19. Erwischt
Weil sie Marshall helfen und Sloane aufhalten wollen, geraten Jack, Syd und Vaughn in höchste Gefahr.
Sydney schnappte nach Luft. "Oh Gott, das darf nicht wahr sein..." Auch Vaughn erstarrte. Jack jedoch zweifelte. "Das muss eine Falle sein! Robbie, wie ist es möglich, dass gerade wir diese Nachricht empfangen?"
"Nun ja, im Grunde ist das ganz simpel. Wenn dieser Marshall einen Decoder besitzt, der auf den herkömmlichen Radiofrequenzen sendet, dürfte es ihm möglich sein, eine solche Nachricht zu verschicken. Der Verschlüsselungsalgorithmus ist nicht allzu schwer zu knacken.
Was dein Handy angeht, Jack, dein Telefon sendet immer mal ein Signal aus. Selbst wenn du es- wie im Moment- ausgeschalten hast. Wenn Marshall die Frequenz und den Code deines Handys kennt, ist es kein Problem, dich über GPS ausfindig zu machen. Das Einzige, was mich wundert, ist wie zum Teufel es der Kerl geschafft hat, genau auf der Frequenz zu senden, die wir im Moment empfangen. Und woher wusste er überhaupt, dass du einen Empfänger in deiner Nähe hast?"
Jack knirschte mit den Zähnen. "Ich rieche eine Falle. Doch uns bleibt keine andere Wahl. Robbie, kannst du die Quelle der Nachricht ausfindig machen?" "Aber klaro, kein Problem." grinste Robbie und machte sich ans Tippen.
"Syd, Vaughn. Ihr packt derweil unser Equipment zusammen, wir brechen sofort auf." Die beiden gingen schweigend nach oben und nahmen die Rücksäcke voller Ausrüstung wieder mit in den Keller.
Auf der Treppe nahm Vaughn plötzlich Syds Hand und schaute sie ernst an. "Syd, ich weiß nicht, ob das eine Falle ist. Egal, was heute passiert, ich will nur, dass du weißt, dass ich..." "Schhhh...." unterbrach Syd ihn sanft und legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. "Ich weiß. Ist schon ok. Ich dich auch." Sie versuchte zu lächeln, doch die Tränen bahnten sich ihren Weg ins Freie und so wendete sie sich ab.
Langsam gingen sie wieder in den Kellerraum zu Jack und Robbie, der mittlerweile die genaue Position von Marshall ausgemacht hatte.
"Okay, wir lassen es drauf ankommen." begann Jack. "Marshalls Position ist hier im Raum München. Er bewegt sich Richtung Satellitenkontrollstation. Robbie war so freundlich, mir ein kleines Radargerät mitzugeben, was es uns ermöglichen wird, Marshall weiter zu verfolgen."
Robbie räusperte sich und stand auf. "Dann ist es wohl Zeit, langsam Abschied zu nehmen. Ein kleines Geschenk, ..äh, also eher eine Leihgabe habe ich aber noch für euch. Ich bin mir durchaus bewusst, dass wenn ich Jack etwa "leihe", es oft nicht unbedingt in einem Stück zurückbekomme, nicht wahr, Kumpel? Trotzdem.."
Er ging zu einer Wand, die nicht mit Computerkram versperrt war und drückte eine Taste auf einem Drucker.
Langsam klappte die Wand wie ein Garagentor an die Decke und dahinter sah man einen weiteren allerdings unbeleuchteten Raum. "Oh ja. Licht wäre nicht schlecht." murmelte Robbie, ging in den Raum und betätigte den Lichtschalter.
Sydneys Augen weiteten sich. Vaughn murmelte "Wahnsinn...", nur Jack war mal wieder völlig gelassen.
In dem Raum standen drei nagelneue Rennmotorräder- eines in rot, eines in dunkelblau und das dritte mit schwarz-gelber Lackierung.
"Voilá, das neueste, was Kawasaki zu bieten hat. 900 Kubik und etwa 130 PS. Ja, ich habe ein wenig daran herumgeschraubt." Schelmisch zuckte Robbie mit den Schultern.
"Dann zieht euch lieber was über, es könnte zugig werden." grinste er.
Nahezu lautlos dank einer Generalüberholung von Robbie sausten die drei Agenten durch den Wald. Jack fuhr auf der dunkelblauen Maschine vorneweg und gab über die integrierten Kopfhörer und Mikros in den Helmen der drei immer wieder durch, wo der kleine rote Punkt auf seinem Radar sich befand.
Syd fuhr hinter ihm auf der schwarz-gelben Kawasaki, während Vaughn sich für das rote Motorrad entschieden hatte.
Syd genoss es, so frei zu sein. Sie nahm die Bäume nur schemenhaft war, die zu Hunderten an ihr vorbeischossen. Fast hatte sie vergessen, wieviel Spaß ihr Motorradfahren machte.
