Teil 9

Sicheres Haus der Vaughns, L.A.

„Wie geht’s dir, Mommy?“, wollte Isabelle besorgt wissen, als ihre Mutter immer wieder in Gedanken abschweifte und sich einfach nicht auf das Brettspiel vor ihr konzentrieren konnte.Sydney lächelte über die Besorgnis ihrer Tochter um sie. „Ich bin einfach nur müde. Das ist alles. In den letzten Tagen ist einfach zuviel passiert.“, erklärte sie Isabelle. „Wir schaffen das schon. Und L.A. ist auch gar nicht so schlecht.“, versuchte das Mädchen ihre Mutter aufzuheitern. Sydneys Lächeln wurde breiter. Zärtlich strich sie ihrer Tochter übers Haar. Isabelle war für ihr Alter ein so unglaublich starkes Kind, obwohl sie bis vor kurzem von schweren Schicksalsschlägen verschont worden war. Schon vor der Explosion ihres Zuhauses hatte sie schon diese Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt, in die sich Sydney bei Vaughn verliebt hatte.Sie hoffte, Isabelle würde diese Eigenschaft nie verlieren. Und sie würde wie eine Löwin darum kämpfen, dass niemand ihrer Tochter diese Ruhe nahm!

„Du bist dran.“, holte sie Isabelle wieder aus den Gedanken. „Ach ja.“, meinte Sydney zum wiederholten Mal und ließ ihre Würfel über den Tisch rollen.Dann zog sie mit ihrer Figur die angezeigte Anzahl von Feldern weiter. Isabelle betrachtete konzentriert das Spielfeld, bevor sie die Würfel in die Hand nahm und sie dann auf den Tisch warf. Sie wollte gerade ziehen, als es an der Tür klingelte.

Sydney stand auf und bedeutete ihrer Tochter, einfach auf sie zu warten.Sie öffnete die Tür. Draußen stand ein CIA-Agent, der ihr einen Brief entgegenhielt. „Wir haben ihn schon auf alle explosiven Materialien hin untersucht. Es tut uns Leid, dass er deswegen erst so spät ankommen ist, aber Ihre Sicherheit und die Ihrer Kinder geht nun mal vor.“, informierte er sie. Sydney nickte ihm nur zu und schloss die Haustür wieder. „Wer war das?“, erkundigte sich Vaughn neugierig, der gerade aus der Küche kam, wo er Jack junior gefüttert hatte. Jetzt trug er seinen Sohn auf dem Arm und sah seine Frau fragend an. „Nur Post.“, antwortete sie, doch er konnte die Nervosität in ihrer Stimme hören. „Was ist?“, hakte er nach.

Sie blickte noch einmal auf den Absender. „Es ist ein Brief von der CIA-Hauptzentrale in Langley.“, meinte sie leise. Vaughn wusste sofort, was das bedeutete, setzte Jack neben seine Schwester auf die Couch und begleitete Sydney in die Küche. „Pass mal kurz auf deinen Bruder auf.“, rief er Isabelle noch zu, bevor er die Küchentür hinter ihnen schloss. „Soll ich ihn aufmachen?“, bot er an, als sich in Sydneys Augen Tränen sammelten. Sie nickte nur stumm und übergab ihm den Umschlag. Ohne zu zögern riss er ihn auf und holte das offizielle Schreiben heraus.

Mit gerunzelter Stirn las er den Brief durch. Als er geendet hatte, ließ er ihn niedergeschlagen sinken. Diese Neuigkeiten würden seine Frau noch zusätzlich belasten. Dennoch wollte er es nicht noch länger hinauszögern. „Das Datum steht fest.“, gestand er ihr. Verzweifelt versuchte sie, die Tränen zurückzuhalten und hielt sich mit der Hand den Mund zu, um nicht laut zu schluchzen. „Das habe ich mir schon gedacht.“, schluchzte sie. Vaughn seufzte. Seiner Meinung nach war ein festes Datum dringend nötig gewesen, um diese Sache endlich hinter ihnen lassen zu können. Trotzdem sprach er es nicht laut aus. Schließlich ging es hier um Sydneys Mutter.

