11. A Night To Remember (2)
Will macht Bekanntschaft mit einem mysteriösen Fremden und Jack geht plötzlich ein Licht auf.
Jack verließ das SD-6- Hauptquartier und lief einfach die Straße entlang. Er wusste nicht, wohin ihn seine Füße trugen.
Sloane hatte ihn wieder an Laura erinnert. Und an Sydney. Immer wenn er in ihre Augen sah, sah er ihre Mutter. Sydney sah ihr so ähnlich. 'Ich könnte es nicht ertragen, sie beide zu verlieren..' dachte Jack, als er plötzlich vor der Brücke stand.
Unbewusst war er zu dem Ort gelaufen, an dem er seine Frau verloren hatte. Tränen stiegen in ihm hoch und er musste sich stark zusammenreißen, nicht loszuheulen.
Wie lange hatte er diesen Ort nicht mehr besucht. Er hatte es immer vermieden, hier entlangfahren zu müssen.
Ein paar Autos waren auf der Brücke unterwegs, aber Jack nahm sie nicht wahr. Er legte die Hand auf das Geländer und ging langsam den Gehweg auf der Brücke entlang. In der Mitte war ein kleines Stück Geländer, das neuer aussah und nachträglich eingebaut wurde. Jack wusste, dass es ihr Auto gewesen war, welches das Geländer damals durchbrochen hatte.
Langsam ging er auf die Stelle zu und seine Hand striff leicht das kühle Metall. Er entdeckte eine kleine Schramme kurz bevor das neue Geländer begann und fuhr vorsichtig mit den Fingerspitzen darüber.
Auf einmal schossen ihm die Bilder von dem Unfall durch den Kopf. Sie wollte dem entgegenkommenden Auto ausweichen, aber es hatte geregnet und das Auto schlitterte durch das Geländer in den Fluss.
Nun war es endgültig um ihn geschehen. Er konnte die Tränen nicht mehr bekämpfen- und wollte es auch nicht. Lange genug hatte er den eiskalten pflichtbewussten Agenten gespielt, der so tat, als sei der Verlust seiner Frau nur ein Kollateralschaden gewesen.
Jack lehnte sich an das Geländer und vergrub sein Gesicht in den Händen.
Sydneys Herz raste wie verrückt, als sie Vaughn küsste. Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und vergrub ihre Finger in seinen Haaren. Er küsste sie leidenschaftlich und umarmte sie fest.
Sydney bemerkte, dass seine Hände zitterten. Sie schmiegte sich eng an ihn und genoss die Wärme seiner Lippen und seines Körpers. Eine angenehme Wärme durchfloss ihren Körper und sie öffnete leicht ihre Augen. Vaughn hatte die Augen geschlossen und streichelte sanft ihren Rücken.
Sie fuhr mit ihren Händen an seinem Hals entlang, berührte seine Schultern und strich sanft über seine Brust.
Sydney bemerkte, wie Vaughns Hand langsam unter ihr T-Shirt wanderte..
'Diese Nacht wird nur uns gehören..' dachte sie.
Wills Kopf dröhnte und er wagte kaum, sich zu bewegen, geschweige denn die Augen zu öffnen. Er hatte keine Ahnung, wo er war.
Plötzlich hörte er Schritte neben sich und anhand des Nachhalls vermutete er, dass er auf dem Fussboden in einer großen Halle lag. Es war gerade ein Mann hereingekommen, der mit einem anderen sprach. "Los. Mach Pause! Ich passe derweil auf Mr. Reporter hier auf.". Der andere Mann murmelte etwas Unverständliches und schien von einem Stuhl aufzustehen und zu gehen. Der eben erst eingetroffene Mann setzte sich auf den Stuhl und Will hörte, wie er eine Waffe entsicherte.
Will schluckte. 'Was soll ich jetzt tun? Ich kann ja schließlich nicht ewig so tun, als sei ich ohnmächtig.'.
Auf einmal vernahm er wieder Schritte, doch diesmal klangen sie anders. "Ist er endlich wach?" rief eine laute eiskalte Männerstimme quer durch die Halle. "Nein, der schläft noch wie ein Baby!" entgegnete der Mann mit der Waffe. Die Schritte kamen näher, bis der Mann neben Will stand. Dessen Herz raste wie verrückt und er spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat.
"Na dann wecken wir ihn auf!" ertönte wieder die kalte Stimme und bevor Will wusste, wie ihm geschah, schüttete der Mann Wasser über Wills Gesicht.
Will zuckte zusammen, öffnete die Augen und prustete. "Na, Mr. Tippin, sind wir wieder wach?". Die Stimme des fremden Mannes klang auf einmal gar nicht mehr so eiskalt. Er sah auch gar nicht so aus, wie es eine Stimme anfangs vermuten ließ.
Er war etwas jünger als Will und auch etwas kleiner. Sein maßgeschneiderter Armani- Anzug und seine Desinger- Brille sowie die Rolex an seinem Arm sagten einiges über seine finanzielle Situation aus.
Mit einem Lächeln half er Will auf die Beine. "Ich möchte mich für die kleine Entführung entschuldigen.." sagte er und Will konnte nichts mehr von der eiskalten Stimme erkennen. Es schien, als meine er seine Entschuldigung wirklich ernst.
