Teil 10
CIA-Hauptgebäude in Langley
Sydney, Vaughn und Jack stürmten in das Gebäude, als wollten sie es überfallen. Der Strom der Touristen, die gerade durch die Eingangshalle geführt wurden, wich ihnen empört aus.„Wir haben einen dringenden Termin mit Direktor Devlin.“, verkündete Sydney der Empfangsdame.
Die streng aussehende junge Brünette sah sie vorwurfsvoll an. „Weisen Sie sich erst einmal aus.“, forderte sie die drei Ankömmlinge auf. Während Vaughn und Jack sie genervt anstarrten, ratterte Sydney in Sekundenschnelle ihren und Vaughns Namen und ID-Klassifikationsnummern herunter, sodass die Empfangsdame Mühe hatte, ihr zu folgen.Als ihr Computer die Daten bestätigte, schickte sie die drei Agenten weiter in den dritten Stock zu Devlins Büro.
„Agent Bristow.“, begrüßte dieser Sydney freundlich.Er kam auf sie zu und wollte ihr schon die Hand reichen, als sein Blick auf seinen alten Freund Jack Bristow fiel. Er erstarrte mitten in der Bewegung. „Jack.“, brachte er ungläubig hervor. Er trat wie vom Donner gerührt einen Schritt zurück. „Ich dachte, du wärst tot. “Sydneys Vater lächelte nachsichtig. „Das geht zur Zeit vielen so.“, antwortete er. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. „Wir brauchen deine Hilfe. Es geht um die Hinrichtung von Irina Derevko.“
Devlin atmete tief ein. Nicht schon wieder so ein Gefallen! „Wenn du jetzt von mir verlangst, sie auszusetzen, dann muss ich dir leider sagen, dass -.“, begann er.Jack schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin hier, um sicherzugehen, dass sie auch vollstreckt wird. “Sydney und Vaughn sahen ihn fassungslos an. Damit hatten beide überhaupt nicht gerechnet. Besonders Jacks Tochter war erschüttert. Tief in ihrem Inneren hatte sie gehofft, ihr Vater hätte einen guten Grund, ihre Mutter zu retten. Dass Irina Derevko vielleicht wertvolle Informationen über ihre Gegner besaß, die ihre Hinrichtung in eine lebenslange Haftstrafe verwandeln würde.
Plötzlich merkte sie, dass sie nur hier sein wollte, wenn sie ihre Mutter vor dem Tod bewahren konnte. Doch die Hoffnung auf die Hilfe ihres Vaters hatte er nun entgültig zerstört.Devlin ließ ein leises Lachen hören. „Wenn das alles war, was du von mir wolltest, dann bist du umsonst gekommen. Irina Derevko wurde vor einer halben Stunde hingerichtet. Sie ist bereits tot.“, informierte er die Agenten.Sydney stiegen bei dieser Nachricht Tränen in die Augen. Sie konnte gerade noch ein Schluchzen unterdrücken. Das hieß, sie wären auch dann zu spät gekommen, wenn sie vorgehabt hätten, ihre Mutter zu retten. Diese verdammten Sicherheitsbestimmungen für ihre Post waren daran schuld, dass sie nicht rechtzeitig hergekommen waren!
„Das ist noch nicht sicher.“, ertönte plötzlich die Stimme ihres Vaters.Devlin runzelte verwirrt die Stirn. Doch bevor er irgendetwas antworten konnte, fuhr Jack fort. „Erinnerst du dich etwa nicht mehr an die Hinrichtung von Arvin Sloane, die ich unterwandert habe?“, wollte er wissen. „Oh nein, diesmal wurde alles und jeder durchsucht. Es ist unmöglich, dass jemand einen Weg gefunden haben könnte, die Hinrichtung zu unterbinden.“, erklärte Devlin energisch. „Ja vielleicht. Aber nur, wenn es keinen Maulwurf innerhalb der CIA gibt.“, konterte Jack.Sein Freund stöhnte genervt auf. „Oh nicht schon wieder, Jack! Du weißt, was beim letzten Mal passiert ist, als du das behauptet hast. “Sydneys Vater atmete tief ein. Nur ungern erinnerte er sich an Davenports Entlarvung. „Ja, ich gebe zu, ich habe etwas überreagiert. Aber schließlich ging es dabei um das Leben meiner Tochter. Außerdem hatte ich Recht.“, verteidigte er sich. Doch Devlins Gesichtsausdruck wirkte nicht so, als könne ihn Jacks Theorie vollkommen überzeugen.