Seine Frau verschränkte wie zum Schutz die Arme vor der Brust und versuchte, sich zu beruhigen. Sie ermahnte sich, an all die schlimmen Dinge zu denken, die ihre Mutter in der Vergangenheit getan hatte – und wahrscheinlich noch tun würde, käme sie wieder frei. Doch das half alles nichts. Tränen rannen über ihre Wangen, so sehr sie auch darum kämpfte, sie zurückzuhalten. Vaughn nahm sie in die Arme und wiegte sie hin und her. Das bewirkte, dass sie auch noch ihren letzten Widerstand aufgab und hemmungslos zu weinen anfing. Sie wusste, es war nicht fair ihrem Mann gegenüber, besonders weil Irina Derevko versucht hatte, ihn zu töten, aber sie konnte nicht anders.

„Wir sollten es deinem Vater erzählen.“, schlug Vaughn vor, nachdem er sie einige Minuten im Arm gehalten hatte. Sie nickte. Das war ein guter Vorschlag. „Rufst du ihn an? Ich muss noch –.“, begann sie, während sie sich ein Taschentuch holte. „Ja klar. Mach ich.“, versprach er, strich ihr noch einmal über den Oberarm und verließ dann die Küche.Wenig später saß Jack Bristow in ihrem neuen Wohnzimmer und wartete geduldig auf das, was seine Tochter und Vaughn ihm zu berichten hatten.

Isabelle und Jack junior befanden sich inzwischen in ihrem gemeinsamen Kinderzimmer. Ihre Tochter hatte zwar anfangs protestiert, warum sie wieder nicht einbezogen wurde, hatte aber dann widerwillig gehorcht. „Um was geht es?“, erkundigte sich Jack, als seine Tochter und Vaughn betreten schweigend vor ihm standen. „Um Mom.“, antwortete Sydney mit belegter Stimme. Statt einer Antwort stand ihr Vater auf und machte einige Schritte in Richtung Kinderzimmer. Sofort hörten sie, wie Isabelle schnell wieder in ihr Zimmer zurückrannte. „Isabelle!“, schimpfte ihre Mutter sie. „Jaha, ist ja schon gut.“, antwortete ihre Tochter trotzig und schloss lautstark die Zimmertür.

Sydney schüttelte genervt den Kopf. Vor einer halben Stunde hatte sie noch die Ruhe ihrer Tochter bewundert, die sie von ihrem Vater geerbt hatte. Und schon musste Isabelle ihr beweisen, dass sie auch den Sturkopf ihrer Mutter besaß. Sie warf noch einen kurzen Blick Richtung Kinderzimmer und wandte sich dann wieder ihrem Vater zu, der sie fragend anblickte. Statt ihm zu antworten, reichte sie ihm den Brief.

Während er ihn durchlas, legte sich seine Stirn bei jedem Satz mehr in Falten. Als er fertig war, warf er den Brief vor sich auf den Tisch. „Deine Mutter lebt also.“ Es klang wie eine Feststellung, keine Frage. „Ja, noch.“, erwiderte Sydney tapfer und schluckte ihren Schmerz hinunter. „Sie haben es immer wieder verschoben in den letzten sieben Jahren. Aber jetzt hat Senator Murphy sich durchgesetzt.“, erklärte Vaughn, als Jack nur dasaß und vor sich hin starrte. „Wir sollten nach Langley fliegen.“, entschied Sydneys Vater plötzlich und stand auf. Seine Tochter sah ihn schockiert an, während ihr Mann überrascht die Stirn runzelte.

„Das, ich habe nicht vor, dabei zuzusehen, wie man meine Mutter -.“, wandte Sydney ein, doch ihr Vater schnitt ihr das Wort ab. „Wir müssen aber dorthin. Sofort!“, meinte er und blicke dabei seine Tochter eindringlich an. Sie erwiderte stur seinen Blick, nicht bereit, nachzugeben. Doch dann sah sie die Verzweiflung in seinen Augen. „Wieso? Was ist dort?“, lenkte sie schließlich ein. „Das erkläre ich euch unterwegs. Wir müssen uns beeilen.“, antwortete er knapp. „Ich werde schon mal alles vorbereiten. Kümmert ihr euch nur um einen Babysitter für eure Kinder.“, verabschiedete er sich und verließ das CIA-Haus.

