20. Unaufhaltsam
Nathan Stiller zeigt sein wahres Gesicht und die Dinge um Will werden immer mysteriöser.
Es war wie so oft ein stürmischer, verregneter Abend in London. Nebelschwaden zogen sich durch die glitzernden Straßen und die kleinen verwinkelten Gassen weit entfernt vom Zentrum hatten schon fast etwas Mystisches.
Ein Mann mit schwarzem Trenchcoat und schwarzem Schirm ging sicheren Schrittes durch eine eben solche Gasse, den Hut tief ins Gesicht gezogen.
Seine Hände schwitzten. Nervös zündete er sich eine Zigarette an und ging in Gedanken noch einmal die Pukte durch, die er bei der bevorstehenden Besprechung anbringen wollte. Während er durch die Gassen ging, prasselte der Regen unerbittlich auf seinen Schirm.
Ein paar Minuten später hatte er sein Ziel erreicht und klopfte an eine verwitterte alte Holztür, die kaum von der grauen Farbe des restlichen Hauses zu unterscheidan war. Lediglich die goldene Hausnummer 47 sagte ihm, dass dies der Ort war, zu dem er wollte.
Ein großer, breitschultriger Mann öffnete die Tür. "Was wollen sie?" fragte er bedrohlich und mit finsterer Miene. "Mr. Peterson schickt mich." kam die prompte Antwort. "Ah, sie meinen sicher Steve?" fragte der Mann mit dem mürrischen Gesichtsausdruck weiter.
"Nein, ich meine Bill Peterson."
Die Augenbraue seines gegenübers zuckte kurz, offensichtlich ein Zeitchen dafür, dass er die Codezeichen verstanden hatte.
"Gut, kommen sie rein."
Wenig später hatte er seinen Trenchcoat und Schirm abgelegt und begab sich in einen großen Konferenzraum.
Alain Christophe erhob sich, knöpfte sein Sakko zu und räusperte sich. "Meine Herren, darf ich ihnen Nathan Stiller vorstellen? Er könnte eine große Zukunft vor sich haben."
Mit einem Lächeln wandte sich Alain zu Stiller. "Nathan- herzlich Willkommen bei der Allianz."
So schnell sie konnte, rappelte Syd sich auf und die drei Agenten rannten Richtung Ende des Ganges. Dort fanden sie eine Nische, in der sie Halt machten. Sydney kniete sich hin und zog ihren Verband wieder so fest, dass es schmerzte. "Verdammt!" fluchte sie. Jack beachtete sie nicht und erläuterte schnell den neuen Plan.
"Also, sie haben uns gesehen, damit ist unser Überraschungseffekt dahin. Trotzdem müssen wir jetzt weiter und Sloane aufhalten."
Vaughn und Sydney nickten und entsicherten ihre Waffen.
Plötzlich hörten sie das Getrampel von Militärstiefeln schnell näher kommen. Sydney hörte 4 Mann heraus und gab dies Vaughn und Jack mittels Zeichensprache zu verstehen.
Wie als hätten sie sich abgesprochen sprangen die drei aus ihrer Deckung und feuerten.
Mit einem solchen Frontalangriff hatten die Wachen nicht gerechnet, wodurch zwei von ihnen sofort von den Betäubungspfeilen der CIA-Agenten getroffen wurden und zu Boden sackten.
Die anderen beiden schossen mit ihren Maschinengewehren auf Vaughn, Jack und Sydney ein, die schnell Deckung hinter mehreren Holzkisten in dem Gang suchten, aus dem die Wachen kamen.
Immer wieder erwiderten sie das Feuer, aber die Wachen kamen immer näher. Jack sah Sydney und Vaughn an und gestikulierte. Beide verstanden.
Alle drei stellten das Feuer ein und warteten. Die Wachen kamen mit Gewehr im Anschlag und Skimasken auf dem Gesicht immer näher.
Plötzlich schnellten Vaughn und Jack aus ihrer Deckung hervor und verpassten den Wachen einen kräftigen Tritt, sodass ihre Waffen in hohem Bogen davon segelten. Während die zwei anderen Agenten sich den Wachen im Nahkampf stellten, rannte Syd zu einer am Boden liegenden Waffe und richtete sie auf die Wachen.
"Hände hoch!!" brüllte sie. Die zwei Angesprochenen blickten verwirrt zu Sydney und bekamen so nicht mit, wie Vaughn und Jack nahezu synchron mit den Ellenbogen ausholten, um sie außer Gefecht zu setzen.
"Schnappt euch jeder eine Skimaske!" rief Jack und langte nach unten, um die eben erledigte Wache um ihre Maske zu erleichtern.
Sydney und Vaughn folgten Jacks Anweisungen.
Maskiert und jeder mit Maschinengewehr bewaffnet, rannten sie weiter durch die unterirdischen Gänge der Kontrollstation und kamen dabei dem kleinen roten Punkt auf Jacks Radar - Marshall - immer näher.
