Karte mit der aus, die du von mir bekommen hast, wählst die Telefonnummer, die ich dir gebe und sprichst auf den Anrufbeantworter eine Zahl zwischen 1 und 9, die einem bestimmten Treffpunkt zugeordnet ist. Ein Agent wird sich dann an diesem Ort mit dir treffen. Du erkennst ihn daran, dass er dich nach der Uhrzeit oder dem Wetter fragt. Der Agent leitet deine Nachricht an mich weiter damit ich einen Gegenauftrag für dich ausarbeiten kann. Nachdem das passiert ist, lasse ich eine Zeitung vor die Tür deiner neuen Unterkunft legen, das Wort „Harold“ in den oberen, rechten Rand des Wirtschaftsteils mit der dazugehörigen Ziffer für unseren Treffpunkt schreiben. Alle Informationen, die du mir gibst, gehen auch an deinen Vater und die CIA.“
Die Russin fischte nach einer Liste von ihrem Schreibtisch, auf der von 1 – 9 die Zahlen mit den dazugehörigen Treffpunkten sowie die Nummer von Irinas Organisation standen. „Präge dir diese Liste gut ein und wirf sie danach weg. Hast du noch Fragen?“

Zuerst schüttelte Sydney mit dem Kopf, doch dann erinnerte sie sich an Nadias Situation, und der Gehirnwäsche, der Katya sie unterzogen hatte. „Was ist mit Nadia?“ fragte sie leise und voller Sorge.
Die ältere Agentin seufzte und wich dem Blick ihrer Tochter aus. „Es tut mir leid, aber ich kann im Moment nichts für sie tun. Es wäre zu riskant sie jetzt in die Organisation zu holen.“
„Du weißt, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Das kannst du unmöglich zulassen!“ widersprach die jüngere Frau energisch und entrüstet zugleich.
„Ja, aber wenn wir jetzt etwas tun würden, würde das deine Tarnung ge….“
„Mom du kannst sie doch nicht ans Messer liefern! Nadia war es nicht…“

Irina unterbrach ihre Tochter mit erhobener Stimme: „Sydney glaub mir niemand möchte deiner Schwester mehr helfen als ich! Aber wir müssen sehr vorsichtig sein! Wenn man beim Covenant auch nur ahnt, dass du ein falsches Spiel spielst, ist es aus! Auch für Nadia.“ Sydney stand auf. „Morgen bringe ich dich zu Katya. Das wollte ich dir noch sagen bevor du gehst,“ erwähnte Irina noch als Sydney schon dabei war durch die Tür zu treten und das Büro zu verlassen. Mutter und Tochter tauschten einen letzten, ernsten Blick. Dann trat Sydney aus der Tür.