Vaughn und Sydney sahen sich überrascht an, bevor sie sich in Bewegung setzten. Auf dem Tisch lag immer noch der Bescheid aus Langley über die Hinrichtung von Irina Derevko, die noch an diesem Abend stattfinden sollte. Unterzeichnet war der Brief von einem gewissen Senator Larry Murphy.

Todestrakt, CIA-Gefängnis in Langley

Das Schlimme daran, jahrelang eingesperrt zu sein, war nicht so sehr – wie sie befürchtet hatte –, dass man nicht mehr frei und unabhängig war. Das Schlimmste war die freie Zeit, die man hatte, die man selbst gegen seinen Willen dazu nutzte, über sein Leben nachzudenken. Als sie in Russland eingesperrt war, hatte man sie gefoltert und ständig mit irgendwelchen Arbeiten, wie Wäschewaschen oder Kochen, auf Trapp gehalten, sodass sie abends vor Erschöpfung in den Schlaf fiel.

Doch hier, in den Vereinigten Staaten, in diesem Gefängnis, war man nicht daran interessiert, ihr Ablenkung zu verschaffen. Verdammte Amerikaner!Sie seufzte und starrte hinab auf ihre Hände. Damit würde es aber bald vorbei sein, wenn heute Abend hingerichtet wurde. Die Tatsache, dass sie bald tot sein würde, verstärkte jedoch die Flut von Gedanken, die tagtäglich ihren Kopf durchströmten. Immer wieder musste sie an die Geschehnisse vor sieben Jahren denken, die sie schließlich auch in diese Zelle gebracht hatten. Seit dieser Zeit hatte sie ihre Tochter nicht mehr gesehen. Obwohl sie wusste, dass sie Sydney deswegen keine Vorwürfe machen konnte, stiegen ihr bei diesem Gedanken – besonders mit dem Hintergrund der bevorstehenden Hinrichtung – Tränen in die Augen. Sie war sich bewusst, dass sie ihre Tochter wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Nie wieder mit ihr reden oder eine Chance bekommen würde, ihre Gründe Sydney verständlich zu machen.

If I Had The Chance Love
I Would Not Hesitate
To Tell You All Things I Never Said Before
Don't Tell Me It’s Too Late

Das Furchtbarste für sie war, dass alles umsonst gewesen war. Der Horizon war unwiederbringlich zerstört worden. Sie hatte Sydney weggestoßen, um nicht wegen ihrer Muttergefühle von ihrem Weg abzukommen. Sie war bereit gewesen, alles zu opfern, um ihr Ziel zu erreichen. Und sie hätte dafür fast ihre Tochter getötet.Doch jetzt war ihr Ziel plötzlich unwichtig geworden. Die Leere, die sie dabei empfand, wie sie an ihren einstigen Plan dachte, erschreckte sie. Wo war ihr Wille hin, ihre Stärke? Jetzt, wo sie den Tod so nah vor Augen hatte, durchströmten die Gefühle, die sie so lange zurückgehalten hatte, ihren Körper und spülten den Widerstand gegen jegliche Emotionen einfach fort.

'Cause I've Relied On My Illusions
To Keep Me Warm At Night
And I've Denied In My Capacity To Love
But I Am Willing To Give Up This Fight

Immer wieder sagten ihr diese Gefühle, dass sie sich all die Jahre nur etwas vorgemacht hatte. Für ein Ziel gekämpft hatte, dass sie niemals hätte erreichen können, weil der Mann – Rambaldi, ein Toter –, dem sie bereitwillig gefolgt war, ihr den falschen Weg gewiesen hatte.Sie schüttelte den Kopf, versuchte, diese Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen. Das waren nicht ihre, sondern die Worte ihrer Tochter, die sie da hörte. So hätte Sydney argumentiert. Wenn sie hier gewesen wäre. Verzweifelte Wut stieg in ihr auf. Wieso hatte ihre Tochter es nicht einmal – wenigstens einmal – für nötig erachtet, sie hier zu besuchen? Und wenn sie sich gestritten hätten. Dann wäre sie hier mit ihren Gedanken wenigstens nicht so alleine gewesen.