Doch die Zeit drängte! Dann musste er wohl einen Kompromiss eingehen, ging es Sydneys Vater durch den Kopf „Na schön. Ich mache dir einen Vorschlag: Wir gehen jetzt alle zur Pathologie des CIA-Gefängnisses und sehen nach, ob ihre Leiche noch da ist. Wenn nicht, dann ist Irina nachweislich immer noch am Leben. Und wenn doch, dann hast du mich vollständig überzeugt und ich werde dich nicht mehr mit meinen Verschwörungstheorien belästigen.“, versprach er seinem Freund.Seufzend nickte Devlin langsam. Das klang so fair, dass er nicht dagegen einwenden konnte. „Okay, Jack. Gehen wir.“, antwortete er und verließ als Erster das Büro. Jack, Sydney und Vaughn folgten ihm.
Pathologie, CIA-Gefängnis in Langley
Irina Derevkos vermeintlich toter Körper war erst vor kurzem verstaut worden. Kurz nachdem der zuständige Arzt den Raum verlassen hatte, schwang die Tür erneut auf und Senator Murphy trat ein. Rasch eilte er durch die Leichenhalle und öffnete sofort das richtige Fach. Er hob die Plastikplane, die den Körper bedeckte, an und holte eine Spritze und ein kleines Fläschchen aus seiner Jacketttasche hervor. Nachdem er die Spritze mit der klaren Flüssigkeit aus dem Fläschchen gefüllt hatte, injizierte er die Substanz in Irinas Hals.
Sekunden später schlug die Tote die Augen wieder auf und gab ein atemloses Keuchen on sich. Sofort setzte sie sich auf und atmete ein paar Mal tief ein und aus, um das Schwindelgefühl aus ihrem Körper zu vertreiben.Dann sah sie ihren Retter an und erstarrte. „Sie?“, entfuhr es ihr erstaunt. Sie kannte Senator Murphy nur als den Mann, der sie all die Jahre hatte tot sehen wollen.Der grauhaarige Mann lächelte nur amüsiert. Dann zog er sich die Maske vom Kopf und ein weibliches Gesicht mit einem kurzen schwarzen Haarschopf kam zum Vorschein. „Hallo Schwesterchen.“, begrüßte Katya die jüngere Frau grinsend.Statt einer Antwort holte Irina aus und verpasste ihrer Schwester eine saftige Ohrfeige. Die schwarzhaarige Frau hielt sich verwundert die schmerzende Wange. „Das war dafür, dass du mich mit Elena alleine gelassen hast.“, erklärte die braunhaarige Frau grimmig.Auf Katyas Lippen erschien ein Lächeln. Sie warf ihrer Schwester einen zugeschnürten, undurchsichtigen Plastikbeutel zu. „Du hättest dir vielleicht erst mal mein Versöhnungsgeschenk ansehen sollen.
“Irina öffnete den Beutel und zog den Kopf des ihr verhassten Wärters an den blonden Haaren heraus. „Hübsch.“, kommentierte sie sarkastisch den Leichenteil und begutachtete ihn von allen Seiten. „Und was soll ich damit anfangen?“, erkundigte sie sich dann unwirsch und nicht bereit, es ihrer Schwester so leicht zu machen. „Du könntest ihn dir auf den Kaminsims stellen.“, konterte Katya trocken. Bei dem Gedanken daran musste Irina endlich lächeln. Sie befreite sich vollständig von der Plastikplane und stand auf. Katya warf ihr frische Kleidung zu. „Wir müssen uns beeilen. Deine Tochter ist bestimmt schon auf dem Weg hierher.“, drängte sie ihre jüngere Schwester, während diese sich blitzschnell anzog. Wenige Minuten späterErneut wurde die Schwingtür aufgestoßen. Jack, Devlin, Sydney und Vaughn eilten in den Raum. Jack war als Erster am Leichenschrank angekommen und sah sich rasch nach dem richtigen Fach um. Schnell hatte er es gefunden.Sydney atmete hörbar ein, als er es aufzog. Für einen kurzen Augenblick schloss sie die Augen. Sie wusste nicht, was ihr lieber war: Dass die Leiche verschwunden und ihre Mutter am Leben war. Oder dass Irina Derevkos toter Körper immer noch im Fach lag und so keinerlei Schaden mehr anrichten konnte.