Dieser befand sich unterdessen zwei Stockwerke höher im Hauptkontrollraum. Er saß vor einem riesigen Bedienpult mit Dutzenden von Knöpfen und kleinen blinkenden Lämpchen. Sloane stand hinter dem zitternden Marshall, die Waffe im Anschlag. Mit zuckersüßer Stimme sagte Sloane: "Ich verstehe ja, dass sie etwas verwirrt sind, Marshall. Aber Agent Corona und Russell waren Doppelagenten. Sie hätten die Mission gefährdet. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie den kleinen Vorfall vorhin, den sie zufällig sahen, bis jetzt für sich behalten haben, wie ich es ihnen auch angeraten hatte."
Marshall schwitzte fürchterlich und in seinen Augen spiegelte sich nackte Angst.
Es klopfte an der Tür und blitzschnell packte Sloane die Waffe weg.
"Ja?" rief er. Dixon trat mit besorgter Miene in den Raum.
"Mr. Sloane, das Sonderkommando von SD-9 ist nicht zurückgekehrt. Ich mache mir langsam Sorgen, auch um Agent Corona und Agent Russell."
"Dann gehen sie nachschauen, was mit dem Sonderkommando ist, Dixon. Wie kommen hier schon klar."
Kaum war Marcus Dixon verschwunden, hörte Marshall wieder das Klicken einer Waffe, die entsichert wird, hinter seinem Kopf.
'Oh Gott, ich hoffe Jack hat die Nachricht erhalten...' Marshalls Gedanken rasten fieberhaft.
Sloane und die ausgewählten SD-6 Agenten hatten im Helikopter gesessen, als Corona und Russell anfingen, sich Blicke zuzuwerfen. Als sie in München angekommen waren, zogen sie Sloane beiseite, so dass es keiner mitbekam.
Marshall jedoch machte noch einmal kehrt, da er etwas im Helikopter vergessen hatte.
So sah er, was die zwei Agenten mit Sloane zu besprechen hatten.
"Arvin, was soll das? Wir haben gesehen, wie du die Türsteuereinheiten zerschossen hast! Es tut mir leid, aber wir müssen dich vorerst in Gewahrsam nehmen. Die Allianz wird wissen wollen, was das zu bedeuten hat." Mit diesen Worten hatte Agent Russell dem Leiter von SD-6 Handschellen anlegen wollen, als dieser eiskalt seine Waffe mit Schalldämpfer zückte und zweimal abdrückte.
Die Getroffenen sackten zu Boden und Marshall hatte nur einen leisen Laut des Entsetzens von sich gegeben. Aber dies war ausreichend, um Sloane auf ihn aufmerksam zu machen.
Sofort stand er neben dem Techniker und drohte ihm, keiner Menschenseele von dem Vorfall zu berichten, anderenfalls würde er den beiden folgen.
Später hatte Sloane den anderen gesagt, Corona und Russell würden vor dem Gebäude Position beziehen.
Und nun saß er hier, wissend, dass sein Boss nichts Gutes im Schilde führte. Würde Jack ihm nicht helfen können, wäre er der einzige, der Sloane aufhalten konnte.
"Mr. Sloane ... wenn ich fragen darf ... was ... äh ... haben sie eigentlich vor?" fragte Marshall mit zitternder Stimme.
Sloanes Grinsen wurde immer breiter, er holte einen kleinen Zettel aus seiner Brusttasche und reichte ihn Marshall.
Will öffnete die Tür des Beratungszimmers und trat mit ein paar seiner Kollegen in den Aufenthaltsraum der Redaktion. "Puh, ich hasse diese stundenlangen Diskussionen so früh am Morgen." murmelte sein Kollege und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Will lächelte nur, denn er war ehrlich gesagt froh über die außerplanmäßig angesetzte Besprechung.
Weil nämlich seine Kollegin Amy nicht dabei war und er keine bohrenden Blicke und Fragen erdulden musste.
Gut gelaunt machte er sich auf den Weg zu seinem Büro, als er plötzlich erstarrte. Er sah, wie eine blonde Frau sein Büro verließ und sich schnellen Schrittes Richtung Ausgang begab.
Der Reporter nahm die Beine in die Hand und folgte ihr. Sie erwischte gerade noch den Fahrstuhl und drehte sich herum.
Als sie sah, dass Will ihr folgte, erschrak sie und kehrte ihm schnell den Rücken. Bevor Will den Fahrstuhl erreichte, schlossen sich die Türen und Will sah anhand der Anzeige über der Lift-Tür, dass die Kabine ins Erdgeschoss fuhr.
Will sprintete die Treppen hinunter, doch als er unten ankam, war der Fahrstuhl schon längst dort gewesen und von der Frau keine Spur mehr.
Zumindest hatte er einen kurzen Blick auf ihr Gesicht werfen können, denn irgendwie kam sie ihm bekannt vor.
Auf dem Weg zurück zermarterte sich der Reporter das Hirn, woher er nur diese Frau kannte.
Doch als er angekommen war, stellte er sich eine viel wichtigere Frage. Was hat sie hier in seinem Büro gewollt?
Instinktiv schloss er seinen Aktenschrank auf, in dem er die Unterlagen zur Arvin-Sloane-Story aufbewahrte.
Will schluckte.
Sie waren weg!