12. Aufbruch
Der Zauber der Nacht schwindet und allen wird der Ernst der Lage bewusst.
Sydney blinzelte, als die ersten Strahlen der Morgensonne ihr Gesicht trafen. Sie wollte sich gerade genüsslich umdrehen, um weiterzuschlafen, da bemerkte sie den warmen Körper an ihrem Rücken und schlagartig wurde ihr bewusst, wo sie war. Syd lag mit Vaughn zusammengekuschelt auf der Couch und die Bilder der vergangenen Nacht schossen ihr durch den Kopf.
Mit einem leisen Seufzer schloss sie ihre Augen und lächelte. Es war eine ganz besondere Nacht gewesen- mit stürmischen, verlangenden Momenten auf der einen aber auch zärtlichen beinahe schüchternen Annäherungsversuchen auf der anderen Seite.
Sydney nahm Vaughns Arm, der auf ihr lag und kuschelte sich noch enger an ihn. Dieser brummelte nur kurz, schlief aber weiter. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Nacken und bekam eine Gänsehaut.
Eigentlich hatte Syd nie daran gedacht, nach Dannys Tod einem Mann auch nur annähernd so nahe zu kommen. Doch anstatt der erwarteten Schuldgefühle empfand sie nur eine so unerschütterliche Ruhe und Geborgenheit wie noch nie. Und plötzlich wusste sie auch, warum.
Es gab keine Geheimnisse! Zum ersten Mal seit knapp 7 Jahren konnte sie sich einem Menschen vollständig öffnen. Sie brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben, sich selbst oder den Mann den sie liebt zu hintergehen.
Allerdings verursachte ihr dieses Gefühl der völligen Hingebung auch Unbehagen. Was war, wenn Vaughn nicht dasselbe empfand?
'Nein! Das kann nicht sein, seine Küsse fühlten sich anders an..' beruhigte sich Syd. 'Aber was ist, wenn er trotz allem Geheimnisse vor mir hat? Schließlich gehört es auch zu seinem Job.'.
Sydney gefiel der Gedanke nicht, dass Vaughn ihr etwas verheimlichte. Seit das Bild, was sie immer von ihrer Mutter gehabt hatte, innerhalb von Sekunden zusammengebrochen ist, war Syd viel misstrauischer geworden.
Auf einmal wurde ihr klar, wie Danny sich gefühlt haben musste, als sie ihm von ihrem Doppelleben erzählt hatte- zutiefst verletzt aber auch unwahrscheinlich hilflos und wütend..
"Hey, was grübelst du?" flüsterte eine vertraute Stimme neben Sydneys Ohr. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie Vaughn aufgewacht war. "Ach, nichts Besonderes. Wirklich." erwiderte sie während sie sich umdrehte um ihm in seine wunderschönen Augen schauen zu können.
"Na dann ist ja gut!" sagte Vaughn grinsend, jedes Wort mit einem Kuss auf ihre Nase und ihre Wangen unterstreichend.
"Hey, deine Bartstoppeln pieksen!" kicherte Sydney und schubste ihr spielerisch von sich weg. Er nahm sie fest in die Arme und zog sie auf sich.
"Ja, aber ich hatte gestern ja keine Gelegenheit, mich zu rasieren, wenn du dich erinnerst..". Syd wurde puterrot und sie wusste nicht, ob es an seinen Worten lag oder daran, dass sie auf ihm lag. Vaughn bemerkte ihre Nervosität und drückte ihr einen Schmatzer auf die Stirn.
"Ist dir irgendetwas peinlich? Das braucht es nämlich keinesfalls zu sein..". Jetzt wurde auch er rot und grinste so hinreißend wie immer. "Nein, das ist es nicht." erwiderte Sydney sein Lächeln. Sie streichelte sanft seine Wangen und strich ihm durchs Haar.
Vaughn nahm ihren Kopf in beide Hände und zog ihn an sich, um sie zu küssen. Syd zitterte leicht und ihr Herz raste wieder wie verrückt, als sich ihre Lippen zum tausendsten Mal trafen.
Und dennoch war es der vertrauteste Kuss von allen. Auf einmal hob Vaughn ihr Gesicht an und sagte mit ernster Stimme: "Ich wollte dir noch etwas sagen, Sydney.."
Doch weiter kam er nicht, denn plötzlich knarrte ein Schlüssel in der Eingangstür. Syd wollte aufspringen, doch angesichts der Tatsache, dass sie nackt war, verwarf sie dieses Vorhaben. Die Tür öffnete sich und eine Person, die aufgrund der aufgehenden Sonne nicht gleich erkennbar war, stand im Türrahmen.
