16. Entscheidungen

Syd, Vaughn und Jack setzen ihre Mission fort und Sloane trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Vaughn lag regungslos am Boden, als Sydney mit panischem Blick seinen Puls fühlte. Sein Herz schlug- wenn auch nur schwach. Durch die immensen Schmerzen in seiner Schulter war er ohnmächtig geworden.
Sydneys Herz raste. Sie fühlte sich auf einmal so hilflos. Wie sie Vaughn so ansah, wurde ihr bewusst, dass er der Grund dafür war.
Irgendwie machte es ihr Angst, dass sie- die toughe, smarte Agentin Sydney Bristow- im entscheidenden Moment nicht mehr Herr ihrer sonst so scharfen Sinne war. "Reiß dich zusammen! Denk nach Syd!" murmelte sie.

Nicht weit entfernt war Jack gelandet und das Geräusch des Helikopters verstummte langsam. Mit besorgtem Blick stieg er aus und sah seine Tochter neben Agent Vaughn am Boden knien.
Sydney drehte sich um, rief ihm etwas zu und Jack verstand.
Mit einer Ampulle Schmerzmittel in der Hand machte sich Sydneys Vater daran, Vaughns Ärmel hochzukrempeln und ihm die Infusion zu verabreichen.

Die Minuten flossen zäh wie Kaugummi dahin, bis Vaughns Puls endlich kräftiger und seine Hautfarbe menschlicher wurde. Sydneys Nerven waren zum Zerreißen gespannt- ihre Gedanken kreisten nur um Michael.
Jack hingegen hatte sich zum Helikopter zurückgezogen- natürlich nicht, ohne seiner Tochter aufmunternd zuzusprechen. "Der wird schon. Lass ihm ein bisschen Zeit.".

Langsam kam Vaughn zu sich und schlug die Augen auf. Sydney spürte eine unendliche Erleichterung, als Michael sie anlächelte. "Hey..." sagte er zu ihr mit immer noch reichlich schwacher Stimme.
Sämtliche Angst und Anspannung fiel mit einem Mal von Sydney ab und sie konnte die Tränen nicht zurückhalten, so froh war sie dass alles gut gelaufen war.
"Als ich dich am Helikopter habe hängen sehen, dachte ich, ich würde dich verlieren.." beichtete sie ihm schluchzend.
Vaughn hob langsam seinen gesunden Arm und streichelte ihre Wange. Die Berührung verursachte bei Sydney ein leichtes Bauchkribbeln. "Ich könnte den Gedanken auch nicht ertragen, dich nie wiederzusehen.." Vaughn versuchte, den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken.

Langsam kehrten seine Sinne zurück und er realisierte, was passiert war. "Hazard ist tot, nicht wahr?" fragte er Sydney. Diese wischte sich die Tränen weg und nickte bitter. "Würde mich wundern, wenn er den Sturz überlebt hätte." entgegnete sie trocken.
Die beiden Agenten blickten sich in die Augen und wieder hatten beide dieses vertraute Gefühl, das sie in der vergangenen Nacht verbunden hatte.
Sydney streichelte Vaughns Hand und lächelte ihn an. Einen kurzen Moment kam es ihr vor, als ob er dieses Lächeln erwidern würde, doch sofort zog er seine Hand weg und machte Anstalten, aufzustehen.
Syd half ihm auf die Beine und schaute ihn fragend an. Vaughn versuchte, ihrem Blick auszuweichen und sah sehr ernst aus, während beide zum Helikopter humpelten.
Sydney schluckte und sie wusste, was er ihr sagen wollte. Sie wusste selbst tief im Inneren, dass sie keine Chance hatten. Doch irgendetwas ließ sie die Hoffnung nicht aufgeben. Aber ob das nur ihre Sturheit war, konnte sie nicht sagen.

"Schön, dass sie wieder auf den Beinen sind, Agent Vaughn." begrüßte Jack sie auf seine typisch unnahbare Art. Es fiel ihm immer noch recht schwer, Vaughn seine Anerkennung zu zeigen. Er fühlte sich manchmal wie in einem Allerwelts-Teenie-Film, in dem der Vater den Schwarm seiner Tochter kritisch unter die Lupe nimmt.
"Ich habe unterdessen noch einmal den Plan studiert. Wenn wir jetzt losfliegen, sind wir – Zwischenstopps eingerechnet- morgen Mittag in München. Ich habe schon mit einem Freund von mir dort gesprochen.
Er arbeitet allein- gehört also nicht zu SD-6. Bei ihm erhalten wir die nötige Ausrüstung. Meinen GPS-Daten zufolge ist die Satelliten- Kontrollstation noch nicht angegriffen worden. Das verschafft uns ein wenig Zeit- ich weiß nämlich nicht, wie lange Sloane im Krankenhaus sein wird."
Jack wandte sich Michael zu. "Nun, Agent Vaughn, wie wäre es, wenn sie uns in Kenntnis setzen, was geschehen ist?"