I’ve Been Up All Night Drinking To Drown My Sorrows Down
But Nothing Seems To Help Me Since You Went Away
I'm So Tired Of This Town
Where Every Tongue Is Wagging
When Every Back Is Turned
They’re Telling Secrets That Should Never Be Revealed
There’s Nothing To Be Gained From This But Disaster

Es verletzte sie zutiefst, dass ihre Tochter sie nie besucht hatte, ihr nie die Chance gegeben hatte, sich zu rechfertigen. Es schien, als wäre sie für Sydney schon vor sieben Jahren gestorben, dort in Hong Kong, während sie gegeneinander gekämpft hatten.

Here’s A Good One
Did You Hear About My Friend
He’s Embarrassed To Be Seen Now
'Cause We All Know His Sins

Wütend stand sie von ihrem Bett auf. Kaum hatte man ihr vor ein paar Tagen mitgeteilt, dass sie heute sterben würde, verfiel sie sofort in Selbstmitleid. Sie sollte lieber stark sein und den Zuschauern bei ihrer Hinrichtung zeigen, dass es etwas mehr brauchte als Gift, um ihren Widerstand zu brechen. Dass sie nicht so einfach angesichts ihres Todes klein beigeben und um Vergebung winseln würde. Ihre Dickköpfigkeit und ihr Stolz gaben ihr Kraft, die Tränen und Gefühle, die sie hemmten, zurückzudrängen. Sie würde hocherhobenen Hauptes in den Tod gehen, soviel war sicher!Es gab nur einen Gedanken, eine Frage in ihrem Hinterkopf, den sie nicht ignorieren konnte. Der in ihr eine unsägliche Furcht auslöste, die sie nur schwer unterdrücken konnte: Was tust du, wenn Sydney unter den Zuschauern ist?Tief ein- und ausatmend ließ sie sich wieder auf das Bett fallen und ihr Blick wanderte wieder hinab auf ihre Handflächen.

If I Had The Chance Love
No, I Would Not Hesitate
To Tell You All Things I Never Said Before
Don't Tell Me It’s Too Late
'Cause I've Relied On My Illusions
To Keep Me Warm At Night
And I've Denied In My Capacity To Love
But I Am Willing To Give Up This Fight
Oh I Am Willing To Give Up This Fight

CIA Hauptquartier in L.A., Dixons BüroRachel und Paul waren gerade eben von ihrem Auftrag zurückgekehrt. Dixon hatte sie angewiesen, sich umgehend in seinem Büro zu melden. „Was habt ihr herausgefunden?“, war seine erste Frage, nachdem er sie begrüßt hatte.Agent Gibson überreichte ihm ihren Bericht. „In den meisten Lagerhäusern lagerten verschiede Rambaldi-Artefakte. Aber konkrete Informationen zu der Organisation oder zu ihren Mitgliedern haben wir keine gefunden. Bis auf eine: Die Lagerhäuser wurden von einem Mann angemietet, den wir mithilfe des Vermieters als Alessandro Canforra identifizieren konnten.“, fasste sie die Ergebnisse ihrer Mission zusammen. „Sarks Geschäftspartner.“, bestätigte Dixon ihren Verdacht. „Scheint so, als hätten wir jetzt endlich Beweise, um Sark dazu zu bringen, auszupacken.“, schlussfolgerte Agent Joyce. „Wir haben Glück, dass noch nicht offiziell bekannt ist, dass wir Sark in Gewahrsam haben.“, begann der Afroamerikaner langsam.

Paul sah ihn nur verwirrt an, während Rachel genau wusste, worauf Dixon hinauswollte. „Wir sollen ihn als Köder für Canforra benutzen, um an die Organisation heranzukommen.“, vermutete sie ganz richtig.Ihr Vorgesetzter nickte nur zustimmend. „Okay, da Syd nicht hier ist, muss ich wohl ihre Rolle einnehmen und dich daran erinnern, dass man Sark nicht trauen kann.“, warnte sie Dixon.Dieser verzog keine Miene. „Das weiß ich. Deswegen braucht er auch jemanden, der ihn immer daran erinnert, wem er gegenüber loyal zu sein hat.“, antwortete er und sah Rachel dabei unverwandt an.Die Blondine schüttelte energisch den Kopf und hob abwehrend die Hände. „Oh nein, vergiss es!“, weigerte sie sich.Dixon seufzte. „Soll ich dich daran erinnern, dass du die fähigste Agentin in ganz L.A. bist? Besonders jetzt, wo Sydney und Vaughn gerade ins Flugzeug nach Langley gestiegen sind? Wenn ihn jemand hier in Schach halten kann, dann bist es du.“, konterte er.