Sydney war einen Moment geblendet, wurde aber plötzlich kreidebleich, als sie erkannte, wer vor ihr stand.
"Dad!.. I-Ich.." stammelte die sonst so wortgewandte Agentin.
Will wurde unsanft aus dem Transporter gestoßen und hörte nur noch das Aufheulen des Motors und quietschende Refen. Als er sich die Augenbinde abnahm, sah er das schwarze Fahrzeug nicht mehr, befand sich aber wie ausgemacht vor seinem Haus. Sein Puls raste und sein Kopf lief auf Hochtouren. Er wusste nicht mehr, was er nun glauben geschweige denn tun sollte.
Nach einem tiefen Atemzug gab sich der Reporter einen Ruck und öffnete die Haustür. Innen angekommen verrammelte er in einem leichten Anflug von Panik sämtliche Fenster und Türen.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es früh am Morgen war und sein Kollege, den er am Abend vorher anrufen wollte, sicher schon wieder wach war. Also nahm Will den Telefonhörer ab und wählte dessen Nummer.
"Hi, Frank! .... Nein, es muss jetzt sein! Ich brauche dringend sämtliche Informationen, die du über Arvin Sloane kriegen kannst!" Wills Stimme hörte sich gereizt an und das war er auch. "Nein, das kann nicht warten, verdammt! .... Ja, Arvin Sloane S-L-O-A-N-E! Credit Dauphine Bank L. A.! ..... Gut, ich danke dir. Wir sehen uns nachher im Büro. Bye.".
Mit immernoch zitternden Fingern legte Will auf. 'Was soll ich nur tun?!?' zermarterte er sich das Hirn. 'Wenn das wirklich stimmt, was dieser Mann mir über SD-6 erzählt hat, befindet sich Sydney mit Sicherheit in großer Gefahr! Ich kann sie unmöglich so unwissend jeden Tag für den Mörder von Danny arbeiten lassen!'.
Der Gedanke daran verursachte eine Riesenwut aber auch Übelkeit bei Will. Nein! Er konnte hier nicht tatanlos rumsitzen!
Seine Angst verschwand und er hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: 'Ich muss sofort zu Sydney und sie aufklären! Wenn ihr irgendetwas zustieße, könnte ich mir das nie verzeihen!'. Will schnappte sich seine Jacke und die Schlüssel.
"Sydney, was zur Hölle ist hier los?!?" Jack war fassungslos. "Dad, ich kann alles erklären.." stammelte Syd, während sie krampfhaft versuchte, aufzustehen, ohne dass ihr das Bettlaken herunterfiel. Vaughn war knallrot und verdeckte sich mit dem Kissen.
Die beiden standen wie begossene Pudel vor dem ratlosen Jack. Nach einigen peinlich stillen Sekunden räusperte sich Syds Vater und murmelte: "Zieh´dir was an, ich muss kurz ins Bad..". Daraufhin rauschte er an ihnen vorbei und verschloss hinter sich die Badtür.
Sydney verzog das Gesicht und sah Vaughn an. Dieser konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er nach einigem Suchen nach seiner Unterhose griff. "Du findest das auch noch lustig, was?" fragte Syd ungläubig. "Sorry, aber- ja! Ist doch ein klassisches Szenario, findest du nicht? Ich glaub sowas ist mir seit der High-School nicht mehr passiert.. " entgegnete der Agent.
Langsam wich auch Sydneys Scham und sie musste ebenfalls grinsen. Schweigend zogen sie sich an und Syd entgingen Vaughns Blicke nicht, als sie das Bettlaken fallenließ.
Jack verließ einige Minuten später das Bad und setzte sich auf einen Stuhl gegenüber der Couch.
Syd kam sich vor wie bei einem Gerichtsprozess, als sie ihrem Vater berichtete, was vorgefallen war. "... ja und dann sind wir hierher gekommen, um auf dich zu warten.". Weiter wollte Syd nicht erzählen, denn Jack schaute Vaughn schon die ganze Zeit mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Verachtung an.
Dieser sah schuldbewusst zu Boden, bis ihm klar wurde, dass er eine schreckliche Dummheit begangen hatte und dass soetwas NIE wieder vorkommen durfte. Ihm schmerzte dieser Entschluss tief in der Seele, doch er konnte nicht anders. Wenn sie alle am Leben bleiben wollten und die Zerschlagung von SD-6 eines Tages tatsächlich gelingen sollte, gab es keinen anderen Weg.
Jack ergriff das Wort.
"Wie ihr ja wisst, habe ich mit Sloane gesprochen. Er hat den Diamanten. Wenn er wirklich das vorhat, was ich denke, müssen wir so schnell wie möglich nach München!".