Teil 1
Sydneys Appartement,
später Abend
Regentropfen trommelten gegen die Fensterscheiben. Hin und wieder zuckten Blitz und Donner über den Himmel hinweg, lies ihn kurz taghell leuchten. Doch an alldem störte sich Sydney Bristow nicht, die auf ihrem Bett saß und in ein Buch vertieft war.
Es war eine der wenigen Abende, an denen die Agentin einmal ausspannen konnte, ohne dass die CIA sich mit einem Auftrag an sie wandte. Das letzte Jahr war auch so schon anstrengend genug gewesen. Es war nicht die Zeit geblieben alles was geschehen war zu verarbeiten. Nadias Auftauchen, die Tatsache, dass sie Irina und Sloanes Tochter war, Sloane und seine finsteren Pläne und dann auch noch das Covenent. Ja, Sydney hatte sich wirklich ein paar Tage Erholung verdient – und genau die würde sie sich auch gönnen.
„Hallo, Sydney!“ wurde die Agentin plötzlich von einer allzu bekannten Stimme aus ihren Gedanken gerissen. Erschrocken sprang sie auf als sie sich ihrer Mutter gegenüber sah. Eigentlich hätte Sydney sich freuen sollen sie wieder zu sehen, denn trotz allem was vorgefallen war, war sie immer noch ihre Mutter. Irina hatte es selbst einmal zu ihr gesagt.
Trotz allem was es merkwürdig, dass ihre Mutter gerade jetzt, nach so langer Zeit wieder in Los Angeles war und noch dazu um diese Uhrzeit. Was hatte das Alles zu bedeuten?
„Wie…..wie bist du hier rein gekommen?“ fragte Sydney lieber, statt ihre Mutter das zu fragen, was sie in Wirklichkeit mehr beschäftigte.
„Ich bin Agentin, Sydney! Das Schloss war leicht aufzukriegen. Ich habe dir eine Weile beim lesen zugesehen!“ Ohne zu fragen, ob sie sich setzen durfte, setzte ich Irina auf Sydneys Bett. Ihre Tochter tat es ihr gleich.
Eine Weile blickten sich beide an ohne auch nur ein Wort zu sagen. Die Stille war angenehm. Es hielt Irina davon ab unangenehme Dinge zu sagen. Dinge, die Sydney in ihrem Urlaub nicht hören wollte. Andererseits war es die Neugier einer CIA-Agentin, die Sydney dazu brachte sich eine Menge Fragen zu stellen. Wie war es Irina ergangen? Was hatte sie während der letzten Jahre gemacht? Warum war sie hier?
„Es scheint als hättest du eine Menge Fragen!“ stellte Irina sanft fest und lächelte ein wenig um Sydney zu zeigen, dass sie bereit war sich ihren Fragen, ja vielleicht sogar Vorwürfen, zu stellen.
Doch ihre Tochter zögerte. Was führte Irina im Schilde? Führte sie überhaupt etwas im Schilde? War sie nun hier, weil sie Sydney vor etwas warnen wollte oder diente der Besuch nur ihrem persönlichen Vorteil? Es war eine Schande, dass sie sich solche Fragen über ihre Mutter stellen musste.
„Eine ja“ gestand Sydney zögernd, auch wenn das gelogen war. In Wahrheit gab es tausende Fragen, die sie ihrer Mutter stellen wollte. Irina sah sie erwartungsvoll an, ohne sie aber zu bedrängen. „Warum bist du hier? Nicht, dass es mir was ausmachen würde, dass du hier bist. Ich bin bloß überrascht. Seit Jahren habe ich dich nicht mehr gesehen!“
Irina war zwar auf diese Konfrontation gefasst gewesen, aber nicht darauf vorbereitet, wie leid es ihr tatsächlich tat nicht bei Sydney gewesen zu sein. Sie hatte schon deren Kindheit verpasst und war jetzt dabei auch noch den Rest zu verpassen. Ein Fehler, und dessen war sich die ehemalige KGB-Agentin durchaus bewusst, den sie irgendwann bereuen würde, den sie sogar schon jetzt bereute. Sie hätte Sydney damals mitnehmen sollen, als sie zu Khasinau zurückgekehrt war. Aber konnte sie ahnen, dass sie mit Sloane eine Affäre haben und von ihm anschließend ein Kind bekommen würde? Heute standen die Dinge anders. Heute war ihr klar, wie sehr sie Sydney vermisste. Wie sehr sie ihre beiden Töchter vermisste.