Rachel atmete geräuschvoll aus. „Gibt es keinen anderen Weg?“, erkundigte sie sich hoffnungsvoll. „Wenn du einen kennst, dann verrate ihn mir.“, zerstörte er ihren Hoffnungsschimmer. „Und was ist mit mir?“, ertönte plötzlich Agent Joyce’ schüchterne Stimme. „Sie werden die beiden überwachen, damit sie sich nicht gegenseitig umbringen.“, erklärte Dixon und grinste.Rachel ließ ein wütendes Knurren ertönen, bevor sie genervt den Raum verließ. „Gibt es da vielleicht etwas, was ich wissen sollte?“, hakte Paul nach und Dixons Grinsen wurde breiter.

Haus des Senators Larry Murphy in Langley

Die Blondine stieg aus ihrem Wagen und holte ihre Aktentasche aus dem Kofferraum. Dann machte sie sich auf den Weg zum Haus. Sie klingelte und wartete geduldig, bis ihr geöffnet wurde.Die Frau des Senators – eine weißhaarige, sechzigjährige kleine Dame – stand vor ihr. „Guten Tag, Mrs. Murphy.“, begrüßte sie sie höflich. „Hallo, Lucy. Kommen Sie doch herein. Mein Mann erwartet Sie bereits in seinem Büro.“, bat Mrs. Murphy sie herein.Dann führte sie den Gast zum Arbeitzimmer ihres Mannes und klopfte. „Deine Sekretärin ist da.“, informierte sie den Senator und öffnete die Tür.

Der zweiundsechzigjährige Politiker stand mit dem Rücken zur Tür am Fenster und sah hinaus.Erst als Lucy eintrat, wandte er sich zu ihr um. „Sie haben Neuigkeiten für mich?“, erkundigte er sich neugierig. Sie lächelte zurückhaltend und öffnete ihre Tasche. „Ja, ich habe da was, das Sie interessieren dürfte.“, erklärte sie, holte eine Mappe hervor und übergab sie ihm.Stirnrunzelnd las er den Bericht durch und sah dann auf. „Ist das alles?“, wollte er verwirrt wissen. „Nicht ganz.“, erwiderte Lucy und ihre feingeschnittenen Gesichtszüge wurden plötzlich ungewöhnlich hart.

Blitzschnell zog sie aus ihrer Tasche eine Pistole mit darauf montiertem Schalldämpfer heraus, zielte und drückte ab. Mit einem überraschten Gesichtsausdruck fiel der Senator tot zu Boden. Die Blondine kratzte sich den Kopf. Sie hasste diese Maske und vor allem diese lange, blonde Perücke. Wenigstens war das, was sie als Nächstes vorhatte, wesentlich angenehmer.

Privatflugzeug der CIA

„Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, was damals in Hong Kong genau passiert ist.“ Jack saß seiner Tochter und Vaughn gegenüber und sah Sydney fragend an. Diese seufzte, bevor sie sich dazu durchringen konnte, diese Nacht noch einmal zu durchleben.„Sark hatte ihr den Horizon gebracht. Wir sind kurz nach ihm in Hong Kong angekommen und ihm zu ihrem Versteck gefolgt. Dann haben wir uns aufgeteilt: Vaughn wollte Sark davon abhalten, die Raketen zu zünden und ich sollte Mom so lange ablenken.“ Sie stockte bei der Erinnerung an den Kampf gegen ihre Mutter. Ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus in den Himmel. Ihre Stimme klang belegt, als sie weitersprach. „Sie erzählte mir etwas davon, dass das einzige, für das es sich auf der Welt zu kämpfen lohnt, Macht ist. Und dass sie ihr ganzes Leben damit zugebracht, diese Macht zu erlangen. Und der Horizon sollte ihr helfen, diese Macht auch zu behalten. Sie sagte, sie sei zu weit gekommen, als dass sie zulassen könnte, dass sich ihr irgendjemand in den Weg stellt. Dann haben wir angefangen zu kämpfen.“ Sie stockte, während Vaughn und ihr Vater sie unbehaglich beobachteten.