Als sie hörte, wie Devlin ergeben aufstöhnte, öffnete sie ihre Augen wieder. Sie konnte nicht verhindern, dass bei dem Anblick des leeren Faches Erleichterung ihren Körper durchströmte. Ihr Vater hob die Plastikplane an und fand so auch den Kopf eines blonden Mannes, der am Kopfende des Faches lag. Jack sah Devlin triumphierend an, der inzwischen bleich geworden war. In Sydney brodelte es. Einerseits war sie erleichtert darüber, dass ihre Mutter scheinbar noch am Leben war. Andererseits war jetzt eine der gefährlichsten Frauen der Welt wieder frei – und die Wahrscheinlichkeit, dass Sloane bald seinem Gefängnis entkommen würde, stieg rapide an.
Auf dem Weg zur Pathologie hatte ihr Jack seine Vermutung erklärt: Nicht Sark sollte Sloane wieder befreien, sondern ihre Mutter. Bei ihr sei es viel wahrscheinlicher, dass sie durch die Freilegung der Kammer an Rambaldis Flüssigkeit herankommen wollte. Und damit würde sie auch dem unsterblichen Mann innerhalb der Kammer ermöglichen, nach sieben Jahren endlich wieder an die Oberfläche zu kommen.
CIA-Gefängnis in L.A.
Sark lag auf seinem Bett und las. Schon seit ein paar Minuten spürte er Rachels Blick auf sich, doch er dachte nicht daran, sich zu erheben. „Mr. Sark?“, ertönte plötzlich die gelangweilte Stimme der Blondine. „Ich möchte nur noch schnell dieses Kapitel fertig lesen.“, antwortete er und blätterte die Seite betont gemächlich um. „Und wie viele Seiten hat das Kapitel noch?“, erkundigte sich Agent Gibson. Der Ire grinste, als er aus ihrer Stimme heraushörte, wie genervt sie inzwischen war. „Etwa zwanzig.“, gab er bereitwillig Auskunft. „Na schön, dann sage ich Direktor Dixon, dass Sie keinerlei Interesse daran haben, aus dieser Zelle je wieder herauszukommen.“, war ihre prompte und freudige Antwort.
Sark sprang augenblicklich auf und konnte gerade noch Rachels Rücken erkennen, der schnell aus seinem Blickfeld verschwand. „Agent Gibson?“ Die Blondine drehte sich mit einem triumphierenden Grinsen wieder um und erkannte Sarks Kopf, den er durch die Gitterstäbe geschoben hatte. Gemächlich schlenderte sie zu ihm zurück. „Ja, Mr. Sark?“, erkundigte sie sich mit unschuldigem Blick. „Ich habe gehört, Sie waren noch mal in Paris?“, begann er.
Augenblicklich wandte sie sich wieder zum Gehen. „Schon gut, schon gut.“, holte er sie wieder zurück. „Ihr Geschäftspartner, Signor Canforra, scheint daran interessiert zu sein, Sloanes Wiederauftauchen zu unterstützen.“, meinte sie kryptisch.
Sark runzelte verwirrt die Stirn, was sie mit einem amüsierten Lächeln quittierte. „Er hat Lagerhäuser angemietet, die von derselben Organisation genutzt werden, die auch Arvin Sloane befreien will.“, erklärte sie. Der Ire grinste verstehend. „Sie wollen über meine Kontakte an Ihre Gegner herankommen. Wie überraschend! Das ist mir ja in CIA-Gefangenschaft noch nie passiert.“, antwortete er übertrieben ironisch.
Agent Gibson verdrehte genervt die Augen. „Nein, nein, ich helfe gerne.“, fügte Sark begierig hinzu. Das hatte Rachel schon befürchtet. „Sie werden natürlich mit einem Sender ausgestattet, den Sie ohne fachkundige medizinische Hilfe nicht wieder entfernen können. Außerdem bekommen Sie einen Partner, der Sie immer überwachen und außerhalb dieser Zelle nicht alleine lassen wird.“, informierte sie ihn über die Bedingungen.
