13. Der Sturm zieht auf

Jack erläutert den Plan. Doch bevor es losgeht, kommt es zu einem Zwischenfall, der Vaughns letzte Kräfte fordert.

Will startete sein Auto und fuhr so schnell er konnte zu Sydneys Haus. Er musste sich immerwieder beruhigen, um einen klaren Kopf zu bewahren. Am Ziel angekommen, klingelte er Sturm.
Nach ein paar Minuten öffnete ihm eine völlig verschlafene und zurecht aufgebrachte Francie. "Ja?!?.. Ach du bist´s nur.. Was in drei Teufels Namen willst du um diese Zeit hier?" fragte sie mit einem Gähnen. Der Reporter schob sie zur Seite und fragte im Vorbeigehen: "Wo ist Syd?! Es ist wichtig!".

"Hey, ganz langsam. Sie hat angerufen, dass sie ein paar Tage Urlaub machen will. Am Montag ist sie wahrscheinlich zurück." Francie schloss die Tür. Will fuhr herum. "Urlaub?!? Sie war doch noch gestern abend bei mir!..". "Ach ja??" Francie grinste schelmisch. "Ja, das hat sie gesagt, als sie mich gestern angerufen hat. Ich war ja leider nicht zu Hause. Mach dir keine Sorgen es ist alles in Ordnung.". Francies Grinsen wurde breiter. "Na? Wie wars denn gestern abend so??"
Will winkte ab. "Ach, nichts! Was soll die Frage. Du weißt ich bin mit Jenny zusammen..". "..Ja, aber auch nur um Syd eifersüchtig zu machen! Gib´s zu!" unterbrach Francie ihn.
Will rollte nur mit den Augen und zückte sein Handy. 'Hoffentlich geht sie ran..' hoffte Will inständig, jedoch wurden seine Erwartungen bitter enttäuscht und eine weibliche Stimme gab ihm zu verstehen, dass der gewünschte Gesprächspartner zur Zeit nicht erreichbar war.
Tief seufzend verabschiedete sich Will und fuhr zur Arbeit.
Dort angekommen, traf er seinen Kollegen Frank hinter seinem Schreibtisch an. "Dein Arvin Sloane hat eine weiße Weste. Wenn du mich fragst, fast schon verdächtig weiß.." begrüßte ihn Frank.

Sydney war perplex. "Wieso München? Dad, was hat Sloane vor?". Jack richtete sich auf. "Es ist mir vorhin urplötzlich klar geworden. Ich bin durch die Stadt gelaufen und ein Junge trug Zeitungen aus. Dabei hat er sich unwahrscheinlich ungeschickt angestellt und mich an ein Gespräch mit Marshall erinnert. Dieser hatte mir mal vor einiger Zeit voller Stolz berichtet, wie ein Bekannter von ihm- vermutlich genau so ein Freak- an einem Satelliten mitgearbeitet hat. Er hatte einen Zeitungsartikel, mit dem er mir die ganze Zeit vor der Nase rumgefuchtelt hat.
Jedenfalls besitzt dieser Satellit als einziger die Fähigkeit, Laserstrahlen weiterzuleiten. Er hat eine spezielle Beschichtung- eine genauere Erklärung wollte ich nicht. Du kennst ja Marshall, Sydney.
Sloane braucht den Diamanten, um eine Laserwaffe scharfzumachen, die eine gigantische Reichweite besitzt.. ". "..wie in den Weltraum zum Beispiel!" führte Vaughn fassungslos den Satz fort, hätte sich aber danach am liebsten auf die Zunge gebissen.

Jack schaute ihn nur missbilligend an und sprach weiter. "So ist es. Meine jahrelange Erfahrung als Agent und Mitstreiter von Sloane und nicht zuletzt mein Instinkt sagt mir, dass da ein unweigerlicher Zusammenhang besteht. Um das herauszufinden, müssen wir schnellstens nach München, denn dort befindet sich das Kontrollzentrum für den Satelliten."
Sydney schluckte. "Was könnte er denn nur vorhaben? Wozu braucht er denn eine Laserkanone, wenn er seine Familie rächen will?". Ihr schwebten grausame Bilder von zerstörten Städten und und schreienden elternlosen Kindern vor, wie sie sie nur aus dem Fernsehen kannte, wenn mal wieder Krieg im Mittleren Osten herrschte.
Manchmal fragte sich Syd, wie sie ihren Job durchhielt, bei dem sie täglich mit Lügen, Zerstörung und Tod konfrontiert wird.

Ohne viele Worte zu wechseln, verließen die drei Agenten den ehemaligen SD-6 Unterschlupf und fuhren zum Flughafen. Da Vaughns Chef in einigen Minuten dort eintreffen sollte, wurde beschlossen, dass Syd mit ihrem Vater nach München flog, während Vaughn nun endlich die Verschwörung gegen sich beenden sollte.
Jack stoppte den Wagen und schaute stur geradeaus. Vaughn runzelte die Stirn und sah hilflos zu Sydney. Diese nahm seine Hand, drückte sie kurz und nickte ihm zu, in der Hoffnung, dass ihrem Vater die kleine Geste der Zuneigung nicht allzusehr missfiel.
Vaughn verließ das Auto und schaute ihm noch nach, bis er seufzend seiner Wege ging. In einiger Entfernung sah er den Privatjet seines Chefs landen.