„Es tut mir leid, Sydney, aber ich hätte dich in Gefahr gebracht, wenn wir uns gesehen hätten. Ich wollte dich diesem Risiko auf keinen Fall aussetzen.“ Irina wartete ab wie ihre Tochter reagieren würde, was sie wohl darauf erwidern würde.
„Und warum bist du dann hier?“ wollte die CIA-Agentin wissen.
Irina dachte über eine Antwort nach. „Weil du in Gefahr bist. Am besten du verlässt für eine Weile die Stadt!“
Sydney war hin- und hergerissen. Irina Derevko hatte ihr schon öfter geholfen und – soviel stand fest – sie war so sehr darauf bedacht Sydney zu beschützen, dass sie auf das Leben anderer Menschen gar nicht mehr achtete. Anders als Sydney, die ihr Leben riskierte, wenn es darum ging Menschenleben zu retten. Und genau das war der Punkt, an dem Mutter und Tochter immer wieder in Konflikt miteinander gerieten.
„Wer sagt mir, dass das die Wahrheit ist? Ich möchte dir ja trauen, Mom! Ich weiß nur nicht, ob ich das kann. Ich habe keine Ahnung auf welcher Seite du stehst.“ Sagte Sydney ehrlich.
Irina nickte, versuchte sich dabei aber nicht anmerken zu lassen, dass die Worte ihrer Tochter sie tief getroffen hatten und meisterte diese Aufgabe mit Bravour. Sich emotional nicht in die Karten sehen zu lassen, war eines der Talente, die sich Irina während ihrer Zeit beim KGB angeeignet hatte.
Irina zog einen weißen, kleinen Briefumschlag aus ihrer Jacke, den sie ihrer Tochter gab. „Von deinem Vater!“ kommentierte sie. „Kendall wurde informiert, dass du mit mir für einige Zeit das Land verlässt. Er hat sich anfangs zwar gesträubt, aber als Jack und ich ihm erklärt haben, dass er andernfalls Gefahr läuft seine beste Agentin zu verlieren, hat er zugestimmt.“
Sydney war wütend. Seit wann lag es denn an ihren Eltern über Sydneys Leben zu entscheiden, ohne Sydney selbst nicht mal anzuhören?! Immerhin war sie längst kein Kind mehr.
Die braunhaarige Agentin sah ihre Mutter an – vorwurfsvoll und verletzt, machte sich dabei nicht mal mehr die Mühe den Brief zu öffnen und zu lesen was ihr Vater geschrieben hatte. „Das ist es jetzt also?! Ihr trefft eine Entscheidung über mich und ich werde nicht mal mehr gefragt?!“ fuhr Sydney ihre Mutter an, stellte sich dabei hin um sie rauswerfen zu können, sollte dies nötig sein. Irina hatte sich ebenfalls hingestellt, zeigte aber nicht die geringste Regung. Sydney begann sich insgeheim zu fragen, ob ihre Mutter mit dieser Reaktion gerechnet hatte. Hatte Irina ihre Tochter wirklich schon nach der kurzen Zeit, die sie sie richtig kennen gelernt hatte, schon so gut durchschaut?
„Sydney, ich weiß, dass du mir nicht vertraust. Das kann ich sogar verstehen! Aber in diesem Fall bleibt dir wohl keine Wahl!“ erwiderte die ältere Spionin ernst.
„Was soll das heißen?“
Irina antwortete nicht, sondern wandte sich von Sydney ab und der Tür zu. „Ich melde mich bei dir. Sei vorsichtig, hörst du? Und nimm dich vor Sark in Acht!“ Damit ließ die ehemalige KGB-Agentin Sydney allein, die nicht zögerte das Telefon in die Hand zu nehmen und wie wild eine bestimmte Nummer zu wählen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Vaughn zu Wort.