„Darf ich mir diesen Partner aussuchen?“, hakte er mit funkelnden Augen nach. „Wenn Sie einen bestimmten Wunsch haben, werde ich Direktor Dixon davon in Kenntnis setzen.“, bot sie bereitwillig an und hoffte inständig, er würde Sydney oder Vaughn verlangen. Doch Sark grinste hinterhältig. „Er hat Sie schon dafür abgestellt, oder?“, vermutete er. „Es kann ja sein, dass Sie mit dem ausgewählten Agenten nicht zusammenarbeiten können oder wollen.“, wich sie seiner Frage halbherzig aus. „Aber wer bin ich denn, dass ich Direktor Dixons fachmännische Meinung in Frage stelle? So etwas würde ich nie tun. Natürlich bin ich mit jedem Agenten zufrieden, den er mit zuteilt.“, erklärte der Ire ergeben, doch seine Stimme triefte vor hinterhältiger Schadenfreude.
Rachel unterdrückte krampfhaft ein entnervtes Stöhnen. „Schön, dann werde ich dem Direktor mitteilen, dass Sie mit den Bedingungen vollkommen einverstanden sind.“, verabschiedete sie sich und ging eilig davon.Sark sah ihr amüsiert nach, den Kopf immer noch durch das Gitter geschoben. Seine Arme hingen ebenfalls durch die Stäbe, damit er noch besser jede ihrer Bewegungen verfolgen konnte.
Privatflugzeug der CIA
Sydney saß am Fenster und sah auf die amerikanischen Städte herab, die sie gerade überflogen. Sie hatte die Arme wie zum Schutz ihrer Gefühle vor der Brust verschränkt. Denn in ihrem Inneren tobte ein Sturm. Ihre Mutter war also wieder frei. Und sie hatten keinerlei Anhaltspunkte, wo sie gerade war oder wer sie genau befreit hatte. Außerdem wussten sie noch nicht einmal, warum diese Organisation Sloane befreien wollte.
Someone Tell Me What To Do
I Feel Like I Must Be A Fool
For Ending Up Right Back At The Start
The Things That We Don't Comprehend
Are Laughing At My Mind Again
I Think That I Think Too Hard
And I Don't Give Enough Credit To My Heart
Doch unter all diesen Gedanken war die Sorge um ihre Kinder das, was sich immer wieder in den Vordergrund drängte. Die Sprengung ihres Hauses hatte gezeigt, dass diese Kerle bereit waren, ihre Kinder zu verletzen oder sogar zu töten, nur um ihr zu schaden.Sie atmete tief ein, um die aufkeimende Verzweiflung zurückzudrängen, die sie bei dem Gedanken an die Hilflosigkeit angesichts ihrer vielen unbeantworteten Fragen überfiel.Rambaldi hatte sie wieder eingeholt und bedrohte jetzt sogar das Leben ihrer Kinder. Sieben Jahre lang hatte sie geglaubt, es wäre endlich vorbei. Sie hatte geglaubt, Sloane wäre tot und ihre Mutter für immer im Gefängnis. Wie hatte sie nur so blöd sein können zu glauben, dass diese beiden die letzten fanatischen Anhänger Rambaldis auf Erden waren? Diese Hoffnung hätte beinahe ihren Kindern und ihrem Vater das Leben gekostet.
I'm So
Damn Curious To Know
And There Are Too
Many Unanswered Questions
That We Hold Onto
Tränen stiegen ihr in die Augen.Und jetzt ging alles von vorne los. Nur mit dem einen Unterschied, dass sie jetzt nicht mehr hauptsächlich für sich allein, sondern für drei kämpfen musste. Und dann wahrscheinlich noch einmal gegen ihre Mutter! Würde sie noch einmal stark genug sein, gegen Irina Derevko anzutreten? Tränen rannen ihr bei dem Gedanken an den letzten Kampf gegen ihre Mutter über die Wangen. Verschämt wischte sie sie schnell beiseite und atmete tief ein, um ein Schniefen oder Schluchzen zu unterdrücken. Sie wollte nicht, dass Vaughn oder ihr Vater jetzt zu ihr kamen, um sie zu trösten. Es gab nichts was die beiden hätten sagen oder tun können, um ihr ihre Schuldgefühle oder etwas von der Bürde zu nehmen, die sie seit kurzem wieder auf ihren Schultern fühlte.Sie hatte es so satt, eine Marionette in einem Spiel zu sein, dessen Spielfeld sie niemals ganz verlassen konnte. Immer wieder schob sie jemand aufs Feld zurück, ob sie nun wollte oder nicht.
