Teil 20
Tränen traten in Sydneys Augen. "Querschnittsgelähmt?" Ihre Stimme war nur ein ersticktes Flüstern. Mit aller Macht biss sie sich auf die Lippen, um nicht vor lauter innerem Schmerz loszuweinen. Sekundenlang stand sie so da und focht den Kampf mit ihren Emotionen aus. Die Agentin schmeckte die klebrige, süßliche Flüssigkeit und wischte sich verstohlen das Blut vom Mund. "Es tut mir Leid", erklärte Dr. Morrison resignierend, doch die verzweifelte Tochter nahm ihn gar nicht mehr war. Sie konnte Jack vor sich sehen. Im Rollstuhl. Leblos. Neben dem unrasierten und verlumpten Toten eine Flasche billiger Brandwein - und eine Pistole, aus der noch Qualm zur schmuddeligen Zimmerdecke stieg. Diese Bilder konnte selbst die willensstarke und abgehärtete Doppelagentin nicht ertragen. Alle Dämme brachen und schluchzend sank sie an der weißgetünchten Krankenhauswand nieder.
Querschnittsgelähmt - das war sein Todesurteil. Vor wenigen Wochen erst hatte ihr eigentlich distanzierter Vater ihr gestanden, dass seine größte Angst darin bestand, bei einem Auftrag gefährlich oder gar tödlich verletzt zu werden. Zuerst hatte sie den tieferen Sinn dieser Aussage nicht verstanden, doch jetzt erkannte Sydney, dass Jack damit gemeint hatte, dass er sie mit einer bleibenden Verletzung nicht mehr beschützen und unterstützen konnte. Die Tränen rollten immer heftiger. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass ihr Vater sie so liebte und schätzte.
"Hey, so schlimm ist es auch wieder nicht", versuchte der etwas hilflose Arzt sie tollpatschig zu trösten. Er fühlte sich leicht unbehaglich, weil er dieser Frau, wie mit Sloane abgesprochen, nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Doch angesichts ihrer Verzweiflung ertrug er die stärker werdenden Schuldgefühle nicht mehr. "Hören Sie, eben, da...da hab ich- "
"Sydney?" Die Angesprochene erstarrte, als sie die sonore Stimme erkannte. "Sydney, was ist denn passiert?" Blitzschnell stand die junge Frau auf und wischte sich unauffällig die Tränen aus dem Gesicht. "Wie geht es meinem Vater?" "Sie wissen schon davon?" Ein eiskalter Blick huschte zu Dr. Morrison herüber. "Es geht ihm gut", berichtete Sloane, "Er hat nach Ihnen verlangt." Jack war also bei Bewusstsein! Und er hatte mit seinem Vorgesetzten gesprochen. Allerdings wusste Sydney nicht, ob letzteres als gut oder schlecht einzuordnen war. Auch die mächtigste Person der Allianzzelle tat nun pflichtbewusst sein Mitleid kund und umarmte seine Agentin hastig. "Ich muss gehen. Im Büro erwarten mich noch einige organisatorische Aufgaben." Ein Lächeln umspielte seine Lippen. "Das Zimmer ist dort hinten links. Gehen Sie ruhig hinein. Ihr Vater braucht Sie." Damit wandte der SD-6 Chef sich um und verließ den Korridor. Ohne weiter auf den nun überflüssigen Doktor zu achten, stürmte Sydney zum genannten Raum, verharrte kurz davor, um ihre Kleidung glatt zu streichen und öffnete dann sanft die Tür.
"Dad, ich bin hier", raunte sie in das nach Desinfektionsmitteln riechende Zimmer. "Hallo, Schatz", flüsterte Jack überglücklich zurück. Sloane hatte ihn also dieses Mal nicht betrogen. Seine Tochter war tatsächlich da. Warme Erleichterung flutete wie heilsame Medizin durch seinen Körper. Die Doppelagentin zog einen Stuhl ans Bett und setzte sich. Wortlos ergriff sie seine Hand und drückte sie, jedoch anders als Sloane vor ihr. So, als wollte sie ihn allein durch die Berührung wieder gesund machen. Erstaunt spürte der Verletzte ein ihm eher unbekanntes Brennen in den Augen. Beide genossen den Augenblick, ohne ihn durch irgendwelche unnötigen Worte zu ruinieren. "Du willst bestimmt wissen, was passiert ist." "Nein, ruh dich aus. Wir haben alle Zeit der Welt. Du kannst mir alles über Tokio erzählen, wenn du wieder gesund bist." Der unangenehme Kloß kehrte in Sydneys Hals zurück. Es war fragwürdig, ob ihr Vater jemals wieder gesund werden konnte. Auch mischte sich ein zusätzlicher mulmiger Einschlag unter die überwältigende Wiedersehensfreude. Sie war einerseits hierher gekommen, um Jack zu sehen. Aber andererseits, um ihm zu sagen, dass sie bei SD-6 aussteigen wollte. Er war der Einzige, der sie rational und ehrlich beraten konnte. Seine Meinung zu ihrem gefährlichen Vorhaben war ihr wichtiger als alle anderen. Doch jetzt, da sie wusste, welche schwerwiegenden Folgen die kleinste Aufregung für ihn haben könnten, beschloss die Agentin, ihr Geheimnis für sich zu behalten.
