09. Wiedersehen

Totgeglaubte leben länger und Sydney wird bewusst, wie wenig sie ihren Vater wirklich kennt.

Sydney erstarrte. 'Nein! Das kann nicht sein! Ich glaub ich spinne- sehe ich jetzt schon Gespenster?'. Sie war nicht in der Lage, sich zu bewegen, geschweige denn zu sprechen.
Vaughn lächelte sie an, merkte aber schnell, dass Sydney ihn anscheinend für einen Geist hielt. "Hey, Sydney! Ich bin´s! Erkennst du mich nicht?". Langsam wurde Syd klar, dass es wirklich Vaughn war. Er stand vor ihr- lebendig!!
"Oh Gott Vaughn.." schluchzte sie und warf sich ihm an den Hals. Sie war so glücklich! Seit sie angenommen hatte, dass er tot sei, hatte sie sich innerlich leer und wie in Watte gepackt gefühlt.
Vaughn drückte sie fest an sich und Sydney sah nicht, wie ihm eine einzelne Träne die Wange hinunterlief.
Die ganze Anspannung, die Syd im Laufe der letzten Stunden in sich angesammelt hatte, fiel mit einem Mal von ihr ab. Sie war nicht mehr allein- Vaughn war da! Sie hatte das Gefühl, dass ihr mit ihm an ihrer Seite nichts passieren konnte.
Sie drückte ihn fest an sich, als er plötzlich zusammenzuckte. Sofort ließ sie ihn los und bemerkte jetzt erst, dass er den rechten Arm in einer Schlinge hatte. "Sie haben nur knapp unterhalb der Schulter getroffen. Der Verband ist zwar hinderlich, aber immerhin lebe ich noch." erklärte er ihr mit einem entschuldigendem Lächeln. "Oh.." Sydney berührte seine Brust, wo ihn die Kugel getroffen hatte. "Geht´s dir gut?" fragte sie nachdenklich, immernoch auf seine Verletzung konzentriert.
Er nahm ihre Hand. "Ja, es geht schon. Nur mit Liegestützen habe ich noch ein paar Probleme..". Sydney musste ein wenig lächeln.

Plötzlich wurde Vaughn wieder ernst. "Wie konntest du entkommen, Sydney? Ich wollte dir helfen, weil.." er stockte kurz und Sydney kam wieder dieser furchtbare Verdacht. "Was willst du mir sagen?" entgegnete sie langsam. Vaughn runzelte die Stirn ( Zwinker ) und es war ihm anzusehen, dass es ihm schwerfiel. "Sydney.. ich weiß ncht, wie ich es sagen soll, aber ich befürchte, dein Vater hat früher mit dem K-Direktorat zusammengearbeitet.."
Sydney musste schlucken. 'Ich wusste doch, dass an der Geschichte etwas faul war!'. "Ich habe bereits vor Tagen von einem Agenten erfahren, dass dein Vater Verbindungen nach Krakau hatte. Er hatte dort für das K-Direktorat gearbeitet..." fuhr Vaughn mit einem mitleidigen Gesicht fort.
Jetzt wurde Sydney einiges klar- die merkwürdige Bemerkung von Anna, dass sich ihr Vater so gut auskannte, als er sie befreite, ihr Traum im Helikopter..
"A-aber warum??" fragte sie Vaughn mit einem flehenden Blick. "Tut mir leid, Sydney. Die Gründe dafür und wie und warum es endete konnten wir nicht herausfinden. Das ist wohl etwas, was nur er dir beantworten kann.".

Vaughn schwieg und auch Sydney sagte kein Wort. Sie hielt nur Vaughns Hand fest. Ihr schwirrten die wildesten Gedanken durch den Kopf. Jetzt, wo sie endlich dachte, ihren Vater ein wenig zu durchschauen und ihm vertrauen zu können, fand sie sich wieder in völliger Ungewissheit. 'Wer ist dieser Mann? Und auf wessen Seite steht er?'. Sydney wusste nicht, wie oft sie sich diese Frage schon gestellt hatte.
Vaughn erkannte ihre Situation und nahm sie sanft in den Arm. Sein Kinn lehnte an ihrem Kopf und Sydney spürte die Wärme seiner Haut. Da war es wieder- dieses vertraute Gefühl. Eine wohlige Wärme überkam sie und Sydney wünschte sich, dass sie sich ewig so wohl fühlen könnte. Sie spürte seinen schnellen Herzschlag und wusste, dass es Vaughn genauso ging.
Er streichelte ihre Schulter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie bekam Gänsehaut und schaute zu ihm hoch. Er nahm ihr Gesicht in die eine Hand, die er bewegen konnte. Er sah ihr tief in die Augen und sagte "Das kriegen wir schon hin. Wir werden die Wahrheit schon finden!".
Sydney nickte. Vaughn schaffte es immer wieder, ihr Mut zu machen und Kraft zu geben- Licht ins Dunkel ihrer Seele zu bringen, so wie es bisher nur Danny vermocht hatte.

