15. Am Seidenen Faden

Das Leben von Syd und Vaughn steht auf dem Spiel und Will schreibt endgültig einen Artikel.

Genau darauf hatte Sydney spekuliert und Vaughn hatte ihren Plan verstanden, denn genau als Hazard den Helikopter losließ, zog sich Vaughn unter unerträglichen Schmerzen an Jeremys Beinen nach oben. Zum gleichen Zeitpunkt ließ sich Syd ein Stück nach unten fallen, sodass sie nur noch mit ihren Füßen Kontakt zum Helikopter hatte.
Mit erstaunlicher Präzision als hätten sie sich abgesprochen streckten die beiden Agenten ihre Arme aus und griffen jeweils nach dem anderen. Wie Trapezkünstler im Zirkus klammerten sie sich aneinander, während Jeremy mit einem verzweifelten "Neiiiiin..." auf den Lippen in die Tiefe stürzte.

Als Vaughns Gewicht neben ihrem eigenen an Sydneys Fuß lastete, verspürte sie höllische Schmerzen und einen blutigen Geschmack im Mund. Ein widerliches Knacken gab ihr zu verstehen, dass ihr angebrochener Fuß jetzt wohl endgültig gebrochen war.

Jack spürte, dass nun nur noch zwei Personen am Hubschrauber hingen und suchte immernoch fieberhaft nach einem Landeplatz. Dieser verdammte Nadelwald schien auch kein Ende zu nehmen!

Sydney sah nach unten zu Vaughn, der ein schmerzverzerrtes Gesicht machte, aber sich dennoch bemühte, ein Lächeln hervorzubringen. Er konnte nicht sprechen, so sehr lähmten ihn seine Schmerzen.
Syd sah, wie Vaughns Augen flackerten- ein deutliches Zeichen dafür, dass der Mann den sie liebte am Ende seiner Kräfte wenn nicht sogar schon darüber hinaus war.
Auf einmal schloss er die Augen ganz, sein Kopf kippte nach vorn und sein Griff wurde immer lockerer. 'Oh nein! Nicht jetzt!!' Syd geriet in Panik. "Hey!!" schrie sie ihn mit Tränen in den Augen an "Bleib wach! Halt durch! Michael!!". Vaughn zeigte keinerlei Reaktion.
"Dad!! Geh sofort runter! Irgendwo!!" Syd war sich nicht sicher, ob ihr Vater sie überhaupt hören konnte, aber einen Versuch war es wert.

Jack vernahm Schreie, die nur von seiner Tochter stammen konnten und kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Als er ein gedämpftes 'Dad' hörte, war ihm klar, dass er schnellstmöglich einen Platz zum Landen finden musste.

Als hätte das Schicksal ein Einsehen, tat sich vor ihm plötzlich eine kleine Lichtung auf. Mit geübtem Auge schätzte Jack die Maße und befand den Platz als groß genug, um zu landen, auch wenn ein paar Äste dran glauben würden.

Auch Sydney hatte die Lichtung erspäht und ein kleiner Funken Hoffnung breitete sich in ihr aus. Vaughns Griff wurde immer schwächer und Syd hatte alle Mühe, ihn zu halten.
Der Helikopter befand sich nun genau über der Lichtung und Jack begann mit dem Sinkflug. Sie flogen noch etwa 80 Meter über dem Boden und Sydneys Hände wurden feucht. Soetwas passierte ihr höchst selten und wenn dann eigentlich nur wenn sie sich in allerhöchster Anspannung befand.

Durch die feuchten Hände fiel es ihr nicht gerade leicht, Vaughns gesamtes Gewicht zu halten. Der Helikopter sank stetig- nur noch 20 Meter.
Sydney krampfte ihre Finger fester zusammen. 'Halt durch! Wir haben es gleich geschafft!'.
Auf einer Höhe von 10 Metern machten die Rotorblätter des Helikopters Bekanntschaft mit den Ästen der umliegenden Bäume. Jack hatte alle Mühe, den Helikopter gerade zu halten, denn dieser verursachte ein Ast-Gemetzel von Feinsten.