Ähnliche Sorgen quälten Jack. 'Ich muss ihr von den Geschehnissen in Tokio erzählen. Sie muss einfach erfahren, was jetzt aus mir wird. Jetzt, da ich Sloanes Nachfolge antreten werde. Natürlich, die Vorteile, die der CIA und unserem Kampf gegen die Allianz dadurch eröffnet werden, sind unleugbar. Aber ich muss dafür auch noch enger mit dem Feind zusammenarbeiten. Das berühmte Spiel mit dem Feuer. Wenn meine Tarnung auffliegt, bin ich tot, ehe ich auch nur 'Hilfe!' rufen kann. Und Sydney ebenfalls. Sydney. Sie wird mich hassen. Sie wird denken, dass ich nur auf die Stärkung meiner eigenen Macht aus war, als ich dieses Angebot angenommen habe. Sie wird nicht verstehen, dass sie nun sicherer denn je arbeiten kann. Ich hingegen werde höllisch aufpassen müssen. Mein Leben war schon als Sloanes engster Vertrauter ständig in Gefahr. Als Leiter einer Allianzzelle bin ich ein dauerhafter Todeskandidat. Aber ich hatte doch keine andere Wahl! Verdammt. Warum bin ich nur nach Tokio geflogen?'Jack schloss die Augen, um seine Tränen zu verbergen. Die Angst vor Sydneys Hass, aber auch vor seinem eigenen Tod hatten ihn überwältigt. "Dad, ich gehe jetzt. Es ist schon spät. Schlaf ein bisschen und werde bald gesund." Sie küsste ihn liebevoll auf die Stirn, drückte ein letztes Mal aufmunternd seine Hand und ließ ihren Vater allein, gequält von seinen düsteren Gedanken.
Die kalte Abendluft schlug Sydney ungemütlich entgegen, als sie aus dem St Mary Hospital trat. Sie wollte nur noch nach Hause. Die Geschehnisse der letzten Stunden hatten sie ausgelaugt und das weiche Bett und eine Nacht mit Will versprachen Linderung für die erschöpfte Agentin. Sie konnte nichts dagegen tun, dass er wieder in ihre Gedanken drang. In den letzten Monaten war die Liebe der früheren Freunde stetig gewachsen. Sie hatte Danny geliebt, kein Zweifel. Aber ihre Gefühle für Will waren einfach unvergleichlich. Er schien genau zu wissen, was sie gerade dachte, fühlte, tat.
Falsch. Ganz falsch. Er wusste nicht, was sie wirklich tat, wenn sie auf der Bank arbeitete oder rund um den Globus reiste. Die Lügen, die sie so gut wie jeden Tag aussprechen musste, waren drauf und dran, sie innerlich umzubringen. Sydney konnte nicht mehr in Wills ozeanblaue Augen sehen, seine bedingungslose Liebe fühlen und gleichzeitig Märchen erfinden, damit ihm nicht dasselbe geschah wie ihrem ermordeten Verlobten. Es war nicht fair. Es war einfach nicht fair. Im Takt mit diesen Gedanken schlug die Agentin auf das Lenkrad. 'Sobald Dad gesund ist, werde ich aussteigen. Ansonsten verliere ich den Verstand!', schwor sie zum wohl tausendsten Mal, als sie den Pick-Up in der Einfahrt parkte. So leise wie möglich schloss Sydney die Haustür auf und schlich in die Wohnung. "Will?", wisperte sie, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten.
Stattdessen sprang ihr Kater Asgar in den Flur und begrüßte sein Frauchen mit einem herzhaften "Miau!". "Pssst!", machte diese und nahm das verschmuste Tier auf den Arm. Auf lautlosen Sohlen betrat sie das Schlafzimmer und sah ihn. Er lag mit geschlossenen Augen im Bett, eine Hand fast fragend auf ihrer Seite. Seine Haare waren schon leicht zerzaust und der schlafende Journalist gab ruhige Schnarchlaute von sich. Unwillkürlich musste seine Freundin lächeln und sich zwingen, ihn nicht sofort zu küssen. Bevor sie sich im Dunkeln auszog und zu Will unter die Bettdecke schlüpfte, trug sie ihr Haustier schnell in Francies Zimmer. Die Satinbettwäsche fühle sich kühl auf ihrer Haut an. Wills Arm, der immer noch auf ihrer Bettseite platziert war, legte sie sich um die Hüfte, was ihr ein beruhigendes und wärmendes Gefühl gab. Sydney war zu Hause. Aber nicht nur das. In seinen Armen konnte die Frau mit den zwei Leben endlich einfach sie selbst sein. Mit ihren Stärken und Schwächen. Sie war in der Tat zu Hause. So wie sie es haben und nie wieder verlieren wollte. 'Ich werde aussteigen!', war ihr letzter Gedanken bevor der Schlaf sie sanft hinweg trug.
