21. Das wahre Gesicht
Will erkennt, wer ihm die Dokumente gestohlen hat und Nathan Stillers Pläne werden offensichtlich.
Will saß in seinem Büro und hätte sich am liebsten geohrfeigt. Warum hatte er die Story, die Arvin Sloane hinter Gitter bringen könnte, nicht sicherer versteckt? Was hat die ihm bekannt vorkommende Frau damit vor?
Will erkannte, dass nun auch seine gesamten Beweise gegen Arvin Sloane, obwohl er sie auch nur auf mysteriösem Wege erhalten hatte, ein für alle mal verloren waren.
Wie sollte ihm Syd je glauben, dass ihr eigener Chef für den Tod ihres Verlobten verantwortlich ist?
Während Will immer verzweifelter in seinem Bürostuhl versank, schaute auf einmal sein Kollege in sein Büro rein. "Sag mal, hast du Amy seit der Besprechung gesehen?". Plötzlich schrecke Will hoch. Amy, natürlich! Will war bei der Zeitung bekannt dafür, Gesichter in fast jeder Lebenslage zu erkennen. Und so stellte er sich Amy mit blonder Perücke, Kontaktlinsen, Schminke und völlig untypischem Outfit vor. Da war sie- die blonde Frau- vor seinem geistigen Auge.
Wills Kollege war etwas ungehalten. "Was nun- ja oder nein?". Der Angesprochene ignorierte seinen Kollegen und rannte aus dem Büro.
Melanie drehte noch einige Runden und nahm zufällige Abzweigungen in der mittlerweile etwas volleren Innenstadt L.A.'s um sicherzustellen, dass ihr niemand folgte. Dass ausgerechnet Tippin sie im Fahrstuhl und vermutlich auch aus seinem Büro kommend gesehen hatte, beunruhigte sie.
Seit zwei Jahren arbeitete sie nun schon undercover bei der Zeitung. Ihr Boss, ein dunkler Geselle, der sich ihr als Nathan Stiller vorgestellt hatte, schätzte ihre Arbeit. Als er vor paar Stunden anrief, sie solle die Arvin Sloane Story schnellstmöglich veröffentlichen lassen, hatte sie zunächst versucht, Will Tippin darauf anzusprechen. Doch er schien ihr nicht genug zu vertrauen. So war sie zu anderen Maßnahmen gezwungen. Niemand durfte Amy mit der Sache in Verbindung bringen, denn die Stellung innerhalb der Zeitung, die sich Melanie so mühevoll erkämpft hatte, war einfach zu wertvoll, um sie aufzugeben.
Daher maskierte sie sich. Bei der Vielzahl an jungen ständig wechselnden Praktikantinnen, die allerorten im Zeitungsgebäude anzutreffen waren, dürfte sie niemandem aufgefallen sein. Niemandem außer Will Tippin.
Während sich Melanie immer noch Gedanken machte, ob ihr Kollege sie erkannt hatte oder nicht, betrat sie die Druckabteilung der Zeitung. Joey, der leitende Angestellte, war immer höchst erfreut, wenn junge blonde Frauen seine Abteilung betraten. "Hallo, Schönheit! Haben Sie etwas für mich?" fragte er Melanie in gewohnt charmanter Art. Diese zuckte nur kurz gelangweilt mit den Schultern und übergab Joey den Umschlag mit der Story. "Das soll auf Seite eins." sagte Melanie lässig und wandte sich zum Gehen. Als sie ein paar Schritte Richtung Ausgang gegangen war, rief Joey plötzlich:"Hey, Moment mal!!"
Melanie schreckte zusammen. Hier wollte sie keinen öffentlichen Kampf riskieren. Die Story musste unbedingt gedruckt werden! Langsam drehte sie sich um. "Ja?" – "Da fehlt noch ihre Unterschrift, Miss." grinste Joey und hielt ihr einen Kugelschreiber und einen Zettel unter die Nase.
Erleichtert kritzelte Melanie eine falsche Unterschrift auf den Beleg und verließ grinsend die Druckerei.
Jack, Syd und Vaughn waren im zweiten Stock der bayrischen Satellitenkontrollstation angelangt. Laut Robbies Radargerät befand sich Marshall nur wenige dutzend Meter von ihnen entfernt in einem kleinen Raum auf der rechten Seite eines langen Gangs. Die drei maskierten Agenten wollten gerade in diesen Gang einbiegen, als sie ein Geräusch hörten. Schnell duckten sie sich in einen unbeleuchteten Seitengang. Das Geräusch musste von einer Tür aus dem Gang stammen, die von jemandem geöffnet und dann wieder geschlossen wurde. Kurz darauf waren näher kommende Schritte zu hören. Als die Person den kleinen Seitengang erreichte, sprang Vaughn aus seiner Deckung hervor und stieß sie zu Boden. Dixon reagierte prompt, rollte sich geschickt ab und entsicherte seine gezogene Waffe. "Eindringlinge im zweiten Stock! ich wiederhole, Eindringlinge im zweiten Stock!" flüsterte er in sein nahezu unsichtbares Comm-Gerät.