Vaughns Appartement,
zur selben Zeit
„Sydney? Hast du eine Ahnung wie spät es ist?! Ich habe morgen eine wichtige Besprechung!“ Wie um zu bestätigen, dass Sydney tatsächlich spät anrief, warf Vaughn einen Blick auf den Radiowecker auf dem Nachttisch neben seinem Bett, der in rot leuchtenden Ziffern die Zeit anzeigte. 11:00 Uhr nachts.
„Vaughn meine Mutter war hier!“ ließ Sydney am anderen Ende der Leitung die Bombe platzen. Vaughn war von einer Sekunde auf die Andere hellwach, sprang in seinem Bett auf und versuchte zu verarbeiten was seine Partnerin ihm gerade erzählt hatte. „Was?!“ entkam es ihm entsetzt.
„Meine Mutter……Sie war hier und hat mit mir geredet!“ wiederholte Sydney, deren Stimme ganz aufgewühlt klang. Wie immer, wenn es um Irina Derevko ging. Jedem war sie ein Rätsel. Der CIA, Jack, Sydney…..Zwar erweckte Irina gerne den Eindruck sich geändert zu haben und nun auf Seiten der CIA zu stehen, andererseits aber hatte sie öfter mit dem Feind, SD-6 und Sark, kooperiert nur um wenig später die passende Erklärung für Sydney parat zu haben.
Natürlich würde Vaughn seine Partnerin niemals davon abhalten den Kontakt mit ihrer Mutter aufrecht zu halten. Zum einen weil Sydney seine Unterstützung brauchte, zum anderen aber auch, weil Irina der CIA schon öfter mit nützlichen Informationen weitergeholfen hatte. Das hieß aber nicht, dass er insgeheim kein tiefes Misstrauen Irina gegenüber hegen durfte. Gerade, weil sie während ihrer Zeit beim KGB unter anderem seinen Vater getötet hatte. Später wurde behauptet sie hätte das getan um Nadia – ihre andere Tochter – zu schützen.
„Und was wollte sie?“ fragte Vaughn bestürzt.
„Sie meinte ich sei in Gefahr und dass sie mich beschützen wolle. Ich nehme an vor Sark. Zumindest hat sie seinen Namen benutzt. Sie hat auch gesagt, dass ich das Land verlassen soll und Kendall und mein Vater Bescheid wüssten.“ Sydney sprach nicht weiter und obwohl sie ihm diese Frage nicht gestellt hatte, wusste Vaughn, dass sie wissen wollte, ob er gewusst hat, was Irina, Jack und Kendall geplant haben. Das hatte er nicht! Weder Kendall, noch Jack hatten mit ihm ein Wort über Sydney oder eine drohende Gefahr gesprochen und noch weniger darüber, dass Sydney selbst in Gefahr schwebte.
„Ich habe nichts davon gewusst, Syd. Ich bin gegen 08:00 im CIA-Hauptquartier und kläre die Sache. Wir sehen uns dann dort.“
„Vaughn? Da ist noch etwas. Meine Mutter gab mir einen Umschlag mit einem Brief darin. Sie sagte er sei von meinem Vater und ich solle ihn lesen – was ich noch nicht getan habe. Sag mir, ob Ichs tun soll.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. So unsicher kannte Vaughn seine Partnerin gar nicht. Er fragte sich was der Besuch ihrer Mutter in Sydney wohl ausgelöst haben mochte, dass sie so verunsichert war. „Das musst du entscheiden. Wir sehen uns morgen. Gute Nacht!“ antwortete er sanft. „Gute Nacht“ gab die Agentin zurück und legte auf.
CIA-Hauptquartier,
nächster Morgen
Sydney war sich darüber im Klaren, dass die Ringe unter ihren Augen nicht zu übersehen waren. Die ganze Nacht über hatte sie wach gelegen und auf den Umschlag gestarrt, darüber nachdenkend ob sie ihn lesen sollte oder nicht. Wollte sie überhaupt wissen was ihr Vater – oder ihre Mutter, falls der Brief gefälscht war- ihr zu sagen hatten? Die CIA-Agentin entschied sich die Frage noch offen zu lassen. Ihre Mutter würde sich bei ihr melden, hatte sie gesagt. Sydney hoffte, dass sich bei einem neuerlichen Treffen mit Irina einiges aufklärte.