An dem Blick seines Schwiegersohnes konnte Jack erkennen, dass Sydney diese Dinge bis jetzt noch nicht mal ihrem Mann erzählt hatte.Sydney wandte sich wieder ihrem Vater zu.„Sie war bereit, mich zu töten, Dad. Das hat sie mir deutlich gezeigt. Und das Schlimmste daran war, dass sie dennoch versucht hat, mich währenddessen noch zu manipulieren. Als glaubte sie, ihre Worte würden daran ändern könnten, dass sie mich noch Minuten vorher hatte erwürgen wollen. “Während sie das sagte, war ihre Stimme immer eindringlicher geworden, als steigere sie sich in eine regelrechte Hasstirade gegen ihre Mutter hinein.Doch Vaughn und Jack konnten den Schmerz förmlich fühlen, der aus ihren Worten sprach. Beide wussten, dass sie nur mühsam die Tränen zurückhielt – die Tränen um eine Mutter, die heute sterben sollte. „Was ist mit dem Horizon passiert?“, erkundigte sich Jack bei seinem Schwiegersohn, um Sydney Gelegenheit zu geben, sich zu beruhigen. „Wir haben ihn zerstört. In einer von Sloanes Lagerhallen befand sich eine säureähnliche Substanz, die die Kugel vollständig aufgelöst hat.“, informierte ihn Vaughn.Jack runzelte nachdenklich die Stirn. Was für ein Zufall aber auch, dachte er bei sich. „Hoffentlich sind wir bald da.“, meinte er und stand auf.Vaughn und Sydney sahen ihm hinterher, während er zur Toilette ging. „Und hoffentlich sagt er uns bald, was er in Langley vorhat.“, murmelte der blonde Agent und seine Frau nickte zustimmend.

Todestrakt, CIA-Gefängnis in Langley

Sie genoss jeden Bissen. Nicht, dass das Essen der Gefängnisküche besonders überragend war. Nein, es sollte ja schließlich die letzte Mahlzeit in ihrem Leben sein. Außerdem schlug sie damit auch zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn die Mahlzeit solange wie möglich hinauszuzögern, verschaffte ihr eine letzte Möglichkeit, dem verfluchten Wärter eine Lektion zu erteilen. Dieser widerliche Kerl war eingebildet, hinterhältig und ein unglaublicher Idiot. Seit sie hier war und er alles über sie herausgefunden hatte, hatte dieser blonde, mickrige Mistkerl nichts Besseres zu tun gehabt, als sie jeden Morgen mit einer Handvoll Witze über ihr Heimatland zu wecken. Zuerst waren diese Witze ziemlich unoriginell und sie hatte ihn kaum beachtet. Doch mit der Zeit schien er Informationen über Russland zu sammeln, bis seine blöden Scherze die Grenze überschritten und richtig beleidigend wurden. Hinzu kam, dass dieser Feigling sie jedes Mal, wenn seine Vorgesetzten nicht in der Nähe waren, sie mit den fiesesten Schimpfwörtern zu titulieren, die er kannte. Und das waren nicht wenige. Sie war selbst manchmal erstaunt, dass sie im Bezug darauf noch richtig was von ihm lernen konnte!Wäre sie ihm außerhalb des Gefängnisses begegnet, hätte sie ihn einfach ignoriert. Und wenn er ihr blöd gekommen wäre, vielleicht sogar erschossen.