Lediglich ihr noch immer schmerzender Fuß trübte etwas die Euphorie.
"Nächste links." vernahm sie die Stimme ihres Vaters. "Wir dürften nicht mehr allzu weit entfernt sein."
Und tatsächlich, schon nach ein paar Kilometern sah Syd von weitem ein abgesperrtes Gelände. Die Tatsache, dass es keine Wachen gab, beunruhigte sie etwas. "Dad, wie lange ist Marshall schon auf dem Gelände?" fragte sie. "Etwa drei Minuten." kam die Antwort. "Wir parken die Motorräder am Besten in der kleinen Einbuchtung da vorne rechts."
Nach ein paar hundert Metern stellten die drei Agenten ihre Maschinen im Unterholz ab, bedeckten sie mit einer großen Tarnplane, die Robbie ihnen mitgegeben hatte, und machten sich auf den Weg Richtung Kontrollstation.
Langsam aber sicher pirschten sie sich an den Zaun heran. Aus sicherer Entfernung sahen sie in regelmäßigen Abständen angebrachte Kameras, deren rot leuchtende LED´s verrieten, dass sie in Betrieb waren.
"Wie ich es mir dachte. Auf diesem Wege kommen wir nicht ins Gebäude." flüsterte Jack. "Da vorn hinter dem Hügel gibt es einen Einstieg für die Kanalarbeiter. Natürlich wird die Kanalisation auch überwacht, aber hier draußen sind wir Freiwild. Wir haben keine Möglichkeit, uns zu verstecken. In der Kanalisation haben wir wenigstens eine geringe Chance."
Um nicht entdeckt zu werden, robbten die drei Agenten vorsichtig Richtung Gullideckel. Dort angekommen, hob Vaughn denselbigen an und ließ Jack als ersten nach unten steigen. Syd folgte ihm ins Dunkel. "Oh Gott, hier stinkt es ja fürchterlich." murmelte Vaughn, als er nachkam.
Sie zückten ihre Waffen sowie kleine Taschenlampen und gingen so leise wie möglich den Gang entlang.
"Also. Die Überwachung der Kanalisation erfolgt mittels Nachtsichtkameras. Sie rotieren in einem zufälligen Zeitrahmen nach links und rechts." erklärte Jack leise. "Seht ihr- da vorn."
Sydney schaute angestrengt ins Dunkel und sah in einiger Entfernung ein kleines rotes Licht auf der linken Seite des Gangs und noch weiter hinten ein weiteres Licht auf der rechten Seite. Beide Kameras bewegten sich.
"Wir machen besser die Taschenlampen aus, um keinen Verdacht zu erregen. Selbst der Lichtkegel einer Taschenlampe auf dem Kamerabild würde vermutlich die Wachleute oder wer auch immer jetzt die Kontrolle hier hat, den Alarm auslösen lassen. Es wird schwierig genug, dass man uns selbst nicht sieht." "Aber wie sollen wir heil da durch kommen?" fragte Syd. "Nun ja, ich sagte, die Kameras rotieren per Zufall. Sowohl der Winkel als auch die Zeit der Rotation werden zufällig ermittelt. Allerdings gibt es keinen reinen Zufall bei sowas. Auch dieser Kamerasteuerung liegt ein logischer Algorithmus zugrunde. Zugegeben, er ist etwas kompliziert, aber... Ah!!" Jack schrie auf.
"Dad!! Was ist los?!" Vaughn schaltete seine Taschenlampe ein und entsicherte seine Waffe. Jack stand kreidebleich im dunklen Gang und eine Ratte rannte quietschend zum Gullideckel zurück.
"Dad?" Syd schaute ihren Vater fragend an. Dieser räusperte sich kurz. "Ähm... Nun ja. Ich habe da ein kleines Problem mit Ratten. Ich ...äh... mag sie nicht besonders. Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe."
Vaughn konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er seine Pistole und die Taschenlampe runternahm.
"Wo war ich? Ach ja, der Zufallsalgorithmus. Er ist sehr kompliziert, aber Robbie hat ihn schon vor einiger Zeit knacken können. Er hat mir dieses nette Spielzeug mitgegeben. Wenn ich es auf die Kamera richte, empfängt es die Funkwellen von ihr."
Jack holte eine kleine Box mit Display hervor.
"Es berechnet die Stelle im Algorithmus, an der sich die Kamera gerade befindet. Dadurch ist es möglich, Winkel und Zeit der Rotation vorherzusagen, die dann auf dem Display ausgegeben werden. Wie müssen mit dem Rücken zu der Wand entlang gehen, an der sich die Kamera befindet.
Wenn ich 'jetzt' sage, lauft ihr mir hinterher. So müsste es möglich sein, unbemerkt an allen Kameras vorbei zu gelangen."