Sydney befand sich in einem endlos scheinenden Gang. Keine Fenster, weiß gestrichen, ganz am Ende eine ebenfalls weiße Tür, von der sich nur die schwarze Klinke erkennen ließ. Nicht fähig, sich dagegen zu wehren, steuerten die Füße der Agentin unaufhaltsam diesen Ausgang an. Oder war es ein Eingang? Wo war sie überhaupt? Dieser Ort warf mehr als eine Frage auf. Ihre Beine bewegten sich immer schneller, bis sie regelrecht auf die massive Tür zurannte - doch ihr Körper schien nicht anhalten zu können. Oder wollen? Gleich würde sie gegen das massive Metall knallen und sich vermutlich einige heftige Prellungen zuziehen. Sie schloss die Augen und bereitete sich auf den schmerzhaften Aufprall vor. Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen lief die Doppelagentin einfach durch die Tür hindurch. Urplötzlich stoppten auch ihre Füße, über die sie längst die Kontrolle verloren hatte. Sydney schien sich in einem Film zu befinden. Vorsichtig öffnete sie die Augen wieder und traute ihnen kaum.
Die Umgebung war zu einem Park gewechselt, in dessen Zentrum ein wunderschönes, altes Karussell stand. Der Stadtpark von Los Angeles! Ein Ort, an dem sie in ihrer Kindheit viel Zeit mit ihren Eltern verbracht hatte. Dort drüben stand immer noch die Bank, auf der Jack und Laura immer gesessen und sich über Dinge unterhalten hatten, die die erst vierjährige Sydney selten verstanden hatte. Die unberechenbaren Beine steuerten genau auf diese Sitzgelegenheit zu und zwangen die junge Frau, Platz zu nehmen. Eine Weile beobachtete sie das bunte Treiben rund um die gut besuchte Attraktion. Mädchen, die so lange quengelten, bis sie endlich auf dem rot lackierten Holzpferd, das auch sie einmal geliebt hatte, reiten durften. Jungen, die kreischend fangen spielten und dabei keinerlei Rücksicht auf herumstehende Eltern oder Kinder nahmen. Mütter, die die Kleinsten auf dem Arm hielten und sie liebevoll mit der Flasche fütterten. Väter, die hastig in ihren Geldbeuteln nach Münzen kramten, um den Sprösslingen den geliebten Ritt zu ermöglichen. Mitten hinein in dieses Szenario aus Spiel und Spaß traten, wie Sydney aus den Augenwinkeln sah, drei neue Figuren, die sie unter Tausenden erkannt hätte.
Jack Bristow, seine Frau Laura und das vierjährige Alter Ego der auf der Bank Sitzenden gingen den sandigen Weg zum Mittelpunkt des Geschehens entlang. Der glückliche Vater hielt seine Tochter an der Hand, die sich allerdings schnell seinem Griff entwand und strahlend auf das Karussell zurannte. "Nicht so schnell, Sydney!", rief der CIA-Agent lachend und eilte hinter der Kleinen her. Ebenfalls grinsend suchte sich seine Ehefrau einen bequemen Sitzplatz, von dem sie die Beiden beobachten und gleichzeitig die Sonne genießen konnte. Der echten Sydney war es nicht möglich, die Augen von diesem Treiben abzuwenden. Sehnsucht stieg in ihr auf, als sie die zufriedene und glückliche Familie betrachtete. 'Warum kann es nicht mehr so sein?' Ihr jüngeres Ebenbild hatte gerade das rote Holzpferd erobert und freute sich schon auf eine herrliche Fahrt durch ihre Phantasiewelt, in der sie ein rotes, wildes Pferd besaß und mit ihm überall hin ritt, wo ihre Gedanken sie hinführten. Nachdem er das Geld bezahlt hatte, trat Jack einen Schritt zurück, um seinem aufgeregten Goldstück zuzuschauen.