Aber hier drin erinnerte er sie jeden Tag daran, dass sie eine Gefangene war – und, dass sie ihm in gewisser Hinsicht ausgeliefert war.So war sie die meiste Zeit des Tages damit beschäftigt, mit diesem unwürdigen Gegner einen fast kindischen Kleinkrieg zu führen – der ihr vielleicht noch die letzte Spur von Selbstachtung geraubt hätte, hätte sie eine Chance gehabt, je leben wieder aus diesem Gefängnis herauszukommen. Er stand direkt vor ihrer Zelle und konnte seine Wut nicht verbergen. Schließlich war er angewiesen worden, solange vor den Gitterstäben zu warten, bis sie fertig war und er das Tablett samt Besteck wieder mitnehmen konnte. Nachdem sie geschlagene zwei Stunden damit verbracht hatte, ihre Henkersmahlzeit zu verzehren, legte sie endlich mit einer unendlichen Geduld das Besteck auf den leeren Teller und stand auf. Wie jedes Mal, wenn irgendein Wärter ihre Zelle betrat, musste sie sich auch mit dem Rücken zur dem Eingang gegenüberliegenden Wand stellen. Dort, wo man sie genau im Blick hatte. Als er mit einem hasserfüllten Blick das Tablett mitgenommen und verschwunden war, setzte sie sich seufzend wieder auf ihr Bett. Jetzt blieben ihr also nicht mal mehr zwei Stunden Zeit bis zu ihrer Hinrichtung und sie hatte nichts mehr zu tun. Das quälende Warten begann. Diese Qual wurde noch dadurch verstärkt, dass man ihr knapp eine halbe Stunde später mitteilte, es dauerte jetzt noch eine Stunde bis zu ihrer Hinrichtung.Sie unterdrückte das aufkeimende flaue Gefühl im Magen, indem sie noch einmal – diesmal ganz objektiv – ihr Leben an ihr vorbeiziehen ließ.Zuerst tauchten Bilder aus ihrer Kindheit auf: Die Armut ihrer Familie, der ständige Kampf gegen ihre schon damals sadistisch veranlagte Schwester Elena und Katya, die meist – freiwillig oder unfreiwillig zum Puffer für die verfeindeten Schwestern wurde.

Sie erinnerte sich auch an den Tag, an dem ihre Jugend entgültig endete – an den bisher schlimmsten Tag in ihrem Leben –, und die Wende, die dieser Tag ihrem Leben gegeben hatte. Darauf folgte die Ausbildung zur Agentin. Die Gesichter von Ausbildern und Vorgesetzten wie Gerard Cuvee oder Alexander Khasinau tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Ihrem Abschluss an der Akademie in Moskau folgte rasch ihr erster Auftrag außerhalb Russlands: Die Eheschließung mit einem CIA-Agenten namens Jack Bristow. Verschiedene Bilder aus dieser Lebensphase wechselten sich nacheinander ab: Die Hochzeit mir Jack, ihr schönes Haus in L.A. und vor allem die Geburt von Sydney. Der Gedanke an ihre Tochter versetzte ihr einen schmerzhaften Stich, doch sie schaffte es, den Schmerz diesmal unter Kontrolle zu halten.Weniger angenehme Ereignisse waren die Affäre mit Sloane, ihr vorgetäuschter Tod, für den sie ihre neue Familie verlassen musste und ihre Zeit im Gefängnis nach ihrer Rückkehr aus den USA. Besonders schmerzhaft war die Erinnerung an den Tag, als der KGB ihr Nadia wegnahm und sie ihre zweite Tochter nicht vor den Rambaldi-Anhängern – vor allem William Vaughn – schützen konnte. Erst spät hatte sie erfahren, dass die Ermordung von Michael Vaughns Vater doppelt gerechtfertigt war: er hatte ihr Nadia nicht nur weggenommen, sondern sie auch noch der Willkür Elenas ausgesetzt. Nur ihrer Stellung als Passagier hatte es Nadia zu verdanken gehabt, dass Elena ihr nicht die Kindheit zur Hölle gemacht hatte.

Irinas Flucht aus dem Gefängnis, der Zerfall der Sowjetunion und ihr Aufstieg in der Unterwelt als The Man rauschten an ihr vorbei, als wären diese Ereignisse innerhalb von Tagen und nicht von Jahren geschehen. Ihr Wiedersehen mit Sydney und Jack und das Zerschlagen von SD6 und der Allianz betrachtete sie wie eine unbeteiligte Zuschauerin. Nur so konnte sie diese Bilder ertragen, ohne von ihren Emotionen übermannt zu werden. Auch das Folgende beobachtete sie wie durch einen Schleier: Sydneys Verschwinden, ihre eigene Entführung und Folterung durch Elena, ihre Rettung durch ihre beiden Töchter, das Treffen mit der erwachsenen Nadia und der Kampf gegen ihre älteste Schwester. Unwillkürlich musste sie an ihre jüngste Tochter denken: Nadia, die nach dem Kampf mit Sydney ins Koma fiel und nach Meinung der Ärzte wohl nie wieder aufgewacht wäre.