Syd war äußerst mulmig zumute. Ein einziger Fehler und sie werden entdeckt. Sie atmete tief durch und drückte sich an die Wand.
Jack richtete die Box auf die erste Kamera und nach ein paar Sekunden ging es los. "Jetzt!"
Will betrat sein Büro und wurde von seiner gut gelaunten Kollegin Amy begrüßt. "Na, Will? Was hast du denn gestern die ganze Zeit in deinem Büro gemacht? Du hast dich ja stundenlang regelrecht verschanzt." fragte Amy vergnügt.
"Ich habe gearbeitet, was sonst." entgegnete der Reporter. Amy wurde etwas ernster. "Will, wenn du Probleme hast, kannst du dich gerne an mich wenden, das weißt du."
Will schaute seine langjährige Kollegin verdutzt an. "Wie meinst du das?"
"Naja, ich meine Probleme finanzieller Art. Steckst du in Schwierigkeiten?" Will war endgültig verwirrt. "Also ich verstehe wirklich nicht, was du meinst, Amy. Ich habe keinerlei Probleme in dieser Hinsicht. Gut, die Zeitung könnte mehr rausrücken, aber Schwierigkeiten habe ich deswegen noch lange nicht." Amy dachte kurz nach. "Hmmm. Dann gibt es nicht mehr viele Erklärungen für die Visitenkarte, die ich heute auf deinem Schreibtisch gefunden habe."
Wills Gedanken rasten. Eine Visitenkarte? Von wem denn? "Amy, ich weiß immernoch nicht, wovon du eigentlich redest." Wills Kollegin griff nach etwas auf ihrem Schreibtisch und gab es dem verwunderten Reporter.
Auf einmal wurde Will klar, was los war. Er hielt die Visitenkarte von dem Geschäftsführer der Credit Dauphine Bank- Arvin Sloane- in den Händen. "Also entweder du kennst ihn persönlich, oder du arbeitest an einer Story, an der er beteiligt ist. Will, du lässt sonst nie etwas Persönliches hier liegen. Nur, wenn es mit der Arbeit zu tun hat.." Amy blickte ihn scharf an.
Sie war eine sehr nette Kollegin und Will kannte sie schon seit er bei der Zeitung angefangen hatte, doch manchmal hatte sie die Angewohnheit, ihre Nase in Angelegenheiten zu stecken, die sie nichts angingen.
'Als Journalistin sicher ein nützlicher Charakterzug, aber im Moment äußerst unpassend.' dachte Will. "Hör zu, ich arbeite an keiner Story über den Typ. Wenn du es wissen willst, er ist der Chef von einer guten Freundin von mir. Sie war da letztens auf ein Essen eingeladen, wozu ich sie begleitet habe. Und dabei habe ich ihn kennengelernt. Ich war gestern etwas durcheinander, ich muss seine Karte aus Versehen vergessen haben.
Außerdem hat das auch nichts damit zu tun, dass ich gestern meine Ruhe wollte. Ab und zu kann ich mich eben schlecht konzentrieren." Will lächelte sie an. "Mach dir keinen Kopf, mir geht´s gut, es ist alles in Ordnung. Ich muss dann mal langsam an die Arbeit, man sieht sich."
Er drehte sich um, ging in sein Büro und schloss die Tür. 'Verdammt, wie konnte ich nur so dusselig sein und diese Karte liegenlassen! Ich hoffe nur, Amy schluckt die Geschichte...'
Nur noch zwei Kameras lagen vor ihnen. Bisher hatte Jacks Methode einwandfrei geklappt trotz völliger Finsternis. Sydneys Vater richtete Robbies Box auf die Kamera, schaute auf das Display und überlegte scharf.
Sydneys Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Diese Ausweicherei vor den Kameras war äußerst zermürbend, der Schweiß stand allen auf der Stirn. Und so merkte Syd auch nicht, wie sich langsam die Bandage an ihrem verletzten Fuß löste.
"Jetzt!" Wie vom Blitz getroffen huschten die drei CIA-Agenten auf die andere Seite unter die vorletzte Kamera.
Sydneys Herz klopfte. Noch eine letzte Kamera.
Jack checkte die Funkwellen und grübelte, um den perfekten Zeitpunkt für den letzten kurzen Sprint zu ermitteln.
"Jetzt!" Syd wollte losrennen, aber sie kam nicht weit. Vaughn war in der Dunkelheit auf ihre Bandage, die mittlerweile teilweise auf dem Boden lag, getreten, sodass Syd stolperte und vornüber auf den feuchten Kanalisationsboden knallte.
"Steh auf!" zischte Jeck und reichte ihr seine Hand, doch da war es schon zu spät. Unerbittlich surrte die Kamera in Syds Richtung und keine Sekunde später ging der Alarm los.