Zunächst lief alles wunderbar. Die kleine Sydney quietschte und kicherte vor lauter Vergnügen und jedes Mal, wenn sie an ihrem Vater vorbeikam, warf sie ihm spielerisch eine Kusshand zu, was den heiteren Familienmenschen zum Lachen brachte. Doch plötzlich begann das Karussell, sich immer schneller zu drehen. Das unerfahrene Mädchen hielt das Ganze für ein neues Spiel und klatschte freudig in die Hände. Jack hingegen merkte sofort, dass etwas nicht stimmte und lief zum Besitzer der Attraktion, um ihn zu bitten, selbige unverzüglich anzuhalten. Der schnauzbärtige Mann versuchte, die Bremse zu betätigen, allerdings nur mit gegenteiligem Erfolg. Immer schneller und schneller sauste die Umgebung an der kleinen Tochter des Agenten vorbei. Der beißende Fahrtwind nahm ihr den Atem und brannte in ihrem Gesicht. Schreckliche Angst brachte sie zum Weinen und Schreien. "Daddy! Hilfe! Hilf mir!"
Die große Sydney wollte aufspringen und das hilflose Kind aus dieser gefährlichen Situation befreien, aber ihre Beine zwangen sie, wie festgewachsen auf der Bank sitzen zu bleiben. So blieb ihr nicht anderes übrig als mit anzusehen, wie Jack verzweifelt zum Karussell rannte und hastig nach der nächsten Stange, die er erreichen konnte, griff. Völlig unvorbereitet wurde er mitgerissen und hatte alle Mühe, das Gleichgewicht zu halten und nicht hinzufallen. Doch selbst als sich der starke Vater mit aller Macht gegen das rasende Karussell stemmte, reichte die aufgebrachte Kraft nicht aus, um das Fahrgeschäft anzuhalten. Seine Frau Laura hatte längst bemerkt, was passiert war und eilte zu Jack um ihre Tochter zu retten. Bevor sie auch nur ihrem Mann helfen konnte, hörte der Spuk urplötzlich auf.
Die Attraktion war stehen geblieben und das Weinen der vierjährigen Sydney schallte durch den Park. Ihr großes Alter Ego sog scharf die Luft ein, als es erkannte, was das Karussell zum Stoppen gebracht hatte. Ein gehässig dreinblickender Mann im grauen Anzug tauchte wie aus dem Nichts neben dem kleinen Mädchen auf und legte seine Hand besitzergreifend auf dessen Schulter. "Sie gehört mir!", flüsterte er Jack und Laura bedrohlich zu und brach in wahnsinniges Lachen aus. "Sie gehört mir!", schrie er mit irrem Blick. Und nicht nur er. Tausende Klone des gefährlichen Mannes waren hinter den unvorsichtigen Eltern erschienen. Jack wollte sich auf den Kidnapper stürzen und ihn niederschlagen, doch zwei der Ebenbilder stellten sich ihm schneller als er reagieren konnte in den Weg und zielten mit geladenen Pistolen auf ihn. "Sie gehört mir, Jack. Und weder du noch deine armselige Frau werden mich daran hindern, sie für meine Zwecke zu verwenden. Ich habe Großes mit Sydney vor. Sie wird die Tochter werden, die ich nie hatte." "Arvin, du dreckiges Schwein!", schrie Laura, die ebenfalls von einigen Sloanes in Schach gehalten wurde. "Lass sie gehen. Sie hat dir nichts getan!" "Stirb!", erscholl die eiskalte Stimme tausendfach und ohrenbetäubendes Pistolengedonner antwortete ihr. "Neeeeeeeeeein!" Sydney verfluchte ihre gelähmten Beine und Tränen der Wut rannen ihre erhitzen Wangen herunter.
Ohne etwas dagegen tun zu können, stand die Doppelagentin wieder in dem weißen, leeren Gang, in dem sie sich zu Anfang befunden hatte. Ihre Ohren hallten noch immer vom Lärm der Waffen und ihr Herz wollte schier zerspringen vor Trauer und unterdrücktem Ärger. Doch der geschockten Frau blieb keine Zeit um Luft zu holen, denn ihre unkontrollierbaren Füße rannten schon wieder auf die weißgestrichene Tür am Ende des Korridors zu. Wie beim ersten Mal knallte sie nicht dagegen, sondern lief geradewegs in einen vertrauten Raum. Das Wohnzimmer des Appartements, das sie früher einmal mit Danny geteilt hatte.