I've Put My Theories To The Test
You Know I’ve Tried To Do My Best
But Maybe We Weren't Meant To Strike Gold
Manchmal fragte sie sich, ob der Verlauf ihres Lebens wirklich Schicksal war, ob Rambaldi wirklich ihre Zukunft vorhergesagt hatte. Oder ob ihr Leben nur deshalb so verlief, weil die Anhänger Rambaldis es so wollten, damit ihr geistiger Anführer Recht behielt. Beide Alternativen machten sie zu einer Spielfigur – oder kurz gesagt: machtlos. Niemand, der von der Wahrheit der Prophezeiungen Rambaldis überzeugt war, hatte sie bisher zu ihrer Meinung dazu gefragt. Und wenn sie sie dennoch zu äußern versuchte – wie zum Beispiel vor ihrer Mutter –, stellte man sie als unwissendes, dummes Kind hin, dessen Meinung nicht von Bedeutung oder ganz einfach falsch war. Kurz gesagt: Man unterstellte ihr, sie hätte keine Ahnung, weil sie zu stur, zu naiv oder zu blind war, um Rambaldis wahre Größe anzuerkennen. Wie sollte sie bitte gegen so eine Argumentation mit rationalen Mitteln ankommen? Wie sollte sie dagegen angehen, ohne zu verzweifeln? Und wie sollte sie sonst einen Weg finden, ihre Mutter daran zu hindern, die Welt zu zerstören, ohne Irina Derevko zu töten?
Sometimes Things That You Ignore
Are All The Things I’m Looking For
Will I Learn To Let Go
Give Into Love And Listen To My Soul
Für sie war Milo Rambaldi immer noch nur ein Erfinder – wenn auch ein herausragender, der schon seit fünfhundert Jahren tot war. Aber er war ganz sicher kein Prophet. Den Mythos um ihn hatten seine Anhänger geschaffen. Sie hatten seine Erfindungen gebaut und versteckt. Und sie hatten ihn dadurch auch zu dem unantastbaren Genie gemacht, das er heute noch für seine Anhänger war. Nichts als eine äußerst gelungene Propaganda- und Vermarktungsstrategie.Oder etwa nicht? Mehr steckte doch nicht dahinter, oder?
I'm So
Damn Curious To Know
And There Are Too
Many Unanswered Questions
That We Hold Onto
Warum wollten Menschen wie Irina Derevko oder Arvin Sloane einfach nicht erkennen, dass sie sich einer Idee eines Menschen auslieferten, nur um sich die Verantwortung für ihre Taten nicht eingestehen zu müssen? Oder zu versuchen, ihren Weg alleine zu finden? War das für diese Menschen so schwer? Mussten sie denn unbedingt das Leben anderer zerstören, nur um sich überlegen, stark oder mächtig zu fühlen?War ein einfaches Leben mit seiner Familie und einem schönen Zuhause so unerträglich, so schwer zu führen, dass man dafür keine Kraft aufbringen konnte?
Portraits Of Your Loved Ones
Are More Than What You See
All The Elements They Capture
Are More To You Than Me
A Different Dimension We've Yet To Define
There's A Forest To Cut Through With Thorns And Vines
There Is No Reason To Try
Warum mussten diese beiden Menschen immer das zerstören, was sie liebten, nur weil sie zu feige oder zu schwach waren, ihre Gefühle auszuleben?Oder waren sie zu stolz, zu überlegen, um sich mit solchen menschlichen Schwächen wie Gefühlen abzugeben?
Cause, I’m So
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Many Unanswered Questions...
