18. Die Maske fällt

Sloane hatte alle Aufgaben an seine Agenten verteilt und alle verließen das Konferenzzimmer. Bevor Marshall den Raum verließ, hielt Sloane ihn zurück. "Marshall, würden sie mir bitte die Log-Dateien für sämtliche SD-6 Gebäude auf meinen Rechner spielen?"
Keine zwei Minuten später saß Sloane hinter seinem Schreibtisch und sah die Dateien durch. Nach einigem Suchen fand er, was er suchte. 'Hab´ich dich, Jack!' dachte der SD-6 Leiter und griff zum Telefon.
" Hallo, George. Ich habe den Log-Files entnommen, dass Jack Bristow den Helikopter vom Krakau-Einsatz nicht zurückgebracht hat. Ist das korrekt?"."Ja, das stimmt. Er hatte aber angerufen, dass er den Helikopter in der Außenstelle in Sacramento abgestellt hat. Wir kümmern uns darum." antwortete George. Sloane knirschte mit den Zähnen. "Gut. Beeilen sie sich, es ist dringend! Rufen sie mich sofort an, wenn sie ein Ergebnis haben!". Mit diesen Worten legte er auf und verließ sein Büro. Schnurstracks ging er durch etliche Sicherheitsschleusen, bis er in dem großen Raum angelangt war, in dem sich der IWR-X befand.
Mit einem Leuchten in den Augen trat er zu der riesigen Laserkanone. Während er mit der einen Hand das kühle Metall streichelte, griff er mit der anderen in seine Jackettasche und holte eine kleine Fernbedienung hervor. Er betätigte den kleinen grünen Knopf und es öffnete sich fast unmerklich das Dach des Raumes. Zu sehen war nur ein großer Tunnel, der bis an die Erdoberfläche zu reichen schien. Ganz oben befand sich eine weitere Tür, die offensichtlich mit dem blauen Knopf auf Sloanes Fernbedienung zu öffnen war.
Doch Sloane betätigte den Knopf nicht, sondern suchte die Steuerkonsole an der Laserwaffe. Nachdem er diese gefunden hatte, nahm er den Deckel ab, verband einige Drähte mit denen der Fernbedienung und baute einen kleinen Chip mit rot blinkender LED ein. Danach verschloss er die Steuerkonsole und programmirete ein Passwort ein.
Nur widerwillig trennte er sich von der Waffe, die den mysteriösen Rambaldi-Kristall enthielt und marschierte zur Tür. Als er diese geschlossen hatte, nahm er seine Pistole und schoss in die Bedienung für den Öffnungsmechanismus. Genauso machte es Sloane mit allen anderen Türen, die er auf seinem Rückweg passierte.
Mit einem Fahrstuhl fuhr der Chef von SD-6 bis auf das Dach des Credit-Dauphine-Gebäudes, wo bereits der Helikopter zum Flughafen wartete.
Während des Fluges pfiff Sloane ein Lied und schien fast sorglos. Plötzlich fiel ihm wieder Jack ein und seine Miene verfinsterte sich.
Am Flugplatz angekommen, stieg er zu Agent Corona, Agent Russell, Agent Bauer, Dixon und Marshall in das Flugzeug nach München.

Schweigend setzten Syd, Jack und Vaughn ihren Weg zu Jacks Kontaktmann fort. Allen war bewusst, in welcher furchtbaren Lage sie sich befanden.
Je mehr Syd über die möglichen Folgen einer Detonation des Atomkernes nachdachte, desto mehr begann sie zu zittern. Sie griff nach Vaughns Hand und drückte sie fest. Der CIA-Agent erwiderte die Geste- er sah ebenfalls äußerst beunruhigt aus.
Es war anders als auf ihren vorherigen Missionen. Sie hatte Zeit, über alles Mögliche nachzudenken, was sonst nicht der Fall war. Und genau das verursachte Panik bei Sydney. Plötzlich waren da zwei Menschen an ihrer Seite, deren Verlust sie wohl nie überwinden würde.
Auf der anderen Seite waren Jack und Vaughn äußerst gut trainierte CIA-Agenten und die drei hatten bereits in der Vergangenheit ein super Team abgegeben.
Mal wieder schossen Syd Unmengen an Gedanken durch den Kopf.