Es war früher Abend, wie das Dämmerlicht in der Wohnung bewies. Er hatte überall das Licht angeschaltet. Sie trat in den schummrigen Flur und verharrte für einen Moment. Im Bad konnte sie das Rauschen des Badewassers hören, den Duft des Herrenshampoos riechen, dessen Namen sie immer vergaß. Geräuschlos näherte sie sich der Tür, um bloß keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Schein der Lampen fiel in den Gang. Sie hörte ihn leise summen. Wonderful Tonight von Eric Clapton. Ihr Lied. Geschmeidig glitt sie in den von Dampfschwaden durchwaberten Raum. Feuchtwarme Luft schlug ihr entgegen und nahm ihr kurz den Atem. Er hatte gerade das angrenzende Zimmer betreten. Sie konnte seine Silhouette durch das Milchglas der Tür erkennen, sehen, wie er zwei Flanellhandtücher aus dem Schrank nahm und sie sorgfältig gefaltet auf das gemachte Bett legte. Blitzschnell versteckte sie sich neben dem Durchgang, als seine Schritte wieder näher kamen. Er pfiff nun nicht mehr und nestelte ungeduldig am obersten Hemdknopf herum. Der hatte ihm schon damals oft Schwierigkeiten bereitet. Sein Blick prüfte das einlaufende Badewasser. Es war erst zur Hälfte voll. Lächelnd beugte er sich über das Waschbecken und drehte den Hahn mit dem warmen Wasser auf. Normalerweise dauerte es etwas, bis die richtige Temperatur erreicht war. Ihre Chance. Sie stellte sich genau hinter ihn. Ihr verzerrtes Bild erschien im beschlagenen Badezimmerspiegel. Ahnungslos er drehte sich um. Erstaunen und Angst mischten sich in seinen Augen, als er die Person erblickte, die ihm so nah auf den Leib gerückt war. Sein Mund öffnete sich und schloss in Sekundenschnelle wieder, als er den gezückten Revolver entdeckte. Er fing an zu zittern. Sydney genoss noch für einen kurzen Moment Dannys Panik. Dann drückte sie ab.
Der Gang begrüßte sie mit endloser Leere und seiner heimtückischen Tür. Sydney musste bei dem Gedanken an das nächste Grauen, das hinter diesem weißen Tor zu ihrer persönlichen Hölle auf sie wartete, zittern. Wieder konnte die Agentin nichts gegen ihre Füße unternehmen, die ihren eigenen Willen hatten und sie schnurstracks auf besagte Tür zumarschieren ließen. 'Wann ist es endlich vorbei? Wann?', waren ihre einzigen Gedanken, als das Spiel zum dritten Mal begann.
" Morgen, Schatz!" Wills sanfte Stimme hatte Sydney nach einem erholsamen Schlaf aufgeweckt. Mit einem Kuss rundete er die allmorgendliche Begrüßungszeremonie ab. Gähnend hob die junge Frau ihren Oberkörper. "Ich mach schon mal Frühstück. Bis gleich", informierte der Reporter sie und drückte einen weiteren Schmatzer auf ihre Wange. Sie reckte sich noch ein letztes Mal ausgiebig und versuchte sich gerade vergeblich an die Details ihres seltsamen Traums der zurückliegenden Nacht zu erinnern, als Emily in das Schlafzimmer stürmte. "Morgen, Mom!" Die quirlige Achtjährige sprang auf das Bett ihrer Mutter und fiel ihr strahlend um den Hals. "Morgen, Darling. Wo ist dein Bruder?" "Dave ist immer noch am Pennen. Soll ich ihn wecken?" "Mach das." Lächelnd sah Sydney ihrer Tochter nach. Die kleine Emily war ihr exaktes Ebenbild, auch wenn das überaus intelligente Mädchen die blonden Locken und die ozeanblauen Augen von ihrem Vater hatte.
Noch leicht schläfrig schwang sich die junge Frau aus dem Bett und stellte sich vor dem Kleiderschrank die unlösbare Frage, die sie jeden Morgen quälte. "Was ziehe ich nur an?", seufzte Sydney und wühlte hastig durch die Haufen von Jeans, Pullis, Tops, Kleidern und Damenanzügen. Als sie noch mit Francie zusammen gewohnt hatte, war ihre beste Freundin der perfekte Modeberater gewesen, der ihr jetzt schmerzlich fehlte. Triumphierend zog sie das gesuchte Oberteil unter dem Wirrwarr hervor und schlüpfte in Windeseile in eine passende Jeans. In letzter Zeit war sie ein richtiger Morgenmuffel geworden, was vor allem daran lag, dass sie oft bis spät in die Nacht über dem Schreibtisch hockte und am liebsten überhaupt nicht schlafen gehen wollte. Als die Ehefrau und Mutter die Küche betrat, bot sich ihr das vertraute Bild. Will und die Kinder saßen schon vollzählig am Tisch, wobei David Nuss-Nougat-Creme über das ganze Gesicht verteilt hatte, Emily ungeduldig ihren Tee trank und der Vater der beiden alle Hände voll damit zu tun hatte, noch den letzten Artikel für die Zeitung zu vollenden. Sydney verteilte schnell einige Guten-Morgen-Küsse an die Runde, wischte das Gesicht ihres Sohnes sauber und ließ sich dann auf den noch freien Stuhl fallen. "Mom, ich muss heute mein Wissenschaftsprojekt abgeben, aber ich glaube, dass noch irgendwas fehlt..." "Ich schau es mir gleich an, Liebling", beruhigte die hungrige Sydney ihre Tochter und langte nach einer Scheibe Toast.