Währenddessen hatte Will eine schwere Entscheidung getroffen und brachte den gerade fertig getippten und abgesegneten Artikel zum Druck.
Es war ihm nicht leicht gefallen und sein Journalistenherz litt sehr darunter.
Doch irgendwo fühlte er, dass er richtig gehandelt hatte.
Bei den Druckern angekommen, begrüßte ihn Joey: "Na, Tippin? Was haben wir denn schönes? Oh... sogar Titelseite... Hmmm.." Joey studierte den Artikel.
"Oh man. Ist es hier schon so langweilig, dass wir das örtliche Tierheim auf Seite 1 bringen?". "Tja, was soll ich tun? Die Rettungsaktion des Tierheimes war das aufregendste, was in letzter Zeit passiert ist." log Will.
'Diese Tiere sind auch eine Titelstory wert.' versuchte der Reporter sich einzureden, während er auf dem Weg zu seinem Büro war.
Dort angekommen, versuchte er ein paar Dutzend Mal, Sydney anzurufen- ohne Erfolg. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn zusammenzucken. "Was, schon so spät??". Er hatte gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war.
Da seine Kollegen ihn schon misstrauisch beäugten, hielt Will es für das Beste, nach Hause zu fahren.
Während er sein Auto wie gewöhnlich durch den Feierabendverkehr manövrierte, qu8älte ihn unaufhörlich der Gedanke an Arvin Sloane.
'Je länger ich nichts unternehme, desto mehr Zeit hat dieser Mistkerl, Unheil zu stiften und Menschen zu töten!'. Will hätte am liebsten schreien wollen. So schwer war ihm noch nie eine Entscheidung gefallen.
Er fühlte sich töricht und mitschuldig, weil er einem Terroristen eine Galgenfrist gewährt hatte, nur aus dem Motiv der Liebe heraus. Er hatte noch nie für eine Frau seinen Journalistengeist verraten.
Will seufzte. "Komm nach Hause, Sydney..".

Sloanes Hand ruhte auf der Türklinke des Zimmers 4.7. Langsam kehrte auch das Gefühl in seinen Arm zurück. Da seine Frau schon seit Jahren hier lag, hielt es niemand mehr für nötig, sie 24 Stunden am Tag zu überwachen.
Vorsichtig öffnete Arvin die Tür und trat ein. Es bot sich ihm der gleiche Anblick wie jedes Mal, wenn er seine Frau besuchte.
Sie lag regungslos im Krankenbett und ein rhythmisches Piepsen verriet, dass ihr Herz immer noch schlug. Sloane setzte sich leise neben sie auf den Stuhl, auf dem er nächtelang an ihrer Seite gewacht hatte. Sie lag dort so friedlich, so unschuldig.
Die Vergangenheit holte Arvin ein und eine verzweifelte Träne nach der anderen kullerte seine Wangen hinunter.
"Du hast soviel leiden müssen.." schluchzte er und streichelte zärtlich ihr Gesicht. "Ich werde unsere Kinder rächen! Das verspreche ich dir!" presste der Leiter von SD-6 hervor und ein unheimliches Leuchten flackerte in seinen Augen. Er verzerrte das Gesicht zu einem grotesken Grinsen.
"Ich liebe dich.." krächzte er und die Tränen kehrten in seine Augen zurück. Arvin nahm die Hand seiner bewusstlosen Frau und küsste sie.

Minutenlang schwieg er, streichelte sie und brach immerwieder in Tränen aus.
"Du hast soviel leiden müssen." Sagte er plötzlich leise. "Du hast zuviel leiden müssen!". Mit diesen Worten küsste er seine Frau ein letztes Mal und nahm ein Kissen in die Hand.

Nachdem Vaughns Schulter verbunden und Sydneys Bein mit einem von Marshall entwickelten, selbst härtenden Spezial-Spray für Notfälle geschient war, brachen die drei Agenten auf.
Vaughn hatte erzählt, was mit Hazard vorgefallen war und alle waren sich bewusst, dass dadurch die Situation nicht gerade erleichtert wurde.
Ein tiefes Schweigen herrschte im Helikopter.
Jack starrte geradeaus und konzentrierte sich auf das Navigationssystem. Sydney saß neben ihm, während Vaughn im hinteren Teil des Hubschraubers lag und immer noch mit den Nachwirkungen des Schmerzmittels zu kämpfen hatte.
Syd nutze die Ruhe, um ihre Gedanken zu ordnen. Warum begriff ihr Herz nicht, dass die Beziehung zu Michael keine Zukunft hat? Immer wenn sie sich in seiner Nähe befand, fühlte sie sich ihm und seinen Wahnsinns-Augen hilflos ausgeliefert. Bei dem Gedanken an die vergangene Nacht lief ihr eine wohlige Gänsehaut den Rücken hinunter.
Was Syd nicht wusste, war, dass es Vaughn in diesen Momenten genauso ging. Auch er kämpfte gegen seine Gefühle an.

Plötzlich zerriss ein klingelndes Telefon die Stille. Jack war kurz ein wenig verwirrt, hob dann aber völlig routiniert ab.
Sydney sah, wie ihr Vater plötzlich kreidebleich wurde und mit belegter Stimme das Gespräch beendete.
"Dad, was ist los?" fragte Syd besorgt und auch Vaughn war aufgestanden, um zu erfahren, was Inhalt des Telefongesprächs war.
Jack steuerte weiter konzentriert den Hubschrauber und seine Tochter sah, dass er den Tränen nahe war. "Dad, um Himmels Willen.." Syd legte die Hand auf die ihres Vaters.