Sie hatte gar nicht gemerkt, wie sie bereits am Haus von Jacks Freund angekommen waren. Mitten im Wald- einsam und abgeschirmt- standen die drei Agenten vor einer Blockhütte, vor der ein relativ alter Geländewagen und eine Hundehütte standen. Von den Geräuschen aufgeschreckt, rannte aus derselbigen ein riesiger Hund, vermutlich ein Husky-Schäferhund-Mischling, auf Jack zu.
Laut bellend und mit wedelndem Schwanz ließ er sich von ihm kraulen. "Lange nicht gesehen, was?" lachte Jack, während der Hund sich kaum beruhigen wollte.
Syd wusste nicht, wann sie ihren Vater zuletzt so vergnügt gesehen hatte, beziehungsweise ob sie ihn überhaupt jemals so erlebt hatte.

Die Tür der Blockhütte schwang auf und im Türrahmen lehnte lässig ein Mann anfang Dreißig mit blonden kurzen Haaren und einem verschmitzten Grinsen im Gesicht.
" Jack! Wie ich sehe, hat sie dich erkannt. Tja, du bist eben ein Frauentyp. Komm, lass dich knuddeln..." Mit diesen Worten breitete der junge Mann die Arme aus und schritt breit grinsend auf Jack zu.
Dieser ließ von dem Hund ab und begrüßte seinen Freund. "Gut, dich zu sehen, Robbie."
Nach einer Umarmung stellte Jack seine Tochter und Agent Vaughn vor. Bei Sydney blieb Robbies Blick hängen und er begrüßte Vaughn nur flüchtig.
" Kommt doch rein, ich mach uns einen Tee!" Mit einer einladenden Geste wies Robbie auf seine Hütte.
Nachdem alle am rustikalen Eichentisch in der Blockhütte Platz genommen hatten und Robbie den Tee einschenkte, begann Jack zu erzählen, worum es bei der Mission ging. Robbie hörte aufmerksam zu, wandte sich aber des Öfteren Sydney zu, um ihr kurz zuzulächeln, wofür er sich bitterböse Blicke von Vaughn einfing.
" ..und genau deshalb brauchen wir deine Hilfe." schloss Jack mit seinen Ausführungen. Robbie schwieg bedrückt. "Ein Atombombenkern, soso. Ich hoffe, ich kann euch helfen. Aber zu allererst solltet ihr etwas essen. Syd, hilfst du mir ein wenig?" Mit einem Hundeblick wandte er sich an die Agentin. Diese lächelte unsicher und wollte aufstehen, als Vaughn sie festhielt und Robbie scharf anblickte. "Ich kann dir auch helfen." sagte er trocken. Seine Augen funkelten aufgrund der Dreistigkeit, mit der sich Jacks Kumpel an Syd heranzumachen schien. Doch diese schüttelte seine Hand ab, sah ihn mit einem 'Ist-schon-okay'-Blick an und ging mit einem freundlichen Lächeln hinter Robbie in die Küche. Jack nahm Vaughn mit hinaus. "Agent Vaughn, ich brauche ihre Hilfe. Ich habe noch ein paar Fragen, was das taktische Vorgehen anbelangt."

In der Küche angekommen, begannen Syd und Robbie damit, Kartoffeln zu schälen und den Rest des Essens zuzubereiten. "Du bist also Jacks Tochter." sagte Robbie nach einer Weile. "Ich wusste, dass es dich gibt, aber du hast all meine Erwartungen übertroffen. Du bist- wenn ich das sagen darf- der absolute Hammer! Wow!" Beide mussten lachen.
Schweigend schnippelten die zwei weiter.
" Jack hat mir viel von dir erzählt." brach Robbie diesmal etwas ernster das Schweigen. Syd blickte ihn an. "Keine Angst, er hat nur Gutes über dich verlauten lassen." Er lächelte sie fast schon schüchtern an. "Und seine Augen haben immer so ein Leuchten bekommen, wenn er von dir berichtet hat."
Syd lächelte kurz und widmete sich wieder den Kartoffeln. Schon wieder diese Gedanken..
Wie ihr Vater sie angesehen hatte, als er zu Sloane ging- als hätte er erwartet, sie nie wieder zu sehen. Und wieder konnte Syd die Vorstellung nicht ertragen, ihn zu verlieren. 'Syd, verdammt! Konzentrier dich, du hast eine Mission!'