"Liebst du ihn?". Mit dieser Frage hätte Syd angesichts der prekären Situation in der sie sich befanden, nicht gerechnet. "Was?!?". "Du hast mich schon verstanden!". Ihr Vater konnte manchmal richtig gnadenlos sein. "Ich weiß nicht.." gab sie kleinlaut zu.
Und es entsprach sogar der Wahrheit. Nach allen Enttäuschungen, nach all den Lügen, die nach und nach ihr ganzes Leben beherrschten, war Syndey sich gar micht mehr sicher, was Liebe und Vertrauen überhaupt waren.
Jack hielt mit quietschenden Reifen nahe dem versteckten Helikopter mitten in der Einöde. "Wie, du weißt es nicht?! Sydney! Bist du dir im Klaren darüber, welches Risiko du eingegangen bist? Du darfst dich als Agentin- erst Recht als Doppelagentin- höchstens auf deinen auf rationalem Verstand basierendem Instinkt verlassen, aber niemals dürfen dich deine Gefühle für eine bestimte Person leiten!". Auf einmal wurde Jack leiser und seine Stimme kratziger. "Glaub´mir, ich weiß wovon ich rede.." sagte er zähneknirschend.
Sydney schwieg. Zuviele Gedanken kreisten durch ihren Kopf, doch eines wurde ihr immer klarer. "Dad, ich weiß, dass die Sache im Moment keine Zukunft hat. Und ich weiß auch, dass es keine Gegenwart geben darf..".
Vater und Tochter verließen den schwarzen Mercedes und bestiegen nach etlichen Metern Fußmarsch den Helikopter. Jack konnte aus den Augenwinkeln beobachten, wie seine Tochter langsam aber sicher den Kampf gegen die Tränen verlor.

Vaughn wartete, bis das kleine Flugzeug gelandet war und öffnete die Tür. Doch es war nicht sein Boss, der ihm entgegenkam, sondern ein widerlich grinsender Glatzkopf mit furchtbar gelben Zähnen.
"Hazard!!" schrie Vaughn hasserfüllt, als er seinen Chef regungslos auf dem Pilotensitz liegen sah.
Jeremy nutzte Vaughns Schrecksekunde und sprang mit ausgestrecktem Bein auf ihn zu. Der Tritt traf Vaughn genau auf der verletzten Schulter und er schrie auf vor Schmerz.
'Das ist dein Ende, du Bastard!' dachte sich Vaughn, während er zum Schlag ausholte, um Hazard einen ordentlichen Kinnhaken zu verpassen. Die Faust verfehlte ihr Ziel nicht und Vaughn verspürte eine leichte Befriedigung, als der Getroffene leicht taumelte.
Doch die vielen Jahre im Gefängnis hatten sich scheinbar bezahlt gemacht, denn er war schnell wieder bei Sinnen und holte zu einem Gegenschlag aus. Vaughn konnte gerade noch ausweichen, was sein Glück war, denn Jeremy hatte einiges an Muskelmasse zugelegt und und Vaughn hätte sein Gesicht danach in Einzelteilen vom Rollfeld aufsammeln können.
Um kein weiteres Risiko einzugehen, schlug Vaughn seinem Gegenüber kräftig in die Niere. Hazard keuchte und stolperte vornüber. Vaughn wollte gerade zum finalen Tritt ansetzen, als der Glatzkopf plötzlich ungeahnte Schnelligkeit an den Tag legte und Vaughn einen kräftigen Faustschlag zwischen die Rippenbögen verpasste.

Vaughn röchelte und sackte zusammen. Er hatte mit der Bewusstlosigkeit zu kämpfen und sah neben den Sternchen auch einen fliehenden Hazard. Mit einem letzten Ruck kam Vaughn wieder auf die Beine und folgte ihm leicht torkelnd. Doch mit jedem Schritt wurden seine Bewegungen schneller und sein Kopf klarer.
Der Geflohene hatte ein tüchtiges Tempo vorgelegt und verlangte Vaughns ganze Kondition, um ihm zu folgen. Als sie ein paar Minuten über Stock und Stein gerannt waren, sah Vaughn zu seinem Entsetzen von Weitem Sydneys Helikopter. Die Rotorblätter hatten sich bereits in Bewegung gesetzt. Vaughn geriet in Panik, denn Jeremy steuerte geradewegs darauf zu.

Er beschleunigte und spürte, wie seine Beine bereits schmerzten und seine Lunge brannte. Der Helikopter hob sacht vom Boden ab, aber Hazard dachte nicht daran, in eine andere Richtung zu rennen.
Als der Hubschrauber etwa auf Schulterhöhe war, schnappte sich Jeremy eine der Kufen und klammerte sich daran fest. Vaughns Magen krampfte sich zusammen.
Wenn er seinen Widersacher noch erwischen wollte, musste er sich beeilen. Seine Beine wurden langsam taub und Vaughns Schulter schmerzte höllisch.
Mit letzten Kräften sprang er ab.