Während sie genüsslich daran kaute, betrachtete die vielbeschäftigte Frau ihre Familie. Links von ihr saß Emily, die für ihr Alter unglaublich klug war und auch den schon fast zwanghaften Perfektionismus von ihrer Mutter geerbt hatte. Außerdem galt sie als Opas kleiner Liebling, was Jack besonders dadurch zum Ausdruck brachte, wenn er mit seiner Enkelin Schach spielte. Eine Leidenschaft, die schnell auf die Kleine übergegriffen hatte und die sie mit unglaublichem Eifer ausübte. "Bald bist du ja besser als ich!", pflegte Sydneys Vater lachend zu sagen und dabei Emily ganz heftig zu kitzeln. Neben ihrer Tochter, die nach der toten Frau von Arvin Sloane, einer guten Freundin, benannt war, machte sich der Jüngste der Tippins unter der Anleitung seines Vaters seine Schulbrote. Jedes Mal, wenn die Beiden zusammen waren, konnte sich Sydney vor Lachen kaum noch einkriegen. David, der schon sechs Jahre alt war, hatte ein unglaubliches Temperament und eine nicht kleinzukriegende Fröhlichkeit. Kein Wunder, schließlich hätte er als Wills kleiner Klon durchgehen können. Doch seine braunen Haare und Augen zeugten von der Verwandtschaft mit seiner Mutter. Ursprünglich hatte Will ihn Daniel nennen wollen, doch saß die schmerzhafte Erinnerung an Danny, den ermordeten Ex-Verlobten von Sydney immer noch zu tief.
"Syd, fährst du die Kleinen heute zur Schule? Ich muss gleich zu einer Sitzung und da das neue Konzept vorstellen." "Kein Problem, Schatz", antwortete seine Frau und küsste ihn zärtlich auf die Lippen. "Mhm...Davon hole ich mir heute Abend mehr." Damit verschwand Will ins Elternschlafzimmer. Will. Fast neun Jahren waren es jetzt her, dass sie im kleinen Kreis geheiratet hatten. Bald danach hatte er einen Chefredakteursposten bei der Los Angeles Times angeboten bekommen und sie hatten dieses prächtige Haus mit riesigem, urwaldartigem Garten in einem der Vororte von L.A. gekauft. Kein Jahr später war Emily unterwegs gewesen. Er versetzte sie jeden Tag aufs Neue ins Staunen, wenn er unglaublich sorgsam mit den Kindern umging und entfachte nachts den Funken der Liebe immer wieder. Sydney war der glücklichste Mensch auf der Welt. Sie hatten einen Ehemann, den sie so liebte wie niemand anderen zuvor, zwei wunderbare Kinder, die sie glücklich machten und einen traumhaften Job als Literaturdozentin an der Universität von L.A: Ihr Leben war perfekt. So wie sie es sich immer gewünscht hatte.
Nervös blickte Sydney zum dritten Mal in dieser Minute auf ihre Rolex-Armbanduhr und verwünschte die in der Sonne glänzende Blechschlange. Ausgerechnet heute, an diesem herrlich sonnigen Tag, musste sie in einem der zahlreichen Feierabendstaus feststecken. Eben hatte sie Will noch auf dem Handy angerufen, um ihn zu bitten, die Kinder an ihrer Stelle abzuholen. In der seitdem vergangenen Viertelstunde war die schon gestresste Mutter um gerade mal hundert Meter vorwärts gekommen. Ungeduldig trommelten ihre Finger auf das glühend heiße Lenkrad. Auch die Klimaanlage, die schon auf Hochtouren lief, half nicht wirklich, die brütende Hitze zu lindern. "Das wurde aber auch Zeit!", rief Sydney mit Genugtuung, wischte sich den Schweiß von der Stirn und startete den Motor, denn die vor ihr stehenden Wagen rollten endlich wieder.
Zwei Stunden später als verabredet, parkte sie den kochenden Pick-Up in der Einfahrt und freute sich auf ein schönes, entspannendes Sonnenbad auf der Terrasse. Als die junge Frau die Tür aufschließen wollte, merkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Der Eingang zu ihrem Haus war unverschlossen. Alte, antrainierte Reflexe kamen wieder zum Vorschein. Ohne ein Geräusch zu verursachen schlich die ehemalige Agentin durch den Flur. Auf den ersten Blick sah alles wie gewöhnlich aus. Aber wo waren Will, Emily und David? Sie traute sich nicht nach ihrer Familie zu rufen. Ein kühler Luftzug machte sie auf das Wohnzimmer aufmerksam. Leise betrat sie den einzigen Raum mit Verbindung nach draußen. Die farbenfrohen Gardinen, hinter denen Sydney schemenhafte Gestalten erkennen konnte, flatterten sanft im Wind. Hastig sah sie sich nach einem schweren Gegenstand um und schnappte sich einen eisernen Schürhaken vom Kamin. Mit lautlosen Schritten näherte sich die bewaffnete Frau der Terrassentür. Ein Ruck an den Vorhängen und ihr bot sich das grauenhafteste Bild ihres Lebens.