„Du solltest damit aufhören. “Vaughns Stimme holte sie aus ihren Gedanken. Sie runzelte die Stirn.„Womit?“, wollte sie wissen. „Zu versuchen, die Entscheidungen deiner Mutter nachzuvollziehen. Damit quälst du dich nur selbst. Du bist nicht wie sie. Daher erfährst du erst dann, was sie antreibt, wenn sie es dir verrät.“, antwortete er.Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Warum konnte er sie nur immer so leicht durchschauen? Sie senkte schüchtern den Kopf. „Und wenn sie es mir nie verrät?“, erkundigte sie sich verzweifelt. „Dann solltest du sie vielleicht dazu zwingen. Seit du Mutter bist, hast du viel mehr Geduld als früher. Zusammen mit deinem Sturkopf ist das unschlagbar.“, versuchte er sie aufzumuntern.Tatsächlich lächelte sie, aber es war ein schmerzverzerrtes Lächeln.Zu schwer lastete immer noch die Bürde auf ihr, möglichst schnell herauszubekommen, was ihre Gegner planten. Denn nur so konnte sie Isabelle und Jack junior wirkungsvoll vor ihren Feinden beschützen.
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Sicheres haus der Vaughns, L.A.Der CIA-Agent, der sie und ihren Bruder bewachen sollte, war ziemlich ernst und langweilig. In den letzten Stunden hatte Isabelle ihn nicht einmal lächeln sehen. Und dabei hatte sie sich solche Mühe gegeben, „ihren sprühenden Charme spielen zu lassen“, wie ihr Vater es nannte. Außerdem wollte er immer nur dasselbe Spiel mit ihr spielen, obwohl sie sich in den letzten Tagen so viele neue ausgedacht hatte.Es schien, als ging ihm der Job als Babysitter ganz gehörig auf die Nerven. „Sie sind dran.“, verkündete sie überflüssigerweise, um die unangenehme Stille zu durchbrechen.Er bedachte sie mit einem seltsam emotionslosen Blick.
Hey, mir macht das hier auch keinen großen Spaß, wollte sie ihm ins Gesicht sagen, erinnerte sich aber schnell wieder an die Bitte ihrer Mutter, höflich zu dem Babysitter zu sein.Er würfelte gelangweilt und zog seine Spielfigur gemächlich übers Feld. Isabelle unterdrückte verzweifelt ein Gähnen.Plötzlich klingelte das Telefon. Sie sprang sofort auf, um den Hörer abzunehmen.Endlich mal Abwechslung! Hoffentlich war es ihre Mutter oder ihr Vater, die ihr mitteilten, dass sie bald wieder zuhause waren. „Hallo?“, meldete sie sich erwartungsvoll.Zuerst kam keine Antwort. Erst als sie erneut – und diesmal energischer – „Hallo“ rief, meldete sich eine ihr unbekannte Stimme. „Hallo, Isabelle.“, begrüßte sie das Mädchen.„Wer sind sie? Und woher kennen Sie meinen Namen?“, erkundigte sich Sydneys Tochter halb forsch, halb neugierig.Die Person am anderen Ende der Leitung lächelte in den Hörer. „Ich bin deine Großmutter.“, antwortete sie freundlich.Schon von weitem sah sie die Gruppe CIA-Agenten, die in ihr neues Zuhause ein- und ausgingen. Sofort fing Sydney an zu laufen.
Bitte, bitte, lass es meinen Kindern gut gehen, betete sie. „Was ist passiert?“, wollte sie von dem Agenten wissen, der auf ihre Kinder aufpassen sollte. In diesem Moment kam Isabelle aus dem Haus gelaufen und umarmte ihre Mutter erfreut. Sydneys Herz machte vor Erleichterung einen großen Sprung. „Wir haben versucht, den Anruf zurückzuverfolgen, aber sie war nicht lange genug am Telefon.“, war die entschuldigende Antwort. „Wer?“, hakte die CIA-Agentin ungeduldig nach und warf Vaughn und ihrem Vater einen unbehaglichen Blick zu. „Grandma.“, ertönte plötzlich die Stimme ihrer Tochter. Sydneys Herz setzte für einen Augenblick aus. Nein, nicht jetzt schon! Und nicht durch Isabelle!Sie ging in die Knie, um auf Augenhöhe mit dem Mädchen zu sprechen. „Was hat sie gesagt?“, fragte sie und versuchte, die Nervosität aus ihrer Stimme herauszuhalten. „Sie wollte wissen, ob du schon wieder da bist. Als ich nein sagte, wollte sie, dass ich dir etwas ausrichte.“, berichtete Isabelle wahrheitsgetreu.