Vaughn hob die Hände. "Dixon, hören Sie…" setzte er an.
"Woher wissen Sie meinen Namen?!" fuhr ihn Dixon an. In diesem Moment kam Sydney aus der Deckung und nahm ihre Maske ab. Dixon richtete die Waffe auf sie und wurde kreidebleich. "Syd, was machst du hier?!". Sydney hob beschwichtigend die Hände und ging langsam auf Dixon zu.
"Lass mich erklären, bitte! Arvin Sloane ist nicht der, für den du ihn hälst. Im Moment arbeitet er für niemanden außer sich selbst. Und wir sind gekommen, um ihn aufzuhalten."
"Sie sagt die Wahrheit, Marcus." sagte Jack, als auch er in den Gang trat, seine Maske in der Hand. Dixon wurde sichtlich nervöser und richtete seine Waffe nun auf Syds Vater. "Jack?! Was zur Hölle ist hier los? Und wer ist er?". Dixon zielte nun auf Vaughn. "Er ist von der CIA. Der echten CIA." sagte Syd langsam. "Was? Wovon redest du? Wir sind CIA!" fragte Dixon nun endgültig verwirrt. "Das ist eine lange Geschichte und wir haben keine Zeit. Wir müssen Sloane aufhalten!" beschwor ihn Syd.
Doch Dixon wich keinen Zentimeter. "Arvin Sloane ist ein Patriot. Er hat sich selbst mit auf diese Mission begeben, um unser Land zu schützen! Auf wessen Seite stehst du, Syd?!". Dixons Worte trafen die Agentin hart. Nicht nur, dass er Arvin Sloane als Held darstellte, er stellte auch ihre Loyalität in Frage. Wenn er nur wüsste…
In Dixons Augen funkelten Tränen. "Ich habe dir immer blind vertraut, ich hätte jederzeit meine Leben in deine Hände gegeben. Aber im Moment weiß ich nicht, wer du bist!" zischte er leise. "Es tut mir leid, ich muss euch wegen Verdacht auf Landesverrat vorläufig festnehmen."
Als Dixon einen kleinen Moment nicht auf Vaughn achtete, holte dieser aus und kickte Dixon die Waffe aus der Hand. Überrumpelt und unbewaffnet sah Dixon seine Partnerin mit einer Mischung aus Enttäuschung und Widerstandsbereitschaft an. Syd zog ihre Waffe und richtete sie auf den SD-6 Agenten.
"Ich werde dir alles erklären, ich verspreche es. Bitte verzeih mir…" sagte sie mit flehender Stimme und drückte ab.
Der Betäubungspfeil traf Dixon in die Schulter und keine zwei Sekunden später sackte der Getroffene zusammen.
Sloane und Marshall bekamen von all dem wenig mit. Letzterer war damit beschäftigt, den Satelliten auf eine bestimmte Position zu manövrieren, deren Koordinaten sich auf einem kleinen Zettel befanden, den er von Arvin Sloane erhalten hatte.
Schweißperlen standen dem Techniker auf der Stirn, als er mit zitternden Fingern das Schaltpult für den Satelliten bediente. "Ich warne Sie, Marshall. Wenn Sie versuchen, andere Koordinaten einzugeben als die auf diesem Zettel, werde ich das merken. Und glauben Sie mir, das wird ihnen ganz und gar nicht gefallen." knurrte der SD-6 Chef hinter ihm und bekräftigte seine Drohung mit dem Entsichern seiner Waffe, die auf Marshalls Hinterkopf gerichtet war.
So aufgeregt der brilliante SD-6 Techniker nach außen schien, so konzentriert dachte er innerlich darüber nach, wie er seinen Boss aufhalten könnte.
Er hatte zwar Jack Bristow eine Nachricht schicken können, allerdings hatte er keine Garantie, dass diese auch angekommen war. Außerdem- typisch für die Bristows- konnte sich Jack in diesem Moment überall auf der Welt aufhalten.
Angesichts dieser eher weniger guten Aussichten auf Hilfe grübelte Marshall fieberhaft nach einer Möglichkeit, Sloane auszutricksen.
Plötzlich hörten beide ein leises Geräusch vor der Tür und Sloane gab seinem Angestellten ein Zeichen, keinen Mucks zu machen. Doch bevor der SD-6 Boss irgendetwas tun konnte, wurde die Tür aufgestoßen und Sydney Bristow sprang, ihre Waffe sofort präzise auf Sloane gerichtet, in den Raum. "Waffe weg!!" brüllte sie.
Doch Sloane tat nicht dergleichen, sondern hielt seine Pistole weiter auf Marshalls Kopf gerichtet. "Ah, Sydney!" sagte Sloane mit einem Lächeln. Seine väterliche Zuneigung zu ihr verursachte bei Sydney nichts als Übelkeit. Vaughn und Jack waren Sydney gefolgt und standen links und rechts von ihr, ihre Waffen ebenfalls auf Arvin Sloane gerichtet.