Emily und David hatte sie nun gefunden, am ganzen, kleinen Körper blutverschmiert und an Nylonstricken von der Decke hängend. Die Beine des sechsjährigen Jungen standen in einem unnatürlichen Winkel ab und das Blond von Emilys Haaren war mit dem Blut zu einem widerlichen Orange vermischt. Alle Kraft schien aus Sydneys Körper zu weichen und sie stürzte halb ohnmächtig zu Boden. Welches Monster hatte so ein niederträchtiges Verbrechen begehen können? Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihr auf. Sie vermied so gut sie konnte jeden weiteren Blick auf ihre grausamst ermordeten Kinder, um vor lauter Schmerz nicht den Verstand zu verlieren und kroch mit klopfendem Herzen und übermächtigem Übelkeitsgefühl zurück ins Wohnzimmer. "Ich muss Will finden! Ich muss ihn finden!" Dieser Satz gab ihr die nötige Kraft, um sich in das Schlafzimmer der Eheleute zu schleppen. Vielleicht war ihm nichts zugestoßen, vielleicht hatte er sich retten können.
Ihr Herz zersprang in tausend feine Splitter, als sie ihn auf dem rot durchtränkten Bett liegen sah. Sein Körper war eine einzige blutige Masse. Sie mussten ihn stundenlang gefoltert haben. "Nein! Nein!" Die einzigen Worte, die Sydney zwischen den aus ihrem tiefsten Inneren kommenden Schluchzern möglich waren. Ihr Gesicht wurde von unzähligen Tränen überströmt, als sie an seiner Seite niedersank. "Will", flüsterte sie mit bebenden Schultern, "Es tut mir so Leid." Der Schmerz brannte unaushaltbar in jedem Teil ihres Körpers. Sie hatte das makabere Symbol nicht übersehen, das tiefschwarz in seine Stirn eingebrannt war. Mit zitternden Fingern fuhr sie die Linien nach, die ihm unerträgliches Leid zugefügt haben mussten. "Es tut mir so Leid." Sydney hoffte, dass er ihr verzeihen würde. Eines Tages. Es war alles ihre Schuld gewesen. Sie allein war dafür verantwortlich. Das Mal hatte sie längst auf ewig gekennzeichnet. Und nun auch ihn. Bevor sie ihr Bewusstsein verlor, erschien das unheilverheißende Zeichen blendend vor ihren Augen und ließ sie sterben wollen: <O>
Schweißdurchtränkt und mit rasendem Herzen schlug Sydney die Augen auf. Sofort tastete sie nach Will. Er schlief immer noch seelenruhig und schnarchte leise vor sich hin. Erleichterung durchflutete die Agentin. Ihr Freund lebte. Doch der Traum blieb ihr eine schmerzhafte Warnung. 'Ich muss hier weg. Für mich sein. In Ruhe nachdenken.' Keine fünf Minuten später schloss sie geräuschlos die Haustür hinter sich ab und joggte durch die sternklare Nacht in Richtung Callahan Bridge. Ihr heiliger Rückzugsort, von dem nur sie und Will wussten. An ihren schlechten Tagen konnte sie dort stundenlang am Ufer stehen, Steinchen über die Wasseroberfläche hüpfen lassen und die leichten Wellen beobachten. Es war der einzige Platz, an dem es ihr möglich war, vollkommen abzuschalten. Vom Alltagsstress, von ihrem hektischen Berufsleben und allen Sorgen und Ängsten, die damit verbunden waren. Bald spürte die Doppelagentin den weichen kalifornischen Sand unter ihren Füßen. Der raue Wind zerrte an ihrer Kleidung und ließ sie frösteln. Während des Laufes hatte sie den Traum und seine Botschaft erfolgreich verdrängen können. Doch jetzt, wo Sydney schwer atmend auf das im Mondlicht glitzernde Wasser blickte, kehrte er mit all seiner Heftigkeit zurück. Sie sank schluchzend zu Boden, überwältigt von ihren Emotionen.