Ihre anfängliche Sorge um ihre Jüngste war gedämpft worden, als sie erfuhr, dass Prophet 5 ein Heilmittel für ihre Tochter besaß und auch gewillt war, es Sloane auszuhändigen. Sie hätte unter diesen Umständen niemals für möglich gehalten, dass sich nach Nadias Genesung Rambaldis Prophezeiung doch noch erfüllen und ihre Tochter sterben würde.Doch die unterdrückte Wut auf Sloane fand in ihrem Körper nicht genügend Energie, um sich auszubreiten. Sydney hatte ihn erschossen und damit hatte er bekommen, was er verdiente!

Sie wagte nicht, über Rambaldi nachzudenken. Die unmäßige Enttäuschung über die Zerstörung des Horizon – und damit ihrer Hoffnung auf völlige Machtentfaltung – ar mehr, als sie jetzt hätte ertragen können.Die Gefahr, dass sie ihre eigenen Entscheidungen dann im Nachhinein in Frage stellen und daraufhin in Selbstmitleid verfallen könnte, war einfach zu groß. Das würde ihr wahrscheinlich jegliche Kraft rauben und sie zusammenbrechen lassen. „Noch fünfzehn Minuten, bis wir Sie abholen.“ Diese Worte rissen sie aus ihrer Lethargie. Panik stieg in ihr auf, doch sie hatte sie schnell wieder unter Kontrolle. Sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen!

Ihre letzten Minuten zerrannen ihr zwischen den Fingern. Sie fühlte sich noch gar nicht bereit, als die Wachen kamen, ihr Fesseln anlegten und sie aus ihrer Zelle führten. Ihr Feind marschierte wie ein General vor ihnen her. Als sie den Todestrakt Richtung Giftkammer verließen, drehte er sich zu ihr um und grinste hämisch. Sie unterdrückte widerwillig den Drang, ihm den Hals umzudrehen. „Tote Frau kommt.“, verkündete er lautstark. Bleib ruhig, Irina, ermahnte sie sich. Das Gute ist, du wirst bald seine hässliche Visage nie wieder sehen müssen.

Man führte sie in den Raum, wo sie sterben sollte und band sie auf den Stuhl. Dann steckte man ihr die Nadel in eine Vene im Unterarm und schloss sie an das EKG an. Erst jetzt wagte sie es, einen Blick in den Zuschauerraum zu werfen, der durch eine dicke Glasscheibe von ihr abgetrennt war. Zu ihrer unendlichen Erleichterung saß Sydney nicht im Publikum. „Haben Sie noch irgendwelche letzten Worte, die Sie sagen möchten?“, wurde sie gefragt, doch sie schwieg beharrlich.

In ihrem Gesicht zeigte sich nicht die kleinste Gefühlsregung. Sie wirkte wie eine Verbrecherin, die nichts, was sie getan hatte, bereute – was nicht ganz der Wahrheit entsprach.Sie schloss ergeben die Augen, als man die Maschine mit den einzelnen Giftampullen anstellte. Bald würde sie keinerlei Schmerzen mehr empfinden – weder körperlich noch emotional. Hinter der Glasscheibe saß Senator Larry Murphy in der ersten Reihe und beobachtete mit ausdruckslosem Gesicht Irina Derevkos Hinrichtung. Erst, als das EKG verkündete, dass ihr Herz nicht mehr schlug und der anwesende Arzt ihren Tod bestätigt hatte, stand Murphy gemächlich auf und verließ den Raum. Niemand sah das Lächeln auf seinem Gesicht. Und noch weniger war irgendjemand imstande, in diesem Moment seine Gedanken lesen zu können. Und wenn doch, hätte es den- oder diejenige wahrscheinlich ziemlich verwirrt. Denn Senator Murphy dachte nur mit Freuden daran, dass der Spaß jetzt erst richtig losging.


[Songtext: Sarah McLachlan - Dirty Little Secret]