Sydney atmete tief ein und wappnete sich innerlich schon gegen die Worte ihrer Mutter, egal, wie sie auch lauteten. „Und was sollst du mir ausrichten?“, erkundigte sie sich mit klopfendem Herzen. „Sie sagte, dass sie dich die letzten sieben Jahre vermisst hat und dass sie dich wiedersehen will.“, erklärte das Mädchen und sah ihre Mutter dabei aufmerksam an. Sydney schloss ergeben die Augen. Das hätte sie ahnen müssen. Sie umarmte Isabelle schnell, damit ihre Tochter nicht mitbekam, wie sich ihre Gesichtszüge verhärteten. Die Wut auf ihre Mutter und deren Manipulationsversuche stieg wieder in Sydney auf. Wieso hatte ausgerechnet Isabelle den Anruf entgegengenommen?
Als die CIA-Agentin die Umarmung wieder löste, hatte sie sich soweit wieder unter Kontrolle, dass sie ihre Tochter anlächeln konnte. „Danke, mein Schatz.“, meinte sie zu Isabelle und küsste sie auf die Stirn. Ein Park in L.A.Jack saß auf einer Bank und las Zeitung. Nach außen hin wirkte er wie ein ganz normaler Parkbesucher, der gerne während dem Lesen die Sonne L.A.s genoss. Immer wieder blickte er scheinbar interessiert von seiner Lektüre auf und musterte seine Umgebung.Ab und zu liefen Jogger und Hunde mit ihren Besitzern an ihm vorbei. Direkt vor im auf der gegenüberliegenden Wiese spielte eine Gruppe männlicher Teenager Frisbee. Keiner der anderen Parkbesucher beachtete ihn.
Nachdem er sich versichert hatte, dass er nicht beobachtet wurde, vertiefte er sich wieder in seine Zeitung. Gemächlich blätterte er die Seiten durch, bis er zu den Kontaktanzeigen kam. Er las sie aufmerksam durch, doch er wurde enttäuscht. Irina hatte weder auf seine Anzeige geantwortet, noch hatte sie von sich aus versucht, ihn zu kontaktieren. Diese Tatsache löste wieder eine alte Unruhe in ihm aus. Seine Frau versuchte mal wieder, ihn herauszuhalten, um besser an Sydney heranzukommen. Was hatte Irina Derevko vor? Wollte sie vielleicht ihre Tochter in einen Hinterhalt locken, um sie entgültig loszuwerden? Nach Sydneys Schilderung ihres Kampfes mit Irina war das durchaus möglich. Oder wollte sie Sydney manipulieren, um sie doch noch auf ihre Seite zu ziehen?Lass das, Jack, ermahnte er sich selbst. Deine Tochter ist kein Kleinkind mehr. Sie hat oft genug bewiesen, dass sie sich selbst verteidigen kann und ihre Mutter sie nie von ihrer Sache überzeugen könnte. Die einzigen, um die du dir vielleicht Sorgen machen musst, sind deine Enkelkinder. Doch auch bei den beiden lag die Hauptverantwortung bei ihren Eltern.
Dennoch musste er irgendetwas tun. Einfach nur herumsitzen und darauf warten, dass irgendetwas passierte, lag ihm überhaupt nicht. Diese Untätigkeit machte ihn noch wahnsinnig. Besonders, wenn er mit ansehen musste, wie Sydney unter der neuen Situation litt. Er wollte ihr unbedingt helfen, wusste aber nicht wie. Er kam sich vor wie eine Marionette in einem Spiel, dass er noch nicht verstand – für jemanden wie Jack Bristow, der immer alles und jeden unter Kontrolle haben wollte, ein beängstigendes Gefühl.