Nach einem Mittagessen, bei dem wohl keiner in der Lage war, sich zu entspannen, begannen Syd und Vaughn sich zu wundern, wie um alles in der Welt eigentlich ein offensichtlich einsamer Typ anfang Dreißig in einer Blockhütte mit einem Hund ihnen beim Kampf gegen Arvin Sloane helfen sollte.
Jack entgingen die fragenden Blicke seiner Tochter nicht und leicht grinsend lehnte er sich im Stuhl zurück und sagte zu Robbie: "Ich glaube, es ist Zeit, dass du uns den Rest des Hauses zeigst."
Sie standen auf und Robbie führte sie in ein Hinterzimmer, in dem sich ein Sessel und viele Bücherregale befanden. "Das ist meine bescheidene Bibliothek." sagte Robbie stolz und Syd erkannte anhand der Lektüre, die Jacks Freund las, dass Robbie einen guten Geschmack hatte, was Bücher anging. Außerdem schien er viele Sprachen zu beherrschen, denn viele Bücher gab es in Englisch, Französich und Spanisch. Auch ein paar Deutsche und Russische Bücher entdeckte sie.
Syd wollte gerade ihre Bewunderung äußern, als Robbie schnurstracks zu einem Regal ging und ein spanisches Buch herauszog. Kaum hatte er es berrührt, öffnete sich ein Regal auf der anderen Seite des Zimmers und gab den Weg zu einer Treppe frei, die in die Tiefe führte.

Robbie grinste breit. "Klassisch, was? Ich musste sowas einfach haben. Folgt mir."
Sie stiegen die steile Treppe hinunter und standen plötzlich vor einer riesigen Stahltür.
Auf einmal begann Robbie, aus voller Kehle die ersten Zeilen von "Mandy" zu schmettern und Vaughn und Syd tauschten verwunderte aber auch amüsierte Blicke aus. Nach ein paar Sekunden endete Robbie und eine Frauenstimme sagte: "Stimmerkennung positiv. Herzlich Willkommen Robbie."
" Ich liebe diesen Song." sagte Robbie mit entschuldigendem Blick. Neben der Tür erschien ein Zahlenfeld und Robbie tippte eine lange Zahlenkombination ein. Daraufhin öffnete sich die Tür.
Syd traute ihren Augen nicht, als sie sah, was sich in dem dahinterliegenden Raum befand. Dutzende Monitore zeigten Bilder von Robbies Haus und Umgebung, auf anderen waren oft nur Zahlen zu sehen. Es stapelten sich die Rechner und jede Menge andere Geräte, die permanent zu arbeiten schienen. In dem Raum war es angenehm kühl und ein leises Surren und gelegentliche Piepser wiesen darauf hin, dass alle Maschinen liefen.
" Ich präsentiere- der etwas modernere Teil meiner Einrichtung." sagte Robbie stolz.
Syd und Vaughn staunten nicht schlecht, während Jack völlig unbeeindruckt zu einem der Monitore ging. "Ich sehe, du hast dir einiges angeschafft, seit ich das letzte Mal hier war. nicht schlecht." sagte Sydneys Vater nicht ohne Respekt in der Stimme. "Jep." sagte Robbie, als wäre das nichts besonderes.

Er wandte sich Syd zu und wollte ihr gerade etwas zeigen, als einer der Rechner wild zu piepsen begann. Sofort sprang er zu der Maschine, von der der Alarm kam. "Hmmm.. merkwürdig. Das hier ist gar keine Überwachungseinheit, sondern ein uraltes Teil. Ich benutze das nur noch als Radio.." Robbie grübelte, dann tippte er etwas in die Tastatur ein.
" Es ist ein regelmäßiges Muster. Das Piepen, was ihr hört, ist ein Signal, dass man mit jedem normalen Radio empfangen könnte. Allerdings scheint es kein akustisches Signal zu sein, deshalb piepst es nur."
" Was heißt das?" fragte Jack.
Robbie tippte wie wild in die Tastatur. "Es ist eine Art verschlüsseltes Signal, welches sich immer wieder wiederholt. Die Entschlüsselung ist einfach, das dürfte kein Problem sein."
Nach einigen Minuten stellte Robbie das Piepsen ab und ein Drucker in der Ecke spuckte ein Blatt Papier aus. Jack nahm es in die Hand und las, während Robbie Syd ernst ansah. "Sie haben Post."
Jack wurde ganz blass im gesicht, räusperte sich und las vor:
" Jack, hier Marshall. Sind in München. Sloane dreht durch. Hat Corona und Russell erschossen. Habe sie über ihr Handy-Signal ausfindig gemacht. Helfen sie uns, bitte!!"