„Guten Morgen, Agent Bristow!“ begrüßte Kendall seine Mitarbeiterin freundlich, worauf ihn Sydney mit einem ärgerlichen Blick bedachte. Genau wie ihren Vater, der zusammen mit Vaughn bei ihm stand.
„Sparen sie sich die Höflichkeiten, Agent Kendall!! Was haben sie mit meiner Mutter besprochen und warum wurde ich nicht gefragt?!“ zischte sie aufgebracht. „Nun wir….“ Kendall nickte Jack hilflos zu. Sollte er doch mit seiner Tochter reden. Er konnte das ohnehin besser als Kendall, der schließlich so gar nicht zur Familie gehörte.
„Wir hielten es für das Beste, wenn deine Mutter selbst mit dir redet. Wir wussten, dass sie dich überzeugen kann!“ erklärte Jack ruhig.
Sydney gab sich allergrößte Mühe nach außen hin Gelassenheit auszustrahlen, was schwer war. Ihr Vater hatte also wieder mal sie betreffend gehandelt ohne mit seiner Tochter selbst darüber zu reden.
„Ich bin auch nicht gerade begeistert davon, dass sie nicht mit mir gesprochen haben. Immerhin bin ich Sydneys Partner!“ schaltete sich Vaughn ein, der allerdings wesentlich ruhiger wirkte als seine ehemalige Freundin.
„Ich möchte wissen was zum Teufel hier eigentlich los ist?!“ schnaubte Sydney und steckte sich eine Strähne hinter das Ohr, die in ihrem Ärger in ihr Gesicht geflogen war.
„Die Details wird dir deine Mutter erklären. Alles was wir dir sagen können ist das was wir vermuten. Sark hat wahrscheinlich Pläne mit dir. Viel hat deine Mutter uns nicht darüber gesagt. Sie sagte lediglich, dass es irgendwas mit der Rambaldi-Prophezeiung zutun hat.“ Jack räusperte sich ehe er sich an Michael Vaughn wandte: „Und sie haben wir nicht informiert, weil wir ihre Gefühle für Sydney kennen. Sie hätten nicht zugelassen, dass sie mit Irina weggeht.“ Vaughn und Sydney wechselten einen langen Blick miteinander als Jack ihre Gefühle füreinander ansprach.
„Die Prophezeiung von Rambaldi? Meine Mutter sagte mir damals, dass ich die Auserwählte sei und nicht sie. Dann stürzte sie sich vom Dach!“ Die Erinnerung daran wie sie zum zweiten Mal ihre Mutter verloren hatte, war bitter und hatte auch drei Jahre danach immer noch einen merkwürdigen Beigeschmack. „Wir glauben, dass Sark versucht ein Geheimnis Rambaldis zu lüften. Es wäre immerhin möglich, dass er sie als Auserwählte dazu braucht, Agent Bristow!“ überlegte Agent Kendall.
„Wie gesagt. Das sind nur reine Vermutungen. Genaueres kann dir nur deine Mutter sagen. Du scheinst die Einzige zu sein, mit der sie darüber reden will. Also die Wahrheit ist, Sydney, ich denke, dass du wirklich in großer Gefahr schwebst. Deine Mutter hat noch nie gelogen, wenn es um dein Leben ging und es wäre nicht das erste Mal, dass sie versucht dich zu beschützen!“ meinte Jack.
„Ach! Auf einmal hat sie dein vollstes Vertrauen, Dad!“ schnaubte die braunhaarige Frau, wandte sich ab und verließ schnellen Schrittes das CIA-Gebäude. „Ich rede mit ihr!“ verkündete Vaughn und wollte hinterher, doch Jack rief ihn zurück.
„Nicht! Sydney und Irina brauchen Zeit. Es gibt einiges was die Beiden aufarbeiten müssen. Nach allem was Sydney wegen ihrer Mutter durch gemacht hat, kann ich verstehen in was für einem Gefühlschaos sie steckt. Und so wie ich Irina kenne, findet sie einen Weg Sydney wieder näher zu kommen!.....Machen sie sich also keine Sorgen! Irina mag vielleicht andere manipulieren, aber eines w