Plötzlich fiel Sydney etwas ein. "Apropos Wahrheit. Wie bist du eigentlich Anna entkommen?". Syd blickte Vaughn fragend an. "Ich bin mir nicht sicher. Das erste, woran ich mich erinnern konnte, war, dass ich in einem Bett lag. Ich nahm nur verschwommen wahr, wie ein paar Männer in mein Zimmer kamen und mich hastig wegschleppten. Leider war ich noch viel zu benommen, um zu erkennen, wer die Typen waren. Kurz darauf, als sie mich einen Ganz entlang schleppten, wurde ich wieder ohnmächtig.
Dann bin ich als nächstes in einem Krankenhaus hier in L.A. aufgewacht. Meine Wunde war versorgt, aber niemand war da, der mir eine Erklärung geben konnte. Wer auch immer diese Männer waren- ich verdanke ihnen höchstwahrscheinlich mein Leben.". Vaughn seufzte.
"Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Zur CIA kann ich wahrscheinlich immer noch nicht- das wäre mein Todesurteil..". Vaughn sah auf den Boden. "Es tut mir leid, Sydney.." murmelte er. "Was tut dir leid?" Sydney war verwirrt. "Es tut mir leid, dass ich dir in Krakau nicht helfen konnte. Schließlich habe ich gewusst, dass dein Vater früher beim K-Direktorat gearbeitet hat..".
"Hey.. Mach dir darüber mal keine Gedanken! Er war es übrigens, der mich befreit hat." sagte Syd. Vaughn blickte erstaunt auf. Sydney setzte sich auf einen Stein und erzählte ihm alles.

Nachdem Sloane seine merkwürdige Vorführung beendet hatte, ging Jack auf ihn zu und blickte ihn fragend an. "Was willst du mit dem IWR-X?". Sloane schaute schweigend an Jack hoch und runter, als nehme er ihn genauestens unter die Lupe. Dann setzte er wieder dieses diabloisch-unheimliche Grinsen auf und sagte "Komm Jack! Gehen wir in mein Büro.".
Langsam folgte Jack ihm. Auf dem Weg schwirrten ihm wieder diese wirren Gedanken durch den Kopf. 'Was hat er nur vor? Was soll dieser große letzte Coup sein?'.
Im Büro angekommen, stellte sich Sloane neben seinen Schreibtisch mit dem Rücken zu Jack und betrachtete das Regal. Jack schloss die Tür und sah angespannt zu Sloane. Dieser schwieg und bewegte sich keinen Millimeter.
Langsam wurde Jack unheimlich. Sloane nahm einen Bilderrahmen aus dem Regal und Jack wusste, dass ein Bild von seiner Frau und seiner Tochter war. Jack schluckte. 'Ich wusste es! Er will Rache!'.
Sloane drehte sich um, ohne den Blick von dem Foto abzuwenden und setzte sich sehr langsam in seinen Stuhl. Wie er da so saß- zusammengekauert, das Bild streichelnd, wirkte er gar nicht mehr so wahnsinnig. Er sah traurig und irgendwie furchtbar alt aus.
"Arvin.." sagte Jack leise. Plötzlich sprang Sloane auf und schrie "Sie haben sie einfach draufgehen lassen!!!" Er war den Tränen nahe. "Verstehst du Jack?!? Es gab keine Terroristen! Sie wurden umgebracht! Die CIA hat meine Familie auf dem Gewissen!!!". Sloane ballte die Faust und schlug damit auf dem Tisch, sodass es Jack mit der Angst zu tun bekam.

Sloanes Stimme wurde auf einmal ganz leise und kratzig. "Und dafür werden sie büßen!! Das bin ich Eve und Kathy schuldig..". Er schien ganz in seiner düsteren Welt voller Schmerz und Hass gefangen zu sein. Jack wagte einen Versuch, ihn in die Realität zurückzuholen.
"Ich weiß, es ist furchtbar, einen geliebten Menschen zu verlieren, Arvin. Wie du weißt, habe auch ich Laura verloren. Aber ich bitte dich- sag mir, was das ganze mit der Laserwaffe zu tun hat!".
Sloane schien die Worte wahrzunehmen, denn er sah vom Foto auf und blickte wie weggetreten in die Leere. Seine Gesichtszüge verhärteten sich und begann zu grinsen. Er sah aus, als wäre er wirklich geistesgestört. "Ach Jack! Ich habe dir gesagt, dass mein Arzt mich vor kurzem angerufen hat und mir von meiner Krankheit erzählt hat. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, Jack. Das einzig sinnvolle, was ich noch tun kann, ist meine Familie zu rächen!!".
Jack versuchte es ein weiteres Mal mit Vernunft. "Arvin! Das ganze ist über 20 Jahre her! Die Verantwortlichen sind doch bestimmt schon im Ruhestand oder..". Sloane unterbrach ihn "Sie sind tot, um genau zu sein. Alle sind tot!". Jack war geschockt. 'Wie kann das sein??'.
Sloane fuhr fort. "Alle am Einsatz beteiligten Agenten sind getötet worden.". "Von wem?" fragte Jack ernst, einen grausamen Verdacht im Hinterkopf. Sloane sah Jack in die Augen. "Ich war es nicht. Aber: Ja, ich habe den Auftrag gegeben und der KGB hat ihn ausgeführt, nicht wissend, dass er von mir stammte.". Sloane schien auf sein 'Meisterstück' auch noch stolz zu sein und lächelte selbstsicher.
"Glaub mir, Jack! Ich habe nicht gewusst, dass deine Frau den Auftrag erhalten würde..."