"Ich will nicht, dass es so endet!", schrie sie in die ruhige Abendluft und musste noch mehr weinen. Alle Pläne und Träume, die sie gehabt hatte, waren ihr in den letzten Stunden genommen worden. SD-6 sei Dank. Verzweifelt fragte sich die junge Frau, ob sie wirklich so blind gewesen war. Nirgendwo auf der Welt würde es einen Ort geben, an dem sie vor der Allianz sicher sein konnte. Die mächtigste Verbecherorganisation der Welt hatte mit voller Absicht ihr Leben und das so vieler anderer unschuldiger Menschen zerstört. Die alte Wut, die nach Dannys Tod in ihr geschlummert hatte, kehrte in ihren Körper zurück. Die Wut, die ihr die Kraft für den Kampf gegen den Feind gegeben hatte. Sie würde sich ihre Zukunft nicht nehmen lassen. Weder von Sloane noch von irgendeinem anderen verdammten Allianzmitglied. "Ich liebe dich, Will. Darum muss ich kämpfen. Und ich werde gewinnen! Leck mich, Sloane!" Mit unfassbarem Ärger im Bauch brüllte sie ihre endgültige Entscheidung in die laue Herbstnacht. "Ich mache weiter!"
"Wer ist denn Sloane?" Erschrocken drehte sich Sydney um, doch Will zog sie schon sanft in seine Arme. "Sloane? Mein Chef, du weißt doch. Der Mann von Emily." Ihr Magen zog sich bei der Erwähnung des Namens mit der noch frischen anderen Bedeutung unangenehm zusammen. Sie hatte noch nicht einmal lügen müssen. Statt sie weiter mit Fragen zu löchern, küsste der Journalist sie nur zärtlich. "Woher wusstest du, dass ich hier bin?" "Deine Joggingschuhe waren weg und ich kenne dich mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass du die nur anziehst, wenn du hierher kommst." Sein süßes Lächeln verursachte eine wohlige Gänsehaut auf ihrem Körper. Sie wusste jetzt so sicher wie nie zuvor, dass er die wahre Liebe ihres Lebens war und dass keine Allianz der Welt sie jemals trennen würde. Ihr Kampf ging weiter, wenn auch nicht mehr allein, um Danny zu rächen, sondern für ihre eigene Zukunft. Will schlang seine Arme von hinten beschützend um ihren Körper und die Liebenden genossen den traumhaft schönen Abend. Sydney begann leise zu singen, um ihrem Glück in irgendeiner Form Ausdruck zu verleihen.
Sometimes the pleasures I see in this world
Look so attractive to me
Some days I'm driven by the things that I want
More than the things that I need
When I'm weakest
They sparkle the brightest it's true
But they'll never shine brighter than You
When my mind is uncertain
My heart keeps holding on
My heart keeps Holding on
Holding on to you
(Holding on...to you)
My heart keeps holding on
Holding on to You
My eyes deceive me and turn me away
To the places I left behind
Can't trust these voices that lead me astray
Always confusing my mind
But the truth is
You've captured my heart I know
And there's no way I'll ever let go
When my mind is uncertain
My heart keeps holding on
(Holding on.......)
My heart keeps holding on
Holding on to You
(Holding on to You...holding on and on and on to You)
My heart keeps holding on
Holding on to You
My clinging to You
Is really You embracing me
My clinging to You
Is really You embracing me...oh
Holding on
My heart keeps holding on
Holding on
My heart keeps holding on
Holding on
My heart keeps holding on
My heart holding on
Holding on and on and on
My heart keeps holding on
Holding on to You
My heart keeps holding on
Holding on to You
Sydney drehte sich um und küsste Will leidenschaftlich. "Ich liebe dich", raunte sie zärtlich in sein Ohr. Er war schlichtweg überwältigt von dem gefühlvollen Lied, das seine Freundin für ihn gesungen hatte. Der Moment schien so perfekt. Die Wellen tanzten romantisch im Mondlicht und ganz weit hinten am Horizont begann die Sonne aufzugehen. 'Jetzt oder nie.' Seit einigen Tagen hatte er die Sache schon vor sich hergeschoben und mit sich herumgetragen, immer auf der Suche nach dem richtigen Augenblick. Seine Gefühle für Sydney waren wie ein Lebenselixier für ihn. Eine Droge, die nie ihre Wirkung verlor. Jede einzelne Sekunde mit ihr machte ihn zum glücklichsten Mann der Welt. Sie war alles, was er wollte. Jetzt und für alle Zeiten. Sanft löste er sich aus ihrer Umarmung. Dann kniete er vor der Frau seiner Träume im Ufersand nieder und langte in seine Jackentasche. "Sydney, ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal das Glück haben würde, mit dir zusammen sein zu dürfen, dich küssen zu dürfen, deine Liebe spüren zu dürfen. Sydney..." Mit diesen schicksalhaften Worten öffnete er das samtbezogene Kästchen. "Willst du mich heiraten?"