Er ging noch einmal genau die Anzeigen durch. Vielleicht hatte er ja etwas übersehen. Da fiel ihm ein Text ins Auge, den er schon seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen hatte: Britische Touristin sucht Kontakt in den USA. Er lächelte über die relativ einfach zu entschlüsselnden Zeilen. Elizabeth hatte also Neuigkeiten für ihn. „Sie weiß nicht, dass es dich noch gibt.“, ertönte eine ihm wohlbekannte Stimme direkt rechts von ihm. Jack sah auf. Brill hatte wirklich viel Geduld damit bewiesen, dass er ihm schon minutenlang beim Lesen zugesehen hatte, ohne auf sich aufmerksam zu machen.Sydneys Vater legte die Zeitung beiseite. „Irina.“, vermutete er. Das Schweigen des Afroamerikaners gab ihm Recht. „Woher willst du das wissen?“, hakte er nach.Sein alter Freund sah sich erst gemächlich um, bevor er antwortete. „Du warst lange weg. Wieso bist du nicht früher zurückgekommen?“ Der grauhaarige Agent runzelte die Stirn. „Kannst du dir nicht denken, warum?“, erkundigte er sich erstaunt bei Brill.„Wenn du eher gekommen wärst, hättest du die Befreiung von Irina Derevko verhindern können.“, behauptete dieser.Obwohl Jack seinen Worten innerlich vollkommen Recht gab, störte ihn die Tatsache, dass sein Freund anscheinend mehr wusste, als er bereit war zu sagen.„Was meinst du damit? Was geht hier vor?“ Er sah den Afroamerikaner misstrauisch an.„Komm in einer halben Stunde zu der alten Fabrikhalle, in der wir uns früher immer getroffen haben.“, meinte Brill statt einer Antwort und stand auf.„Bis bald.“, verabschiedete er sich und ging.Sydneys Vater sah ihm noch lange nach, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden war. Dann zog er sein Mobiltelefon hervor und wählte eine Nummer.Etwa dreißig Minuten später stand er vor der Fabrik und sah sich genau um, ob ihm jemand gefolgt war. Doch die Straße um ihn herum war leer. Auch von Brill war noch nichts zu sehen.Er wollte gerade die Halle betreten, als hinter ihm ein schwarzer Wagen mit verdunkelten Scheiben in die Straße einbog. Das Auto raste genau auf ihn zu, sodass Jack zur Seite sprang, und kam nur wenige Zentimeter neben ihm zum Stehen. Die Beifahrertür öffnete sich und der CIA-Agent konnte erkennen, dass Brill am Steuer saß.„Steig ein!“, forderte ihn der Afroamerikaner hektisch auf.Jack wich misstrauisch zurück und die Kugel des Scharfschützen auf dem Dach der Fabrik verfehlte ihn nur um wenige Millimeter. Der Agent zögerte nicht lange und sprang in den Wagen. Kurz nachdem er die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, durchschlug eine weitere Kugel das Seitenfenster rechts von ihm. Zu seinem Glück hatte er hatte er sich gerade zurückgelehnt und wieder verfehlte das Geschoss sein Ziel. Doch Brill schrie vor Schmerzen kurz auf. Die Kugel steckte in seinem Oberarm.Trotz seiner Verwundung trat der Afroamerikaner blitzschnell das Gaspedal durch. Der eingelegte Rückwärtsgang half ihnen zusätzlich, schnell aus der Schusslinie zu gelangen. „Wohin fahren wir?“, erkundigte sich Jack neugierig, nachdem Brill mit einem beeindruckenden Wendemanöver auf die Hauptstraße zurückgefahren war. Er warf einen beunruhigten Blick auf die tiefe Wunde am Oberarm des Afroamerikaners, der durch die Verletzung viel Blut verlor.„Das ist nichts.“, erklärte ihm sein Gegenüber, während sie durch die Straßen L.A.s rasten.„Brill.“, erinnerte ihn Sydneys Vater an seine eigentliche Frage, nachdem sein Freund nicht gewillt schien, diese einfach so zu beantworten.„Dorthin, wo du alle Antworten auf deine Fragen findest – einschließlich der, wer dich da grade umbringen wollte.“Jack atmete tief durch und lehnte sich scheinbar entspannt zurück.Doch innerlich sich seine Nervosität ins Unermessliche. Einerseits bekam er wahrscheinlich bald einen viel besseren Einblick in die Verschwörung. Andererseits war jetzt das Gefühl des Ausgeliefertseins stärker als zuvor.
[Songtext: Holly Brook - Curious]