Will schaute sich um. Er war tatsächlich in einer großen Lagerhalle. Um ihn herum standen große und kleine Holzkisten und an einer Wand waren viele Bretter gestapelt.
Der Mann auf dem Stuhl mit der Waffe sah Will misstrauisch an. Will räusperte sich.
"Was wollen sie von mir?".
"Bitte setzen sie sich, ich werde ihnen alles erzählen." antwortete der Fremde mit Brille und deutete auf eine Kiste. Will nahm Platz und der Mann begann zu erzählen.
"Sie wollen wissen, was SD-6 ist. Ich kann und werde es ihnen sagen, weil ich glaube, dass sie mir helfen können. Durch ihrer Recherchen bezüglich Daniel Hechts Tod sind sie in etwas hineingeraten, dessen Dimensionen sie noch lange nicht absehen können.
Dennoch gehe ich davon aus, dass sie mir helfen können. Deshalb habe ich mich des öfteren bei ihnen gemeldet. Eigentlich wollte ich vollkommen anonym bleiben, aber die Dinge haben sich geändert, sodass wir keine Zeit haben werden für Versteck- Spielchen. Deshalb wollte ich persönlich mit ihnen sprechen. Alles andere wäre vermutlich zu unsicher gewesen"
Wills Hirn rumorte. Er war also die verzerrte Stimme gewesen! Aber wer war der Mann? Was wollte er? Warum half er ihm bei seiner Recherche? Will hatte zuviele Fragen und wusste nicht, welche er zuerst stellen sollte. Er brachte nur ein verwirrtes "Warum?" zustande. Der Mann lächelte.
"Ich nehme an, es ist an der Zeit, sie aufzuklären.
SD-6 ist der Name einer geheimen Operation einer terroristischen Organisation. Daniel Hecht wurde zufällig Zeuge dieser Operation und wurde deshalb aus dem Weg geräumt. Danach wurde die Operation abgebrochen und alle Beteiligten wurden zum Schweigen gebracht.
Der einzige, der noch am Leben und somit für alles verantwortlich ist, ist Arvin Sloane, der in der Credit Dauphine Bank arbeitet. Er hatte damals alles geplant und hat auch Daniel Hecht auf dem Gewissen. Dieser Mann führt ein geheimes Doppelleben als gesuchter Terrorist!"
Will musste schlucken. Sydney arbeitete also Tag für Tag mit einem Verbrecher und dem Mörder ihres Verlobten zusammen und wusste es nicht! "Wie glauben sie, dass ich ihnen jetzt helfen kann?" fragte Will zerstreut.
"Nun, ich möchte, dass sie Sloane aus dem Weg räumen. Machen sie ihn fertig! Ich würde ja selbst zur Polizei gehen, aber ich fürchte, sie würden mich auch dabehalten, wenn sie verstehen.
Aber Sloane muss für seine Taten bezahlen! Ich werde ihnen alle Beweise zukommen lassen, die sie dafür benötigen werden." antwortete der Fremde.
Will wusste immernoch nicht, wo ihm der Kopf stand.
"Das ganze hat nur einen Haken. Ich kann ihnen nicht sagen, wer ich bin. Sie müssen mir einfach vertrauen..". Er erhob sich. "Ich werde wie üblich mit ihnen Kontakt aufnehmen. Jetzt bringen wir sie wieder nach Hause.".
Er schnippste mit dem Finger und der Mann mit der Waffe stand vom Stuhl auf und ging auf Will zu. Dieser sprang hoch in der Angst wieder betäubt zu werden.
"Was soll das ganze mit der Waffe eigentlich??" fragte Will aufgebracht. "Nur die Ruhe. Er tut ihnen nichts. Es ist nur zur Sicherheit." sagte der Fremde.
Der Mann mit der Waffe ging zu Will und legte ihm eine Augenbinde an. Währenddessen sagte der andere: "Sie verstehen sicher, dass ich absolut anonym bleiben will und kein Risiko eingehen kann. Daher können sie auch nicht wissen, wo wir hier sind."
Will wurde in einen Transporter verfrachtet und nach Hause gefahren.
Der Fremde sah dem Transporter nach, der in Richtung der aufgehenden Sonne verschwand, und griff in seine Jackentasche. Er nahm sein Handy, tippte eine Nummer ein und hielt sich das Telefon ans Ohr.
"Ja hier Nathan Stiller. Er wird gerade nach Hause gefahren. Sie können anfangen!". Da war sie wieder- die eiskalte Stimme.
Mit einem höhnischen Grinsen legte er auf.
Jack öffnete die Augen. Er wusste nicht, wie lange er hier auf der Brücke gestanden hatte. Am Horizont sah er die Sonne aufgehen. Demnach hatte er die ganze Nacht hier verbracht und sich den Kopf zermartert, was er nur tun könnte.
Langsam ging er los in Richtung Unterschlupf, wo er hoffte, Sydney anzutreffen.
Er ging durch die Straßen.
Alles war ganz still.
Jack schaute sich um.
Und plötzlich wusste er, was zu tun war.