"Jack?" sagte dieser mit gespielter Verwunderung. "Du hier?". Sein Lächeln wich einem finsteren Gesichtsausdruck.
"Falls diese nette Überraschung mit meiner Festnahme enden soll, so muss ich euch enttäuschen. So weit wird es nicht kommen."
Sydneys Finger zitterte am Abzug. Da stand er. Der Mörder von Danny. Der Mann, der so viel Leid verursacht hatte und gerade im Begriff war, eine Atombombe auf amerikanischem Boden detonieren zu lassen. Die sonst so routinierte Agentin hatte Mühe, ihrem Hass für diese Person nicht die Überhand zu gewähren.
"Gib mir einen guten Grund…" knurrte Syd.
Würde sich Sloanes Waffe nicht schussbereit hinter Marshalls Kopf befinden, sie hätte keine Sekunde gezögert und sofort abgedrückt. Doch unter diesen Umständen hatte sie keine Wahl.
"Marshall!" bellte Sloane und der Angesprochene zuckte heftig zusammen. "Geben Sie die verbleibenden Koordinaten ein und starten Sie sie Positionierung. Sofort!". Sloane drückte seine Waffe gegen Marshalls Schläfe. Die Augen des Technikers weiteten sich vor Furcht und er tippte schneller als je zuvor.
Für kurze Zeit breitete sich ein unangenehmes Schweigen in dem kleinen Raum aus. "Sydney…" setzte Sloane mit väterlichem Lächeln an, "Es kommt mir vor, als sei es gestern gewesen, als du noch ein Kind warst." Sydney schluckte hart und kämpfte erfolgreich gegen ihren Drang, Sloane auf der Stelle zu erwürgen, an. Dieser schüttelte fast geistesabwesend den Kopf. "Wie die Zeit vergeht… Hast du eigentlich immer noch Panik unter Wasser? Ich erinnere mich da an eine witzige Geschichte, als wir alle gemeinsam im Schwimmbad waren…" – "Ruhe!" unterbrach ihn Syd, "Manche Menschen ändern sich." setzte sie bitter hinzu.
Sloane schien über die Worte nachzudenken und nickte leicht.
"Ja, es ist schon eine komische Sache mit den Menschen. Man weiß nie, mit wem man es zu tun hat…" sagte er bedeutungsvoll.
In diesem Moment hatte Marshall seine Arbeit am Bedienpult beendet und einige Lämpchen begannen wild zu blinken. "Die Positionierung ist eingeleitet, Mr. Sloane. Der Satellit bewegt sich in Richtung ihrer Koordinaten." sagte Marshall nach wie vor schweißgebadet. "Sehr gut!" sagte Sloane mit einem irren Grinsen und feuerte seine Waffe mehrere Male ab.
"Neeeiiin!!!!" schrie Syd.
Unterdessen hatte sich Nathan Stiller in London an die finsteren Mienen der Allianz-Mitglieder gewöhnt. Auf dem großen ovalen Tisch in der Mitte des schlecht beleuchteten Raums befanden sich allerlei merkwürdig aussehende Gerätschaften und sehr alt wirkende Schriftstücke.
Alain Christophe ergriff das Wort. "Mr. Stiller, das ist die umfangreichste Sammlung an Rambaldi-Artefakten, die ich je gesehen habe. Viele Stücke davon kenne ich bereits. Und auch ihr früherer Besitzer Arvin Sloane ist mir, wie sie wissen, nicht fremd. Ich nehme an, er hat diese für ihn so wichtigen Stücke nicht freiwillig aufgegeben?".
Nathan lächelte nur und sagte: "Sagen wir, er war in letzter Zeit sehr beschäftigt und daher etwas unaufmerksam, was seine Besitztümer angeht."
Mr. Christophe nickte langsam. "Das ist genau der Punkt. Arvin scheint eigene Pläne zu verfolgen und nicht mehr an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert zu sein. Sie hingegen zeigen großen Einsatz. Wie steht es mit der Bedingung, die wir an Sie gestellt hatten?". Auch diese Frage ließ Stiller völlig kalt. "Arvin Sloane dürfte in ein paar Stunden kein Problem mehr darstellen. Ich habe alles geregelt."
Alain erhob sich und Stiller tat es ihm gleich. das hochrangige Allianz-Mitglied reichte ihm die Hand. "Ich gehe davon aus, dass sie, wie immer, ihre Arbeit zu unserer Zufriedenheit ausgeführt haben und freue mich, sie im Kreis der Allianz aufnehmen zu können. Und da SD-6 einen neuen Leiter brauchen wird, beglückwünsche ich sie ebenfalls zu diesem Posten."
Die anderen Mitglieder erhoben sich für einen kleinen Applaus und in Nathans Gesicht breitete sich der Ausdruck tiefster Zufriedenheit aus.