Umherfliegende Bruchstücke von Ästen und Blättern trafen Sydney und Vaughn am ganzen Körper, doch Letzterer schien keine Notiz davon zu nehmen.
Sydney war die blanke Angst ins Gesicht geschrieben, als sie merkte, wie ihr der fast leblose Vaughn aus den Fingern zu gleiten drohte.
Als die Rotorblätter gegen einen äußerst dicken Ast stießen, geriet der Helikopter gefährlich ins Schwanken.
Durch den Aufprall wurde Syd so arg durchgeschüttelt, dass ihre rechte Hand von Vaughn abrutschte.
Nur noch 5 Meter.
'Mach hin, Dad!!'. Syd spürte, wie auch ihre andere Hand immer feuchter wurde. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Michael ihr ganz entgleiten würde.
Nur noch 3 Meter.
Sydney verzog das Gesicht vor Schmerzen und sie spürte voller Panik, wie Vaughns Hand langsam aber sicher aus der ihren rutschte.
Nur noch 2 Meter.
'Wenn er bei Bewusstsein wäre, könnten wir ohne Weiteres springen, aber in dem Zustand würde er sich mit Sicherheit das Genick brechen.' Bei dem Gedanken biss sich Sydney auf die Unterlippe, um die in diesem Moment absolut hinderlichen Tränen zu ersticken.
Nur noch einen Meter.

Keine Sekunde zu früh berührten Vaughns Füße den Boden. Sydney spürte merklich die Erleichterung, als sich das Gewicht, dass sie zu halten hatte, immer mehr verringerte.
Sofort, als Vaughn einigermaßen sicher auf dem Boden lag, ließ sie ihn los, beugte sich nach oben und gönnte ihrem lädierten Fuß eine Pause.
Jack hielt den Helikopter konstant einen Meter über dem Boden.

Sydney ließ die Kufe los und hüpfte auf einem Bein zu Vaughn. Währenddessen hatte Jack mitbekommen, dass er nun keinen Mitreisenden mehr an Bord hatte und landete wenige Meter von Sydney entfernt.

Will setzte sich in seinen Chefsessel und atmete tief durch, während er den Umschlag musterte. Es stand kein Name darauf. Vorsichtig nahm er ihm in die Hand und drehte ihn um. Er schien recht schwer zu sein.
'Jetzt wird sich ja herausstellen, ob dieser Mann recht hatte..'. Will schaute kurz auf und entschloss sich, den Umschlag lieber allein und somit vor fremden Augen geschützt zu öffnen.

Er stand auf, schloss seine Bürotür ab und drehte die Jalousien zu.
Sein Herz raste, als er mit zittrigen Fingern den Umschlag öffnete. Heraus purzelten Unmengen an Unterlagen, Akten und Bildern.
Will erkannte sofort, dass es sich unter anderem um Dannys Obduktionsbericht handelte.
Langsam breitete der Reporter die gesammelten Schriftstücke vor sich aus und ordnete sie. Es waren simple Fotos dabei, bis hin zu streng vertraulichen Unterlagen.
"Das wird ne Menge Arbeit.." murmelte Will und begann, eine Akte nach der anderen zu studieren.

Sloane öffnete die Augen und ein rhythmisches Piepsen und der typische Geruch wiesen ihn darauf hin, dass er im Krankenhaus sein musste. Sein Schädel dröhnte und er musste mit Schrecken feststellen, dass er kein Gefühl in seinem linken Arm hatte.
Langsam wich die Benommenheit und er erkannte, dass sich zwei Männer in Anzügen vor seiner Tür befanden. Er war also im SD-6 Krankenhaus, dort, wo auch seine Frau seit Jahren im Koma lag.

Seine Gedanken an sie und an seinen mit ihr verbundenen Plan ließen ihn nicht ruhig liegen bleiben. Kurz entschlossen erhob er sich, riss alle Kabel und die Infusionsnadel ab und begab sich auf den Weg zu seinen Klamotten, die zusammengelegt auf einem Stuhl lagen.
Aufgrund des endlosen Pieptons, der durch das Abreißen der Kabel entstanden war, stürmten die zwei Männer sofort in Sloanes Zimmer, gefolgt von einem bestürtzt dreinblickenden Arzt.

Sloane richtete sich auf und lächelte gequält. "Es ist alles in Ordnung." krächzte er. Der Arzt schaute ihm misstrauisch an. "Schön, dass sie wieder auf den Beinen sind, Mr. Sloane, aber ich fürchte, ich kann sie noch nicht entlassen. Sehen sie, die Untersuchungen sind noch nicht abge..". "Mir geht es gut!" untebrach ihn Sloane barsch. Das Lächeln war einer äußerst finsteren Miene gewichen.
"Verstehen sie doch! Ich kann sie noch nicht entlassen- es könnte jederzeit wieder zu einem Anfall kommen." versuchte der Arzt Sloane zu überzeugen. Doch dieser beharrte auf seinem Standpunkt.
"Jetzt hören sie mal gut zu!" zischte er "Das hier ist ein SD-6 Krankenhaus! Und solange ich der Leiter dieser Abteilung bin, kann ich tun und lassen was ich will! Ist das bei ihnen angekommen?!". Mit diesen Worten schloss Slosne den letzten Knopf seines Hemdes, nahm sein Jacket und verließ das Zimmer.

Auf dem Gang angekommen, musste er sich ersteinmal orientieren. Offensichtlich befand er sich auf der Intensivstation. Sein Kopt schmerzte unmenschlich und das Taubheitsgefühl in seinem Arm hatte kein bisschen nachgelassen.
Ein wenig unsicher auf den Beinen steuerte Sloane auf die Treppe zu. Seine Frau lag im 4. Stock also über der Intensivstation im Zimmer 4.7.
Schon nach den ersten Stufen wurde dem Leiter von SD-6 schwindelig und er musste sich am Geländer festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Auf einmal vernahm er hinter sich Schritte- der Arzt und die zwei Männer waren ihm gefolgt. 'Ich bin ja ein schöner Agent, wenn ich soetwas nicht mitbekomme..' schalt sich Sloane insgeheim. Laut sagte er: "Was soll das? Ich brauche keinen Babysitter- schon gar nicht 3 auf einmal! Ich rufe sie schon, wenn ich sie brauche.". Sloane drehte sich um und bemühte sich, so normal wie möglich die Treppe hinaufzugehen.
Nach einer Weile sah er sich um und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass die Männer verschwunden waren.

Langsam aber sicher wurde Will klar, dass der seltsame Mann von letzter Nacht tatsächlich die Wahrheit gesagt haben musste. Ihm lagen jetzt zweifelsfrei Beweise vor, die das Gesagte lückenlos belegten.
Will konnt ja nicht ahnen, dass Nathan sämtliche Akten und andere Unterlagen manipuliert, bzw. extra anfertigen lassen hat.
Einer der wichtigsten Charakterzüge von Will, der seinen Entschluss geprägt hatte, Journalist zu werden, war sein Gerechtigkeitssinn und das Verlangen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Und genau diesen Bedürfnis meldete sich jetzt zu Wort.
Er würde eine Story darüber schreiben.
Er würde den Skandal um die Credit Dauphine Bank bzw. ihren Geschäftsführer aufdecken und diesen Mistkerl Arvin Sloane ein für alle Mal hinter Gitter bringen!
Also schaltete er seinen Rechner an und tippte, scannte und druckte wie besessen.

Nach einigen Stunden Arbeit war die Story feritg und Will ließ die Unterlagen wieder in dem braunen Umschlag verschwinden.
Gerade wollte er zur Tür, um seine Geschichte abzuliefern, als er innerhielt und plötzlich an Sydney denken musste.
Sydney.
Wegen ihr und eigentlich für sie hatte er angefangen, die Story zu verfolgen. Mit Schrecken fiel ihm ein, dass Syd noch gar nichts davon wusste, dass ihr Boss Dannys Mörder ist.
Da sie ja im Urlaub war, konnte er es nur immer wieder auf ihrem Handy versuchen.

Als er sie auch nach mehreren Versuchen immernoch nicht erreichte, befand er sich im Zwiespalt.
Sollte er die Story jetzt veröffentlichen, damit Arvin Sloane so schnell wie möglich hinter Schloss und Riegel kam?
Oder sollte er noch warten, bis er Sydney sprechen konnte, damit sie die Geschichte nicht aus der Zeitung erfahren musste?